K. H. Pohl (Hg.): Wehrmacht und Vernichtungspolitik

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Titel
Wehrmacht und Vernichtungspolitik. Militär im nationalsozialistischen System


Herausgeber
Pohl, Karl Heinrich
Erschienen
Göttingen 1999: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
175 S.
Preis
€ 15,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Laube, "Schweiz und Zweiter Weltkrieg" ETH-Zentrum, Unabhängige Expertenkommission (UEK):

Hat man nichts zu sagen, sind auch handwerkliche Fehler bei der Vermittlung kaum der Rede wert. Mit der Stärke seiner Thesen steigen gleichzeitig die Anforderungen an die Sorgfalt des Historikers. Die Macher der Wehrmachtsausstellung haben diesen Grundsatz mißachtet und es war nur eine Frage der Zeit bis sie an ihrem eigenen didaktischen Dilettantismus scheitern würden. Autoren wie Bogdan Musial oder Krisztian Ungvary mit ihrem Blick vom "östlichen außen" waren besonderes prädestiniert, die Ausstellungskonzeption zu torpedieren, ihre verengte Perspektive offenzulegen, die einen vergleichenden Blickwinkel sowie epochenübergreifende Bezüge hat nicht zur Entfaltung kommen lassen.

In dem zu besprechenden, von Karl Heinrich Pohl herausgegebenen Sammelband über die "Wehrmacht und Vernichtungspolitik" wäre wohl noch mancher Akzent anders gesetzt worden, wenn er nach dem moratoriumsauslösenden Eklat auf dem Markt gekommen wäre. Gravierende Mängel in der Präsentation der Ausstellung waren dem Kulturwissenschaftlichen Institut der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Kiel aber schon Anfang 1999 bewußt, sonst hätte sie die im Kieler Landeshaus gezeigte Ausstellung nicht mit einer wissenschaftlichen Vortragsreihe begleitet, die schon wenig später - "zur Versachlichung der Diskussion", wie es auf dem Klappentext heißt - in Form eines handlichen Taschenbuchs erscheinen sollte. Adressat der Veröffentlichung sind weniger Fachleute oder auch fortgeschrittene Studenten, die in diesen Beiträgen nur wenig neue Fakten und Interpretationen finden werden, als vielmehr Schüler und interessierte Laien, die als Ausstellungsbesucher in ihrem Informationsbedürfnis oft alleine gelassen wurden.

Peter Steinbach berichtet über die Wehrmacht als Ort von Widerstand und Verbrechen (S.11-37). Der deutsche Militärapparat entwickelte sich im Nationalsozialismus zu einer besonders modernen Institution mit außerordentlichen Karrierechancen, gegen die sich oppositionelle Kräfte kaum wirkungsvoll in Szene setzen konnten. Wenn sie auch von außen wie ein monolithischer Block erschien, war sie im Innern von zahlreichen Ambivalenzen geprägt; offene Widerstandskämpfer und innere Emigranten standen neben Abenteurern und mordlustigen Sadisten. Dabei sind im biographischen Werdegang bisweilen Brüche zu registrieren, die jeder eindimensionalen Deutung eine Absage erteilen, wenn zum Beispiel einige "Männer des 20. Juli" sich vorher als überzeugte Träger des NS-Regimes profiliert hatten. Trotz dieser notwendigen Differenzierungen bleibt nach Steinbach an der grundlegenden Einsicht, daß der größte Teil der Wehrmacht die Weltherrschaftspläne des NS-Regimes unterstützte, die gerade im Osten mit einer "Politik der ethnischen Flurbereinigung" (S.16), d.h. mit Ausbeutung, Umsiedlung und Vernichtung großer Teile der Zivilbevölkerung verbunden blieb. Militärische Expanision und brutale Bevölkerungsverschiebung waren zwei Seiten einer Medaille. Diese neuartige Kriegsform verknüpft Steinbach mit anthropologischen Einsichten zum Verhältnis zwischen Befehl und Gehorsam, wobei Befehlsverweigerung schon seit den Befreiungskriegen ein Bestandteil der deutschen Soldatenehre dargestellt hatte und auch im Zweiten Weltkrieg Fälle bekannt geworden sind, in denen Wehrmachtsoffiziere Weisungen von SS-Leuten zu "Säuberungsaktionen" einfach ignorierten, ohne daß ihnen eine unmittelbare Sanktion drohte.

