R. van Dülmen (Hg.): Erfindung des Menschen

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Titel
Erfindung des Menschen. Schöpfungsträume und Körperbilder 1500 - 2000


Herausgeber
van Dülmen, Richard
Erschienen
Anzahl Seiten
682 S.
Preis
€ 39,80
Ralf-Peter Fuchs, LMU-München, Historisches Seminar

So vielgestaltig wie der Mensch selbst ist Prometheus: ein Wohltäter und Verderber; ein Schöpfer und Neuerer, zugleich ein Opfer neuer, aufstrebender Kräfte. Indem der Titan den Menschen das vom Olymp geraubte Feuer schenkte, wurden diese zu Kulturwesen, einerseits befähigt, sich die Natur dienstbar zu machen, andererseits dazu verdammt, sich ständig selbst zu verändern und den in Gang gesetzten Entwicklungen anzupassen. Auf diesem Weg begleitet sie der Mythos und verändert sich ebenfalls. Noch vor nicht allzu langer Zeit stellte, infolge des Buches von David Saul Landes, der "entfesselte Prometheus" das Sinnbild der Industriellen Revolution dar. Heute erhebt sich die Frage nach einer Neuinterpretation vor dem Hintergrund des Niedergangs des industriellen Zeitalters und technischer und wissenschaftlicher Möglichkeiten, die das Problem der Erschaffung des Menschen durch den Menschen in einer bislang noch nicht dagewesenen Weise aufwerfen. Der Ausstellungsband zieht den Bogen der "Erfindung des Menschen" vom jenseitsorientierten Spätmittelalter bis zu den sich abzeichnenden Entwicklungen des 21. Jahrhunderts, der "Menschwerdung" der Maschine und den wachsenden Möglichkeiten gentechnologischer Schöpfungskünste. Auf eine Idee Richard van Dülmens ging es zurück, dass vom 6. September bis zum 8. November 1998 im Gebläsehaus der Alten Hütte in Völklingen Menschheitsentwürfe und deren Veränderungen im Verlaufe von fünf Jahrhunderten in Form von Abbildungen und Texten präsentiert wurden. Der Initiator, gleichzeitig Herausgeber des Begleitbuchs, beschreibt das Projekt in eigenen Worten als "kritische Bilanz der neuzeitlichen Entwicklung der Menschheit" (S. 16). Diese Entwicklung wird als ein 'Prozess der Zivilisation' (S. 15) interpretiert; allerdings wird Distanz zum Begriff von Norbert Elias nicht nur durch die durchgängige Verwendung von Anführungszeichen zum Ausdruck gebracht. In die Erläuterung des eigenen Konzepts werden einige der in letzter Zeit häufiger erhobenen Einwände gegen die Eliassche Zivilisationstheorie aufgenommen: Es könne bei diesem Prozess nicht um eine unilineare Entwicklung gehen, eine Menschheitsgeschichte, von der postuliert wird, dass sie vom Dunkel in eine immer lichtere Zukunft führe; dem Zugewinn von Spielräumen und Freiheiten im Verlaufe der Moderne seien auch Tendenzen von Fremdbestimmung und Unterdrückung gegenüberzustellen. Als Ausrichtungsmerkmale zivilisatorischer Entwicklung erscheinen im Gegensatz zu Elias nicht Triebreduktion und Zurückdrängung von Gewaltbereitschaft, sondern eine zunehmende Technikorientierung und Säkularisierung, die Emanzipation des Menschen von Natur und Religion.

