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Titel
Stalin. New Biography of a Dictator


Autor(en)
Chlewnjuk, Oleg V.
Erschienen
Anzahl Seiten
392 S.
Preis
€ 28,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bernd Bonwetsch, Deutsches Historisches Institut Moskau

Stalin-Biografien gibt es inzwischen viele. Die erste – und letzte – wirklich bahnbrechende war die von Dmitri Wolkogonow "Stalin. Triumph und Tragödie. Ein politisches Porträt".[1] Sie beruhte nicht nur auf internen Kenntnissen wie etwa die verdienstvollen Stalin- bzw. Stalinismus-Darstellungen der Dissidenten Roy Medwedjew und Anton Antonow-Owssejenko, sondern auf der Kenntnis bis dahin unzugänglicher, offizieller Quellen. Aber sie erschien vor 25 Jahren. In dieser Zeit ist im Hinblick auf die Erschließung von Quellen und die Erforschung der Persönlichkeit und Politik Stalins viel getan worden – nicht zuletzt von Oleg Chlewnjuk selbst, der als Mitarbeiter des ehemaligen Zentralen Parteiarchivs, des heutigen Staatsarchiv für Soziale und Politische Geschichte, einen in vielem privilegierten Zugang zu wichtigen, wenn auch keinesfalls allen relevanten Quellen besaß. Das Präsidentenarchiv war ihm beispielsweise ebenso verschlossen wie das Archiv des Außenministeriums, das Archiv des FSB und andere mehr. Ein wirklich großer Mangel ist und bleibt, dass es zu vielen Sitzungen des Politbüros oder Besprechungen bei Stalin nur Beschlussprotokolle gibt und dass wir bisher nur im Falle von Besprechungen in seinem Dienstzimmer im Kreml wissen, mit wem er überhaupt gesprochen hat. Zudem hat aus guten Gründen niemand, der sich auch nur in der Nähe der Macht bewegte, ein Tagebuch geführt, und nur zwei Teilhaber der Macht – Nikita Chruschtschow und Anastas Mikojan – haben Memoiren hinterlassen. Das sind grundsätzliche Defizite, die auch Chlewnjuk in seiner Darstellung nicht vergessen machen kann und die ihn häufig zu Vermutungen nötigen. Aber er verfügt über eine hervorragende Kenntnis der zugänglichen archivalischen und publizierten Quellen sowie auch der für manche Fragen doch vorhandenen Memoirenliteratur.

Aufgrund dieser seiner Quellenkenntnis durfte man auf Chlewnjuks Stalin-Biographie gespannt sein. Vom Aufbau unterscheidet sie sich von „normalen“ Biographien dadurch, dass der persönliche und politische Werdegang Stalins in einen Rahmen eingefügt wird. Diesen Rahmen bilden rein äußerlich die Vorgänge der letzten Lebenstage Stalins in seiner „die Nahe [Datsche]“ genannten Residenz bei Moskau von der Nacht vom 28. Februar auf den 1. März 1953 bis zu seinem Tode am 5. März, die anschließenden Trauerveranstaltungen und seine Beisetzung am 9. März im Lenin Mausoleum.

Anhand dieses Rahmens, in dem in Form einer Reportage das Verhalten des Dienst- und Wachpersonals Stalins und das der politisch wichtigsten Führungsfiguren der letzten Jahre Stalins geschildert wird, könne man, so Autor Chlewnjuk, seine Stalin-Biographie auf zwei Ebenen lesen: auf der Ebene der letzten Lebens- und ersten Todestage sowie auf der Ebene der chronologisch abgehandelten wichtigen Themen im Leben Stalins: seiner Jugend im theologischen Seminar und in der sozialdemokratischen Bewegung, seiner Rolle im Bürgerkrieg, seiner Auseinandersetzung mit den innerparteilichen Konkurrenten, seiner Rolle für die Kollektivierung und forcierte Industrialisierung, seiner Rolle im Terror, die dann durch die des obersten Kriegsherrn und schließlich durch die des alt werdenden Gewaltherrschers in einer komplizierter gewordenen Nachkriegswelt abgelöst wurde.

