D. Eugster u.a. (Hrsg.): Das Imaginäre des Kalten Krieges

Cover
Titel
Das Imaginäre des Kalten Krieges. Beiträge zu einer Kulturgeschichte des Ost-West-Konfliktes in Europa


Herausgeber
Eugster, David; Marti, Sibylle
Reihe
Frieden und Krieg. Beiträge zur Historischen Friedensforschung 21
Erschienen
Anzahl Seiten
VII, 298 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan Hansen, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Der Kalte Krieg war ein imaginärer Krieg. Er fand weniger auf Schlachtfeldern, sondern vor allem in den Köpfen der Menschen statt. Er beruhte auf Einbildungskraft und war dort am präsentesten, wo sich die Zeitgenossen von Feindbildern leiten ließen. So total der Kalte Krieg in den Alltag der Gesellschaften hineinreichte, so stark beruhte er auf der gedanklichen Zweiteilung der Welt. Die Zürcher Historiker Sibylle Marti und David Eugster haben nun einen Sammelband vorgelegt, der das Imaginäre des Kalten Krieges als „produktiven Suchbegriff“ und „theoretischen Scheinwerfer“ nutzbar zu machen versucht. Marti und Eugster interessieren sich für die symbolischen Strukturen, Praktiken und materiellen Dimensionen dieser Auseinandersetzung. Sie argumentieren, „dass der Kalte Krieg in Europa seine Virulenz und Persistenz gerade dadurch entfaltete, weil er permanent ausgemalt, inszeniert und materialisiert wurde“ (jeweils S. 4). Damit schließen sie an neueste Debatten in den Cold War Studies an.

Der Band besteht aus vier inhaltlichen Teilen. Zunächst geht es um jene Metaphern, die die Blockbildung in den Köpfen begünstigten. Philipp Sarasin analysiert den Kalten Krieg als „Krieg der Grenzziehung“ (S. 20). Er stellt heraus, dass die ideologische Auseinandersetzung diskursiv „gemacht“ wurde – nicht zuletzt, indem Begriffe wie „der Westen“ und „das Abendland“ nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und mit Rückgriff auf ältere Traditionen ihre uns heute geläufige ideologische Aufladung erfuhren. Dadurch konstituierten sie eine vom Ostblock abgrenzbare westliche Identität. Sarasin stützt sich auf exemplarische Zeitschriftenquellen und auf die Häufigkeitskurven des „Google Books Ngram Viewers“. Während er an anderer Stelle ausführlich die Reichweite und die Grenzen dieses Zugangs diskutiert hat[1], führt er hier wie nebenbei vor, was digitale Werkzeuge für eine kluge geschichtswissenschaftliche Analyse zu leisten vermögen.

In einer ähnlichen Stoßrichtung befasst sich Silvia Berger Ziauddin mit der „Ambivalenz des Bunkers“ in der Schweiz. Sie untersucht die Atomschutzarchitektur jenes Landes, das sich schon früh als Insel im unruhigen Meer der Weltpolitik begriff. Analog zu diesem Topos verstanden die Schweizerinnen und Schweizer ihre Bunkeranlagen als „Überlebensinseln“ oder gleich als Arche Noah. Berger Ziauddin argumentiert, dass sich der Bunker in den frühen 1980er-Jahren aber „zunehmend in einen dynamischen Kraft- und Gegenraum [verwandelte], der die durch den Kalten Krieg geprägten Wahrnehmungssysteme unterminierte“ (S. 72). Als die Friedensbewegung in der Schweiz den Cold War Consensus zu hinterfragen begann, wurde der Bunker zum Ort gesellschaftlich imaginierter Dystopien. In die populären weltgesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen wollte das Selbstbild der Schweiz als Insel sowieso nicht mehr so recht passen. Das stellte die Schweizer Gesellschaft vor fundamentale Identitätsfragen, mit deren Beantwortung sie sich schwertat.

Symbolisierte der Bunker in den 1980er-Jahren das Aufbegehren gegen die herrschende Kalte-Kriegs-Ordnung, verweist dies einmal mehr auf den Umbruchcharakter jenes Jahrzehnts. Eine solche Deutung zieht sich wie ein roter Faden durch den Band. Sie klingt an mehreren Stellen an, ohne aber systematisch gefasst und ausformuliert zu werden. Dabei liegt es auf der Hand, dass die Erosion des Denk- und Deutungsmusters „Kalter Krieg“ den politischen Diskurs in den 1980er-Jahren tiefgreifend prägte. Der Eiserne Vorhang hatte sich schon früher als durchlässig erwiesen, doch erst jetzt wurde er auch gesamtgesellschaftlich hinterfragt (beispielsweise in der Friedensbewegung). Der Kalte Krieg gab den Zeitgenossen keine Antworten mehr auf die wahrgenommenen Probleme der Gegenwart; er war selbst zum Problem geworden.[2]

Dass der Cold War Consensus bereits in den 1950er-Jahren erodierte, macht der nächste Teil des Sammelbandes klar, in dem es um Sozialfiguren als diskursive Typisierungen geht. Hier destillieren Günther Stocker und Stefan Maurer in einem ausgezeichneten Aufsatz „Figuren des Dritten in der österreichischen Kultur des Kalten Krieges“ heraus. Sie betonen, dass das strikt dualistisch organisierte Denksystem des Kalten Krieges permanent Figuren des Dritten produzierte. Diese Figuren – „Fellow Traveller“, „trojanische Pferde“, „Neutralisten“, um nur die bekanntesten zu nennen – stellten mit der Binarität das zentrale Denkmodell des Zeitalters infrage. Sie ließen sich keiner Seite klar zuordnen und wurden deshalb als bedrohlich wahrgenommen. Waren sie aber erst einmal als Verräter denunziert, konnten sie wieder in die dichotomischen Strukturen eingefügt werden.

