M. Thießen (Hrsg.): Infiziertes Europa

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Titel
Infiziertes Europa. Seuchen im langen 20. Jahrhundert


Herausgeber
Thießen, Malte
Reihe
Historische Zeitschrift / Beihefte. Neue Folge 64
Erschienen
Anzahl Seiten
219 S.
Preis
74,95 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andrea Wiegeshoff, Seminar für Neuere Geschichte, Philipps-Universität Marburg

Die Ebola-Epidemie, die seit rund einem Jahr in Westafrika wütet, ist nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der schwerste Ausbruch dieser Krankheit seit der Entdeckung des Virus im Jahr 1976. Bisher sind bereits mehr Erkrankungen und Todesfälle registriert worden als bei allen vorherigen Seuchenausbrüchen zusammengenommen.[1] Wenngleich das Risiko in Deutschland gering ist, wecken die Nachrichten und Bilder auch hierzulande Ängste sowie Sorge um die Reaktionsfähigkeit der zuständigen Einrichtungen. So musste die Bundesregierung Anfang Oktober 2014 im Bundestag unter anderem Auskunft über die Anzahl der auf Sonderisolierstationen verfügbaren Betten geben.[2] Die Epidemie hat einmal mehr in die öffentliche Erinnerung gerufen, dass hochansteckende Infektionskrankheiten nach wie vor lebensbedrohliche Herausforderungen sind, die sich schlimmstenfalls zu globalen Pandemien ausweiten können.

Der Geschichte solcher Herausforderungen im 20. Jahrhundert widmet sich nun ein von Malte Thießen herausgegebener Sammelband, der auf eine Oldenburger Tagung aus dem Jahr 2012 zurückgeht.[3] Epidemien sind kein neuer Gegenstand für die Geschichtswissenschaft. Gerade die englischsprachige Forschung hat eine lange Tradition der Befassung mit Krankheit und Gesundheit im Allgemeinen sowie Epidemien im Besonderen. Es gibt ein Reservoir an Überblicksdarstellungen, (Regional-)Studien zu einzelnen Epidemien oder bestimmten Problemen in der Geschichte von Krankheiten und eher theoretisch-methodischen Auseinandersetzungen mit der Medizingeschichte.[4] Für die Neueste Geschichte ist zum 19. Jahrhundert viel gearbeitet worden; aber ebenso gibt es Studien über Epidemien des 20. Jahrhunderts.[5] Allerdings – und das konstatiert der Herausgeber ganz zurecht – ist das Potential einer Beschäftigung mit Epidemien von der Zeitgeschichtsforschung noch nicht systematisch erschlossen worden. Das mögliche Forschungsterrain und die „Perspektiven für eine europäische Sozial- und Kulturgeschichte“ (S. 7) steckt Thießen in seinen einleitenden Überlegungen souverän ab. Im Mittelpunkt steht nicht die Geschichte der Krankheiten an sich, sondern die Epidemie als „Seismograph des Sozialen“ (S. 13). Thießen zeigt schlaglichtartig auf, wie Epidemien als Suchscheinwerfer auf ganz grundlegende Fragen und Entwicklungen des 20. Jahrhunderts genutzt werden können. So vermag ihre Untersuchung Aufschluss zu geben über soziale Ordnungsvorstellungen, deren Aushandlung und Wandelbarkeit. Der Begriff „Seuchen“ im Untertitel des Bandes verweist wiederum auf angstgeleitete Assoziationen und damit auf die Wahrnehmung und die Emotionsgeschichte der Krankheiten.