Dass die Beschreibung dieser Entwicklung auch eine Retrospektive auf das Mittelalter einschließt, ist wohl nicht weiter erstaunlich. Hervorzuheben ist jedoch, dass fast alle Beiträge des ersten Kapitels "Der Sünder und das Heil - Vergänglichkeit der Welt (Spätmittelalter)" weit in spätere Epochen hineinreichen. Klaus Schreiner geht in seiner Abhandlung über neuzeitliche Deutungen des Sündenfalls lediglich am Rande auf mittelalterliche Wahrnehmungsformen ein. Die Schwerpunkte liegen in der Darstellung unterschiedlicher Erbsündeauslegungen seit Martin Luther, dessen Ansichten freilich entscheidend durch Anleihen bei Augustinus geprägt waren. Schreiner geht den Spannungsfeldern nach, die sich aus theologischer Lehre und humanistischer Hinwendung zum Menschen ergaben, skizziert die Rezeption des Sündenpessimismus durch die Anhänger des Jansenismus im 17. und 18. Jahrhundert und die aufklärerische Emanzipationsdebatte, in der dem Verlust paradiesischer Unschuld auch Gutes abgewonnen wurde. Breiten Raum nehmen die Sündenfalldeutungen von Schelling und Hegel ein, in denen sich jeweils Fortschrittsmisstrauen und Fortschrittsgläubigkeit abbilden. Schließlich wird festgehalten, dass die religiöse Erbsündenlehre für die moderne Welt des 20./21. Jahrhunderts als weitgehend ausgehöhlt gelten müsse und hinsichtlich einer auf die individuelle Schuld des Einzelnen zugeschnittenen Verantwortungsethik kaum noch Bedeutung besitzen könne. Der sich dem gesamten Untersuchungszeitraum des Projekts widmenden Langzeitstudie Schreiners folgen zwei Beiträge, die sich auf das Spätmittelalter und das 16. Jahrhundert konzentrieren. Das Bildnis des Todes als Anstoß zur Besinnung für die Lebenden seit den großen Pestepidemien thematisiert Bruno Reudenbach, während Arnold Angenendt Menschheitsbilder im Spiegel von Heiligenvorstellungen betrachtet. Der Aufsatz von Herbert Vorgrimler umfasst wiederum ein breiteres zeitliches Spektrum: Ausgehend vom 15. Jahrhundert, setzt er sich mit Vorstellungen von der Hölle als Reich des Bösen wie auch mit Imaginationen vom Teufel und seiner irdischen Helfer auseinander. Dargestellt werden Höhepunkte des Teufelsglaubens im Zuge der Hexenverfolgungen und eine von englischen Vernunftreligionsentwürfen initiierte Erschütterung im 17. und 18. Jahrhundert, bis hin zur Nischenexistenz im Rahmen satanistischer Subkulturen des 20. Jahrhunderts.

Das zweite Kapitel des Buches ist überschrieben mit "Die Schönheit des Menschen - Die Lust der Welt (Renaissance)". Im Beitrag von Franz-Joachim Verspohl werden künstlerische Theorien zur körperlichen Vollkommenheit des Menschen, ausgehend von Dürers, Leonardos und Michelangelos Maßästhetik vorgestellt. Carsten-Peter Warncke skizziert die "Vergesellschaftung des Körpers" (S. 160) durch Kleidung und Schmuck in der Frühen Neuzeit und konstatiert eine "Rationalisierung des Dekors" (S. 170) durch eine Funktionalisierung vor allem der männlichen Kleidung seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Leander Petzoldt zeichnet ein zwiespältiges Bild vom Festleben in der Frühen Neuzeit. Neben der kunstvollen und künstlerischen Inszenierung von Feiern, insbesondere höfischen Feiern, setzt sich der Autor mit der religiös motivierten Kritik an "Völlerei" und Luxus auseinander. Schließlich stellen Birgit Franke und Sigrid Schade, basierend auf bildlichen und literarischen Quellen, diesseitsgerichtete Träume der Menschen der Frühen Neuzeit am Beispiel des Jungbrunnens vor.

