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Titel
KZ der Gestapo. Arbeitserziehungslager im Dritten Reich


Autor(en)
Lotfi, Gabriele
Erschienen
Anzahl Seiten
452 S.
Preis
€ 38,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Mark Spoerer, Fg. Wirtschafts- u. Sozialgeschichte, Universitaet Hohenheim

Daß historische Themen lange unbearbeitet bleiben, läßt sich auf verschiedene Ursachen zurückführen. Entweder ist das Thema trocken und kompliziert, etwa bei so lästigen Zumutungen des täglichen Lebens wie Steuern oder Versicherungen, oder es ist politisch unkorrekt, wie etwa die Leiden der deutschen Zivilbevölkerung durch Luftkrieg und Vertreibung, oder es gibt einfach keine Quellen. Die Arbeitserziehungslager im Dritten Reich gehören eindeutig zur letzteren Gruppe. Auf lokaler Ebene sind fast alle schriftlichen Dokumente von der Gestapo vernichtet worden, so daß direkt zum Thema lediglich zentrale Erlasse und versprengte lokale Bestände vorhanden sind. Will man das Thema nicht nur von der Makro- sondern auch von der Mikroebene angehen, so muss man sich der Mühe unterziehen, das Bild aus anderen Quellen und somit indirekt zu rekonstruieren: Schriftverkehr der Gestapo mit anderen Behörden, Sterbebücher der Standesämter, Prozessakten, Zeitzeugenberichte.

Dies hat nun Gabriele Lotfi in ihrer Bochumer Dissertation versucht. Sie hat sich nicht weniger vorgenommen, als eine umfassende Darstellung der Entstehung, Funktion und Bedeutung der Arbeitserziehungslager (AEL) im nationalsozialistischen Herrschaftsalltag zu schreiben. Die Darstellung der Mikroebene beschränkt sich dabei weitgehend auf den Raum Rheinland und Westfalen, für den die Quellenlage befriedigend und der natürlich wegen der dort ansässigen Schwerindustrie interessant ist, und auf Nordwestdeutschland, für das bereits etliche Lokalstudien vorliegen.

Die Entstehung und Ausweitung der AEL ist untrennbar mit dem zunehmenden Zwang verbunden, der den Arbeitsmarkt nach Erreichen der Vollbeschäftigung 1936/37 charakterisierte. In besonderer Weise spürbar war dieser für die Arbeiter am Westwall, die zumeist fern ihrer Heimat in Baracken untergebracht waren und sich selbst am Wochenende quasi-militärischen Drill gefallen lassen mussten. Der zunehmenden Resistenz der Arbeiter war mit den üblichen Mitteln - Verwarnung, kurzzeitige Polizeihaft - nicht mehr beizukommen, so daß Ende 1939 das SS-Sonderlager Hinzert errichtet wurde, in dem die widerspenstigen Arbeiter "erzogen" werden sollten. Die Einweisung erfolgte auf Antrag der Stapostellen ohne Einschaltung der Justiz und hatte keine rechtliche Grundlagen. Die Eingewiesenen waren daher weder Justizgefangene noch Schutzhäftlinge, sondern einfach Polizeigefangene, denen die Haft nicht als Vorstrafe eingetragen wurde. Im SS-Sonderlager wurden die Häftlinge hart angefasst und zu besonders schweren Arbeiten eingeteilt. Neben dem Brechen des Widerstandswillens des Häftlings war eine ganz wesentliche Funktion die Einschüchterung und Disziplinierung der anderen Arbeiter.

Aus Sicht der beteiligten Institutionen hatte die Haft im Sonderlager zwei Vorteile, die unter den Bedingungen der sich herausbildenden Kriegswirtschaft als ungemein wünschenswert galten: sie war effektiv und unkompliziert. Hinzert sollte daher zum Modell der polizeilichen Sonderlager, AEL und betrieblichen Erziehungslager werden, die ab dem Frühjahr 1940 von lokalen Stapostellen gegründet wurden. Nun ging es um die Disziplinierung unwilliger Rüstungsarbeiter. Viele Unternehmen klagten über mangelnde Arbeitsdisziplin vor allem der ausländischen Zwangsarbeiter, aber auch der zunehmend eingesetzten deutschen Frauen. "Schutzhaft" im KZ hatte aus Sicht der Unternehmen den Nachteil, daß sie die Arbeiter nicht wiedersahen - Himmler bastelte an seinem Wirtschaftsimperium und brauchte Arbeitskräfte. Die normale Verfolgung von "Arbeitsvertragsbrüchigen" durch die Justiz war viel zu langwierig. Somit bündelten sich in der Einrichtung lokaler AEL, später auch betrieblicher Erziehungslager die Interessen lokaler Gestapostellen und betrieblicher bzw. kommunaler Einsatzträger.

