M. Noa: Volkstümlichkeit und Nationbuilding

Titel
Volkstümlichkeit und Nationbuilding. Zum Einfluss der Musik auf den Einigungsprozess der deutschen Nation im 19. Jahrhundert


Autor(en)
Noa, Miriam
Reihe
Populäre Kultur und Musik 8
Erschienen
Münster 2013: Waxmann Verlag
Anzahl Seiten
374 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sven Oliver Müller, Department of History and Civilization, European University Institute, Florenz

Im 19. Jahrhundert war „die Nation“ auch bei den bildungsbürgerlichen Musikfreunden in den dreisprachigen Staaten und Städten in aller Munde. Bereits vor der Reichseinigung 1871 ist eine allmähliche Bewertung der Musik in nationalistischen Kategorien zu beobachten, die wenig über die Stücke selbst aber einiges über den Aufstieg des Nationalismus verrät. Nicht allein in der Oper oder in den großen Chorwerken lässt sich geradezu eine Nationalisierungswelle feststellen. Das Individuum trat hinter der nationalen Historie zurück. Je nach Anlass, Auftraggeber oder der jeweiligen politischen Konstellation wurde die eigene Vergangenheit idealisiert, der Herrschaftsanspruch einer Dynastie legitimiert oder die Herkunft der eigenen Ethnie verklärt. Das Ziel dieser vertonten Nationalmythen bestand letztlich darin, Vergangenheit in Legitimität umzumünzen. „Nationale“ Musik entstand als Ausdruck des politisch motivierten Bedürfnisses, Musik zur Sinnstiftung zu nutzen. Das Beste der eigenen Kulturtradition begriffen namentlich die bürgerlichen Eliten als „national“. Dazu musste die Musik umgedeutet oder gleich neu geschaffen werden. Diese „Erfindung“ nationaler Traditionen erfolgte keinesfalls aus dem kulturellen Nichts, sondern stellte vor allem eine kreative Umwertung und Neuordnung vorhandener Wissensbestände und bestehender sozialer Praktiken dar.

Auf diesen Kontext bezieht sich die vorliegende musikwissenschaftliche Studie von Miriam Noa. Die Verfasserin fragt danach, wie musikalische und literarische Schriften den Glauben an ein deutsches Volk im 19. Jahrhundert verstärkten und inwieweit sie dem gesellschaftlichen Einigungsprozess einer deutschen Nation dienten. Ihren Blick richtet sie auf die Sammlungen von Volkspoesie, die Text- und Liedüberlieferungen, die daraus sich entwickelnde Volkskunde und die politischen Debatten. Im ersten Teil der Arbeit geht es um die „neuen Hinwendungen zu den Grundschichten des Volkes“ (S. 9) um die Diskurse von Intellektuellen wie Johann Gottfried Herder, Wilhelm Heinrich Riehl und Theodor Hagen.

Im zweiten Teil stellt die Verfasserin die entstehenden Sammlungen von Volkspoesie in den Mittelpunkt der Untersuchung. Zunächst geht es um die berühmten Bestände aus dem „Mildheimischen Liederbuch“, „des Knaben Wunderhorn“ und die Arbeiten der Brüder Grimm. Ausgewertet wurden zudem rund 200 deutschsprachige Gebrauchsliederbücher zwischen 1806 und 1870/71 und deren Verbreitung auf dem Gebiet des späteren Deutschen Kaiserreichs. Bestände aus Österreich haben sich offenbar weniger gut erhalten. Diese Jahre markieren militärische und kulturelle Wendepunkte in den napoleonischen Kriegen und im deutsch-französischen Krieg, der zur Reichsgründung führte. Analysiert werden Liederbücher, die auf weite Teile des deutschen Bürgertums zielten, nicht aber auf einzelne Adressatengruppen wie Soldaten, Turner oder Gläubige. Im abschließenden dritten Teil wird geschildert, wie vier berühmte Komponisten (Franz Schubert, Ludwig van Beethoven, Robert Schumann und Johannes Brahms) in politische Debatten und öffentliche Diskurse eingriffen.

