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Titel
Pipelineboom. Internationale Ölkonzerne im westdeutschen Wirtschaftswunder


Autor(en)
Bader-Gassner, Miriam A.
Reihe
Wirtschafts- und Sozialgeschichte des modernen Europa / Economic and Social History of Modern Europe 3
Erschienen
Baden-Baden 2014: Nomos Verlag
Anzahl Seiten
342 S.
Preis
€ 69,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ute Hasenöhrl, Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie, Universität Innsbruck

Als Heiz-, Treib- und Schmierstoff ist Mineralöl eine der Antriebskräfte der modernen Industriegesellschaften des 20. Jahrhunderts. Vor allem seit den späten 1950er-Jahren stiegen Produktion und Konsum des Erdöldestillats stark an – bereits 1961 verbrauchten die Privathaushalte in der alten Bundesrepublik mengenmäßig mehr Mineralöl als Steinkohle, die Industrie folgte 1964. Der zunehmende Hunger nach Mineralölprodukten brachte erhebliche logistische Herausforderungen mit sich, stieß die bisherige Distribution über den Straßentransport doch rasch an ihre Grenzen. Den 1958 einsetzenden „Pipelineboom“ und die mit ihm verbundenen Interessenkonflikte zeichnet Miriam A. Bader-Gassner am Beispiel zweier transnationaler Ölleitungen nach – der Central European Line (CEL) bzw. der Transalpine Pipeline (TAL) von Genua bzw. Triest nach Ingolstadt –, die den aufstrebenden bayerischen Markt von Italien aus erschließen sollten.

Im Mittelpunkt der im Rahmen des Göttinger Graduiertenkollegs „Interdisziplinäre Umweltgeschichte“ entstandenen Dissertation stehen die Aushandlungsprozesse zwischen Mineralölkonzernen, Politik und Bevölkerung beim Aufbau einer neuen technischen Infrastruktur. Als Mikrogeschichte der zwei wichtigsten Bauprojekte angelegt, beleuchtet Bader-Gassner zum einen die sich ändernden Machtkonstellationen auf dem internationalen Ölmarkt, zum anderen diskutiert sie den wachsenden Einfluss der betroffenen Kommunen und der lokalen Bevölkerung bei der Realisierung infrastruktureller Großprojekte in den 1960er-Jahren. Damit verbindet die Autorin zwei bisher weitgehend separate Forschungsstränge der Umwelt- und Wirtschaftsgeschichte – zum gesellschaftlichen Umgang mit Energieinfrastrukturen (bislang vorwiegend anhand von Atomkraft, Wasserkraft, Kohle sowie Elektrizität verhandelt) sowie zur Ölpolitik der Nachkriegszeit –, die in den letzten Jahren auch im Zuge der Debatte um die „Energiewende“ einen kleinen Boom erfahren haben[1]. Mit ihrem Fokus auf dem Pipelinebau greift Bader-Gassner einen bislang weitgehend unbeachtet gebliebenen Aspekt auf, der auf verschiedenen räumlichen Ebenen Einsichten in die Mechanismen und Funktionsweisen vor Energiewirtschaft und -politik ermöglicht.

Die Arbeit beginnt mit einer Skizze des Energie- und Ölmarkts sowie des Stands der Pipelinetechnik in den 1950er-Jahren, diskutiert dann allgemein die Rolle von Staat und Mineralölunternehmen, bevor im zweiten Teil die beiden Fallstudien detailliert ausgebreitet werden. In den USA bereits seit dem späten 19. Jahrhundert eine etablierte Technologie, kam der Pipelinebau in Europa erst mit dem Wirtschaftsaufschwung der Nachkriegszeit – und dem damit verbundenen steigenden Energie- und Ölverbrauch – in Fahrt. Die Initiative ging von der Mineralölindustrie selbst aus, die sich durch ein Netz aus Rohrleitungen und Raffinerien einen möglichst effizienten Vertrieb ihrer Produkte in den Verbrauchszentren sowie durch die Schaffung oligopolistischer Strukturen eine Stärkung ihrer Marktmacht erhoffte. Neben etablierten Majors wie den sogenannten „Sieben Schwestern“ [2] strebten dabei auch Newcomer wie die 1953 gegründete italienische Staatsholding ENI (Ente Nazionale Idrocarburi) nach einem Stück vom Kuchen. Bader-Gassner zeigt den – freilich eher moderaten – Wandel des Ölmarkts in den 1960er-Jahren: Dominierten die Majors 1963 64 Prozent des europäischen Mineralölmarktes, sank ihr Anteil aufgrund neuer Akteure auf 60 Prozent im Jahre 1970 (S. 53). Der ENI gelang es dabei allerdings, sich mit der Projektierung der beiden transalpinen Pipelines als ernstzunehmender Konkurrent und Partner der „Sieben Schwestern“ im süddeutschen Raum zu etablieren.

