A. Flurschütz da Cruz: Zwischen Füchsen und Wölfen

Cover
Titel
Zwischen Füchsen und Wölfen. Konfession, Klientel und Konflikte in der fränkischen Reichsritterschaft nach dem Westfälischen Frieden


Autor(en)
Flurschütz da Cruz, Andreas
Reihe
Konflikte und Kultur – Historische Perspektiven 29
Erschienen
Konstanz 2014: UVK Verlag
Anzahl Seiten
459 S.
Preis
€ 69,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Teresa Massinger, Archivschule bei der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns

Der Konflikt zwischen den beiden Familien Fuchs von Bimbach und Wolf von Wolfsthal um das Ritter-Mannlehen Westheim-Eschenau steht im Zentrum der Dissertation von Andreas Flurschütz da Cruz, die zwischen 2011 und 2013 im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs „Generationenbewusstsein und Generationenkonflikte in Antike und Mittelalter“ bei Mark Häberlein an der Universität Bamberg entstand und 2014 erschien. Die darin behandelte, über mehrere Jahrzehnte andauernde Auseinandersetzung um ein Rittergut an der Grenze der beiden fränkischen Hochstifte Bamberg und Würzburg zwischen dem alteingesessenen Adelsgeschlecht der Fuchs von Bimbach und den homines novi Wolf von Wolfsthal wird inhaltlich breit eingebettet: Die Familiengeschichte der beiden Geschlechter wird hierzu besonders detailliert beschrieben, daneben bieten ein Abriss der adeligen Lebenswelt der fränkischen Reichsritterschaft, eine umfassende Darlegung der Situation in den beiden Hochstiften und ein abschließender Vergleich mit ähnlichen Konflikten den weitläufigen Rahmen der mikrogeschichtlichen Studie. Der zeitliche Schwerpunkt liegt auf der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts; insgesamt wird jedoch das Konkurrieren um und Austarieren von Macht über den gesamten Zeitraum des 17. und des beginnenden 18. Jahrhunderts betrachtet.

Flurschütz da Cruz bearbeitet ein breites Quellenkorpus aus staatlichen, städtischen und kirchlichen Archiven und Bibliotheken sowie aus dem Fuchsarchiv Burgpreppach, wobei er die reichsritterschaftliche, reichische, landesherrliche und hochstiftische Überlieferung einbezieht, um die Auseinandersetzung, die politischen Machtverhältnisse und die Netzwerkbeziehungen aus möglichst vielen Perspektiven beleuchten zu können. Der aktuelle Forschungsstand wird umfassend berücksichtigt. Methodisch greift er vor allem auf die Verwandtschaft- und Generationenforschung, auf Konzepte zur adeligen Lebensform und zur „Ehre“, auf die Mikrohistorie und auch auf die Konfliktforschung zurück. Ein rechtsgeschichtlicher Überblick über das Wesen und den Status der Reichsritterschaft fällt hingegen recht knapp aus (S. 47–58). Auf eine intensivere Thematisierung der übergreifenden Konfliktmechanismen und der Verfahrensweisen der Reichsgerichtsbarkeit, vor allem des Reichshofrats, die zusätzliche Forschungserkenntnisse hätte liefern können, wird verzichtet.

Umfassend wird der Beginn der Auseinandersetzung bis hin zum Prozess vor dem Reichshofrat ab 1692 in Verbindung mit den Netzwerkbeziehungen zu den Bamberger und Würzburger Höfen und der Konfessionspolitik dargestellt. Der Konfessionswechsel vom evangelischen zum katholischen Glauben durch Johann II. Wolf von Wolfsthal im Jahr 1629 erweist sich dabei als politisch motiviert: Er hatte wohl vor allem den Zweck, die gesellschaftliche und machtpolitische Isolation zu überwinden und sich dadurch die Möglichkeiten zum Erwerb von Ämtern und Einfluss im Bamberger Hochstift und am Kaiserhof zu sichern, politische Ziele zu verfolgen und den Familienbesitz zu erweitern (S. 114–119). Konfession und adelige Herrschaftspolitik standen hier folglich in engem Zusammenhang.

Der Autor überträgt diese Erkenntnis auf weitere Fallbeispiele, wodurch er seine These zu generalisieren sucht – ein Forschungsergebnis, das sich allerdings nicht mit der aktuellen Studie von Stefan Birkle zur Konfessionalisierung der oberschwäbischen Reichsritterschaft deckt.[1] Der Wandel des adligen Konfliktverhaltens sowie die politische Motivation des Konfessionswechsels sind hierbei ebenso wichtige Resultate wie die Feststellung, dass die Klientel- und Patronageverhältnisse die Auseinandersetzung überwölbten und somit aus einer kleinen Streitigkeit um ein wenig bedeutendes Mannlehen ein am Reich anhängiger Prozess wurde, der vor allem von den Patronen – dem Würzburger Bischof Johann Philipp II. und dem Bamberger Bischof Lothar Franz – forciert wurde. Somit handelte es sich schließlich nicht mehr nur um einen Konflikt zwischen zwei reichsritterschaftlichen Familien, sondern um eine Rivalität zwischen den beiden Fürstbischöfen (S. 246).

In einem letzten Kapitel werden von Flurschütz da Cruz noch weitere Beziehungs- und Netzwerkgeflechte der Fuchs von Bimbach und Wolf von Wolfsthal offengelegt. Ein abschließender Vergleich des Fallbeispiels mit ähnlichen Konflikten und zur konfessionellen Lehenspolitik rundet die Arbeit ab.

Die Studie umfasst 459 Seiten (davon Textteil 384 Seiten) und liefert einen aufwendigen Anhang unter anderem mit Stammtafeln der adeligen Familien und Dokumentationen zum Konflikt und zu den Klientel- und Patronageverhältnissen. Daneben sind drei Karten der Besitzungen der Fuchs von Bimbach, der Wolf von Wolfsthal und der von Schönborn in Unterfranken angefügt, die indes nur einen groben Überblick über die Besitzverhältnisse liefern. Eine genauere Aufschlüsselung und Statistik des reichsritterschaftlichen Besitzes und der Herrschaftsrechte der beiden Familien fehlt trotz der umfassenden Familiengeschichte. Eine äußerst reiche Bebilderung illustriert das Werk zwar, wirkt jedoch an manchen Stellen in ihrer Fülle störend.

Flurschütz da Cruz gelingt insgesamt ein umfassender mikrogeschichtlicher Einblick in die adelige Lebenswelt der unterfränkischen Reichsritterschaft, der zudem durch seine Untersuchungsperspektiven weitreichende Erkenntnisse zur Konfessions- und Herrschaftspolitik des Adels, der Landesherren und der Fürstbischöfe, zum adeligen Netzwerksystem sowie zu den Konfliktmechanismen des 17. und 18. Jahrhunderts liefert.

Anmerkung:
[1] Stefan Birkle, Reichsritterschaft, Reformation und Konfessionalisierung in Oberschwaben, Tübingen 2015.