S. Karner u. a. (Hrsg.): Der Kreml und die "Wende" 1989

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Titel
Der Kreml und die "Wende" 1989. Interne Analysen der sowjetischen Führung zum Fall der kommunistischen Regime. Dokumente


Herausgeber
Stefan, Karner; Kramer, Mark; Ruggenthaler, Peter; Wilke, Manfred; Bezborodov, Alexander u.a.
Reihe
Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung 15
Erschienen
Innsbruck 2014: StudienVerlag
Anzahl Seiten
708 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ilko-Sascha Kowalczuk, Abt. Bildung und Forschung, Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU)

Obwohl die Umbrüche, Zusammenbrüche, Reformen, Revolutionen und Konterrevolutionen im kommunistischen Ostblock erst wenige Jahre zurückliegen und Auswirkungen bis in die Gegenwart allerorten zu verzeichnen sind, zählen die Vorgänge von 1989/91 in der Historiographie bereits zu den besonders intensiv erforschten und diskutierten Ereignissen des 20. Jahrhunderts. Allein die weltweite Forschungsliteratur ist kaum noch für einen einzelnen zu überblicken. Die Verarbeitung in der Belletristik, in Filmen oder Autobiographien kommt hinzu und machte einen solchen Anspruch restlos zunichte. Vor diesem Hintergrund ist es zu begrüßen, wenn Publikationen vorgelegt werden, die etwas Ordnung und Übersicht in das historische Durch-, Gegen- und Miteinander bringen. Auch wenn der vorliegende Dokumentenband diesen Anschein zunächst gar nicht erweckt, so ist es gerade diese Leistung – einen Überblick zu ermöglichen –, die zu würdigen ist.

Im Zentrum des Bandes stehen etwas mehr als 100, fast durchweg sowjetische Dokumente. Im Kern handelt es sich dabei um Ausarbeitungen für Michael Gorbatschow, Eduard Schewardnadse, um Reden von Gorbatschow oder um Mitschriften solcher, um Beschlüsse der Parteiführung, Tagebucheinträge sowie um Berichte sowjetischer Botschaften aus Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, der DDR und der ČSSR. Die Dokumente Nummer 1–30 stammen aus dem Zeitraum 18. Februar 1985 bis 28. Dezember 1988, die restlichen aus dem Jahr 1989. Fast alle Dokumente werden erstmals auf Deutsch veröffentlicht, einige waren zuvor bereits in russischen oder englischsprachigen Editionen enthalten.

Die Dokumente gewähren einen Einblick, wie die Moskauer Führung unter Gorbatschow die Vorgänge im eigenen Land, aber auch in Osteuropa und in China wahrnahm. Deutlich wird einmal mehr, dass Gorbatschow eine Modernisierung der UdSSR und des RGW-Raumes anstrebte, er frühzeitig von der Option Abstand nahm, in die Entwicklungen anderer Staaten militärisch einzugreifen und er zugleich noch im Herbst 1989 es für kaum vorstellbar hielt, dass der Sozialismus in der UdSSR oder einem Ostblockstaat zur Disposition stehe. Das sah er offenbar noch nicht einmal nach den halbfreien Wahlen in Polen, nach den Wahlankündigungen in Ungarn und dem Mauerfall in Ost-Berlin. Am 18. November 1989 hat dann Schewardnadse laut einem Tagebucheintrag seines Beraters gesagt, dass die DDR der Garant der Sicherheit sowohl der UdSSR wie auch des gesamten Ostblocks sei (S. 514). Die bisherige Ordnungspolitik schien auf dem Kopf zu stehen, garantierte doch die UdSSR bisher den Bestand der DDR, nun aber sah die sowjetische Führung, dass ein Ausbrechen der DDR das gesamte System zusammenbrechen lassen könnte. Egon Bahr versicherte wenige Tage später der sowjetischen Führung, er würde alles unternehmen, damit es dazu nicht käme (Dokument 85).