Das dritte Kapitel hat die "Die Bemächtigung des Menschen - Disziplin und Unterwerfung (Frühe Neuzeit)" zum Thema. In ihm werden zunächst "Drill und Dressur" von Günther Lottes auf vier Ebenen in den Blick genommen: Einen wesentlichen Bereich stellt die Universalisierung der Arbeitsnatur des Menschen dar, ein Prozess, der von der Reformation mit ausgelöst wurde und in den Arbeits- und Zuchthäusern des 17. und 18. Jahrhunderts einen, wie der Autor betont, extremen und daher nicht unbedingt repräsentativen Ausdruck fand. Auch hinsichtlich der militärischen Zucht bleiben Fragen nach der Breitenwirksamkeit offen, wenngleich erwogen wird, dass das preußische Rekrutierungssystem ein Eindringen soldatischer Disziplin in die Gesellschaft in besonderem Maße ermöglicht haben könnte. Die Domestizierung, der sich die adeligen Hofgesellschaften im Absolutismus selbst unterzogen, und die Norbert Elias seinerzeit als "Verhofung" bezeichnete, war wiederum gerade ein Habitus der Abgrenzung gegenüber der breiten Masse der Bevölkerung. Schließlich wird auf die Defizite von Versuchen hingewiesen, die makrohistorischen Konzepte der Konfessionalisierung und Sozialdisziplinierung sozialgeschichtlich zu fassen (S. 236). Anhand der Sektenentwicklung innerhalb des Protestantismus und des Erfolgs pietistischer Heilsprogramme lässt Lottes nichtsdestoweniger nachvollziehen, wie sich diese Zugriffe auf die Seelen der Menschen gestalteten und vielfach einen Prozess der Selbstdisziplinierung auslösten.

Die weiteren Beiträge sind jeweils auf einzelne Lebensbereiche zugeschnitten. Auf die Disziplinierung von Menschen über Strafen geht Wolfgang Schild ein. Dieser zeichnet eine Entwicklung des Körperstrafenverständnisses vom Talionsprinzip hin zum modernen Prinzip des auf Abschreckung abzielenden obrigkeitlichen Schreckenstheaters nach. Hinsichtlich ihrer geschichtlichen Betrachtung zur körperlichen Arbeit dokumentieren Josef Ehmer und Peter Gutschner dagegen, wie problematisch die Zugrundelegung von dichotomischen Phasenmodellen wie Traditionalität und Moderne ist. In ihrem Aufsatz betonen sie, wie vielschichtig und gegensätzlich Arbeit, Mühsal und Muße durch historische Subjekte wahrgenommen werden können. Auch Michael Stolberg hinterfragt die Prozesskategorie der Disziplinierung anhand einer Untersuchung von Diskursen um Gesundheit und Körperhygiene und kommt zu differenzierten Ergebnissen: Neue Sauberkeitsnormen setzten sich demnach in der Tat innerhalb der gebildeten Schichten des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, später auch in der breiteren Bevölkerung durch. Begriffe wie Disziplinierung und Kontrolle werden jedoch vielfach nicht dem Bemühen dieser aufgeklärten Programme um "Natürlichkeit" und Befreiung des Körpers gerecht. So offenbart dieses Kapitel, dem außerdem noch ein Beitrag von Robert Jütte über die wissenschaftliche Entdeckung des menschlichen Körpers beigefügt ist, insgesamt eher die Fragwürdigkeit als die Schlüssigkeit des Sozialdisziplinierungsansatzes.

Die drei folgenden Kapitel, die zeitlich im 19./20. Jahrhundert ansetzen, sollen hier nur in Kürze vorgestellt werden: Exemplarisch für die neuen Menschheitsentwürfe des Industriezeitalters werden im vierten Kapitel "Der neue Mensch - Entwurf der Moderne (Neuzeit)" die Konstruktion von Helden (Ute Frevert), genetische Programme zur Vervollkommnung von Rassen (Doris Kaufmann) und die Idee der Volksgemeinschaft (Hans-Ulrich Thamer) dargestellt. Darüber hinaus wird von Joachim Radkau auf zeitgenössische Überlegungen zum Verhältnis von Natur und Technik eingegangen. In einem weiteren Beitrag (Benjamin Ziemann) wird die Eskalation des Tötens in zwei Weltkriegen umrissen.