Ganz in diesem Sinne eint die Beiträge des Sammelbandes, die Epidemien von der Syphilis über Grippe, Malaria und Polio bis hin zu AIDS behandeln, dass sie Fragen nachgehen, die über eine Medizingeschichte im engeren Sinne konsequent hinausweisen. Geographischer Schwerpunkt der Aufsätze ist Europa; zeitlich bewegen sie sich im ‚langen‘ 20. Jahrhundert. Diese Ausweitung der Epoche der Zeitgeschichte ist sinnvoll, weil relevante Vorgänge, wie etwa die Medikalisierung europäischer Gesellschaften, bereits im 19. Jahrhundert eingesetzt haben. Schließlich fällt auf, dass die Beitragenden ähnliche Zugriffe wählen – zum Teil in Kombination: emotions- und wissensgeschichtliche Ansätze sowie den historischen Vergleich, verbunden mit der Analyse von Transferprozessen.

Jörg Vögele beschäftigt sich mit verschiedenen Zugängen zur Geschichte von Epidemien und plädiert mit guten Argumenten für eine zeitgeschichtliche Erweiterung des Konzepts des epidemiologischen Übergangs, mit dem der Wandel von Krankheitsbildern und Todesursachen beschrieben wird (vor allem der Rückgang tödlicher Epidemien und die Verbreitung chronischer Erkrankungen). Angesichts „der Zunahme neuer oder des Wiederauftretens längst besiegt geglaubter Infektionskrankheiten“ (S. 33) schlägt Vögele vor, die Periodisierung um eine neue Phase zu ergänzen und die Spezifik zeitgeschichtlicher Entwicklungen herauszuarbeiten. Dies tut er nicht zuletzt mit Verweis auf eine Emotionsgeschichte von Epidemien, deren Eigengesetzlichkeit ernstgenommen werden sollte.

Seuchengeschichte als Gefühlsgeschichte schreiben auch Bettina Hitzer und Wilfried Witte in ihren Beiträgen. Hitzer untersucht am Beispiel von Grippe und Krebs als „Seuche der Gegenwart“ (S. 138) die Bedeutung von Gefühlen in den gesellschaftlichen Debatten über Krankheiten sowie unterschiedliche Angstkonjunkturen. Ob eine Ausdehnung des Seuchenbegriffs auf Krebs sinnvoll ist, sei dahingestellt. Ein Vergleich unterschiedlicher Krankheitsarten fördert jedoch interessante Erkenntnisse zutage. So weist Hitzer nach, wie sich das „emotional regime“ (S. 144) in der Bundesrepublik änderte und Ängste in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend als legitim toleriert wurden. Die uns heute so vertraute Furcht vor pandemischen Wellen mutierter Grippeerreger ist ein relativ junges Phänomen der 1990er-Jahre – so arbeitet Witte in seinem Aufsatz über „Deutungen der Spanischen Grippe im 20. Jahrhundert“ heraus. Eine wesentliche Rolle für diese neue „Kultur der Angst“ (S. 194) spielte die wissenschaftliche Forschung, die die Spanische Grippe nunmehr als einen Modellfall sah, auf dessen Wiederkehr sich staatliche Gesundheitssysteme vorbereiten müssten.

Die Beiträge von Malte König und Henning Tümmers verbinden einen emotionsgeschichtlichen Ansatz mit demjenigen einer Vergleichs- und Verflechtungsgeschichte. König untersucht am deutsch-französischen Beispiel die Angst vor der Syphilis und die Deutungen dieser Geschlechtskrankheit in der Zeit von 1880 bis 1940. Er zeigt, dass die Syphilisangst in Frankreich wesentlich präsenter war. Vorstellungen eines Bevölkerungsrückgangs sowie einer drohenden Degeneration durch die – so sahen es französische Wissenschaftler – erbliche Krankheit waren hier wirkmächtiger als in Deutschland und beeinflussten etwa die entsprechende Gesetzgebung. Tümmers schreibt am Beispiel von AIDS ein überzeugendes Stück deutsch-deutscher Beziehungsgeschichte. Zwischen der DDR und der Bundesrepublik kam es in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre zu einem regen Austausch über den Umgang mit der neuen Krankheit. Für die Gesellschaften beider Staaten vermutet Tümmers in der Furcht vor AIDS einen Moment der Verbundenheit über die Systemgrenze hinweg.

