S. Scholz u.a. (Hrsg.): Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung

Cover
Titel
Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung. Ein Handbuch der Medien und Praktiken


Herausgeber
Scholz, Stephan; Röger, Maren; Niven, Bill
Erschienen
Paderborn 2015: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
452 S., 80 SW-Abb.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Cornelia Siebeck, Berlin / Ruhr-Universität Bochum

‚Flucht und Vertreibung‘ um 1945 haben im bundesrepublikanischen Gedächtnis stets eine große Rolle gespielt – neben den NS-Verbrechen, oder besser gesagt: in einem eigentümlichen Spannungsverhältnis dazu. Bill Niven, einer der Herausgeber des hier rezensierten Handbuchs, hat diese Beziehung als „reaktives Gedächtnis“ beschrieben: „By this I mean that the discourses of German responsibility and German suffering are bound together in a system of mutual response.“[1]

Angesichts der engen Interdependenz beider Diskursstränge erscheint es umso nachteiliger, dass die diesbezügliche Forschungslandschaft eine deutliche Schieflage aufweist. Während der gesellschaftliche Umgang mit der NS-Vergangenheit bereits seit den 1980er-Jahren zu einem beständigen Untersuchungsgegenstand avancierte, ist eine umfangreichere Forschung zum Gedächtnis an Flucht und Vertreibung erst infolge der Renaissance deutscher Opfernarrative in den späten 1990er-Jahren zu verzeichnen.[2]

Einen Gutteil des seither generierten Wissens haben Stephan Scholz, Maren Röger und Bill Niven nun dankenswerterweise in einem Handbuch zusammengeführt. Alle drei haben bereits einschlägig zum Thema geforscht: Stephan Scholz hat jüngst eine umfassende Studie zu Vertriebenendenkmälern veröffentlicht[3]; Maren Röger hat Gedächtnisdiskurse zu Flucht und Vertreibung in Deutschland und Polen seit 1989 untersucht.[4] Bill Niven hat diverse Publikationen zu deutschen Opfernarrativen vorgelegt[5] und kürzlich eine Monografie zu Flucht und Vertreibung in Prosawerken der DDR publiziert.[6]

Ihre Expertise haben die Herausgeber/innen intensiv in das Handbuch eingebracht. 10 der 35 Beiträge wurden von ihnen selbst verfasst oder mitverfasst. Daneben haben 19 weitere Autor/innen an dem Projekt gearbeitet. Mit mehreren Artikeln ist etwa der Historiker Mathias Beer vertreten, der sich schon seit den 1990er-Jahren mit Geschichte und Nachgeschichte von Flucht und Vertreibung befasst; ebenso die Volkskundlerin Elisabeth Fendl, die vielfach zur Erinnerungskultur von Flüchtlingen und Vertriebenen publiziert hat und derzeit in München das Sudetendeutsche Museum aufbaut; oder auch der Historiker Tobias Weger, der unter anderem die Geschichte der sudetendeutschen völkischen Bewegung untersucht hat.

Im Fokus des Handbuchs stehen, wie der Untertitel ankündigt, Medien und Praktiken des öffentlichen Gedächtnisses. Behandelt werden einerseits diverse Textgattungen, visuelle und audiovisuelle Medien sowie allerhand Objektivierungen im öffentlichen Raum, andererseits geschichtskulturelle Praktiken wie der Ostkundeunterricht in der frühen Bundesrepublik, die Heimattreffen oder auch so genannte Patenschaften, die Städte und Gemeinden für Neubürger/innen aus bestimmten Herkunftsorten übernahmen. Insgesamt entfaltet das Handbuch hier eine bemerkenswerte Bandbreite: Jenseits von in der Gedächtnisforschung typischerweise behandelten Repräsentationsformen wie Denkmälern, Museen, Straßennamen, Gedenktagen oder Schulbüchern finden sich etwa auch Beiträge zu Briefmarken, Plakaten, Karten, Musik und historischen Reenactments.

Meist werden die behandelten Medien und Praktiken dabei erst einmal als solche beschrieben und auf ihre spezifischen gedächtniskulturellen Qualitäten hin diskutiert. In einem zweiten Schritt folgt dann ein historisch-diskursanalytisch angelegter Überblick zu ihrem Einsatz, ihrer Funktion und soweit möglich auch ihrer Rezeption im Tradierungszusammenhang ‚Flucht und Vertreibung‘. Zeitgenössische Akteurskonstellationen werden dabei ebenso differenziert herausgearbeitet wie die sich stetig verändernden gesellschaftlichen, politischen und geschichtskulturellen Rahmenbedingungen. So kann tatsächlich jeder Text für sich bestehen, und auch wenn die theoretischen Erläuterungen zur geschichtskulturellen Bedeutung einzelner Medien und Praktiken erfahreneren Forscher/innen gelegentlich etwas trivial erscheinen mögen, bieten sie Studierenden sicher eine gute Einführung.