Auf dieser zweiten, eher traditionellen Ebene bietet Chlewnjuk eine nüchterne Schilderung der Karriere Stalins und seines Anteils an der politischen Entwicklung der Sowjetunion. Ein neues Bild Stalins bzw. des Stalinismus entsteht dabei nicht. Vielmehr ist es die Sachlichkeit, mit der Chlewnjuk überzeugt, wenn er den Weg Stalins nachzeichnet und dabei mit vielen Legenden aufräumt, die sich in der Literatur breitgemacht haben. Das beginnt mit der Klärung des in den 1920er-Jahren geänderten Geburtsdatums vom 6./18. Dezember 1878 auf den 9./21. Dezember 1879 und geht über die angebliche Opposition gegen Stalin auf dem 17. Parteitag 1934, die angebliche Beteiligung Stalins an der Ermordung des scheinbaren Konkurrenten Kirow, die Verlagerung der Schuld am „Großen Terror“ auf den Volkskommissar Jeschow, die angebliche Geheimrede Stalins vor dem Politbüro am 19. August 1939, mit der der Schwenk zugunsten Deutschlands begründet worden sein soll, und endet mit der nüchternen Darlegung der Tatsachen hinsichtlich angeblicher Mordpläne Berijas gegenüber Stalin.

Wenn man dabei etwas vermisst, dann eine Auseinandersetzung mit der einschlägigen Literatur. In dieser Hinsicht ist Chlewnjuk sehr kurz angebunden und beschränkt sich auf eher beiläufige, allgemeine Bemerkungen. So hat sich, um nur ein einziges Beispiel zu nennen, der russische Historiker Sergei Slutsch in aller Ausführlichkeit mit Stalins angeblicher Rede am 19. August 1939 beschäftigt und deren Fälschungscharakter überzeugend nachgewiesen. Nichtsdestoweniger wird man Chlewnjuks Stalin-Biographie zur sachlichen Klärung strittiger Fragen zweifellos immer mit Gewinn heranziehen.

Was nun die erste Ebene der Biographie Chlewnjuks betrifft, so erschöpft sie sich keineswegs in der Reportage der Vorgänge der Nacht vom 28. Februar auf den 1. März 1953 bis zu seiner Beisetzung am 9. März. Chlewnjuk nutzt vielmehr diesen Rahmen, um die Essenz der absoluten Herrschaft Stalins über seine Umgebung und über das ganze Land deutlich zu machen. Auch auf dieser Ebene entsteht kein neues Bild des brutalen, im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehenden Diktators. Aber Chlewnjuk kann wesentliche Züge der Persönlichkeit und der Herrschaftspraxis Stalins veranschaulichen. So zeigt er etwa am Beispiel des Umgangs mit dem reglosen, vom Schlaganfall getroffenen Stalin wie grotesk ähnlich sich die furchtbesessenen Kleinen und Großen aus seiner Umgebung verhielten: Das Wachpersonal traute sich nicht, bei Stalin anzuklopfen und nach dessen möglichem Begehr zu fragen, selbst als dieser sich am Abend des 1. März noch nicht rührte, denn niemand ging ungerufen zu Stalin. Die Ankunft der Post für Stalin war deshalb ein höchst willkommener Vorwand, um ungebeten in Stalins Räume vorzudringen. Man fand den reglosen Stalin auf dem Boden in einer Urinlache, hob ihn auf eine Couch und erbat, statt einen Arzt zu rufen, vom obersten Vorgesetzten, dem Staatssicherheitsminister Ignatjew, Anweisungen. Dieser selbst vermied jedoch eine eigenständige Entscheidung und verwies die Wachleute an die Mitglieder des Präsidiums des ZK, wie das Politbüro seit dem 19. Parteitag hieß.