Eines der interessantesten Ergebnisse des Buches betrifft die Rolle des Staates im „Pipelineboom“. Im Gegensatz zu anderen netzgebundenen Infrastrukturen wie Wasserversorgung, Abwasserentsorgung, Verkehr oder Elektrizität überließ der deutsche Staat den Aufbau und Betrieb der Erdölleitung überwiegend dem privatwirtschaftlichen Engagement ausländischer Großkonzerne. Begründet wurde diese Zurückhaltung einerseits mit der höchstens indirekten Nachfrage der Bürger nach Mineralölprodukten (das Rohöl sei vielmehr für die Raffinerien der Ölkonzerne selbst bestimmt), andererseits mit der wirtschaftlichen Rentabilität der Pipelines für die Privatunternehmen, die ein Eingreifen des Staates unnötig mache. Gegenläufige Konzepte – etwa von Seiten der Bundesbahn, die Interesse an einem Engagement im Pipelinebau zeigte, oder des Bundesministeriums für Verkehr, das eine Konzessionierung oder Besteuerung der Rohrleitungen vorschlug – scheiterten am Widerstand des Wirtschaftsministeriums. Besonders umstritten waren Art und Ausmaß einer gesetzlichen Reglementierung. Im Gegensatz zu anderen Ländern wie den USA, Kanada oder Großbritannien verzichtete die Bundesrepublik bis zur Verabschiedung des „Gesetzes über die Anzeige der Kapazitäten von Erdöl-Raffinerien und von Erdöl-Rohrleitungen“ im Juni 1965 auf den Erlass spezifischer gesetzlicher Vorschriften. Nachdem sich zu diesem Zeitpunkt bereits sämtliche Vorhaben zumindest in der Bauphase befanden, konnte die hiermit eingeführte Meldepflicht für Rohrleitungen keine Wirkung mehr entfalten. Der Pipelinebau war damit bis zur Rohrfernleitungsverordnung von 2002 im Wesentlichen dem freien Markt überlassen – mit entsprechend weitreichenden Entscheidungs- und Handlungsfreiheiten der Mineralölunternehmen.

Wir Bader-Gassner herausarbeitet, bedeutete dies jedoch keine carte blanche. Obwohl speziell der bayerische Wirtschaftsminister Otto Schedl die Projekte grundsätzlich unterstützte, vermochten die betroffenen Gemeinden den Pipelinebau mit Hilfe des Wasserhaushaltsgesetzes um mehrere Jahre zu verzögern sowie Modifikationen der Linienführung und Sicherheitstechnik durchzusetzen. Die beiden Fallstudien zu CEL und TAL bilden das Herzstück der Publikation. Auf Basis umfangreicher Quellenstudien in Unternehmens- und Staatsarchiven zeichnet die Autorin minutiös die langwierigen Aushandlungsprozesse zwischen den Akteuren in den Genehmigungsverfahren nach. Beide Projekte lösten heftige Proteste gegen eine mögliche Gewässerverunreinigung von Boden- bzw. Chiemsee aus, die neue gesetzliche Regelungen (Änderung des Wasserhaushaltgesetzes mit der „Lex ENI“ 1964) sowie einen zähen Gutachterstreit um Sicherheitsauflagen und Haftungsfragen nach sich zogen. Um eine Kostenexplosion wegen fortdauernder Verzögerungen zu vermeiden, sah sich die ENI im Fall der von ihr allein projektierten CEL zu erheblichen Zugeständnissen gezwungen. Als eine Schlussfolgerung aus diesen Erfahrungen strebte sie bei der TAL daher für Bau und Betrieb der Pipeline ein Konsortium mit den „Sieben Schwestern“ an – und vermochte trotz Vorbehalten der Majors gegenüber dem italienischen Newcomer schließlich eine Kooperation zu erreichen. Hinsichtlich des Gewässerschutzes waren die Lernprozesse zwiespältiger. Erneut kam es zu langwierigen Debatten um Sicherheitsmaßnahmen und Haftungsfragen. Jedoch suchten die Unternehmen hier frühzeitig die Kooperation mit den Behörden und forcierten den Pipelinebau zudem durch die Schaffung vollendeter Tatsachen. Angesichts der Marktmacht der „Sieben Schwestern“ gelang es diesen zudem, bei der TAL eine geringere Haftungsübernahme durchzusetzen.