Thomas Sandkühler gibt in seinem Vortrag eine differenzierte Tätertypologie des Holocausts, in der aber den thematischen Vorgaben der Vortragsreihe zuwider auf Angehörige der Wehrmacht nicht eingegangen wird (S.39-65). Es ist durchaus möglich, daß Wehrmachtseinheiten - wie es der Beitrag suggeriert, ohne es offen zu sagen - an der industriellen Judenvernichtung in den polnischen Vernichtungszentren nicht beteiligt waren. Aber gerne hätte man mehr erfahren, was Wehrmachtssoldaten vom Holocaust hätten wissen müssen, ob es auf der Grundlage offizieller oder vielleicht auch privater Korrespondenzen nicht doch eine Art gegenseitigen Einverständnisses zwischen SS und Wehrmacht in Ostpolen gegeben hat. Von hier aus hätte man auch eine geeignete Ausgangsposition für weiterführende Problemstellungen gehabt. Noch fehlt eine schlüssige Motivationsanalyse der Täter, die mehr dazu sagen könnte, in welcher Beziehung z.B. der millionenfache Mord - gerade auch an Nichtjuden - in den besetzten russischen Gebieten mit dem auf eine Opfergruppe "spezialisierten" Holocaust gestanden hat.

Jochen-Christoph Kaisers Vortrag handelt von der Rolle der evangelischen Kirche im Krieg (S.67-89). Er kann belegen, daß die Kirchenführung und große Teile der Pfarrerschaft immer wieder den rassistischen Vernichtungskrieg mit den affirmativen, bisweilen sogar kriegsverherrlichenden Kategorien aus dem Ersten Weltkrieg bewerteten. Insgesamt verrichteten als Pastoren, Soldaten, Hilfsgeistliche, Vikare und Theologiestudenten knapp 10.000 Menschen bei der Wehrmacht ihren Dienst. Auf der Seite des OKW wurde alles unternommen, um das ohnehin nicht reibungslose Verhältnis zum NS-Regime nicht noch zusätzlich durch eine über individuelle pastorale Bedürfnisse hinausgehende Militärseelsorge zu belasten, die den Krieg grundsätzlich hätte in Frage stellen können und auch müssen.

Konsequent beschäftigt sich Christian Gerlach trotz noch zahlreich vorhandener Materialien, die der Auswertung harren, mit den Kriegsverbrechen deutscher Fronttruppen in Weißrußland und erweitert die Täterforschung auf die meist jüngeren, schon im Nationalsozialismus sozialisierten Soldaten und Offiziere an der Front (S.89-114). Befehle zeigen ausdrücklich, daß die bisher als unbescholten geltenden Fronteinheiten unter dem Deckmantel der Partisanenbekämpfung an der massenhaften Vernichtung wehrloser Gegner beteiligt gewesen waren. Für Soldaten der Roten Armee stellte allein schon die Tatsache, gegen die Deutschen gekämpft zu haben, ein todeswürdiges Verbrechen dar. Auch an Judenverfolgungen in Weißrußland waren Truppeneinheiten der Wehrmacht beteiligt. Dennoch könne man hier nicht - wie dies Hannes Heer festgestellt hat - von einem "Vernichtungsprogramm der Wehrmacht" (S.100) sprechen. Beim Rückzug im Jahre 1944 wandten Fronteinheiten immer wieder die Strategie der "verbrannten Erde" an und machten zahlreiche Dörfer dem Erdboden gleich. Dabei kam es nicht selten vor, daß Befehle von oben auf der mittleren und unteren Ebene neu gedeutet und eigenmächtig erweitert wurden. Gerade hier müßte die Forschung noch intensiver ansetzen.

