S. Hähner-Rombach (Hrsg.): Geschichte der Prävention

Cover
Titel
Geschichte der Prävention. Akteure, Praktiken, Instrumente


Herausgeber
Hähner-Rombach, Sylvelyn
Reihe
Medizin, Gesellschaft und Geschichte – Beihefte 54
Erschienen
Stuttgart 2015: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
256 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Henning Tümmers, Sonderforschungsbereich 923: "Bedrohte Ordnungen", Eberhard Karls Universität Tübingen

Das Coverbild dieses Sammelbands zeigt eine im 21. Jahrhundert ungewöhnlich wirkende Situation: Zu sehen ist eine Helferin des Deutschen Roten Kreuzes, die 1965 einem Schutzhelm tragenden Arbeiter eine Anti-Grippe-Sprühimpfung in die Nase verabreicht. Diese Fotografie aus der DDR dürfte Zeithistorikern bekannt sein: Vor zwei Jahren schmückte sie ein Themenheft der „Zeithistorischen Forschungen“, das Überlegungen zu einer „Zeitgeschichte der Vorsorge“ und entsprechende Forschungsarbeiten enthielt.[1] Malte Thießen, der „Vorsorge“ als Antwort auf Kontingenzerfahrungen in der Moderne interpretierte, diskutierte darin Möglichkeiten, dieses Forschungsfeld etwa auf umwelt- und gewalthistorische Untersuchungsgegenstände auszuweiten. Hiermit verfolgte der Mitherausgeber das Ziel, das bislang eher auf den gesundheitlichen Bereich beschränkte – und damit vor allem medizinhistorische – Thema auch für andere Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft fruchtbar zu machen.[2] Aufgrund des nun wiederverwendeten Fotos stellt sich unweigerlich die Frage, ob Hähner-Rombachs aktueller Sammelband an die 2013 entwickelten Überlegungen zu einer „Zeitgeschichte der Vorsorge“ anknüpft.

Um es vorwegzunehmen: Wer mit dieser Erwartungshaltung an die Publikation aus dem Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart herangeht, wird enttäuscht. Ernüchternd ist zunächst die knappe Einführung der Herausgeberin. Was die insgesamt zehn Aufsätze mit Fallbeispielen zur Gesundheitsprävention in Deutschland und der Schweiz nach 1918 konzeptionell verbindet, expliziert Hähner-Rombach dort ebensowenig, wie sie darüber aufklärt, weshalb der Untertitel ihrer Veröffentlichung „Akteure, Praktiken, Instrumente“ lautet, die Beiträge jedoch vier Überschriften zugeordnet werden, die sich nur teilweise damit decken (nämlich „Betrieb als ‚setting‘“, „Geschlecht“, „Alternative Medizin“, „Implementation öffentlicher Präventionsprogramme“). Die Information, dass der Band auf Tagungen des Stuttgarter Instituts in den Jahren 2012 und 2013 zur „Inanspruchnahme“ von Prävention beziehungsweise zu „Präventionspraktiken“ zurückgeht[3], bringt diesbezüglich zwar Licht ins Dunkel, verstärkt in Kombination mit dem unspezifischen Titel „Geschichte der Prävention“ gleichzeitig jedoch die Vermutung, dass der Einleitung ein Potpourri an Einzelstudien mit jeweils eigenen Fragen folgt, nicht aber eine durch die Herausgeberin kohärent konzipierte Forschung, die dezidiert auf ein zentrales Erkenntnisinteresse zusteuert. Nun ist ein solches Vorgehen keinesfalls verwerflich. Schade ist es aber insofern, als es keinen Beitrag dazu leistet, eine präzisere Gesamtschau der Gesundheitsprävention im deutschsprachigen Raum zu entwickeln, markante Zäsuren für das 20. Jahrhundert zu benennen oder die Funktionsmechanismen von Gesundheitsvorsorge für den Leser stärker herauszustreichen. Dabei hätte die Mehrheit der auf laufenden Qualifikationsarbeiten basierenden Aufsätze – von denen an dieser Stelle nur einige herausgegriffen werden können – genug Material für Abstrahierungen, leitende Fragen und Synthesen geliefert (siehe für ergänzende Informationen zu den Autorinnen und Autoren sowie für die Inhalte der Beiträge auch die Verlags-Homepage und die beiden Tagungsberichte).

