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Titel
Deckname Adler. Klaus Barbie und die westlichen Geheimdienste


Autor(en)
Hammerschmidt, Peter
Erschienen
Frankfurt am Main 2014: S. Fischer
Anzahl Seiten
555 S.
Preis
€ 24,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Annette Weinke, Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Als 1983 überraschend der frühere SS-Hauptsturmführer Klaus Barbie (1913–1991) nach Paris ausgeliefert wurde, um im berüchtigten Lyoner Gefängnis Fort Montluc auf seinen bevorstehenden Prozess zu warten, hinterließ dieses Ereignis im westlichen Ausland eine breite mediale Spur. In Frankreich, Großbritannien, den USA, ja sogar im vom Waldheim-Skandal arg gebeutelten Österreich waren damals zahlreiche Autoren und Filmemacher dem Rätsel auf der Spur, wieso ein Mann, der bei Kriegsende noch auf den Listen der UN-Kriegsverbrecherkommission gestanden hatte, sich 1951 angeblich geräuschlos nach Bolivien hatte absetzen können. Nur die bundesdeutsche Öffentlichkeit gab sich überwiegend biedermeierlich-unbeteiligt.[1] Sieht man einmal von einer vierteiligen Artikelserie ab, die der ausgesprochen gut informierte „Spiegel“-Journalist Heinz Höhne 1987 zum „Schlächter von Lyon“ vorlegte[2], blieb der Barbie-Prozess auch in den folgenden drei Jahrzehnten östlich des Rheins weitgehend folgenlos.

Man muss diesen Hintergrund kennen, um einschätzen zu können, welches Wagnis Peter Hammerschmidt einging, als er vor einigen Jahren ein Dissertationsprojekt zu dem NS-Massenmörder Klaus Barbie begann. Problematisch daran war zum einen die unübersichtliche Literaturlage. So hatten sich seit den 1980er-Jahren mehrere Arbeiten aus juristischer, journalistischer oder lebensgeschichtlicher Perspektive mit dieser Figur befasst.[3] Als noch gravierender erwies sich freilich der Zugang zu den Quellen. Nachdem der Bundesnachrichtendienst (BND) zunächst sämtliche Anfragen nach Akteneinsicht abgelehnt hatte, musste Hammerschmidt das Bundeskanzleramt kontaktieren. Obwohl dieses in seiner Funktion als dienstaufsehende Behörde zuvor stets beteuert hatte, die historische Aufarbeitung beim BND fördern zu wollen, bedurfte es erst eines höchstrichterlichen Urteils, ehe dem Autor schließlich die Genehmigung erteilt wurde, die in Pullach und Berlin lagernden BND-Alt-Akten zu Barbie alias „Altmann“ auswerten zu dürfen. Hingegen öffnete der Bundesverfassungsschutz für Hammerschmidt nur unter der Auflage seine Pforten, keine Informationen von nachrichtendienstlichem Belang zu veröffentlichen – eine in Anbetracht des Forschungsthemas einigermaßen skurrile Forderung. Während die französischen Behörden den Zugang zu nationalen Geheimdienst- und Gerichtsbeständen konsequent verweigerten, konnte der Autor diese Lücke zumindest teilweise mit Schweizer Staatsschutzakten füllen. Als wichtigste Grundlage dienten allerdings die Privatarchive der beiden „Stern“-Reporter Gerd Heidemann und Kai Hermann sowie jene – vielfach hochsensiblen – Bestände, die bei umfangreichen Deklassifizierungen im Zuge des amerikanischen „Nazi War Crimes Disclosure Act“ von 1998/99 freigegeben wurden. Ebenso wie andere Arbeiten zur jüngeren deutschen Geheimdienstgeschichte hätte auch Hammerschmidts preisgekrönte Studie („Opus Primum“ der VolkswagenStiftung für die beste wissenschaftliche Nachwuchspublikation 2014) ohne dieses amerikanische Archivmaterial niemals geschrieben werden können – ein Sachverhalt, dessen politische Dimension nicht nur Historikern zu denken geben sollte und der in auffälligem Kontrast zum behördlich proklamierten „Kulturwandel“ steht.[4]