Damit wurde die Frage der an sich selbstverständlich gebotenen Hinzuziehung von Ärzten an die höchste politische Führung weitergereicht. Sie erreichte als ersten Malenkow, der aber ebenfalls nicht die Hinzuziehung von Ärzten anordnete, sondern zunächst einmal Berija, Chruschtschow und Bulganin informierte, um die Verantwortung für das weitere Vorgehen auf mehrere Schultern zu laden. Die vier wiesen ebenfalls nicht die sofortige Hinzuziehung von Ärzten an, sondern beschlossen, erst einmal zu rekognoszieren. Als sie frühmorgens auf Stalins Datsche ankamen, gingen sie nicht etwa sofort zum Patienten, sondern verhörten erst einmal das Wachpersonal. Dann wurden Berija und Malenkow als „Delegation“ zu Stalin geschickt. Sie fanden ihn leicht schnarchend, scheinbar schlafend vor, und man beschloss zu viert, ihn nicht zu wecken, weil Stalin es ihnen später wahrscheinlich nicht verzeihen würde, ihn in seinem erbärmlichen Zustand gesehen zu haben.

Aufgrund des Befundes, Stalin schlafe ja lediglich, wurde das Wachpersonal noch wegen des offenkundig unnötigen Alarms gescholten, und die vier zogen wieder ab. Als das Wachpersonal, in der berechtigten Furcht, im Falle des Todes von Stalin verantwortlich gemacht zu werden, gegen Morgen des 2. März der „Führung“ erneut den Zustand Stalins schilderten, rief diese zunächst einmal das „Büro des Präsidiums des Zentralkomitees der KPdSU“ zusammen, acht Personen ohne Stalin. Dieses Kollektivgremium beschloss nun endlich, Ärzte an Stalins Lager zu beordern. Diese sahen keine Überlebenschancen mehr für Stalin, so dass die über diese Nachricht offenkundig erleichterte politische Führung nun nur noch Sorge hatte, dass der medizinische Tod noch vor der Regelung der Machtfragen und der Trauerfeierlichkeiten eintreten würde.

Chlewnjuk betont, dass das Verhalten Malenkows, Berijas, Chruschtschows und Bulganins als Verschwörung zur Ermordung Stalins durch absichtlich unterlassene Hilfeleistung interpretiert worden ist. Er kann den Gegenbeweis zwar nicht antreten, weist aber sehr plausibel darauf hin, dass viele der Sowjetführer Stalin zwar sicher kein längeres Leben wünschten, dass aber die Furcht, durch irgendwelche Entscheidungen Stalins Zorn hervorzurufen für den Fall, dass seine Unpässlichkeit vorübergehen sollte, erheblich größer gewesen sei als die vor seinem Tode und deshalb ein makabres, aber realistisches Motiv für das tatsächlich höchst sonderbare Verhalten der vier Führungsmitglieder gewesen sein wird. Chlewnjuk nimmt dies zum Anlass, auf zahlreiche Fälle hinzuweisen, in denen Stalins Zorn in Form von öffentlicher Demütigung bis hin zur Übergabe an die „Organe“ zur strafrechtlichen Verfolgung als Verräter viele seiner so genannten „Mitkämpfer“ geradezu aus heiterem Himmel getroffen hat. Auf diese Weise habe er Persönlichkeiten wie Molotow, Mikojan und Berija, deren Macht normalen Sowjetbürgern unendlich groß scheinen musste, noch kurz vor Ende seines Lebens in Angst und Schrecken gehalten. Selbst wenn sie mit der Zeit große Verantwortung für ihre Bereiche trugen, weil Stalin angesichts seines Alters immer weniger wirklich kontrollieren konnte, so sollte doch niemand sich seiner Stellung sicher, sondern jederzeit der Abhängigkeit von Stalin bewusst sein. In dieser Beziehung habe sich das Leben der höchsten Führer fast nicht von dem der kleinen Leute unterschieden (S. 146).

Auf dieser Ebene der Stalin-Biographie Chlewnjuks wird der von der Persönlichkeit Stalins abgeleitete Herrschaftsstil Stalins als persönliche Schreckensherrschaft unter der Maske demokratisch legitimierter kollektiver Herrschaft deutlich. Insofern muss man beide Ebenen der Biographie lesen, um Stalin und seine Bedeutung für den Weg Russlands im 20. Jahrhundert besser zu verstehen.

Anmerkung:
[1] Dimitri Wolkogonow, Stalin. Triumph und Tragödie. Ein politisches Porträt. Aus dem Russischen von Vesna Jovanoska, Düsseldorf 1989.

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13.04.2016
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