M. Sabrow (Hg.): Geschichte als Herrschaftsdiskurs

Titel
Geschichte als Herrschaftsdiskurs. Der Umgang mit der Vergangenheit in der DDR


Herausgeber
Sabrow, Martin
Reihe
Zeithistorische Studien 14
Erschienen
Köln 2000: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
330 S.
Preis
€ 34,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ilko-Sascha Kowalczuk, Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Die Auseinandersetzungen um das Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung, die Mitte der 1990er Jahre die gesamte zeitgeschichtliche Disziplin in Atem hielten, sind zwar nicht vergessen, aber längst zu den Akten gelegt. Damals ist von den Verantwortlichen des Zentrums immer wieder betont worden, man benötige Ruhe, um produktiv und kreativ zeithistorisch forschen zu können. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, insbesondere die aus der DDR, müssten eine Chance eingeräumt bekommen, denn, wie Jürgen Kocka betonte, "auch Wissenschaftler können lernen".

Die Rauchschwaden der heftigen Debatten haben sich längst verzogen. Die Forscherinnen und Forscher aus Potsdam legen seit Jahren nunmehr regelmässig grössere Publikationen - Monographien, Sammelbände, Aufsätze - vor, die sowohl quantitativ als auch qualitativ anzeigen, daß die Potsdamer Forschungseinrichtung, der die Historiker Konrad H. Jarausch und Christoph Klessmann als Direktoren vorstehen, mittlerweile zu den ersten Adressen zeithistorischer Institutionen in Deutschland zählt. Die erwünschte Ruhe ist den Potsdamern offenbar gut bekommen.

1999 sind nun innerhalb der Schriftenreihe des Instituts vier Bände "Herrschaftsstrukturen und Erfahrungsdimensionen der DDR-Geschichte" erschienen, die als eine Art wissenschaftliche Zwischenbilanz der Arbeit am Potsdamer Zentrum aufgefasst werden können. Unter der Herausgeberschaft von Thomas Lindenberger ist ein Sammelband zur Gesellschaftsgeschichte der DDR erschienen. Michael Lemke gab einen Band zur Sowjetisierung und Eigenständigkeit der SBZ/DDR 1945 bis 1953 heraus. Peter Hübner vereinte in seinem Band Autorinnen und Autoren, die sich mit Eliten im Sozialismus auseinandersetzten. Zuletzt nun erschien der hier vorzustellende Band unter der Herausgeberschaft von Martin Sabrow.

Die von Sabrow geleitete Arbeitsgruppe am Potsdamer Zentrum setzt sich seit mehreren Jahren mit der Frage auseinander, wie in der DDR mit Vergangenheit umgegangen worden ist. Sabrow selbst hat dazu in den letzten Jahren eine Vielzahl von Beiträgen publiziert und mehrere Sammelbände mitherausgegeben, die stets ähnliche Themen behandelten: Welchen Charakter besass die Geschichtsforschung in der DDR? Gab es in der DDR eine spezifische Geschichtskultur? Wie waren die Rahmenbedingungen für historische Aneignung in der DDR beschaffen? In welchem Spannungsfeld befand sich Geschichte und Gegenwart in der DDR? Dies sind nur einige forschungsleitende Fragen, mit denen sich die Arbeitsgruppe von Sabrow beschäftigt hat. Dabei war die Arbeit dieser Gruppe in übergeordneten fachwissenschaftlichen Debatten eingebettet. Diese Diskussionen hatten sich aus den moralischen und politischen Diskussionen, wie sie seit 1989/90 um die Rolle der DDR-Geschichtswissenschaft und ihrer Historikerinnen und Historiker geführt worden sind, heraus entwickelt und war selbst zunehmend einem Verwissenschaftlichungsprozess ausgesetzt, so daß immer stärker historische Fragen in den Vordergrund rückten und die politischen und moralischen Bewertungen zusehends verdrängten. Allerdings waren diese Debatten weder sinnnlos noch für die wissenschaftliche Beschäftigung, wie Sabrow meint, "unfruchtbar" (S. 14) oder gar folgenlos. Denn das Beispiel um die Verstrickung der NS-Historiker zeigt anschaulich, daß eine fehlende öffentliche Thematisierung der Rolle von Geschichtswissenschaft in der Diktatur fast zwangsläufig auch eine fehlende wissenschaftliche Beschäftigung zeitigt. Gerade weil dies im Gegensatz zu nach 1945 nach 1990 für die DDR-Historiker nicht zutraf, war die Wissenschaftlergemeinschaft von Anfang an sensibilisiert auch für eine wissenschaftliche Erforschung ihrer eigenen Geschichte, wobei eben nicht nur das Thema als solches offenbar attraktiv wurde, sondern die politisch und moralisch gefärbten Diskussionen zugleich Fragestellungen konkretisierten, Methoden hinterfragten und Instrumentarien verfeinerten.

