K. Andresen u.a. (Hrsg.): Der Betrieb als sozialer und politischer Ort

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Titel
Der Betrieb als sozialer und politischer Ort. Studien zu Praktiken und Diskursen in den Arbeitswelten des 20. Jahrhunderts


Herausgeber
Andresen, Knud; Kuhnhenne, Michaela; Mittag, Jürgen; Platz, Johannes
Reihe
Reihe Politik- und Gesellschaftsgeschichte 98
Erschienen
Anzahl Seiten
317 S.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nina Kleinöder, Institut für Geschichtswissenschaften, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Die vielfach „totgesagte“ Geschichte der Arbeit, der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften erweist sich in jüngerer Zeit erstaunlich produktiv[1]. Dazu trägt auch das von Friedrich-Ebert- und Hans-Böckler-Stiftung gepflegte Netzwerkprojekt „Jüngere und jüngste Gewerkschaftsgeschichte“[2] bei. Im neuesten Band steht nun mit dem Betrieb selbst ein Kernbereich der neueren Sozial-, Unternehmens- und Arbeitergeschichte im Fokus. In der Verbindung von mikrohistorischem und diskursanalytischem Ansatz plädieren die Herausgeber für einen „Methodenpluralismus“, um die einst engeren „Ansätze zur sozial- und gewerkschaftsgeschichtlichen Forschung“ zu erweitern und „zu einer integralen Geschichte der Arbeitswelten beizutragen.“ (S. 18)

Der erste Teil trägt dem theoriebildenden Anspruch des Sammelbandes Rechnung. Im ersten Beitrag reflektiert und erweitert Thomas Welskopp das in den 1990er-Jahren formulierte Konzept der „Mikropolitik“ im Betrieb, insbesondere mit Blick auf neuere Forschungsansätze. Mit seiner „praxistheoretischen Fundierung“ appelliert er, insbesondere die „Betriebswirklichkeit“ nicht aus den Augen zu verlieren, und identifiziert im Sinne einer „[i]ntegrale[n] Betriebsanalyse“ zentrale Analysekategorien (S. 31). Am Anwendungsbeispiel der Dokumentarfilme des Göttinger Technikhistorikers Wilhelm Treue zeigt er anschaulich, dass der Ansatz für aktuelle Fragen der Arbeiter- und Arbeitsgeschichte noch immer einen zentralen Beitrag leisten kann. Im anschließenden Beitrag erörtert Morten Reitmayer den methodischen Zugang zum „Betrieb“ über die Sozialraumanalyse des Bourdieu'schen Feldansatzes und der französischen Regulationsschule. Mit Blick auf die Profitstrategien von Volkswagen und Renault kann er zeigen, dass die Akteure eng an ihren „Handlungskontext gebunden sind“ (S. 64). Die inhaltlichen Unterschiede zwischen Kooperation und Konfrontation mit den Gewerkschaften verdeutlichen, inwieweit neben unmittelbarem Profitstreben auch andere Kategorien wie „Vertrauen“ im Betrieb über die Sozialraumanalyse greifbar werden können. Der dritte methodisch-theoretische Beitrag von Timo Luks rückt vom engeren inhaltlichen Erkenntnisinteresse der Arbeiter- und Arbeitsgeschichte ab, indem er für „eine diskursgeschichtliche Analyse historischer Problematisierungen des Industriebetriebs“ (S. 74) selbst plädiert. Über die Rekonstruktion sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Betriebsdiskurse schlägt er eine „pragmatische“ (S. 75) Periodisierung vor: Von der Wahrnehmung des „mechanical engineer“ und der tayloristisch geprägten Jahrhundertwende bis zur „Erosion und Umdeutung des Betriebsbegriffs ‚nach dem Boom‘“ (S. 91) stellt Luks insbesondere Kontinuitäten und Übergangsphasen der einzelnen Zeitabschnitte heraus.

