R. Hachtmann u.a. (Hrsg.): Detlev Peukert und die NS-Forschung

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Titel
Detlev Peukert und die NS-Forschung.


Herausgeber
Hachtmann, Rüdiger; Reichardt, Sven
Reihe
Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus 31
Erschienen
Göttingen 2015: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
223 S.
Preis
€ 20,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Hadwiger, Seminar für Zeitgeschichte, Universität Tübingen

Rund ein Vierteljahrhundert nachdem der Historiker Detlev Peukert (1950–1990) verstorben ist, wirft dieser Sammelband einen Blick auf dessen Wirken zurück – einerseits, um die Person Peukerts zu würdigen, jedoch auch, um einige seiner Forschungsschwerpunkte neu aufzugreifen. Detlev Peukert war ein ungewöhnlicher Historiker, welcher die NS-Forschung methodisch wie inhaltlich innovativ bereicherte. Der damals 32-Jährige sticht bereits bei dem auf dem Umschlag abgebildeten Gruppenfoto von 1982 in seinem orangefarbenen Muscle-Shirt inmitten seiner eher konventionell gekleideten Kollegen hervor. Der Sohn eines Steigers aus der Bergarbeiterkolonie Hamm-Herringen promovierte 1979 bei Hans Mommsen über die KPD im Widerstand[1] und wird heute oftmals mit seinen Forschungen zur Gesellschaft der Weimarer Republik oder des Nationalsozialismus in Verbindung gebracht. Auch methodisch beeinflusste er die heutige Geschichtswissenschaft mit Arbeiten zur Generationengeschichte, zur Alltagsgeschichte, zur Oral History oder zur nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“.

Ein derartiger Fokus auf einen einzelnen Wissenschaftler ist erstmals im Rahmen der „Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus“ erschienen, welche die Person Peukerts zum Anlass nehmen, aktuelle Fragen zur „Volksgemeinschaft“, Moderne oder dem Alltag im Nationalsozialismus zu diskutieren. Zugleich ist es 25 Jahre nach Peukerts Tod die erste Publikation, die sich umfassend mit dessen Arbeiten auseinandersetzt, sieht man von der Festschrift Frank Bajohrs ab.[2] Diese hatte ihren Fokus auf die Frage nach der Modernität des Nationalsozialismus gerichtet und setzte sich kurz nach Peukerts Tod noch deutlich unkritischer mit dessen Ansätzen auseinander.

Im Unterschied zu den meisten Publikationen zu Ehren einer Person würdigt zwar der vorliegende Band „einige der Pionierleistungen Peukerts“ (S. 36), will jedoch nicht verschweigen, dass „das unvollendete Werk Peukerts viele Leerstellen aufweist“ (S. 37), dies gilt insbesondere für seine Einschätzungen gegenüber der Geschlechtergeschichte und dem Holocaust. Die zehn Beiträge des Bandes lassen sich jeweils mindestens einem der Forschungsschwerpunkte Peukerts zuordnen: Widerstand, Gesellschaft der Weimarer Republik, Jugendkultur, Alltag und Modernität des Nationalsozialismus, In- und Exklusion in der Gesellschaft des Nationalsozialismus sowie Generationengeschichte. Die Beiträge sollen lediglich Schlaglichter auf die Arbeiten Peukerts werfen und sind auf die Jahre 1919–1945 in Deutschland fokussiert, unbearbeitet blieben daher beispielsweise Detlev Peukerts Arbeiten zur Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert. Der Sammelband will die Leistungen Detlev Peukerts würdigen und zugleich von ihm angestoßene Themen diskutieren. Daher ist ein Teil der Beiträge eher personenorientiert und ordnet die Überlegungen Peukerts in zeitgenössische sowie aktuelle Diskussionen ein, andere Aufsätze sind dagegen fachorientierter und untersuchen thematische Schwerpunkte Peukerts.

In ihrer Einführung zum Wirken Detlev Peukerts zeigen Rüdiger Hachtmann und Sven Reichardt das politische Engagement und zentrale Forschungsschwerpunkte Peukerts auf. Sie betten Peukerts Arbeit in den zeithistorischen Kontext ein und zeigen, inwiefern Arbeiten insbesondere zum Nationalsozialismus in den 1970er- und 1980er-Jahren als Aufarbeitung nötig wurden.

Ulrich Herbert, ein Wegbegleiter Peukerts, untersucht kritisch Detlev Peukerts Überlegungen zur Beteiligung der Arbeiterklasse am Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Typisch für die Historiographie zu Beginn der 1980er-Jahre war der Gedanke, die Arbeiterklasse sei einheitlich im Nationalsozialismus unterdrückt worden und habe Widerstand geleistet. Erst ab Mitte der 1980er-Jahre wandelte sich das Bild vom Gegensatz zwischen Arbeiterklasse und NS-Regime hin zu einer differenzierten Wahrnehmung von „arischen“, gesunden Deutschen im Gegensatz zu „Gemeinschaftsfremden“. Auch Michael Wildt bemängelt in seinem Beitrag zur Volksgemeinschaft Peukerts anfängliche Fixiertheit auf die Arbeiterklasse. Arbeiter seien für diesen gegen die NSDAP als eine Partei des Mittelstandes resistent gewesen, dabei habe Peukert jedoch die Landarbeiterschaft außer Acht gelassen und interessierte sich mehr für den Widerstand als für die Zustimmung innerhalb der deutschen Gesellschaft. Richtig habe Peukert jedoch gedeutet, dass der Nationalsozialismus seine reaktionären Ziele mit modernen Mitteln angestrebt habe – und habe dabei der Debatte um die Modernität des Nationalsozialismus viele Jahre vorgegriffen.