Der von Martin Sabrow herausgegebene Band legt dafür ein beredtes Zeugnis ab. Er markiert zweifellos den gegenwärtigen Stand, der bei der Untersuchung von Geschichtskultur, Geschichtsbildern, Geschichtspolitik und Geschichtswissenschaft in der DDR erreicht worden ist. Dies bezieht sich allerdings weniger auf die politikhistorische Auseinandersetzung mit den genannten Themenbereichen, sondern vielmehr auf Perspektiven, die sich kulturhistorischer Ansätze bedienen.

In dem Band kommen insgesamt sieben Beiträge zum Abdruck, die den Umgang mit der Vergangenheit in der DDR jeweils exemplarisch beleuchten. Dabei liegt das Schwergewicht vor allem auf den 1950er und frühen 1960er Jahren. Thomas Heimann untersucht "Kriegsbilder im frühen DDR-Film". Dabei arbeitet er ebenso wie Christoph Classen in seinem Aufsatz über Vergangenheitspolitik im Rundfunk der DDR heraus, daß es sowohl Konstanz als auch Wandel in der legitimatorischen Instrumentalisierung von Geschichte gab, wobei sich trotz politischer Einflussnahme auch immer subjektive Erfahrungen und authentische Zusammenhänge behaupten konnten. Simone Barck zeigt anhand von Beispielen aus der belletristischen und wissenschaftlichen Literatur, wie Widerstandsgeschichten mythisiert, wie Helden gemacht und wie nicht ins offizielle Bild passende Erzählungen ausgeklammert worden sind. Dazu trug nicht unwesentlich die Zensurpraxis bei, die Siegfried Lokatis untersucht. In der geschlossenen Gesellschaft DDR nahm die Zensur, so Lokatis, nicht nur Unterdrückungsaufgaben wahr, sondern fungierte im übertragenen Sinne auch als Ersatz für die fehlende öffentliche Kritik.

In den beiden letzten Beiträgen geht es um die Geschichtswissenschaft. Der im letzten Jahr verstorbene Historiker Joachim Petzold zeigt anhand des Historikers Albert Schreiner, welchen Restriktionen in der DDR-Historikerschaft "Meinungsstreit" ausgesetzt und wie stark er politisch instrumentalisiert war. Nicht selten dienten Fachdebatten als Folie für politische Auseinandersetzungen und Interpretationen. Martin Sabrow schliesslich deutet das zwölfbändige Lehrbuch der deutschen Geschichte, das Anfang der fünfziger Jahre in Angriff genommen und 1969 abgeschlossen wurde - in der DDR aufgrund seines Umschlags "Minol-Reihe" genannt -, als eine geplante sozialistische Meistererzählung. Das Projekt sei zwar von vielen Unwägbarkeiten begleitet worden, aber letztlich im System als Erfolg zu werten, wenn es auch nie wieder zu einem vergleichbaren, mit der gleichen Öffentlichkeit produzierten Werk in der DDR kam.

Insgesamt bringen die Beiträge eine Reihe neuer Kenntnisse, ohne allerdings mit neuen Erkenntnissen aufwarten zu können. Dies ist jedoch zu verschmerzen, weil die prinzipiellen Überlegungen und Thesen der Autoren und der Autorin zu ihren Forschungsfeldern aus anderen Publikationen der Fachöffentlichkeit bestens bekannt sind.

Für Diskussionsstoff könnte allerdings die Einleitung des Herausgebers "Geschichtsdiskurs und Doktringesellschaft" sorgen. Sabrow ist in den letzten Jahren durch eine Reihe bemerkenswerter Sprachschöpfungen aufgefallen. So propagierte er etwa den Begriff der "Konsensdiktatur", den er leider bislang aber nicht weiter erläutert hat. Es fragt sich natürlich schon, inwiefern "Diktatur" und "Konsens" tatsächlich passförmige Begriffe sind oder ob nicht vielmehr diese Begriffe Grundannahmen ansprechen, die sich weitgehend ausschliessen. In dem vorliegenden Band ist der zentrale Begriff, dem sich alle Autoren verpflichtet fühlen, der in der Tradition von Michel Foucault entwickelte Diskursbegriff. Im Gegensatz zu dem normativen Diskursbegriff von Jürgen Habermas versteht Sabrow mit Foucault unter einem Diskurs "das 'gesamte Ensemble einer speziellen Wissensproduktion', also (...) die Inhalte, Institutionen und Regeln der Sammlung, Verarbeitung und Weitergabe von Wissen über die Vergangenheit; er fasst die Menschen weniger als Subjekte denn als Objekte, nicht als Schöpfer, sondern als Geschöpfe ihrer Redeweisen. Dieser Begriff des Diskurses als einer 'Praxis, die bestimmten Regeln gehorcht', dient in unserem Fall der umfassenden Beschreibung der sprachlichen und medialen Macht einer ideologisierten Form der Repräsentation von Vergangenheit." (S. 15f.) Gleichsam als ethnographischer Beobachter (S. 11) will Sabrow kulturgeschichtlich rekonstruieren (S. 13), um die "sozialistische Diktatur als ein 'Diskursgefängnis'" (S. 17) sichtbar zu machen. Sabrow sieht sehr genau, daß in der DDR die Trennlinie zwischen Politik und Geschichte nicht nur aufgehoben war, sondern diese Aufhebung gewissermassen gesellschaftlich, aber auch für die Geschichtswissenschaft konstituitiv war. "Dahinter stand ein Geschichtsdenken, das eine prinzipielle Kluft zwischen parteilicher und empirischer Wahrheit kategorisch ausschloss." (S. 24)