Bei den anschließenden Fallbeispielen aus aktuellen Forschungsprojekten steht zunächst die Dimension des Betriebs „als politischer Ort und als Ort des Politischen“ in der „Krisen- und Konfliktdekade“ (S. 115) der Automobilbranche in den 1970er-Jahren im Fokus. Im ersten Beitrag hinterfragt Jörg Neuheiser den „Wertewandel“ als tatsächlichen „Erklärungsfaktor“ (S. 101) für die Entwicklung betrieblicher Interessenvertretung. Am Beispiel von Daimler-Benz in Untertürkheim zeigt er, dass weniger die „neuen Werte“ (S. 113) handlungsleitend waren, sondern traditionelle Vorstellungen von „guter Arbeit“ (S. 112) weiterhin dominierten. Anschließend greift Dimitrij Owetschkin eine ähnliche Fragestellung betrieblicher Mitbestimmungspraxis auf: Einerseits stellt er Unterschiede einer auf Konfrontation ausgerichteten Arbeitnehmervertretung bei Opel (Rüsselsheim) und dem stärker auf Kooperation angelegten Modell bei Volkswagen (Wolfsburg) heraus. Andererseits verweist er auf konvergente Ergebnisse in Resultat und Zielsetzung in den unterschiedlichen Betrieben, die sich in der Pfadabhängigkeit „betrieblicher Handlungskonstellationen und Sozialordnungen“ (S. 135) jedoch unterschieden. Im dritten Beitrag konkretisiert Felix Heinrichs die Erosion gewerkschaftlicher Macht im Kontext des „wilden“ Pierburg-Streiks 1973. Neben dem allgemeinen Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis rücken vor allem Migranten als Belegschaftsgruppe ins Blickfeld. Im Ergebnis konstatiert Heinrichs die Besonderheit lokaler Strukturen und Konfliktlinien, die darüber hinaus auch einen Blick auf Entwicklungen außerhalb des Unternehmens ermöglichten.

Der zweite Teil der Fallbeispiele konzentriert sich auf die Analyse des „Betrieb[s] als Ort der Transformation“: Werner Milert und Karolina Mikołajewska untersuchen aus der Perspektive der mikrohistorischen Fallstudie und der Oral History die unterschiedlichen Ausprägungen von Sozialordnungen und Akteurskonstellationen in Transformationsphasen. Milert rekonstruiert über das Akteursdreieck von Arbeitgeber, Arbeitnehmern und Gewerkschaft die Entwicklung der Sozialbeziehungen bei Siemens nach dem Zweiten Weltkrieg. Er hinterfragt kritisch den „kontinuierliche[n] Prozess“ kooperativer betrieblicher Sozialbeziehungen in der Nachkriegszeit und veranschaulicht, in welcher Weise sich über Kooperation und Konflikt ein spezifisches „Verhandlungssystem“ (S. 182) etablierte. Mikołajewska verwendet einen biographischen Ansatz, um sich mit der mikrohistorischen Perspektive dem (einzigen in diesem Band nicht-deutschen) Betrieb anzunähern. Über die narrative Betrachtung des polnischen Schokoladen- und Süßwarenherstellers E. Wedel untersucht sie den innerbetrieblichen Transformationsprozess eines sozialistischen Staatsbetriebs zu einem marktwirtschaftlich-kapitalistisch produzierenden und konkurrierenden Unternehmen. Anschaulich stellt sie die Legitimation, die Erinnerung und die Deutung des tiefgreifenden Wandels und die Folgen für die Sozialordnung, die Arbeits- und Produktionsebene und die Selbstdeutung der Akteure heraus.