Wie ist der Verfasser nun mit dieser schwierigen Konstellation umgegangen? Schon der Titel deutet an, dass Hammerschmidt keine konventionelle Lebensgeschichte vorgelegt hat. Stattdessen stellt die Arbeit eine Mischung aus klassischer Biographie, politischer Ereignisgeschichte und Institutionengeschichte dar. Einen eher schwachen Einstieg bietet das erste, lediglich sechs Seiten umfassende Kapitel, in dem der Autor zwar ausgiebig aus Barbies jüngst aufgetauchten Memoiren zitiert, unverständlicherweise aber auf eine Kontextualisierung verzichtet. Der zweite Teil zeichnet dann sehr viel fundierter die Aktivitäten verschiedener westalliierter Geheimdienste auf deutschem Territorium nach. Deren Ziel bestand anfangs vorrangig darin, jene klandestinen Zirkel von früheren Mitarbeitern des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) zu infiltrieren, die sich unmittelbar nach Kriegsende sowohl in der amerikanischen wie in der britischen Besatzungszone formierten. Durch diese Observationstätigkeit geriet Barbie erstmals in den Fokus des amerikanischen Militärgeheimdienstes CIC und seines britischen Pendants FSS, konnte sich aber dennoch mehrfach einer Verhaftung entziehen. Warum dem so war, kann auch Hammerschmidt nicht mit letzter Sicherheit klären. Entgegen einem 1983 entstandenen Bericht des Washingtoner Justizministeriums geht er jedoch davon aus, dass der CIC Barbie bereits zur Jahreswende 1946/47 als Informationsquelle nutzte, ohne ihn als besoldeten V-Mann zu führen.

Bis zu Barbies erfolgreicher Flucht nach Südamerika entwickelte sich zwischen den beteiligten Sicherheitsdiensten ein reges Versteckspiel. Während die französische Sûreté den auf CROWCRASS-Listen (Central Registry of War Criminals and Security Suspects) erfassten „Kriegsverbrecher“ weiterhin suchte, nutzte der CIC dessen Kenntnisse als ehemaliger „Nachrichtendienstler“. Mittlerweile wurde er allerdings nicht mehr gegen ehemalige „Kameraden“ eingesetzt, sondern gegen die westdeutsche KPD und – in seiner Funktion als „Frankreichspezialist“! – sogar gegen den französischen Nachbardienst. Obwohl 1948 einer von Barbies Mitstreitern aus dem Agentennetz „Petersen“ die amerikanischen Sicherheitsoffiziere mit der Nachricht überraschte, man werde Barbie eines Tages wohl oder übel an die Franzosen ausliefern müssen, vergingen noch weitere drei Jahre, ehe er vom CIC gezwungen wurde, sich über die „Rattenlinie“ nach Südamerika abzusetzen. Die Tatsache, dass damit ein hochbelasteter NS-Täter de facto vor Strafverfolgung geschützt wurde, führt Hammerschmidt in erster Linie auf die defizitäre Personalstruktur und mangelnde politische Kontrolle miteinander rivalisierender Geheimdienstabteilungen zurück.

Der dritte und längste Teil des Buches beschäftigt sich mit Barbies zweiter Karriere im bolivianischen Exil. Binnen weniger Jahre avancierte der ehemalige Gestapo-Chef zu einem gefragten innenpolitischen Berater und Repressionsexperten des rechtsgerichteten Militärdiktators Hugo Banzer Suárez. Zudem wurde er Mitglied des Deutschen Klubs von La Paz, der ihm als wichtige Kontaktbörse diente. Barbie verdingte sich nicht nur als Vertreter des deutschen Pharmaziekonzerns Boehringer, sondern stieg – wie Hammerschmidt nachweisen kann – auch in den illegalen Waffenhandel ein, den der BND seit Anfang der 1960er-Jahre über ein Netz von Tarnfirmen abwickelte. Zwischenzeitlich hatte ihn der Geheimdienst – in Kenntnis seiner RSHA-Vergangenheit – auch als V-Mann angeworben. Jedoch musste die Zusammenarbeit schon wenige Monate später beendet werden, als offenbar wurde, dass der Informant – angeblich ein Mann von antikommunistischer und „kerndeutscher Gesinnung“ – mit dem SED-Propagandisten Julius Mader paktierte, um den deutschen Botschafter in La Paz mit kompromittierendem NS-Aktenmaterial zu belasten.

Kurz darauf stattete die bolivianische Regierung Barbie mit einem Diplomatenpass aus. Dies ermöglichte ihm eine ausgedehnte Reisetätigkeit, die ihn 1970 in die USA und wahrscheinlich 1972 auch in die Bundesrepublik führte. Etwa ein Jahr zuvor hatte die Münchner Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingestellt. Im Gegensatz zu den Ermittlern der Zentralen Stelle in Ludwigsburg war man in Bayern zu dem Schluss gelangt, nicht nachweisen zu können, dass Barbie über das Schicksal der nach Auschwitz deportierten jüdischen Heimkinder von Izieu Bescheid gewusst habe. Hammerschmidt vermutet, dass Barbie dank seiner Beziehungen zu Bundesgrenzschutz und Lufthansa unbehelligt deutschen Boden betreten konnte. Dies ist durchaus plausibel, blendet aber womöglich tiefer liegende Ursachen aus. Denn während seit diesem Zeitpunkt, hauptsächlich angestoßen durch das Ehepaar Klarsfeld, in Frankreich und anderen Ländern eine intensive, überwiegend kritische Medienberichterstattung zur Problematik der in Südamerika lebenden NS-Täter einsetzte, blieb in der Bundesrepublik entsprechender öffentlicher Druck weitgehend aus. Nach all dem, was in den letzten Jahren über die proaktive Pressearbeit des BND bekannt geworden ist[5], hätte die Frage nahe gelegen, inwieweit Geheimdienstverbindungen und die in westdeutschen Medien nachweislich aktiven RSHA-Seilschaften für diese Leerstelle zumindest mitverantwortlich waren. Doch leider beschränkt sich der Verfasser auf die letztlich nicht zu beantwortende Frage, welche Institutionen zu welchem Zeitpunkt von der wahren Identität des Kriegsverbrechers Barbie-Altmann wussten und aus welchem Grund sie diese verschwiegen.

