J. P. Wölbern: Der Häftlingsfreikauf aus der DDR 1962/63–1989

Cover
Titel
Der Häftlingsfreikauf aus der DDR 1962/63–1989. Zwischen Menschenhandel und humanitären Aktionen


Autor(en)
Wölbern, Jan Philipp
Reihe
Analysen und Dokumente. Wissenschaftl. Reihe des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes d. ehemaligen DDR (BStU) 38
Erschienen
Göttingen 2014: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
563 S.
Preis
€ 39,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Emmanuel Droit, Centre Marc Bloch, Berlin

1925 hatte der französische Ethnologe und Soziologe Marcel Mauss in seinem nun „klassischen“ Essai sur le don (dt. Übersetzung: Die Gabe. Die Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften) in beeindruckender Weise bewiesen, dass der Gabentausch eine andere Art von Transaktion ist als der ökonomische Handel. Die Gabe unterscheidet sich von der Ware und ruft den Prozess der Gegengabe hervor.

Eine besondere Art von Austausch fand von 1962/1963 bis 1989 zwischen den beiden deutschen Staaten statt und bildet den Kern der sehr soliden Grundlagenstudie von Jan Philipp Wölbern, die aus einer 2013 an der Universität Potsdam verteidigten Dissertation entstanden ist und anschließend mit dem 7. Potsdamer Nachwuchswissenschaftler-Preis gekrönt wurde. Innerhalb eines Zeitraums von circa 30 Jahren wurden etwa 33.000 politische Häftlinge und Ausreisewillige aus der DDR gegen materielle Gegenleistungen im Wert von mehr als drei Milliarden DM von der Bundesrepublik „ausgetauscht“ (Lebensmittel sowie Kautschuk und Rohstoffe wie Kupfer und Silber). Wie Wölbern es zugespitzt formuliert hat, wurden „politische Häftlinge und Ausreisewillige zu einem Exportschlager der DDR“ (S. 437), die bis zu einem bestimmten Grad in den 1980er-Jahren planmäßig produziert wurden.

Dieses Buch beleuchtet nicht nur ein heikles Kapitel der deutsch-deutschen Zeitgeschichte, sondern auch ein weitgehend unerforschtes Forschungsgebiet. Anhand dieses konkreten Untersuchungsfeldes stellt es auch die Frage nach dem heuristischen Wert einer verflochtenen deutsch-deutschen Geschichte.[1] Der Häftlingsfreikauf stellt tatsächlich ein Beispiel zunehmender Verflechtungen dar, im Gegensatz zu anderen Objekten oder Gebieten wie der Wirtschaft oder der Bildung, die eher einen Entflechtungsprozess erlebten.

Trotz einer archivalischen deutsch-deutschen Asymmetrie und einer schmalen Quellengrundbasis stützt sich Wölberns Studie neben Zeitzeugengesprächen auf eine Vielfalt von schriftlichen institutionellen Archivakten (unter anderem aus der SED, dem Ministerium für Staatssicherheit, dem Bundesarchiv für Gesamtdeutsche Frage/Innerdeutsche Beziehungen, den Kirchen) sowie individuelle Nachlässe (wie z.B. des früheren Gesamtdeutschen Ministers und SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner).

Wölbern hat sein Buch fast als eine Art totales bzw. multiperspektivisches Forschungsunternehmen konzipiert. Jedes der acht Kapitel wird entweder einem bestimmten Zeitraum oder einem Thema gewidmet. Insgesamt lässt die Studie abwechselnd diachronische und thematische „Sehepunkte“ aufeinander folgen. Einerseits behandeln die Kapitel I, III und IV die Entstehung, Entwicklung und letztendlich die Institutionalisierung des Häftlingsfreikaufprogramms zwischen 1962 und 1989. Im Kontext der Entspannungspolitik unterstrich Wölbern, wie sich ein ursprünglich auf Initiative der DDR gedachter „Versuchsballon“ in ein konsolidiertes „legalisiertes“ Verfahren verwandelt (S. 496), unabhängig von den politischen westdeutschen Machtwechseln, und durch die regelmäßigen Kontakte gegenseitiges Vertrauen zwischen der Bundesrepublik und der DDR gestiftet hat. Als eine Art „List der Vernunft“ hat dieses dubiose Geschäft erstens eine Vorreiterrolle in der Annäherung zwischen den beiden deutschen Staaten gespielt und dann zweitens zur Normalisierung der deutsch-deutschen Beziehungen beigetragen.