Die Stärken dieser Dissertation liegen auf der Hand. Eindrucksvoll belegt Miriam Noa die Bedeutung der Sammlungen ausgewählter Lieder. Nicht allein deren ästhetischer Rang verursachte deren Wirkung, verstärkte politische Ambitionen und Ideale. Entscheidend war es wohl, dass diese Bestände die Kommunikation in den deutschen Städten und Staaten erleichterten, dass bereits die Rezeption der Lieder die Verständigung einander fremder Menschen beflügelte. Das belegen die genauen Verzeichnisse der Aufführungsorte, der Verbreitung und der Akteure.

Die Verfasserin überzeugt auch dadurch, dass sie die künstlerischen Schöpfungen der genannten Komponisten mit deren politischen Ambitionen und öffentlichen Rezeptionen vergleicht. So weist sie darauf hin, wie es etwa Franz Schubert gelang „Grundlinien der Form und des Inhalts vom Volkslied auf die neue Gattung des Kunstliedes zu übertragen – es kunstvoll zu gestalten, ohne den Volkston aufzugeben“ (S. 295). Ungeachtet seiner Sympathie für die Ideale der französischen Revolution hoffte Beethoven nicht auf einen vergleichbaren Umsturz in den deutschen Staaten, wohl aber auf die Entstehung eines friedliebenden europäischen Völkerbundes. Dagegen war Robert Schumann zu ängstlich, um seine eigenen Sympathien für Humanismus und Demokratie als politische Parolen öffentlich nutzen zu wollen.

So sehr einerseits die detaillierte Durchsicht dieser umfangreichen Bestände und die kluge Analyse der einzelnen Stücke zu loben sind, fehlt es andererseits aber nicht an augenscheinlichen Defiziten. Leider schweift die Verfasserin zu oft vom eigentlichen Thema ab, verweist auf die Politik des 15. Jahrhunderts, auf Diskurse im 20. Jahrhundert oder auf die Beethovenforschung. Obwohl es wichtig ist, einen Beitrag zur Geschichte des Nationalismus in Deutschland zu leisten, wird der laufende Forschungsstand der Musik- und Geschichtswissenschaft der letzten beiden Jahrzehnte oft nicht erfasst. Bedauerlicherweise fehlen die einschlägigen und methodisch wichtigen Arbeiten etwa von Celia Applegate, Hans-Joachim Hinrichsen, Ute Daniel, Jutta Toelle oder Anselm Gerhard.[1] Nicht nur das: Selten wird das eigentlich innovative, politisch neue Moment der „Nation“ im 19. Jahrhundert beleuchtet, die kulturelle Reichweite einer politischen Dimension eher beschrieben als begründet. Die Verfasserin achtet zwar auf die Sammlungen der Lieder, ignoriert aber durch deren detailfixierte Analyse die konkreten politischen Herausforderungen und die sozialen Netzwerke der Akteure.

Ungeachtet dieser Kritik hat die Verfasserin eine Studie vorgelegt, in der sie auf reicher Quellenbasis zeigt, wie sich breite Bevölkerungsschichten durch Gelehrte und Künstler in eine musikalische Gemeinschaft verwandelten. So wurde das Liederrepertoire zu einem gesellschaftlichen Moment. Denn es gelang einer wachsenden bildungsbürgerlichen Öffentlichkeit aus erfundenen Traditionen und Ambitionen ein politisches Ideal zu formen. „Als das Deutsche Reich 1871 gegründet wurde, war ihm das kulturelle Nationbuilding bereits vorausgegangen“ (S. 347).

Anmerkung:
[1] Celia Applegate, Bach in Berlin. Nation and Culture in Mendelssohn’s Revival of the St. Matthew Passion, Ithaca/NY 2005; Ute Daniel, Hoftheater. Zur Geschichte des Theaters und der Höfe im 18. und 19. Jahrhundert, Stuttgart 1995; Anselm Gerhard, Die Verstädterung der Oper. Paris und das Musiktheater des 19. Jahrhunderts, Stuttgart, Weimar 1992; Hans-Joachim Hinrichsen, Bach und die Nachwelt. Rezeption, Interpretation und Edition, 3 Bände; Band 1: 1750–1850, Laaber 1997; Band 2: 1850–1900, Laaber 1999; Band 3: 1900–1950, Laaber 2000; Jutta Toelle, Bühne der Stadt. Mailand und das Teatro alla Scala zwischen Risorgimento und Fin de Siècle, Wien 2009.

Redaktion
Veröffentlicht am
08.06.2016
Redaktionell betreut durch