P. Felsch: Der lange Sommer der Theorie

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Titel
Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960–1990


Autor(en)
Felsch, Philipp
Erschienen
München 2015: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
327 S., 23 Abb.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Timothy Goering, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Ruhr-Universität Bochum

In den 1970er- und 1980er-Jahren ging in der Bundesrepublik und in West-Berlin ein eigentümlicher Reiz von Texten französischer Theoretiker aus, der im Rückblick nicht leicht zu erklären ist. Für viele gehörte die Theorielektüre schlicht zur Conditio humana der linken Szene. Über den Campus schleichend trugen Theoriehungrige ihre Lieblingsbücher wie Talismane in der Gesäßtasche. Ein Foucault oder ein Althusser wurde Achtung gebietend wie ein ranghöchster Skat-Trumpf auf den Mensa-Tisch gelegt. Und abends wurden die Theoriewerke schließlich dem Bücheraltar des WG-Zimmers dargereicht. Heute wirken die diffizilen Satzkonstruktionen der Theoriegurus allerdings eher wie übergroße Schulterpolster oder wie das Klatschen nach einer Flugzeuglandung: Sie gehören einer älteren Epoche an, die scheinbar unwiderruflich vergangen ist. Sowohl die heilsgewisse Theorieversessenheit als auch der unversöhnliche Theoriehass gehören zum Sound der 1970er-Jahre. Es mag sein, dass es noch einige Theorie-Fans unter uns gibt – und ich bekenne mich gern zu ihnen –, aber das ändert nichts daran, dass Autoren heute keinen geheimnisvoll schimmernden Nimbus mehr erlangen können, wenn sie Theorie schreiben. Alain Badiou, Quentin Meillassoux, Catherine Malabou oder François Laruelle und selbst Giorgio Agamben können von dem Ruhm nur träumen, den ihre Vorgänger noch vor wenigen Jahrzehnten ernten konnten. „Heute zieht man verwunderte Blicke auf sich“, bekennt Ulrich Raulff in seinem Buch „Wiedersehen mit den Siebzigern“, „wenn man zu schildern versucht, mit welch heiligem Ernst, aber auch welcher Lust man sich damals auf alles stürzte, was nach Theorie aussah und den großen Durchblick versprach.“[1]

Philipp Felschs Buch „Der lange Sommer der Theorie“ beschreibt die narkotische Wirkung der Theorie in der Bundesrepublik und in West-Berlin auf eindrucksvolle, intelligente Weise. Auch wenn das Umschlagbild an die Buntheit der regenbogenfarbigen edition suhrkamp erinnern mag, sind nicht Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld die Dramatis Personae von Felschs Erzählung, sondern Peter Gente und Heidi Paris. Gente (1936–2014) leitete zuerst mit Merve Lowien und dann ab 1974 mit Heidi Paris den Merve-Verlag, der sich mit seinen farbigen Rauten einen festen Platz auf der bundesrepublikanischen Theoriekarte gesichert hat. Felsch räumt in seiner Erzählung weder den philosophisch-theoretischen Inhalten der Merve-Bücher großen Raum ein, noch reizen ihn die sozial-, kultur- oder unternehmensgeschichtlichen Aspekte des Verlags. Streng genommen geht es in seinem Buch weder um Wissens- oder Verlags- noch um Ideengeschichte. Stattdessen wird mit jedem Kapitel aus jeweils unterschiedlicher Perspektive die rhizomatische Lebenswelt derjenigen beleuchtet, die die Theorie zur Lebensmaxime erhoben. Felsch greift dabei zum Teil auf Interviews mit Zeitgenossen und auf unveröffentlichte Korrespondenzen aus dem Merve-Archiv zurück, das sich im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe befindet. „Dieses Buch erzählt von Peter Gentes Bildungserlebnissen“, schreibt Felsch zusammenfassend, „von den Irrfahrten des Merve-Kollektivs und von den Entdeckungen des Verlegerpaares.“ (S. 19) Für die Gliederung orientiert sich der Autor an markanten Jahren, denen jeweils mehrere Kapitel zugeordnet sind und die unter übergreifenden Mottos stehen: 1965 („Die Stunde der Theorie“), 1970 („Ewige Gespräche“), 1977 („Französisch im Deutschen Herbst“), 1984 („Das Ende der Geschichte“).

Am Anfang war die „Bundesrepublik Adorno“ (S. 26). Der nichts ahnende Student Peter Gente wurde 1957 durch ein Epiphanie-Erlebnis unverhofft ein entflammter Theoriekonvertit. Theodor W. Adornos „Minima Moralia“ ließen ihn nicht mehr los. Gente war augenblicklich angefixt und erfüllte sich schließlich 1970 zusammen mit seiner damaligen Partnerin Merve einen Traum: In West-Berlin gründete er einen eigenen Verlag, der „den deutschen Ableitungsmarxismus mit Theorie-Importen aus dem Ausland versorgen“ sollte (S. 70). Großen Respekt für bürgerliche Urheberrechte hatten die jungen Verleger nicht, dafür aber übermenschlichen Eifer und unbändigen Tatendrang. Das hing wohl unter anderem damit zusammen, dass sich Gente selbst nicht als Autor verstand, sondern eher als Leserbaron, der explosive Inhalte übersetzen ließ und dann in schlecht gemachte Cover einhüllte, um sie an Theorieabhängige zu verkaufen. Und genau das hat der Merve-Verlag seit den 1970er-Jahren mit erstaunlichem Erfolg gemacht. Spätestens nachdem Jean-François Lyotard mit seinem Buch „Intensitäten“ (1978) dem Verlagskollektiv zum gigantischen Verkaufsdurchbruch verhalf, wurde Merve eine deutsche Verlagsinstanz. Es folgten bald weitere Verkaufsschlager mit Büchern von Gilles Deleuze, Michel Foucault, Félix Guattari, Hélène Cixous. Merve wurde im Laufe der 1970er- und 1980er-Jahre bekannt als der kleine Verlag mit den großen Namen.