Der folgende Teil analysiert die Emotionskultur des Kalten Krieges. Unter anderem zeigt Sophie Lorenz in ihrem Beitrag über die DDR-Solidaritätskampagne für die US-amerikanische Bürgerrechtlerin Angela Davis, dass im Ost-West-Konflikt nicht nur die schon gut dokumentierte „Nuclear Fear“ wichtig war. Auch Gefühle wie Gemeinschaftsdenken, Stolz oder Zuneigung konstituierten das emotionale Regime der Zeitgenossen, das die binäre Struktur des Kalten Krieges aufnahm. Lorenz beschreibt anschaulich, wie sich der Solidaritätsbegriff in der DDR wandelte, als es darum ging, die von der Partei verordnete Solidarität mit Davis zu inszenieren. Diese Transformation ist nur zu verstehen – das macht Lorenz klar –, wenn man das Spannungsfeld von offiziell verordneten Solidaritätskampagnen und ihrer eigensinnigen Aneignung in der Bevölkerung einbezieht.[3]

In einem abschließenden Teil versuchen die Autorinnen und Autoren das Theorem der Simulation nutzbar zu machen, das sie nach Jean Baudrillard etwas umständlich als „Simulakren“ fassen. Klarer wird der heuristische Mehrwert dieses Konzepts bei Sibylle Marti, die die „Imaginationen und Praxis totaler Landesverteidigung in der Schweiz“ beleuchtet. Sie versteht Übungen zur Landesverteidigung als Simulationen, „die eine Wirklichkeit konstituierende Wirkung zu entfalten vermochten und den Kalten Krieg in der Schweiz dadurch perpetuierten“ (S. 245). In ihrem methodisch innovativen Beitrag verknüpft Marti die Geschichte von Wahrnehmungs- und Deutungsmustern mit Anregungen aus der Praxeologie. Sie führt aus, dass die Übungen zur Landesverteidigung erst in ihrer spezifischen performativen Ausgestaltung den Sinn erzeugten, mit dem sich der Kalte Krieg in den Köpfen der Schweizerinnen und Schweizer verankerte. So sollten Menschen aus möglichst allen Bevölkerungsschichten an den Übungen teilnehmen, damit „die Vorstellung der totalen Verteidigung“ (S. 265) im Alltag präsent blieb.

Wenn damit längst nicht alle Aufsätze des Sammelbandes angesprochen sind, soll das nicht heißen, dass die anderen Beiträge weniger lesenswert seien. Im Gegenteil: Sie eröffnen wichtige neue Fragehorizonte und präsentieren erste Forschungsergebnisse. Zu bemängeln ist kaum etwas. Allein die Tatsache, dass die Herausgeber mit der Schweiz und Österreich Länder in den Blick nehmen, die für gewöhnlich nicht im Mittelpunkt von Studien über den Kalten Krieg stehen, mag etwas erstaunen. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich dieser Fokus aber als kluge Selbstbeschränkung. Denn über die peripheren Länder des Ost-West-Konfliktes haben die Autorinnen und Autoren etwas wirklich Neues zu sagen. Sie legen dar, wie sehr die dichotome Spaltung der Welt darauf beruhte, dass sie imaginiert, inszeniert und materialisiert wurde. Ihre Thesen und Befunde können als Ausgangspunkt dienen, um den Kalten Krieg aus einer bislang unterbelichteten Perspektive neu zu erzählen. Sibylle Marti und David Eugster haben einen methodisch und konzeptionell überzeugenden Sammelband vorgelegt. Er beweist, dass der Kalte Krieg noch lange nicht ausgeforscht ist.

Anmerkungen:
[1] Philipp Sarasin, Sozialgeschichte vs. Foucault im Google Books Ngram Viewer. Ein alter Streitfall in einem neuen Tool, in: Pascal Maeder / Thomas Mergel / Barbara Lüthi (Hrsg.), Wozu noch Sozialgeschichte? Eine Disziplin im Umbruch, Göttingen 2012, S. 151–174.
[2] Dazu bald systematisch: Jan Hansen, Abschied vom Kalten Krieg? Die Sozialdemokraten und der Nachrüstungsstreit (1977–1987), München 2016; mit ersten Befunden: Jan Hansen / Christian Helm / Frank Reichherzer, Transatlantic Flows and Complex Entanglements of Protest in the 1980s. Introduction, in: dies. (Hrsg.), Making Sense of the Americas. How Protest Related to America in the 1980s and beyond, Frankfurt am Main 2015, S. 13–29, bes. S. 23f.
[3] Siehe auch Sophie Lorenz, „Heldin des anderen Amerikas“. Die DDR-Solidaritätsbewegung für Angela Davis, 1970–1973, in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History 10 (2013), S. 38–60, URL: <http://www.zeithistorische-forschungen.de/1-2013/id=4590> (20.06.2015).