Mit dem zunehmenden Anteil von Ausländern in den AEL und der sich verschärfenden Kriegslage entfielen auf Seiten der zumeist tief in Unterschlagung und Korruption verstrickten Bewacher immer mehr die Hemmungen. Zudem delegierte das überlastete Reichssicherheitshauptamt - die Kontrolle von Millionen ausländischer Zwangsarbeiter war mittlerweile Hauptbeschäftigung der Gestapo - immer mehr Verantwortlichkeit, insbesondere auch in Hinblick auf Todesurteile, nach unten. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen wurden in den meisten AEL härter und glichen sich denen der deutschen KZ an. Der entscheidende Unterschied war jedoch nach wie vor die meist auf acht Wochen beschränkte Haftdauer. Danach kamen die sichtlich erschöpften, ausgemergelten, oft auch misshandelten Häftlinge an ihre vorigen Arbeitsstätten zurück. Insbesondere ab 1942, als immer mehr der ohnehin schon stark diskriminierten "Ostarbeiter" eingewiesen wurden, entwickelten sich viele AEL zu Todeslagern. Hunger und Fleckfieber liessen die Sterblichkeit stark ansteigen. Wie in den KZ erhielten Wachleute, die einen Häftling "auf der Flucht" erschossen, eine Kopfprämie und Sonderurlaub. In den letzten Kriegswochen wurden die AEL zu "erweiterten Polizeigefängnissen" erklärt, so daß nun auch Delinquenten aus politischen Gründen eingewiesen werden konnten. Tausende von Ausländern, aber auch viele Deutsche wurden in der Endphase des Krieges von der Gestapo in den AEL ermordet.

Lotfi arbeitet dabei zwei interessanteste Ergebnisse heraus. Erstens bestätigt sie auf breiter Quellengrundlage die These von Ruth Bettina Birn, daß die AEL keineswegs von oben nach unten geplant wurden, sondern vielmehr umgekehrt die lokalen Stapostellen vorpreschten, so daß das RSHA häufig nur noch nachträglich absegnete. Zweitens betont Lotfi das starke Interesse von Unternehmen an AEL. Zum einen boten die AEL Arbeitskräfte, eine knappe Ressource, für die zudem die normalen Schutzbestimmungen nicht eingehalten werden mussten. Entscheidend war jedoch zum anderen, so Lotfi, daß die Unternehmen in den AEL ein sehr wirksames und unbürokratisches Instrument zur Disziplinierung ihrer Arbeitskräfte sahen.

In diesem Punkte neigt Lotfi allerdings etwas zur Verallgemeinerung. Die aktive Mitwirkung vieler Firmen bei der Einrichtung, Finanzierung und Führung von AEL bzw. betrieblichen Erziehungslager kann Lotfi überzeugend belegen. Ob "die Industrie", von der Lotfi ständig spricht und worunter man wohl die Mehrheit der Industriefirmen zu verstehen hat, in die AEL involviert war, ist schwer zu beurteilen. Lotfi versucht jedenfalls noch nicht einmal einen empirischen Beleg, etwa anhand einer Fallstudie. Angesichts der schlechten Behandlung, die viele Industriefirmen den ausländischen Zwangsarbeitern zuteil kommen liessen, mag Lotfis Urteil plausibel erscheinen. Ob und inwieweit aber "die Industrie" den Terror, der ab 1942 in den AEL herrschte, gut hiess, wäre noch zu zeigen. Schliesslich zog sie die Einweisung unbotmässiger Arbeiter in die AEL der ins KZ vor, weil sie sie wiederhaben wollte, und sei es nur zur Disziplinierung der anderen.

Absolutes Neuland betritt Lotfi in Hinsicht auf die mutmassliche Anzahl der AEL-Häftlinge. Hier hätte sich der Rezensent etwas mehr Transparenz gewünscht. Die Autorin gibt nur ganz grob und ohne Berechnung eine Grössenordnung von "mehreren hunderttausend Menschen" (S. 323) an, die die AEL durchliefen; somit sei "mindestens jeder zwanzigste ausländische Zivilarbeiter im Deutschen Reich von einer AEL- Haft betroffen" (S. 318) gewesen. Beide Angaben erschienen dem Rezensenten zunächst übertrieben hoch, doch ist zumindest die erste nach überschlägigem Rechnen keineswegs unplausibel: Gegen Kriegsende summierte sich die Kapazität der seit 1942 stets überfüllten AEL nach Lotfi auf 40.000 Gefangene. Schon bei einer konservativen Schätzung mit einer durchschnittlichen Betriebsdauer von nur einem Jahr und einer durchschnittlichen Haftdaür von sechs Wochen kommt man auf fast 350.000 AEL-Häftlinge, davon zweifellos die meisten ausländische Zivilarbeiter. Von denen gab es über die gesamte Kriegsdauer gerechnet knapp acht Millionen, jeder zwanzigste davon macht knapp 400.000, was sich nach geringfügiger Änderung der Ausgangsgrössen ebenfalls plausibel aus der Kapazität errechnen läßt. Hier hätte Lotfi ruhig etwas offensiver und ausführlicher spekulieren können, schliesslich sind ihre geschätzten Angaben die ersten überhaupt für ein Frage, die im Rahmen der aktuellen Verhandlungen um die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter unverhofft auch Interesse ausserhalb des akademischen Elfenbeinturms gefunden hat.

Dies sind jedoch Kleinigkeiten, die eher die Interessen des Rezensenten widerspiegeln. Lotfis Studie über die nationalsozialistischen Arbeitserziehungslager ist gut gegliedert, inhaltlich überzeugend und auch sprachlich sehr gelungen. Über die Arbeitserziehungslager war man bislang nur über Fallstudien unterrichtet. Lotfi hat diese zusammen mit der Auswertung neu erschlossener Quellen zu einer souveränen Gesamtdarstellung verdichtet und somit eine Forschungslücke geschlossen.

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01.05.2000
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