Andererseits interessiert sich Wölbern in den Kapiteln II, V, VI, VII und VIII nicht nur für die Historizität dieses Freikaufprogramms, sondern auch für die involvierten kollektiven und individuellen Akteure (west- und ostdeutsche Institutionen wie die evangelische und katholische Kirche, die Regierungen, der Berliner Senat, das MfS, die freigekauften Häftlinge selbst) sowie für die Fragen nach der Medialisierung in den verschiedenen deutschen Kontexten (vor allem ab den frühen 1970er-Jahren), sowie nach den wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen. Bekannte einzelne Schlüsselakteure des Häftlingsfreikaufs wie Herbert Wehner oder der ostdeutsche Rechtsanwalt Wolfgang Vogel werden vorgestellt. Vogel ist natürlich eine faszinierende Figur, der zwischen seiner Vermittler-Funktion als „Brückenbau zwischen den Systemen“ (S. 132) und seiner Zusammenarbeit mit dem MfS, die Vogel nach der Wende zurückgewiesen hat, schwankte.

Der rote Faden dieses Buchs, der es auch so interessant macht, besteht in der Enthüllung einer sowohl von der Bundesrepublik als auch von der DDR gemeinsamen bzw. geteilten unbehaglichen Position in Bezug auf diesen „Menschenhandel“. In Anlehnung an die Überlegungen des deutsche Soziologen Georg Simmel über Geheimnisse und die geheime Gesellschaft[2], die Wölbern leider nicht thematisiert, spiegelt der Häfltlingsfreikauf aus der DDR das Spannungsverhältnis zwischen dem tiefen Wesen der modernen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts und der Geheimhaltung wider. „Das Geheimnis bietet sozusagen die Möglichkeit einer zweiten Welt neben der offenbaren, und diese wird von jener auf das stärkste beeinflusst” schrieb 1905 Simmel.[3] Jenseits der politischen Natur eines Regimes produziert jede Form von Gesellschaft, sei es eine demokratisch-kapitalistische, sei es eine diktatorisch-sozialistische, Geheimnisse. Als „offenes Geheimnis“ (S. 367) hatte der Häftlingsfreikauf verflochtene gegenseitige Auswirkungen auf die Bundesrepublik und die DDR: die eine profilierte sich als die „wahre und einzig legitime Interessenvertreterin aller Deutschen“ (S. 497), die andere verschenkte ihre Position als „das bessere Deutschland“ und untergrub die Grundlagen ihres Herrschaftsapparats.

Beide deutsche Staaten befanden sich zwischen Hammer und Amboss. In Anlehnung an das berühmte Wort von François Mauriac ist der Zwischenraum überhaupt nichts wert. Seitens der Bundesrepublik schwankten die westdeutschen Politiker zwischen humanitärer Aktion und dubiosem Geschäft, das die SED-Diktatur in indirekter Weise unterstützte. Noch interessanter ist die ambivalente Auswirkung dieser Politik auf die Herrschaftsstrukturen der DDR. Wöllbern beschreibt sehr genau den Erosionsprozess innerhalb des MfS und trotz einer lückenhaften Archivlage zeigt er, wie die zunehmende Routine des Häftlingsverlaufs die Autorität der Staatsmacht at the grass root untergraben hat. Einerseits war das MfS „Schild und Schwert“ der SED und kämpfte nicht ohne Erfolg gegen alle möglichen Formen der Opposition. Andererseits wurde es für die Stasi-Mitarbeiter immer schwieriger, Häftlinge schon nach einer kurzen Zeit in U-Haft zu entlassen, auch wenn ihnen das Ziel dieses Programms, die Erwirtschaftung von Devisen, bekannt war. Am Beispiel eines spannenden Dialogs zwischen Erich Mielke und Rolf Fister (Leiter der Abteilung IX, zuständig für die Untersuchungen) versteht man die negativen Auswirkungen des Freikaufs auf die Mitarbeiter des Herrschaftsapparats und ihre letztendliche Desorientierung im Kontext der friedlichen Revolution besser.[4] „Wer ständig gegen die eigenen Grundsätze verstößt, verliert an Glaubwürdigkeit und eines Tages auch den Glauben an sich selbst,“ zitiert Wöllbern (S. 435) aus einem Diskussionsbeitrag mit Jan Hoesch, der lange Jahre Leiter der Rechtsabteilung der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der DDR war.

Insgesamt schließt Wölbern mit dieser überzeugenden Arbeit eine Forschungslücke und trägt maßgeblich nicht nur zu einem besseren Verständnis der deutsch-deutschen Zeitgeschichte, sondern auch zu ihren asymmetrischen Verflechtungen bei.

Anmerkungen:
[1] Detlev Brunner u.a. (Hrsg.), Asymmetrisch verflochten? Neue Forschungen zur gesamtdeutschen Nachkriegsgeschichte, Berlin 2013.
[2] Georg Simmel, Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Kapitel V: Das Geheimnis und die geheime Gesellschaft, Berlin 1908 (1. Auflage), S. 256–304.
[3] Simmel, Soziologie (wie Anm. 2), S. 272.
[4] Jens Gieseke, Der entkräftete Tschekismus. Das MfS und die ausgebliebene Niederschlagung der Konterrevolution 1989/90, in: Martin Sabrow (Hrsg.), 1989 und die Rolle der Gewalt, Göttingen 2012, S. 56–81.

Redaktion
Veröffentlicht am
04.05.2015
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