An vielen Stellen eröffnet das Handbuch originelle Einsichten oder ruft geschichtspolitische Konflikte in Erinnerung, die weithin vergessen sein dürften: So macht Elisabeth Fendl darauf aufmerksam, dass Briefmarken zum Thema ‚Flucht und Vertreibung‘ und zum Deutschen Osten in der alten Bundesrepublik stets ein Politikum waren. In den 1960er-Jahren provozierten sie gar einen so genannten Postkrieg mit einigen Ostblockländern, die entsprechend frankierte Post fortan nicht mehr beförderten oder die unliebsamen Briefmarken schwärzten.

Gleich in mehreren Beiträgen wird betont, dass gerade das „Schlüsselbild“ (Maren Röger / Stephan Scholz, S. 160) zu Flucht und Vertreibung, nämlich das Motiv des Flüchtlingstrecks, häufig falsch zugeordnet oder unkritisch verwendet wird: Einige der kursierenden Fotos zeigten nicht Flucht und Vertreibung, sondern Umsiedlungen „Volksdeutscher“ nach dem Ersten Weltkrieg oder zu Beginn des Zweiten Weltkrieges; andere wiederum tradierten ein in vieler Hinsicht verfälschendes Bild weiter, das die NS-Propaganda von einer vermeintlich geordneten Evakuierung vermitteln wollte. Nach problematischen Implikationen und Kontinuitätslinien zumal im visuellen und geografischen Gedächtnis an Flucht und Vertreibung fragt auch Tobias Weger in seinen Artikeln zu Karten (mit Christian Lotz), Plakaten und Straßennamen: Er verortet diese unter anderem in der Tradition völkisch-nationalistischer Diskurse zur deutschen Ostkolonisation und revisionistischer Bestrebungen nach 1919.

Die Herausgeber/innen haben offenbar Zeit und Energie in die Redaktion der Beiträge gesteckt, die teilweise auf eine 2013 abgehaltene Tagung zurückgehen.[7] Zwar differieren die einzelnen Artikel naturgemäß in Qualität und Tiefgang, doch wurde durchgängig auf eine stringente Struktur und einen überschaubaren Umfang (8 bis 14 Seiten) geachtet. Alle Beiträge verfügen über eine weiterführende Bibliografie, die sowohl Literatur zu den behandelten Medien und Praktiken als auch zu deren Einsatz bei der Tradierung von Flucht und Vertreibung umfasst.

Ein großes Manko des Handbuchs ist allerdings der Verzicht auf einen Überblicksartikel zum real- und symbolpolitischen Umgang mit Flucht und Vertreibung seit 1945, der unterschiedliche Phasen, maßgebliche Akteur/innen und jeweilige Konfliktkonstellationen benennt. Es fehlt ein synoptischer Blick auf die bundesrepublikanische Vertriebenenpolitik und die damit einhergehende Kulturförderung, die für viele der behandelten Medien und Praktiken eine wesentliche Voraussetzung und fortwährende Existenzbedingung dargestellt haben oder noch darstellen dürfte. Ein solcher Artikel hätte es Leser/innen nicht nur ermöglicht, die sehr heterogenen Untersuchungsgegenstände hinsichtlich ihrer geschichtskulturellen und -politischen Relevanz besser einzuordnen und zu gewichten. Hier wäre auch der Ort gewesen, das Gedächtnis an Flucht und Vertreibung ins Verhältnis zu anderen Gedächtnisdiskursen zu setzen, insbesondere zu denen um die NS-Verbrechen. Denn die von Niven konstatierte Interdependenz zwischen deutschem Opfer- und Schuldgedächtnis, deren Verständnis für eine kritisch-reflexive Analyse postnationalsozialistischer Geschichtskulturen unabdingbar ist, wird von den Autor/innen zwar immer wieder angedeutet, aber nirgends systematischer ausbuchstabiert.