Wenn viele Dokumente auch Gorbatschow als traditionellen Leninisten kennzeichnen, so zeigen viele zugleich auch seinen mutigen Veränderungswillen, seinen klaren Realismus, seinen ungeschönten Blick auf die Verhältnisse und auch seinen erstaunlichen Lernprozess. So sträubte er sich bis zum Dezember 1989, die immer wieder aufgeworfene Frage nach einer Entschuldigung für den Einmarsch 1968 in die ČSSR offensiv anzugehen. Aber gerade durch seine intensiven Kontakte mit Spitzenpolitikern in England, den USA, der Bundesrepublik und Frankreich ist ihm im Laufe seiner Amtszeit immer deutlicher geworden, dass gerade die Invasionen von 1956 und 1968 im Westen dauerhaft zu Misstrauen gegenüber der UdSSR geführt hatten und dort solche militärischen Maßnahmen als neuerlich denkbar galten. Daher verurteilte Gorbatschow die Niederschlagung der chinesischen Demokratiebewegung auch aus zwei Gründen. Zum einen sah er darin kein taugliches Mittel, China zu modernisieren. Zum anderen aber kritisierte er, dass der Kommunismus wieder nur westliche Vorbehalte bestätigt habe: im Zweifel würden die kommunistischen Machthaber in Peking, Moskau oder Ost-Berlin Panzer auffahren und Menschen niederwalzen lassen. Insofern bedeutete das Massaker in Peking in Gorbatschows Augen auch einen neuerlichen Imageverlust für die sozialistischen Staaten insgesamt.

Für die Außenpolitik Gorbatschows aufschlussreich sind wiederum jene Dokumente, die sich mit dem Truppenabzug aus Afghanistan beschäftigen und die die Abrüstungsmaßnahmen Gorbatschows betreffen. Er spricht intern aus, was viele sahen: die Abrüstung folgte einem enormen wirtschaftlichen und finanziellen Druck und war gleichfalls Teil der Strategie, den bevorstehenden Regimekollaps abzuwenden. Und die „einseitige Abrüstung“ fiel auch nicht sonderlich schwer, da Moskau weniger Truppenkontingente aus der DDR und anderen Staaten abzog als der Warschauer Vertrag der NATO statistisch überlegen war.

Interessant an dieser Edition sind auch jene Dokumente, die den Riss zwischen Moskau, Warschau, Budapest einerseits und Ost-Berlin, Prag, Bukarest andererseits am Ende der 1980er-Jahre offenbaren. Gorbatschow lehnte besonders Ceauşescu ab, den er als einfältig und diktatorisch bezeichnete. In den Botschafterberichten wiederum werden Länderprofile gezeichnet, die einen Einblick in die vornehmlich wirtschaftliche Problemlage der einzelnen Ostblockstaaten ermöglichen. Man hätte allerdings erwarten dürfen, dass solche Dokumente nach wissenschaftlichen Editionsprinzipen kommentiert werden, so dass die Leserschaft zum Beispiel schnell erfassen kann, ob die wiedergegebenen Zahlen und Statistiken in den sowjetischen Dokumenten auch mit belastbaren Wirtschafts- und Finanzkennziffern der betrachteten Staaten übereinstimmen. Leider haben die Herausgeber nur in seltenen Fällen wissenschaftliche Kommentare angebracht, so dass das Dokumentenkonvolut erstens unter einer fehlenden wissenschaftlichen Einordnung und zweitens auch darunter leidet, dass die Auswahlkriterien völlig unklar bleiben. Es ist keine Frage, dass diese Dokumente höchst interessant und aufschlussreich sind. Aber das Zustandekommen des Konvoluts hätte schon eine Begründung verdient. So bleibt der Eindruck einer gewissen willkürlichen Auswahl.