Beispielsweise demonstrieren Sebastian Knoll-Jung und Sylvelyn Hähner-Rombach, dass es sich lohnt, Industrieunternehmen als diskursive Plattform, auf der Methoden und Instrumente der Prävention ausgehandelt werden, intensiver zu analysieren. Wie Hähner-Rombach schon in ihrer Einleitung bemerkt, wird der „Betrieb“ von verschiedenen Akteuren als „besonders geeigneter Ort für präventive Maßnahmen wahrgenommen“ (S. 9); Historikern verspricht dies einen reichen Quellenschatz. Vor allem Knoll-Jungs Beitrag, der auf wirtschaftliche Belange als Motiv für betriebliche Schutzmaßnahmen hinweist, liefert interessante Ergebnisse. Sein Augenmerk gilt der Genese präventiver Konzepte in der Unfallversicherung der 1920er-Jahre, in denen sich ein „Paradigmenwechsel“ (S. 17) vollzogen habe. Diese Zeit firmierte als „wichtige Schwellenzeit“ (S. 38), in der neue Instrumente zur Unfallvorsorge (wie bunte Warnschilder) entwickelt worden seien. Auf dem Feld der allgemeinen Gesundheitsprävention nahmen diese eine Vorreiterrolle ein. Jene auf Grundsätzen der kommerziellen Werbung beruhenden Medien seien von der „Safety-First“-Bewegung aus den USA übernommen worden. Diese kommunizierte seit 1913 den Unternehmen im eigenen Land, dass die Disziplinierung des Arbeiters günstiger sei als der Weg, Maschinen sicherer zu machen. Nach 1920 folgten in Deutschland Versuche, eine „Unfallverhütungspropaganda“ (S. 17) nach US-Vorbild zu entwickeln, wobei sukzessive der Arbeiter – nicht die Maschine – in den Fokus präventiver Maßnahmen rückte.

Dass und wie sehr „Geschlecht“ im Rahmen der Gesundheitsprävention eine Rolle spielte, verdeutlichen die Beiträge im gleichnamigen Teil des Sammelbands. Jeannette Madarász-Lebenhagen, die stärker als die übrigen Autoren in diesem Kapitel medizinhistorische Detailfragen beiseiteschiebt und stattdessen politische Systeme als Akteure in ihre Argumentation einbindet, analysiert in ihrem deutsch-deutschen Vergleich divergierende Geschlechterbilder bei der Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach 1949. Sie zeigt, wie gesellschaftspolitische Vorstellungen der beiden „Systemgegner“ hinsichtlich der Rolle der Frau in der Gesellschaft die Auffassungen und Konstruktionen von Krankheiten seinerzeit beeinflussten: In beiden Staaten wurden bestimmte Krankheiten mit organischen Schäden in Verbindung gebracht und Männern zugeschrieben, während andere in einen Kontext mit Stress gestellt und als typisch weiblich interpretiert wurden.