Hans-Walter Schmuhl fragt nach der Verantwortlichkeit der Wehrmacht gegenüber nichtjüdischen Verfolgungsgruppen. Welche Rolle spielte sie gegenüber den Massenmorden an psychisch Kranken und den "Zigeunern"? (S.115-139. Spätestens im Krieg, als immer mehr Soldaten mit schwersten Kriegsbeschädigungen nach Deutschland zurückkehrten, hätte sich auch die Wehrmacht mit der pervertierten Moral der Euthanisie auseinandersetzen müssen. Inwieweit dies geschah, wird im Schmuhls Beitrag nicht so recht deutlich. Proteste der Wehrmacht gegen die "Aktion T4" seien jedenfalls nicht laut geworden. Eine "Initiativfunktion" (S.126) der Wehrmacht sieht der Autor hingegen bei den Krankenmorden im besetzten Osteuropa nachweisen, ebenso hat die Wehrmacht an der Ausgrenzung der Sinti und Roma aus der Nazigesellschaft aktiv mitgewirkt. Seit Jahrhunderten war in der soldatischen Mentalität das Klischee vom "spionierenden Zigeuner" verbreitet gewesen. In Serbien war der aus Österreich stammende General Franz Böhme für die Deportation und Ermordnung tausender "Zigeuner" verantwortlich.

Den Band beschließen Karl Heinrich Pohls didaktische Schlußfolgerungen aus der Wehrmachtsausstellung. Während das Thema und die Hauptthese der Ausstellung von der aktiven Rolle der Wehrmacht in einem rassistischen Vernichtungskrieg unbestritten und die damit verknüpfte öffentliche Diskussion zu begrüßen sei, sei die didaktische Konzeption äußerst fragwürdig und sogar "besucherfeindlich" (S.154). Davon zeugen nicht nur die zu zahlreichen kleinformatigen Bilder mit zu viel Text, sondern überhaupt die medial monoton vermittelte, visualisierte Brutalität, die dem Beschauer nur noch den emotionale Möglichkeit von Trauer, Wut, Betroffenheit und Verdrängung läßt, ohne Anstöße zu weiterführenden Fragen geben. Unter diesen hermetischen Bedingungen ist der Aufbau einer eigenen argumentativen Position, die durchaus im partiellen Widerspruch zum Gezeigten stehen könnte, so gut wie unmöglich.

Man kann zu der Ausstellung stehen, wie man will; ihr Verdienst besteht in der Bewußtmachung einer unangenehmen, verdrängten Wahrheit in breiten Kreisen der Bevölkerung. Knapp eine Million Besucher zählte die Ausstellung in 32 Städten seit 1995. Ohne sie wäre nicht nur das hier vorgestellte Büchlein nicht erschienen Diese Fakten bleiben auch für die seriöse Wissenschaftsarbeit nicht ohne Folgen. Die bisher eine Mauerblümchenexistenz fristende Militärgeschichtsschreibung wird immer wichtiger, wenn es um die Bestimmung des Unrechtscharakters des NS-Regimes geht. Öffentliche Mittel für militärgeschichtliche Projekte im Zweiten Weltkrieg sind unter diesen Rahmenbedingungen ohne größeren Begründungsaufwand flüssig zu machen. Schließlich werden auch begrenzte Reichweiten der jüngsten Holocaustforschung deutlich gemacht: Wenn man erfährt, daß allein in der Sowjetunion weit über 20 Millionen Menschen - teils durch Epidemie, teils durch Hungersnöte aber nicht zuletzt durch Kriegsverbrechen von Wehrmachtseinheiten sowie der hinter der Front agierenden Einsatzgruppen - Opfer des Krieges wurden, erscheint die immer wieder vorgenommene analytische Trennung zwischen massenweise ausgehungerten oder massakrierten "Bolschewisten" und "slawischen Untermenschen" oder des im industriellen Fließbandverfahren umgesetzten Judenmordes kaum mehr gerechtfertigt zu sein. Der Begriff der "nationalsozialistischen Vernichtungspolitik" (Ulrich Herbert) muß - sowohl, was den Kreis der Täter, als auch der Opfer betrifft - weiter gefaßt werden.

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30.03.2000
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