Das lässt sich an einem Beispiel illustrieren: In der sehr informativen und breit angelegten Einleitung betonen die Herausgeber, dass Gorbatschow die militärische Niederschlagung der Demonstrationen in Georgien im April 1989 weder veranlasst noch zuvor davon gewusst habe. Das ist, vorsichtig ausgedrückt, auch Gorbatschows Sicht der Dinge. Nun drucken die Herausgeber dazu zwei Dokumente ab, die das beweisen sollen: eines vom Verteidigungsrat Georgiens, und ein zweites Dokument ist ein Tagebucheintrag eines Beraters von Schewardnadse. Beide sind sehr interessant, aber sie haben mit Gorbatschows und Moskaus Verantwortung nichts zu tun, weil es um andere Fragen geht. Auch machtstrukturell sind beide Dokumente gänzlich ungeeignet, die Frage zu erörtern, ob und worin genau Gorbatschows Verantwortung lag. Immerhin agierten dort Truppen des sowjetischen Innenministeriums und der sowjetischen Armee. Und auch die Herausgeber wissen, dass im April 1989 der „demokratische Zentralismus“ noch funktionierte, an dessen Spitze der Kremlherrscher stand. Dass dieser im Übrigen wie Lenin, Stalin oder Breshnew über keinerlei demokratische Legitimation verfügte, kommt „natürlich“ auch nicht zur Sprache.

Das Beispiel Georgiens ist nicht untypisch, weil die Herausgeber Gorbatschow insgesamt wie einen Säulenheiligen behandeln. Dass er noch im Oktober 1989 polnische Oppositionelle wie Adam Michnik und Bronislaw Geremek sowie die Opposition im eigenen Land abschätzig beurteilte (S. 482) und das sein Demokratieverständnis kennzeichnet, wäre nur eines von vielen Beispielen, die geeignet wären, Gorbatschow und seine Politik weniger glorifizierend und stärker historisierend zu betrachten. Das gelingt auch deshalb nicht, weil die Edition ebenso wie die Einleitung fast durchweg auf staatspolitisches Handeln abhebt und die Gesellschaft nicht als vielgliedriges handelndes Subjekt vorkommt, sondern immer nur in der Perzeption der Machthabenden. Das ist bei denen durchaus nachzuvollziehen, sollte aber von Historikern gebrochen werden. Wenn es etwa um die nationalistischen Konflikte in Rumänien, zwischen Rumänien und Ungarn oder in Bulgarien geht, hier alles mit interessanten Dokumenten belegt, dann wäre es nicht unangemessen, auch die Perspektive der Betroffenen einzubeziehen. Daran hatten die kommunistischen Machthaber in Bukarest, Sofia oder Moskau kein Interesse, aber genau das zu thematisieren, hätte den Wert dieser Edition nicht gesenkt.

Ein Fazit zu ziehen ist nicht ganz einfach. Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten gibt es eine Reihe von Kritikpunkten, die sich auch auf ein fehlendes Literaturverzeichnis (weshalb so manche Anmerkung etwas unfertig bleibt) oder unübersichtliche und etwas wahllos zusammengestellte „Biographische Skizzen“ beziehen. Die oben genannten Anmerkungen freilich wiegen weitaus schwerer. Aber unter rein inhaltlichen Gesichtspunkten, im Vergleich zu anderen Editionen und nicht zuletzt unter der Maßgabe, dass sich der Band allein an Spezialisten wendet, die die Dokumente für eigene Forschungen benutzen und demzufolge auf das übliche wissenschaftliche Beiwerk verzichten können, sticht er unter den vielen Publikationen deutlich hervor. Zwar mögen die Herausgeber andere Ansprüche gehabt haben – sonst hätten sie die Dokumente auch als Faksimile auf den Institutsseiten ins Netz stellen können! –, aber vielleicht erfüllen diese sich im Konzert mit den drei angekündigten Tagungsbänden. Und eventuell kommen dann auch die Gesellschaften stärker zum Tragen, denn das war nun gerade das Prägende an den Vorgängen 1989/91: es waren von den Gesellschaften getragene Prozesse, die sowohl die kommunistischen Funktionäre einschließlich Gorbatschow als auch die westlichen Politiker vor sich her trieben. In diesem Band kommt die Selbstsicht der Funktionäre und Politiker zum Tragen, nämlich Steuermänner gewesen zu sein. Das waren sie aber für einen interessanten historischen Moment gerade nicht.

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26.03.2015
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