C. El Hamel: Black Morocco

Cover
Titel
Black Morocco. A History of Slavery, Race, and Islam


Autor(en)
El Hamel, Chouki
Reihe
African Studies 123
Erschienen
Anzahl Seiten
354 S.
Preis
£19.99 / € 27,57
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stephanie Zehnle, Neuere und Neueste Geschichte, Universität Kassel

Längst hat sich die historische Forschung über Sklaverei in islamischen Gesellschaften von der Betrachtung passiver Opfer hin zu einer Untersuchung von handelnden Akteuren entwickelt. Dennoch verhindern nicht nur fehlende Egodokumente, sondern allzu häufig auch politische und gesellschaftliche Tabuisierungsmechanismen aufschlussreiche Lokalstudien zur Sklaverei. Genau an diesem Punkt setzt Chouki El Hamel an, indem er das Stillschweigen über die Sklavereigeschichte und das „academic taboo“ (S. 2) in seinem Herkunftsland Marokko zum Anlass für eine historische Monographie nimmt. Mit seinem Buch versucht er sich an einer umfassenden Sklavereigeschichte wider diese marokkanische „culture of silence“ (S. 13), vom Mittelalter bis zur aktuellen Erinnerungskultur der Nachkommen von schwarzen Sklaven in Marokko.

El Hamel legt bereits in den ersten beiden Kapiteln den theoretischen Fokus klar auf die sozio-religiösen und juristischen Bewertungen der Sklaverei im Islam. Dabei erweisen sich die islamischen Gesellschaften der Vergangenheit wieder einmal als „ambig“[1]: Einerseits waren Sklaverei und Konkubinentum Teil der meisten islamischen Herrscherhäuser und Eliten, andererseits haben Gelehrtenkreise immer wieder gegen die Dekadenz von Sklaverei und die Versklavung von Muslimen protestiert. Der Islam einte verschiedene Identitäten und schuf doch auch „the enslaveable other“ (S. 12). Ausgehend von diesen allgemeinen islamischen Sklavereidiskursen nähert sich El Hamel den mediterranen und schließlich den marokkanischen Entwicklungen. Dort hätten sich islamische Theorien zur Ablehnung der Versklavung von Muslimen und die allgemeine Praxis von Sklaverei in einem ständigen Widerspruch zueinander befunden. Dabei liefert der Band eine gute Übersicht über einschlägige Koranverse und Überlieferungen des Propheten zum Themenkomplex Sklaverei und Konkubinentum. Der Autor ist davon überzeugt, der Islam im Sinne des Korans lehne Sklaverei ab und fordere ihr Ende als überkommenes historisches Phänomen (S. 36). Diese These ist nicht unumstritten, weil der Koran immer der Auslegung bedarf und keineswegs klare Grundsätze wiedergibt.

Dennoch gewähren die theoretischen Kapitel interessante Einblicke in die Diskrepanzen zwischen dem Islam der Gelehrten und dem Islam populärer Mythen und Glaubensinhalte. Besonders aufschlussreich sind außerdem die Exegesen verschiedener arabischer Begrifflichkeiten zur Bezeichnung von Sklaven und Versklavung. Beispielsweise legt El Hamel differenziert dar, wie sich der Status Umm-al-Walad (Mutter des Sohnes) ohne Grundlage im Koran in Marokko für jene Sklavinnen etablierte, die ein Kind ihres Besitzers zur Welt brachten. El Hamel verweist auf die parallelen Entwicklungen der mediterranen Sklaverei, etwa auf die fast gleichzeitige Legalisierung der Versklavung Schwarzer im 17. Jahrhundert in Frankreich und Marokko. Einige Unterschiede zwischen europäisch-atlantischem und nordafrikanischem Rassismus gegenüber Sklaven hebt er jedoch hervor: In islamischen Gesellschaften war die Heirat zwischen freigelassenen Sklaven und freien Personen unabhängig von Hautfarbendiskursen grundsätzlich möglich. Eine weitere Abweichung ist der Arbeitsbereich der Sklaven, denn anstelle der Plantagen der atlantischen Diaspora wurden marokkanische schwarze Sklaven vor allem im Haushalt, in kleinen Geschäften und im Handel eingesetzt. Während die arabische Bevölkerung Marokkos schwarze Hausmädchen über das Konkubinentum zum Teil familiär integrierte, hat die berberische Bevölkerung Eheschließung und sexuelle Kontakte mit ihnen untersagt. Unter Arabern habe nur die Patrilinearität gezählt, so dass die Arabisierung von Nachkommen schwarzer Konkubinen die Entstehung einer kreolischen Gesellschaft verhinderte.

In einem eigenen Kapitel diskutiert El Hamel dann, inwieweit dem Islam Rassismus inhärent ist. Dabei betont er erneut, dass der Koran keine rassistischen Thesen beinhalte (S. 63). Für seine Monographie sehr viel wichtiger sind allerdings die rassistischen Inhalte islamischer Erzählungen und Mythen. Diesbezüglich holt El Hamel bis zur alttestamentarischen Figur Ham aus, der in der Überlieferung der monotheistischen Religionen als Stammvater der schwarzen Afrikaner gilt. Islamisch-arabische Interpretationen würden dabei stets auf den Zusammenhang von Hautfarbe und Sklavenstatus verweisen, obwohl etwa im Süden Marokkos autochthone Schwarze lebten. Chouki El Hamel argumentiert gegen die allgemein anerkannte Assoziation der schwarzen Haratin mit den Nachkommen von SklavInnen und behandelt detailliert die etymologischen Hinweise auf die Genese der Haratin. Bei der Beschreibung der arabisch-islamischen Eroberungen Marokkos verliert sich El Hamel mitunter in der ereignisreichen Geschichte Nordwestafrikas, die dem durchschnittlichen Leser zwar nicht unbedingt bekannt ist, die für seine Fallstudie aber in ihrer überblickhaften Darstellung verzichtbar wäre. Man erfährt zwar viel über dynastische Prozesse, aber kaum etwas über die Lebensrealität von Sklaven.