Der abschließende vierte Abschnitt widmet sich dem Betrieb als „kultur- und ideengeschichtliche[m] Ort“. Zunächst wendet sich Hannah Ahlheim mit einer Untersuchung zur Schicht- und Nachtarbeit der Entgrenzung des Betriebs zu, indem sie einen betriebs- und wissenschaftshistorischen Bogen über die Entwicklung des Schlafdiskurses von den 1920er-Jahren bis zum offiziellen „Humanisierungs“-Programm der Bundesregierung der 1970er- und 1980er-Jahre schlägt. In Verbindung des mikropolitischen und diskursanalytischen Ansatzes gelingt es Ahlheim am Beispiel der Saarbergwerke AG aufzuzeigen, in welcher Weise „die soziale Ordnung der Arbeit […] auch im privaten Raum verhandelt“ (S. 215) wurde. Christian Marx wählt in seinem Beitrag dagegen eine übergeordnete Perspektive des „Betriebs“, indem er den politischen Aushandlungsprozess um die Novellierung des Betriebsverfassungsgesetzes (1972) untersucht. Der Betrieb erscheint hier als Gegenstand politischer Auseinandersetzung und legislativer Steuerung. Über die Rolle, Position und Verflechtung von Verbänden und Parteien zeigt er bis in den parlamentarischen Prozess, wie über politische Ordnungsstrukturen im Betrieb verhandelt wurde. Im abschließenden Beitrag schlägt Karsten Uhl den Bogen zurück in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts: Seine gendergeschichtliche Untersuchung zu Arbeitern bei Klöckner-Humboldt-Deutz und Arbeiterinnen bei Stollwerk zeigt auf, unter welchen Bedingungen die vielfach für das Ende des 20. Jahrhunderts charakteristische „Arbeitersubjektivität“ bereits als ein „wichtiges Element der fordistischen Phase“ (S. 259f.) angeführt werden kann. Uhl gelingt es, zeitgenössische Potenziale und Grenzen zwischen „Subjektivität“ und „Störung“ (S. 284) gegenüberzustellen, die langfristig auf eine tendenzielle Gewährung von Freiräumen und den Abbau von Überwachungsmechanismen hindeuten.

Insgesamt präsentiert sich der Sammelband thematisch nicht so umfassend, wie der Titel und der weite „Betriebs“-Begriff vermuten lassen: Die „Arbeitswelten“ beschränken sich überwiegend auf die Industriearbeit im erweiterten Umfeld des Metall(verarbeitenden) Bereichs. Auch der zeitliche Rahmen des „20. Jahrhunderts“ wird zwar wiederholt über Kontinuitätslinien angedeutet, der Schwerpunkt liegt aber deutlich auf der Betrachtung nach 1945[3]. Gleichwohl löst der Band den Anspruch des Methodenpluralismus für eine erneuerte, betrieblich orientierte Unternehmens- und Sozialgeschichte instruktiv ein. In dieser Lesart bezeugt die Kombination der theoretisch-methodischen (Neu-)Verortung mit den anschließenden Fallbeispielen die von Kim Priemel formulierten Differenzierungstendenzen der neueren Arbeits- und Arbeitergeschichte[4]. Die aktuellen Forschungsprojekte zeigen ihr Potenzial auf, indem der Band durchaus mutig Forschungsrichtungen der Mikropolitik und der „neue[n] Betriebsgeschichte“ (S. 29) vereint. Daher erscheint er im Sinne Thomas Welskopps als Beitrag „zu einem hoffentlich produktiven Neuaufbruch in Sachen betriebsorientierter Arbeits- und Arbeitergeschichte“ (S. 31) äußerst wertvoll.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Kim Christian Priemel, Heaps of work. The ways of labour history, in: H-Soz-Kult, 23.01.2014, <http://www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-1223> (07.01.2016).
[2] Vgl. zum Auftakt den Tagungsbericht „Arbeitswelten und Arbeitsbeziehungen als Gegenstand historischer Forschung – neue Perspektiven auf die Gewerkschaftsgeschichte“, 08.10.2009 – 09.10.2009 Bonn, in: H-Soz-Kult, 28.01.2010, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2972> (07.01.2016).
[3] Durchaus selbstkritisch äußern sich die Herausgeber dazu auch selbst, vgl. S. 8f.
[4] Priemel, Heaps of work.

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Veröffentlicht am
11.02.2016
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