Vor allem zwei Probleme ergeben sich aus Sabrows Überlegungen. Zum einen liegt der Verdacht nahe, daß hier sprachgewaltig auf einer theoretischen Verständnisebene Sachverhalte verklausuliert werden, die, wenn schon nicht im allgemeinen Bewusstsein, so dann aber doch in der Fachöffentlichkeit als Selbstverständlichkeiten längst anerkannt sind. Die Liebe zur Begriffsschöpfung, zur theoretischen Überhöhung einfacher Prozesse mag in der Fachwelt auf ungeteilte Gegenliebe stossen - der wissenschaftliche Erkenntniswert bleibt davon aber weitgehend unberührt. Denn im Prinzip verfolgt Sabrow auf einer anderen theoretischen Basis ein Konzept, daß in den sechziger Jahren Peter Christian Ludz mit der "systemimmanenten Betrachtung" für viele Jahre weitgehend erfolgreich in die bundesrepublikanische Kommunismusforschung eingeführt hatte. Sabrows Frage, ob sich im Osten "womöglich die historische Wirklichkeit" in keiner geringeren "'Normalität' als im Westen" entwickelt hat (S. 13), ob der historische "Herrschaftsdiskurs" in der DDR nicht eine "anormale Normalität" hervorgebracht habe, zeigt exemplarisch, daß Sabrow zwar die Entwicklung in der DDR als vom westlichen demokratischen Weg abweichend auffasst, aber dies allein könne keine Grund sein, von Illegitimität zu sprechen. Vielmehr komme es darauf an, die Verhältnisse aus sich selbst heraus zu verstehen.

Diese hier etwas knapp wiedergegebene Konsequenz aus Sabrows Überlegungen führt zu einem zweiten Problem. Zwar räumt Martin Sabrow ein, daß "die Geschichte des historischen Denkens in der DDR immer auch eine Konfliktgeschichte" (S. 32) war. Aber sowohl seine theoretischen Überlegungen als auch die empirischen Beiträge in diesem Band zeigen, daß Sabrow und Kollegen Konflikte nur dann als solche auszumachen in der Lage sind, wenn diese sich in dem vorgegebenen Diskursrahmen abspielten. Nur in diesem Zusammenhang ist es möglich, etwa der erwähnten "Minol-Reihe" eine breite Rezeption zu attestieren oder ihr die zentrale Rolle im Lehrbetrieb zuzuschreiben. Dieser Befund geht einzig und allein auf die Auflagenhöhen zurück - ein Beweis, der keiner ist, wie jeder weiss, der sich in der DDR mit Gedrucktem auseinandersetzte. Denn so sehr Sabrow zuzustimmen ist, daß sich in der DDR eine wie auch immer geartete eigenständige Geschichtskultur, Geschichtspolitik und Geschichtsaneignung herausbildete, diese wird aber nur dann in ihrer Komplexität zu fassen und zu begreifen sein, wenn auch jene Aneignungskonzepte, jene eigenständige und gegenläufige Geschichtskultur zur Kenntnis genommen und analysiert wird, die das offizielle Verständnis konterkarierten, die den offiziellen Diskursrahmen nicht akzeptierten und deshalb auch den von Sabrow theoretisch umschriebenen Diskursboden niemals betraten, weil es keinen Boden gab, auf dem jeder marschieren konnte wie es ihm beliebte. Das von ihm und anderen herbeigeredete "Diskursgefängnis" in der DDR existierte nämlich so nicht. Vielmehr gab es - im Sinne des Begriffs von Sabrow - Diskursgemeinschaften, die vielfach objektive und subjektive Berührungspunkte hatten, aber partiell unabhängig, wenn auch nicht unbeeinflusst voneinander agierten.

Das Bild vom "Diskursgefängnis" eignet sich bestens, um "Steuerer und Ruderer" als ans selbe Boot gefesselt erscheinen zu lassen (S. 19) . Es öffnet jedoch keinen Blick auf die Gesellschaft, in der es neben "Steuerern und Ruderern" auch Galeerensklaven, auf einsame Inseln Verbannte und schlicht am Ufer absichtsvoll Vergessene gab. Insofern bietet der gedankliche Ansatz "Diskursgefängnis" durchaus die Möglichkeit, die Herrschaft in der DDR, auch die offizielle DDR-Geschichtswissenschaft politikhistorisch zu erfassen. Aber - wie von Sabrow angestrebt - kultur- und sozialgeschichtliche Momente bleiben entweder Aussen vor oder werden so stark verkürzt, daß die DDR-Gesellschaft als ein homogenes Ganzes erscheint, das manchen Betrachtern einleuchten mag, aber die Vielfarbigkeit der DDR-Gesellschaft weder in den offiziellen Institutionen noch in den Lebens- und Kulturwirklichkeiten zu erfassen in der Lage ist.

Redaktion
Veröffentlicht am
06.07.2000
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