Dass der Schwerpunkt des Handbuchs auf der Bundesrepublik liegt, ist insofern gegenstandsbedingt, als die Pflege der Erinnerung an Flucht und Vertreibung in den anderen postnationalsozialistischen Aufnahmegesellschaften klaren Restriktionen unterlag (DDR) oder keine vergleichbare Unterstützung seitens der offiziellen Politik fand (Österreich[8]). Während aber die Tradierung von Flucht und Vertreibung in der DDR dennoch in eigenen Artikeln zu Film und Belletristik behandelt wird und auch andere Beiträge immer wieder vergleichende Bezüge herstellen, wird der österreichische Diskurs völlig ausgeblendet. Hier wäre eine Perspektiverweiterung sinnvoll gewesen, um in den Blick zu bekommen, wie unterschiedlich sich das Gedächtnis an Flucht und Vertreibung je nach Rahmenbedingungen gestaltete.

Sein zentrales Ziel kann das Handbuch zweifellos erfüllen, nämlich die immer wieder vorgebrachte Behauptung zu korrigieren, das Gedächtnis an Flucht und Vertreibung sei in der Bundesrepublik schon immer oder zumindest infolge der Neuen Ostpolitik und einem zunehmenden öffentlichen Gedächtnis an die NS-Verbrechen seit den 1970er-Jahren mit einem Tabu belegt gewesen (S. 10). Dies ist den Autor/innen durchweg gelungen, ohne dass jedoch die wechselnden Konjunkturen des Themas in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit in Abrede gestellt würden. Nachdem das Berliner Dokumentationszentrum der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung angesichts fortwährender Personal- und Konzeptstreitigkeiten auf sich warten lässt, böte das Handbuch eine hervorragende Grundlage für eine bescheidene Zwischenlösung, die auch das geplante Projekt in seinen historischen Kontext setzen würde: eine Ausstellung über die seit jeher staatlich geförderte und äußerst lebendige bundesrepublikanische Erinnerung an Flucht und Vertreibung von 1945 bis in die Gegenwart.

Anmerkungen:
[1] Bill Niven, Reactive Memory: The Holocaust and the Flight and Expulsion of Germans, in: Marc Silberman / Florence Vatan (Hrsg.), Memory and Postwar Memorials. Confronting the Violence of the Past, New York 2013, S. 51–68, hier S. 57.
[2] Für einen aktuellen Forschungsüberblick vgl. Maren Röger, Ereignis- und Erinnerungsgeschichte von „Flucht und Vertreibung“. Ein Literaturbericht, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 62 (2014), S. 49–64.
[3] Stephan Scholz, Vertriebenendenkmäler. Topographie einer deutschen Erinnerungslandschaft, Paderborn 2015; rezensiert von Birgit Schwelling, in: H-Soz-Kult, 21.10.2015, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2015-4-047> (21.12.2015).
[4] Maren Röger, Flucht, Vertreibung und Umsiedlung. Mediale Erinnerungen und Debatten in Deutschland und Polen seit 1989, Marburg 2011; rezensiert von Stephan Scholz, in: H-Soz-Kult, 08.03.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-1-167> (21.12.2015).
[5] U.a. Bill Niven (Hrsg.), Germans as Victims. Remembering the Past in Contemporary Germany, New York 2006 (rezensiert von Krijn Thijs, in: H-Soz-Kult, 16.04.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-2-031> [21.12.2015]); ders., German Victimhood Discourse in Comparative Perspective, in: Eric Langenbacher / Bill Niven / Ruth Wittlinger (Hrsg.), Dynamics of Memory and Identity in Contemporary Europe, New York 2012, S. 180–194.
[6] Bill Niven, Representations of Flight and Expulsion in East German Prose Works, Rochester 2014.
[7] Vgl. Joachim Tautz, Tagungsbericht: Medien und Praktiken der Erinnerung an Flucht und Vertreibung, 18. / 19.01.2013, Oldenburg, in: H-Soz-Kult, 25.05.2013, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4815> (21.12.2015).
[8] Vgl. Heidemarie Uhl, Der gegenwärtige Ort von „Flucht und Vertreibung“ im deutschen und österreichischen Gedächtnisdiskurs, in: Peter Haslinger / K. Erik Franzen / Martin Schulze Wessel (Hrsg.), Diskurse über Zwangsmigrationen in Zentraleuropa. Geschichtspolitik, Fachdebatten, literarisches und lokales Erinnern seit 1989, München 2008, S. S. 157–174; Oliver Rathkolb, Geschichtliche Beurteilung der aktuellen Beziehung Tschechien – Österreich vor dem Hintergrund der Debatte um die Beneš-Dekrete, in: WISO 25 (2002), Heft 4, S. 78–94, <http://www.isw-linz.at/themen/dbdocs/LF_rathkolb_4_02.pdf> (21.12.2015).