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Titel
Geschichte des Westens. Vom Kalten Krieg zum Mauerfall


Autor(en)
Winkler, Heinrich August
Erschienen
München 2014: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
1.258 S.
Preis
€ 39,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Kleßmann, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Es ist eigentlich nicht das drin, was drauf steht, sondern viel mehr: Potentiell ist es die ganze Welt und nicht nur das, was wir uns unter „dem Westen“ vorstellen. Wenn der Ansatz nicht ein anderer wäre, könnte man darin auch eine neue Variante einer „Weltgeschichte Europas“ sehen (so der Titel von Hans Freyers zweibändigem Werk aus dem Jahr 1948). Inwieweit das funktioniert, lässt sich kritisch diskutieren. Vorab aber ein hohes Lob: Unstrittig verdient dieses Riesenwerk von insgesamt nun vier Bänden[1] große Bewunderung – im Hinblick auf die enorme Syntheseleistung, die genaue Recherche, vor allem die ungemein präzise Darstellung im Detail und die stilistische Eleganz. Das an den Ideen der Amerikanischen und Französischen Revolution, das heißt den unveräußerlichen Menschenrechten, der Gewaltenteilung, Volkssouveränität und repräsentativen Demokratie orientierte „normative Projekt des Westens“ wird hier im dritten Band noch einmal knapp vorgestellt. Aber es umfasst nicht nur die Geschichte der Staaten, die sich darauf bezogen – wie unvollkommen auch immer –, sondern zugleich die Geschichte der Gegenspieler dieses Westens.

Es ist im Kern eine klassische, für manche Leser konventionell erscheinende, politische Geschichte mit wichtigen ökonomischen Ergänzungen, aber auf höchstem Niveau. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, auf welche Weise Winkler etwa emotional heftig umstrittene Themenkomplexe wie die „transnationale Revolte“ des Jahres 1968 (S. 482ff.) in nüchterner Sprache treffend und differenziert präsentiert, ohne dass sein eigenes und meist sehr ausgewogenes Urteil untergeht. Dies gilt ebenso für die kritischen Passagen zu Israel und zum Nahostkonflikt (S. 87ff.). Glänzend und im Blick auf das Konzept besonders stimmig ist die Analyse des „Entscheidungsjahrs 1956“ (S. 216ff.), in dem Entstalinisierung, Ungarische Revolution, Polnischer Oktober und Suezkrise zusammentrafen. Hier verflochten sich die Geschichte des Westens und die Geschichte des Ostens transnational und transatlantisch. Gerade die Zurückhaltung der USA in Ungarn zeigte, dass die Zeit der Rollback-Rhetorik abgelaufen war, nicht aber die Zeit der Aufteilung Europas in Interessensphären, wie sie in Jalta vereinbart worden waren. Für Winklers Ansatz zentral sind die Abschnitte über die in der Erklärung der UNO von 1948 greifbare „Renaissance der Menschenrechte“ (S. 131ff.) und die Vereinbarungen der Konferenz von Helsinki 1975 (S. 711ff.). Auch die ausführlichen Hinweise auf Debatten führender Intellektueller aus West und Ost über Totalitarismus und kommunistische Ideologie lassen sich dazu rechnen (S. 187ff.).

Es fehlt auf den ersten Blick fast nichts. Selbst Australien und Neuseeland tauchen auf, weil hier die Diskriminierung der Ureinwohner und die Bemühungen um elementare Menschenrechte einen thematischen Bezug erlauben (S. 395ff.). Viele andere Passagen lassen sich beispielhaft nennen: so die komplizierten Entwicklungen auf dem Balkan unter Tito, nachdem dieser zum ideologischen Erzschurken im Ostblock geworden und auf westliche Hilfe und Duldung angewiesen war, oder die „Diktaturendämmerung“ der 1970er-Jahre in Portugal, Griechenland und Spanien (S. 677ff.). Im Zentrum des Bandes steht jedoch der Ost-West-Konflikt. Dessen Genesis und die Schlüsselrolle der USA als „Geburtshelfer eines neuen Europa, das seine historischen Gegensätze überwand“ (S. 68), werden ebenso genau beschrieben wie die mühsame Loslösung der alten Großmächte von ihren Kolonien und Mandatsgebieten. Prekär war das insbesondere in Vietnam, wo die USA nach der französischen Niederlage in eine eigentlich nicht gewollte „neokoloniale“ Rolle hineingerieten.

Aber die Fokussierung auf „den Westen“ ist insofern nicht ohne Probleme, als zu dieser thematischen Geschichte auch die kommunistischen und islamis(tis)chen Antipoden des Projekts gehören. Warum ein Konzept für eine Fast-Globalgeschichte verfolgen, das weit über „den Westen“ hinausgeht, es dann aber doch nicht ganz einlösen? Denn die Gegner werden verständlicherweise nicht in der gleichen Ausführlichkeit behandelt. Zu fragen bliebe zudem, ob denn die beiden programmatischen Daten der Amerikanischen und Französischen Revolution als Kernbestand der Ideale hinreichend die Attraktion und Wirksamkeit „des Westens“ erklären und diese Normsetzung der gesamten Darstellung nicht gewollt oder ungewollt einen teleologischen Anstrich gibt. Die Oppositionellen und Dissidenten fast aller kommunistischen Länder gehörten zwar überwiegend zu den Anhängern dieser Ideale; ansonsten aber erfüllte „der Westen“ vor allem eine wichtige Funktion als Projektionsfläche für unerreichbare Konsumwünsche und als Feindbild. Gerade im sowjetisch beherrschten Europa, am stärksten in der DDR, bildete er in allen Jahren des Untersuchungszeitraums eine schwer fassbare, aber auf allen Ebenen höchst wirksame Größe als Feindprojektion und Sehnsuchtsort. Eine explizite Geschichte dieses imaginären Westens geht aber bei Winkler weitgehend unter – in der detaillierten Darstellung der „Realgeschichte“ politischer Ereignisse und ökonomischer Befunde.