Die weiteren Kapitel gehen verschiedenen Stationen des Verlegerpaares Gente / Paris nach und setzen thematische Schwerpunkte. Anhand von Gentes fieberhaften Lese- und Verlagsaktivitäten wird zum Beispiel sinnfällig, wie sich in den 1960er-Jahren die „Revolution in Textarbeit verwandelte. […] Keine Revolution, so lautete das Credo dieser Jahre, ohne Theorie der Revolution, die weder Marx noch seine Nachfolger geliefert hatten.“ (S. 50) Das Feuer der revolutionären Theorien der Revolution konnte dadurch angefacht werden, dass das Taschenbuch den Buchmarkt ganz umwälzte. Die junge Lese-Generation fiel vom bürgerlichen Glauben an das gebundene Buch ab und kaufte massenweise Taschenbuchtheorie. Gente und Paris weiter auf den Fersen beschreibt Felsch das flirthafte Verhältnis zwischen (west)deutscher Theorie und italienischer Terrorszene. Kurz wird skizziert, wie das Verlegerpaar den TUNIX-Kongress im Jahr 1978 besuchte, auf dem Gente mit dem französischen Superstar Foucault aufkreuzte. Auch die Rechts-Links-Schwäche der politischen Theoriediskurse in den 1980ern wird thematisiert: Rechtskonservative Autoren wie Carl Schmitt und Ernst Jünger wurden durch den französischen Reimport nun zu angesagten Geheimtipps der Linken. Schließlich beschreibt Felsch, wie in der Verlags- und Literaturszene der 1980er-Jahre Theorie und Kunst verschmolzen und schließlich gemeinsam in den „White Cube der Galerien abwanderten, wo sie sich bis heute am liebsten aufhalten“ (S. 198).

Felschs Erzählung endet mit dem letzten Kapitel „Dispositive der Nacht“ und dem kurzen Epilog „After Theory?“ etwas dumpf. Deutlich wird, dass das Theorieuniversum Gentes in den späten 1980ern kollabierte. Das Beziehungsgeflecht zwischen dem Merve-Verlag, Peter Gente und Heidi Paris wurde auf die Dauer unübersichtlich und kompliziert. Der Steuermann verließ schließlich das Schiff. Aber weshalb es so kam und ob es so kommen musste, bleibt im Dunkeln. Gentes Liebe zum Verlag und zur Theorie ging scheinbar im feuchtfröhlichen Geschwätz der Discos der 1980er-Jahre einfach verloren. „Nicht die Bierseligkeit ernüchterter Revolutionäre“, notiert Felsch, „sondern das ‚Kneipengerede‘, das den Diskurs der Intellektuellen von Jahr zu Jahr lauter übertönte, war das eigentliche Problem.“ (S. 222)

„Der lange Sommer der Theorie“ sucht weniger die steile These als vielmehr die Symbiose zwischen gelungener Prosa, intelligentem Kommentar und historischem Detail. Der Band changiert damit zwischen Ulrich Raulffs „Wiedersehen mit den Siebzigern“ und Sven Reichardts viel weiter ausgreifendem Buch „Authentizität und Gemeinschaft“.[2] Philipp Felsch hat einen feinen Spürsinn für faszinierende Einzelheiten, wehrt sich allerdings beharrlich dagegen, seinen Text in akademisch-wissenschaftliche Debatten versickern zu lassen. Er schreibt in erster Linie für interessierte Leser und ehemalige Theoriezeloten. Das Buch zeichnet sich damit eher durch eine latente, zurückhaltende Thesenbildung aus als durch handgreifliche Ergebnisse. Aber auch wenn am Ende etliche Fragen offen bleiben, ist es Felsch meisterhaft gelungen, ein faszinierendes Kapitel der deutschen Ideengeschichte zu schreiben, das besonnen und mit ironischer Distanz an das Mysterium tremendum et fascinans der Theorie erinnert.

Anmerkungen:
[1] Ulrich Raulff, Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens, Stuttgart 2014, S. 155. Siehe auch die Rezension von Uwe Sonnenberg, in: H-Soz-Kult, 05.12.2014, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22978> (22.05.2015).
[2] Sven Reichardt, Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren, Berlin 2014. Siehe dazu die Rezension von Jörg Neuheiser, in: H-Soz-Kult, 18.09.2014, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20255> (22.05.2015).

Redaktion
Veröffentlicht am
09.06.2015
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