Selbstverständlich kann auch diese Studie nicht jene immensen Wissenslücken schließen, die auf die jahrelange Vernachlässigung der Intelligence History in der Bundesrepublik zurückgehen. Sie vermag allerdings zu zeigen, welches Niveau an Aktenfülle und Informationsdichte ein einzelner Forscher durch überdurchschnittliches Engagement erreichen kann. In gewissem Widerspruch dazu scheint der Befund zu stehen, dass Hammerschmidt die Bedeutung der NS-Kontinuitäten für die alte Bundesrepublik und deren Geheimdienste allenfalls ansatzweise diskutiert. Abgesehen von einer streckenweise unstrukturiert wirkenden Darstellung dürfte der Hauptgrund dafür in einem zu engen Analyserahmen zu suchen sein, der Geheimdienstgeschichte auf einige vermeintlich klar abgrenzbare Themenfelder wie Informationsgewinnung und Spionageabwehr nach außen reduziert. Der erstaunlich nachlässige wie nachsichtige Umgang mit dem Personal des ehemaligen RSHA-Terrorapparats war aber vor allem ein eminent innenpolitisches Problem. So zeigte sich Anfang der 1960er-Jahre, dass der obsessive Antikommunismus des ersten BND-Leiters Reinhard Gehlen, der mit einer kultivierten Kameraderie gegenüber früheren Funktionsträgern des NS-Staats einherging, nicht nur die politische Kultur beschädigte, sondern darüber hinaus auch Sicherheitsrisiken schuf. Trotzdem änderte sich selbst danach nichts Grundlegendes an der Praxis, Leute wie Barbie vor Strafverfolgung zu schützen. Insofern waren die westdeutschen Geheimdienste vermutlich nicht nur Spiegelbilder einer vorherrschenden Haltung aus Abwehr und Indifferenz, sondern trugen mit ihren Mitteln der politischen „Landschaftspflege“ gezielt zu deren Herausbildung bei. Solche gesamtgesellschaftlichen Verflechtungen wären in der Geheimdienstgeschichtsschreibung künftig noch stärker herauszuarbeiten.

Anmerkungen:
[1] Kritisch dazu Claus Leggewie, Ein Routinier seines Gewerbes, in: ZEIT, 14.06.1985, S. 47, <http://pdfarchiv.zeit.de/1985/25/eine-rourtinier-seines-gewerbes.pdf> (10.01.2015).
[2] Heinz Höhne, Der Schlächter von Lyon. Klaus Barbie und die französische Kollaboration, in: Spiegel, 04.05.1987, S. 192–207, <http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13522604.html>; 11.05.1987, S. 190–213, <http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13523372.html>; 18.05.1987, S. 186–204, <http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13524120.html>; 25.05.1987, S. 182–198, <http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13524921.html> (10.01.2015).
[3] Z.B. Allan A. Ryan, Klaus Barbie and the United States Government. The Report, with Documentary Appendix, to the Attorney General of the United States, Frederick 1984; Brendan Murphy, The Butcher of Lyon, New York 1983; Marcel Ruby, Klaus Barbie de Montluc à Montluc, Paris 1983; Ladislas Hoyos, Barbie, 2. Aufl. Paris 1984; Erhard Dabringhaus, Klaus Barbie. The Shocking Story of How the U.S. Used this Nazi War Criminal as an Intelligence Agent, Washington 1984; Tom Bower, Klaus Barbie. Lyon, Augsburg, La Paz – Karriere eines Gestapo-Chefs, Berlin 1984; Alice Kaufmann, Klaus Barbie. Dem Schlächter von Lyon entkommen, Wien 1987.
[4] Bodo Hechelhammer, Offener Umgang mit geheimer Geschichte, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 64 (2014), Heft 18–19, S. 26-31, hier S. 31, <http://www.bpb.de/apuz/183092/offener-umgang-mit-geheimer-geschichte> (10.01.2015).
[5] Michael Hanfeld, Der Spion, der zu Axel Springer kam, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2014, S. 13, <http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/horst-mahnke-der-bnd-spion-der-zu-axel-springer-kam-13284232.html> (10.01.2015).