Eher positivere Seiten der modernen Welt seit der Industrialisierung werden im fünften Kapitel mit dem Titel "Die Befreiung des Menschen - Auf dem Weg zur Mündigkeit (20. Jahrhundert)" präsentiert. Ulrich Linse skizziert die Jugend- und Lebensreformbewegung, Henning Eichberg geht, unter Einbeziehung von Vorentwicklungen in der Frühen Neuzeit, dem für die Menschen der Moderne so überaus wichtigen Vorbild des Sportlers nach. Herrad Schenk problematisiert die Errungenschaften der sexuellen Revolution, die sich mit der Diskussion um die Liebesehe schon im 19. Jahrhundert vorbereitete. Der Überwindung von Krankheit und Tod in der Neuzeit widmet sich ein Aufsatz von Alfons Labisch. Auch in ihm finden sich frühneuzeitliche Bezüge. In die Zukunft, die schon begonnen hat, führen uns schließlich die Beiträge des letzten Kapitels "Homunculus. Der künstliche Mensch - Selbstbestimmung oder Selbstzerstörung". In den Aufsätzen von Thomas Schlich und Berd Mahr geht es um die erzwungene Auseinandersetzung des Menschen mit Maschinen, die ihm das Leben als Hand- wie Kopfarbeiter erleichtern, ihm aber in vielerlei Hinsicht Unsicherheit vermitteln und Ängste bereiten. Das gleiche gilt für die Körperindustrie und Gentechnologie (Elisabeth Beck-Gernsheim) und die virtuelle Welt des Cyberspace (Michael Winter). Zum Schluss werden die Gefahren menschlicher Selbstzerstörung wie der Chancen der Selbstverwirklichung insbesondere angesichts der sich entwickelnden Technologie des Klonens von Individuen erörtert (Florian Rötzer).

Der Band umfasst somit ein gewaltiges Themenspektrum, das noch durch einen vorangestellten Prometheus-Beitrag von Horst Albert Glaser und abschließende Reflexionen von Ulrich Beck über das "Gesamtkunstwerk Ich" eingeklammert wird. Die gemeinschaftlichen Anstrengungen des Herausgebers und der Beiträger, angesichts der Jahrtausendwende den Wandel zu problematisieren, den die Menschen in den letzten fünf Jahrhunderten als Subjekte wie Objekte erlebt haben, haben ein faszinierendes Buch entstehen lassen. Sowohl der Leser aus der Wissenschaft wie der interessierte Laie darf eine Vielzahl an Informationen und Anregungen aufgrund der Lektüre erwarten. Man wird allerdings, was in der Natur der Sache liegt, mit einer komplexen Materie konfrontiert, darüber hinaus, was der Qualität des Bandes ebenfalls nicht den geringsten Abbruch tut, mit verschiedenen, teilweise gegensätzlichen Deutungsansätzen seitens der Autoren. Gerade an den Versuchen, diese Komplexität zu reduzieren, entzünden sich einige Kritikpunkte. Wie Fremdkörper erscheinen die den Kapiteln vorangestellten anonymen Texte in Groß- und Fettdruck. Die über die Kapitelüberschriften nebenher eingeführte Phasenordnung (Spätmittelalter, Renaissance, Frühe Neuzeit, Neuzeit, 20. Jahrhundert) wirkt angesichts der in den Beiträgen häufig vorgenommenen Durchbrechung aufgesetzt. Und letztlich: Mit Blick auf die notwendigerweise globalere Perspektive der Aufsätze, die den jüngsten Entwicklungen gewidmet sind, erscheint die eurozentristische, zumeist deutsche Perspektive im Hinblick auf die früheren Zeiten zu eng. Vielleicht hätte ein zusätzlicher Beitrag zumindest die Frage aufwerfen können, inwieweit man von mehreren "Prozessen der Zivilisation" ausgehen muss.

Dennoch liegt ein Buch vor, das die Historizität von elementaren Wertediskussionen in exzellenter Weise veranschaulicht. Neben den Texten sind zahlreiche interessante Abbildungen, teilweise Farbtafeln, zu erwähnen. Zudem sind eine Auswahlbibliographie und ein Sach- und Personenregister vorhanden. Dem Band ist eine breite Rezeption auch außerhalb der Fachwelt(en) zu wünschen.

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09.07.2000
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