Dass der Westen mitsamt seinen Idealen auch eine fatale Projektionsfläche für den Hass fanatischer Islamanhänger war, ließ sich ansatzweise bereits vor dem 11. September 2001 und dem Irak-Krieg erkennen. Allerdings stand die präsumtive Abwehr der „Islamisierung des Abendlandes“ durch wildgewordene Dresdner Wutbürger noch nicht auf der Tagesordnung, als Winkler seinen Band fertiggestellt hatte.

Das normative Konzept „des Westens“, von dem sich Deutschland über ein Jahrhundert demonstrativ abgewandt hatte und dem sich erst die Bundesrepublik endlich öffnete, erscheint als Fluchtpunkt der Interpretation deutscher Geschichte trotz aller Kritik am Sonderwegsparadigma sehr sinnvoll. Aber ob sich dieser Zugang auch für die hier vorgestellte Geschichte eignet, die weit über Europa hinausreicht, auch wenn sie ausdrücklich (noch) keine Globalgeschichte sein will, bleibt mir zweifelhaft. Natürlich redet Winkler die düsteren und verbrecherischen Seiten nirgendwo klein, sondern betont immer wieder die Konstellationen, in denen westliche Politik sich weit vom normativen Projekt entfernte. Dennoch fällt auf, um ein konkretes thematisches Defizit zu benennen, wie knapp das vor allem für Deutschland, aber auch für andere europäische Länder bedrängende Problem der „Vergangenheitsbewältigung“ behandelt wird. Für Deutschland taucht es in mehreren Zusammenhängen kurz auf, aber zu den Auschwitz-Prozessen etwa gibt es nur wenige Zeilen. Auch ein globales Schlüsselthema wie Migration figuriert höchstens am Rande.

Die konsequente Ausrichtung der Darstellung am chronologischen Prinzip mag dafür mitverantwortlich sein. Sie erlaubt es zwar immer wieder, sich die komplexe Vielfalt von mehr oder minder gleichzeitigen Ereignissen und Abläufen in Erinnerung zu rufen; sie verleiht dem Text aber stellenweise auch etwas Lexikalisches und zerreißt thematisch Zusammenhängendes, das man lieber hintereinander lesen würde, ob es nun um Kennedy als Schlüsselfigur einer neuen Ära in den USA und der Weltpolitik oder um die Baader-Meinhof-Gruppe und die Antiterrorgesetze in der Bundesrepublik geht.[2]

Ein Kritikpunkt, der eher an den Verlag zu richten ist, betrifft schließlich das Fehlen einer Feingliederung im Inhaltsverzeichnis oder eines mindestens groben Sachregisters, das angesichts des enormen Umfangs der Bände ein Auffinden von Sachthemen erleichtern würde (ein Personen- und ein Ortsregister sind vorhanden, bieten dafür aber keinen hinreichenden Ersatz). Dass die summarischen Ungetüme von kumulativen Anmerkungen im Anhang kaum noch eine Orientierung über den Stand der Diskussionen zu kontroversen Themen erlauben, sei ebenfalls erwähnt.

Meine kritischen Hinweise sollten nicht als Beckmesserei verstanden werden, sondern als Eindruck von eher konzeptionellen Problemen, die selbst bei einem in vieler Hinsicht zu Recht gerühmten Opus maximum diskussionswürdig sind – einem Werk, das dem ominösen „interessierten Laien“ ebenso wie dem Fachhistoriker eine zuverlässige und imponierende Orientierung gegenüber einer enormen Stofffülle bietet, auch wenn kaum jemand das ganze Buch in einem Zug lesen wird.

Anmerkungen:
[1] Siehe auch Heinrich August Winkler, Geschichte des Westens. Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert, München 2009, 3., durchgesehene Aufl. 2012 (1. Aufl. rezensiert von Franka Maubach, in: H-Soz-Kult, 22.10.2010, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13712> [23.03.2015]); ders., Geschichte des Westens. Die Zeit der Weltkriege 1914–1945, München 2011; ders., Geschichte des Westens. Die Zeit der Gegenwart, München 2015 (rezensiert von Konrad H. Jarausch, in: H-Soz-Kult, 24.03.2015, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23933> [23.03.2015]).
[2] Ähnlich auch die Kritik von Ulrich Herbert, der die Vor- und Nachteile dieses Verfahrens hervorhebt: So westlich wie nie zuvor, in: ZEIT, 18.09.2014, <http://www.zeit.de/2014/39/geschichte-des-westens-buch-heinrich-august-winkler> (23.03.2015).