Ebenfalls vergleichend und mit besonderer Aufmerksamkeit für Transferprozesse argumentieren die Beiträge von Ulrike Lindner und Matthias Braun. Lindner untersucht die nationalen und regionalen Unterschiede im Umgang mit Epidemien in Europa nach 1945. Sie zeigt, wie stark die Fähigkeit, Krankheiten wirksam zu bekämpfen, eine Prestigefrage in der Staatengemeinschaft war, vor allem im Ost-West-Konflikt. Unterschiedliche Gesundheitspolitiken erklären sich zudem aus nationalen und lokalen Traditionen, die durchaus im Spannungsverhältnis zum grenzüberschreitenden Charakter der Probleme stehen konnten. Auch Braun betont in seiner Analyse des Umgangs mit Malaria in den USA, Italien und der Sowjetunion in der Zwischenkriegszeit das Zusammenspiel von nationalen Gegebenheiten und der internationalen Ebene ideologisch-weltpolitischer Konkurrenz.

Einen wissensgeschichtlichen Zugang verfolgt Thomas Steller in seinem Beitrag über die Popularisierung von Seuchenwissen durch Wanderausstellungen des Deutschen Hygiene-Museums in den 1920er-Jahren. Diese Ausstellungen zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten waren ein Publikumsmagnet; ihre inhaltliche Botschaft zielte auf die Stärkung der ärztlichen Deutungsmacht und der individuellen Urteilskraft durch Information und Aufklärung.

Eine „Zwischenbilanz“ zum Verhältnis von Seuchengeschichte und Zeitgeschichte rundet den Band ab. Axel Schildt systematisiert die Frage nach der Anschlussfähigkeit für zeitgeschichtliche Arbeiten und kann sich dabei auch auf konkrete Anregungen aus den Beiträgen stützen. Er begreift Epidemien als ein wiederkehrendes Begleitphänomen des 20. Jahrhunderts, das sehr grundsätzliche Fragen des gesellschaftlichen und individuellen Lebens anspricht, und verweist auf vielversprechende, weiterführende Forschungsfelder – etwa an der Schnittstelle verschiedener Disziplinen, mit Blick auf medien- und kulturgeschichtliche Ansätze oder medizin- und wissenschaftsgeschichtliche Zugänge. Insofern empfiehlt sich dieser gelungene, leider viel zu teure Sammelband nicht allein als Übersicht zu aktuellen Forschungstendenzen, sondern vielmehr als überzeugender, anregender Ruf nach weiterer Arbeit auf dem Gebiet der Seuchengeschichte.

Anmerkungen:
[1] Vgl. World Health Organization, Ebola virus disease, September 2014, <http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs103/en/> (26.01.2015).
[2] Vgl. Reaktionen der Bundesregierung auf die Ebola-Epidemie in Westafrika, Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Niema Movassat, Heike Hänsel, Jan van Aken, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE, Deutscher Bundestag, Drucksache 18/2735, 18. Wahlperiode, 06.10.2014, <http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/18/027/1802735.pdf> (26.01.2015).
[3] Vgl. den Bericht von Britta-Marie Schenk, in: H-Soz-Kult, 24.04.2012, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4205> (26.01.2015).
[4] Nur beispielhaft sei verwiesen auf Mark Harrison, Disease and the Modern World, Cambridge 2004; Peter Baldwin, Contagion and the State in Europe, 1830–1930, Cambridge 1999; Frank Huisman / John Harley Warner (Hrsg.), Locating Medical History, Baltimore 2004; Wolfgang Uwe Eckart / Robert Jütte, Medizingeschichte. Eine Einführung, 2. Aufl., Köln 2014; Richard Evans, Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830–1910, Reinbek bei Hamburg 1990.
[5] Vgl. etwa für HIV/AIDS Peter Baldwin, Disease and Democracy. The Industrialized World Faces AIDS, Berkeley 2005; Steven Epstein, Impure Science. AIDS, Activism, and the Politics of Knowledge, Berkeley 1996.