Im Gegensatz zu mehreren Aufsätzen des Bands, die Mikrostudien präsentieren, wählt auch der eingangs bereits erwähnte Malte Thießen eine andere „Flughöhe“. Seine Interpretation von „Praktiken der Vorsorge als Ordnung des Sozialen“ (S. 223) demonstriert anhand spannend erzählter Fallgeschichten, wie eine Untersuchung der Impfpraxis im Kaiserreich, der Weimarer Republik, dem Nationalsozialismus und beiden deutschen Staaten nach 1945 „Großnarrative“ der Neueren und Neuesten Geschichte in Frage zu stellen vermag. So überrascht die Feststellung, dass das Gesundheitssystem des „Dritten Reichs“ sich von der zuvor praktizierten restriktiven Zwangsimpfung zur Zeit der Weimarer Republik verabschiedete. Thießens Sozial- und Kulturgeschichte des Impfens, die zugleich aber auch veranschaulicht, was Medizingeschichte sein kann und sollte, betont die eminent politische Dimension dieser Vorsorgemaßnahme, bei der epidemiologische Motive in den Hintergrund treten konnten: Das Impfen stand seit jeher zugleich für die Aushandlung sozialer Ordnungen sowie für die Stabilisierung und Legitimierung des jeweiligen politischen Systems. Zu Recht plädiert Thießen einmal mehr für ein Forschungsdesign, das Vorsorgepraktiken, transnationale Verflechtungen, aber auch nicht-medizinische Untersuchungsthemen (etwa Prävention im Straßenverkehr) berücksichtigt, um für andere geschichtswissenschaftliche Teildisziplinen anschlussfähig zu bleiben oder zu werden.

Eine abschließende Beurteilung der vorliegenden Publikation fällt schwer. Positiv ist festzuhalten, dass der Sammelband Einblicke in aktuelle Dissertations- und Postdoc-Projekte gewährt. Insofern sind in den nächsten Jahren Monografien zu erwarten, die unser Bild von einer Gesundheitsprävention im 20. Jahrhundert schärfen könnten. Gleichzeitig gewinnt man den Eindruck, dass aus den präsentierten Ergebnissen der Einzelstudien zu wenig gemacht wird: Es fehlt eine Synthese. Auch Hähner-Rombachs Befund, dass „Forschungen zur Inanspruchnahme – differenziert nach Geschlecht, Alter, räumlicher und sozialer Herkunft“ ebenso Desiderate seien wie „regionale Fall- und internationale Vergleichsstudien“ (S. 12), wirkt angesichts der impliziten und expliziten Angebote in den Sammelbandbeiträgen zu unspezifisch. So weisen etwa die Aufsätze zur Gesundheitsprophylaxe im Betrieb einen von der historischen Forschung bis heute eher vernachlässigten Aspekt aus, der in der Soziologie und der „Risikoforschung“ mehr Beachtung findet: die Interdependenz von Prävention und wirtschaftlichem Kalkül. Andere Beiträge offenbaren ferner die Notwendigkeit, in transfergeschichtlicher Perspektive nach „Vorbildern“ für Präventionsmaßnahmen zu fragen. Und nicht minder interessant ist schließlich die Beobachtung mehrerer Autoren und Autorinnen, die gesundheitspolitische Wendepunkte in den 1980er- und 1990er-Jahren ausmachen – möglicherweise sind solche Entwicklungen nicht immer nur auf das Ende des „Kalten Kriegs“ zurückzuführen.

Anmerkungen:
[1] Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History 10 (2013), Heft 3: Zeitgeschichte der Vorsorge, hrsg. von Britta-Marie Schenk, Malte Thießen und Jan-Holger Kirsch, <http://www.zeithistorische-forschungen.de/3-2013> (13.08.2015).
[2] Malte Thießen, Gesundheit erhalten, Gesellschaft gestalten. Konzepte und Praktiken der Vorsorge im 20. Jahrhundert: Eine Einführung, in: ebd., S. 354–365, bes. S. 354, 364f., <http://www.zeithistorische-forschungen.de/3-2013/id=4730> (13.08.2015).
[3] Siehe den Tagungsbericht von Stephan Heinrich Nolte, 11. Arbeitskreis Sozialgeschichte der Medizin: „Prävention. Nachfrage und Inanspruchnahme gesundheitserhaltender Maßnahmen seit 1918“, 21.–23.11.2012, Stuttgart, in: H-Soz-Kult, 04.02.2013, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4622> (13.08.2015), sowie den Tagungsbericht von Daniel Walther, „Akteure, Praktiken und Instrumente. Geschichte der Prävention von Krankheiten und Unfällen seit der Weimarer Republik“, 16./17.12.2013, Stuttgart, in: H-Soz-Kult, 19.03.2014, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5272> (13.08.2015).