Bader-Gassner verdeutlicht in ihrer Studie zum Pipelinebau die Einflussmöglichkeiten – aber auch die Grenzen – einer politisch engagierten Gesellschaft sowie die Bedeutung, die Umwelt- und Naturschutzaspekte schon vor der ökologischen „Wende“ der 1970er-Jahre besaßen. Insbesondere arbeitet sie die Ursprünge des Vorsorge-, Verursacher- und Kooperationsprinzips in den Debatten um das Wasserhaushaltsgesetz heraus. Dabei stellt sie die interessante These auf, dass sich ein „Bewusstsein für ‚unwahrscheinliche Störfälle‘“ bereits in diesen Konflikten und nicht erst in den Auseinandersetzungen um die Kernenergie herausbildete (S. 316f.). Dagegen vermag ihre leitende These, dass die Betreibergesellschaften Auflagen ablehnend gegenüberstanden, die zusätzliche Kosten verursachten, wenig zu überraschen.

Bader-Gassners Studie zum „Pipelineboom“ im bundesdeutschen Wirtschaftswunder ist eine Fundgrube für alle, die Detailinformationen zu Verfahrensabläufen und Strukturen des Mineralölsektors suchen. Aufgrund ihrer fast protokollhaften Genauigkeit gestaltet sich die Lektüre der Fallstudien für den allgemein interessierten Leser allerdings mitunter eher mühsam – Durchhaltevermögen ist gefragt, um im Hin und Her der Genehmigungsverfahren nicht den roten Faden zu verlieren. Eine stärkere Konzentration aufs Wesentliche sowie die Vermeidung von Wiederholungen wäre hier nützlich gewesen. Dagegen vermisst man an anderer Stelle Informationen: Beispielsweise muss man bis Seite 46 warten, um zu erfahren, wer sich hinter den ominösen, bereits auf Seite 15 erstmals erwähnten „Sieben Schwestern“ verbirgt; den Graphiken zum Brutto-Inlandsverbrauch an Primärenergie können keine konkreten Zahlen entnommen werden (S. 34f.). Österreich und die Schweiz als Transitländer der Pipelines bleiben in Vergleich zur Bundesrepublik und Italien unterbelichtet. Vielversprechend wäre ferner gewesen, die empirischen Ergebnisse der Arbeit stärker auf ihre theoretischen Implikationen zu befragen, etwa mit Blick auf Errichtung und Betrieb technischer Infrastrukturen. Dennoch liest man das Buch mit Gewinn. Speziell Bader-Gassners Ausführungen zur „Pfadfinderrolle der Rohölpipelines“ (S. 316) für die Entwicklung eines Umweltbewusstseins sowie für die Verrechtlichung des Infrastruktur- und Umweltbereichs verdienen breite Beachtung.

Anmerkungen:
[1] Christopher F. Jones, Routes of Power. Energy and Modern America, Cambridge, Mass. 2014; Rüdiger Graf, Öl und Souveränität. Petroknowledge und Energiepolitik in den USA und Westeuropa in den 1970er-Jahren, Berlin u.a. 2014; Brian C. Black, Crude Reality. Petroleum in World History, Lanham 2012; Timothy Mitchell, Carbon Democracy. Political Power in the Age of Oil, London 2011; Alain Beltran (Hrsg.), A Comparative History of National Oil Companies, Brüssel 2010.
[2] Standard Oil Company of New Jersey (Jersey/Esso), Standard Oil Company of New York (Socony/Mobil), Standard Oil Company of California (Socal), Texas Oil Company (Texaco), Gulf Oil, Royal Dutch/Shell, British Petroleum (BP).

Redaktion
Veröffentlicht am
03.09.2015
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