Viel näher kommt man diesen jedoch in den beiden empirischen Kapiteln über die männlichen schwarzen Sklaven in der marokkanischen Armee seit dem 17. Jahrhundert und über schwarze Konkubinen. Chouki El Hamel beschreibt eindrucksvoll, wie Sultan Mawlay Ismail (1646–1727), selbst Sohn einer schwarzen Konkubine, ein eigenes Heer von schwarzen Sklaven aufbaute. Dabei rekrutierte er Tagelöhner und freie Schwarze, ließ jedoch auch Freigelassene wieder versklaven beziehungsweise rief auch zur Gefangennahme autochthoner schwarzer Marokkaner auf. Dem Herrscher ging es dabei offensichtlich um billige Arbeitskräfte und die unterstellte Loyalität von Sklaven. Für ihn waren sie alle „natural slaves“ (S. 173): robust, unerzogen und unterwürfig. Chouki El Hamel kombiniert in diesem Kapitel ganz verschiedene Quellen, von französischen und spanischen Reiseberichten über arabische Geschichtsschreibung bis hin zum Briefwechsel zwischen dem Sultan und führenden Gelehrten. Ein solches Schreiben des Sultans ist als Kopie des Originalmanuskripts und in englischer Übersetzung im Appendix zu finden. El Hamel macht deutlich, mit welchem Aufwand der Sultan um Sklavenlisten von lokalen Schriftgelehrten bat, um über 200.000 Schwarze für das Militär zwangsrekrutieren zu können. Der Schwerpunkt des Kapitels liegt auf dem Protest gegen diese Welle der Versklavung, sei es jener der Imame oder jener der freien Schwarzen selbst. Einen besonderen Einblick in den Alltag dieser schwarzen Marokkaner bieten Versklavungslisten des Sultans dank biographischer Notizen. Dieses Material hätte man sicher noch intensiver interpretieren können, weil es wertvolle Erkenntnisse über das Leben der Individuen zulässt. Die Beschreibung der Schicksale von schwarzen Konkubinen basiert hingegen fast ausschließlich auf europäischen Quellen, deren beschränkte Aussagekraft von El Hamel kritisch reflektiert wird. Frauen waren zwar auf marokkanischen Sklavenmärkten viel teurer, doch ist über sie sowie über die meisten freien Marokkanerinnen kaum etwas zu erfahren.

Überblicksartig skizziert El Hamel dann, wie das Sklavenheer weiterhin als Faktor innerhalb der marokkanischen Politik existierte, jedoch nur einzelne Sklaven höhere politische Ämter errangen. Die Sklaverei sei in Marokko nicht abgeschafft worden, sondern graduell hätten sich Slums von immer noch abhängigen Feldarbeitern und Dienerinnen entwickelt. Deren Nachkommen sind heute zum Teil als Gnawa bekannt. Ihrer Erinnerungskultur widmet El Hamel ein weiteres Kapitel.[2] Die Gnawa verstehen sich als Muslime und leiten ihre Herkunft auf einen schwarzen Gefährten des Propheten zurück (S. 278). Ihre Lieder und Sagen, die El Hamel zum Teil von KollegInnen übernimmt und zum Teil über eigene Interviews recherchierte, erzählen von ihrer westafrikanischen Herkunft und der Verschleppung. Ihre hybriden religiösen Praktiken seien mit jenen der schwarzen Diaspora in Nordamerika vergleichbar.

Überhaupt ist diese Monographie ein Buch der großen Vergleiche: zwischen der atlantischen Sklaverei und der des Mittelmeers, zwischen marokkanischen Sklavensoldaten und osmanischen Janitscharen. El Hamel schreibt damit explizit gegen die Ressentiments einiger arabischer Kollegen an, die westliche Sklavereiforschung als orientalistisches Unterfangen ablehnen. Er setzt daher ganz bewusst Forschungsergebnisse über die Sklaven der Amerikas mit denen in Nordafrika in Verbindung. Diese Vergleiche mögen inhaltlich nicht immer zielführend sein, doch schaffen sie Verbindungen zwischen Wissenschaftskulturen und Quellenüberlieferungen verschiedener Sprachräume. Es ist daher eine Errungenschaft dieses Buches, Tabus zu brechen und zwischen sprachlichen und kulturellen Sphären zu vermitteln. El Hamel bringt europäische und marokkanische Quellen sowie Forschungen zu globalen Entwicklungen und lokalen Kontexten von Sklaverei in Marokko zusammen. Aufgrund der vielen Verweise auf bedeutende Studien der Sklavereiforschung eignet sich das Buch hervorragend als Einstiegsliteratur und bietet durch die Zusammenführung wichtiger Quellen auch für Spezialisten neue komparative Zugänge.

Anmerkungen:
[1] Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams, Berlin 2011.
[2] Diesem Kapitel liegt ein bereits publizierter Aufsatz zugrunde: Chouki El Hamel, Constructing a Diasporic Identity: Tracing the Origins of Gnawa Spiritual Group in Morocco, in: Journal of African History 49 (2008), 2, S. 241–260.