War der Nationalsozialismus modern? Peukerts frühen Überlegungen zu dieser Thematik widmen sich gleich mehrere Beiträge. Thomas Etzemüller setzt in seinem mehr themen- als personenbezogenen Beitrag der krisenhaften Moderne in Deutschland die Alternative in Schweden entgegen, welche Widersprüche nicht als Problem sah und durch Gewalt lösen wollte, sondern beständig im sittsamen Einvernehmen zu lösen suchte. Beispiele wie die Biopolitik Schwedens in der Zwischenkriegszeit mit der Sterilisierung von 60.000 Personen zeigten ähnliche Entwicklungen wie in Deutschland auf, hier führte die Moderne jedoch nicht zu Totalitarismus und Gewalt, sondern der sozialdemokratische Staat blieb eine stabile Demokratie. So sollte für die Beurteilung der Moderne nicht nur von dem deutschen Extremfall ausgegangen werden, sondern auch alternative Entwürfe wie in Nordeuropa miteinbezogen werden. Frank Bajohr bestätigt in seinem Beitrag zur Modernität des Nationalsozialismus, inwiefern sich die Debatten der 1980er-Jahre auf Deutschland konzentrierten und auch Detlev Peukert nahezu „ohne jede komparative internationale Perspektive“ (S. 148) auskam. Im Unterschied zur aktuellen NS-Forschung würde bei Peukert ebenfalls der Bezug zum Antisemitismus und die Praxis der NS-Politik fehlen. Dennoch habe Peukert innovativ auf Entwicklungen der Weimarer Republik verwiesen, um die rassisch zentrierte Moderne des Nationalsozialismus zu erklären und früh auf die Bedeutung von NS-Funktionseliten verwiesen. Peukert habe, so Nikolaus Wachsmann, die Herausbildung einer rassistischen Gemeinschaft in Deutschland zudem als eine extreme Form der Moderne begriffen, die ihre Ursprünge im späten 19. Jahrhundert habe, in der durch wissenschaftliche, rationale Methoden Armut oder Straffälligkeit eingedämmt werden sollte.

Zu den Forschungsschwerpunkten Peukerts gehörte auch die Bildung von Generationen, wo er nicht nur methodisch ein Vier-Generationen-Modell der 1850–1900 geborenen deutschen Eliten entwickelte, sondern die Radikalität und Frustration in der Weimarer Republik auf die Erfahrung der um 1900 geborenen, sich als „überflüssig“ empfundenen Generation zurückführte. Anthony McElligott differenziert in seinem Beitrag Peukerts Gedanken zur „überflüssigen“ jungen Generation und zeigt die Suche nach einem Führer in der Weimarer Republik insbesondere am Beispiel der Arbeiten Carl Schmitts auf. Die Erfahrung einer Generation gelte jedoch nicht für jeden Einzelnen, kritisiert Ulrike Jureit in ihrem Beitrag zu generationsgeschichtlichen Deutungsmustern. Sicherlich sei der Erste Weltkrieg generationsübergreifend prägend gewesen und Generation eine grundlegende Kategorie neben Klasse und Geschlecht. Doch könne nicht, wie Peukert es deute, von 1900 und 1910 geborenen NS-Eliten auf eine gesamte Generation geschlossen werden, vielmehr solle Generation als eine individuelle Erfahrungskategorie begriffen werden, die ähnlich verzerrt und inszeniert werden könne wie andere gefühlte Gemeinschaften wie Nation oder Klasse.

Seit Detlev Peukerts Mitarbeit im LUSIR-Projekt in Essen war Alltag im Nationalsozialismus sowie Oral History als historische Methode einer seiner zentralen Forschungsschwerpunkte. Elizabeth Harvey lobt zwar Peukerts Einsichten in das Zusammenspiel zwischen Alltag und staatlichen Terror, jedoch hätte dieser „relatively little to say about the gendered connotations of domestic privacy“ (S. 118). Umso wichtiger erscheint es Harvey in ihrem Beitrag, die Rolle der (Haus-)Frau im Nationalsozialismus herauszuarbeiten, indem sie überzeugend am Beispiel von „Ostarbeiterinnen“ in deutschen Haushalten den Widerspruch zwischen Effizienz, Mütterlichkeit und Rassismus darlegt. Das „Fundstück“ einer Radiosendung von RIAS Berlin im Oktober 1984 zu den eben entstandenen Geschichtswerkstätten lässt zuletzt Detlev Peukert selbst zu Wort kommen. Geschichte käme hier aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft heraus und wäre zugleich eine demokratischere Alternative zu den bis dahin eher konservativ betriebenen heimatgeschichtlichen Vereinen.

Der Sammelband zu Detlev Peukert und der NS-Forschung ist ein überzeugender Versuch, die zahlreichen Forschungsschwerpunkte Peukerts aktuell zu beleuchten. Mit einem kritisch-distanzierten Umgang und zahlreichen unterschiedlichen Forschungsschwerpunkten wie im vorliegenden Band mit Detlev Peukert könnte es für die Reihe ein Gewinn sein, nicht nur Themen, sondern auch Historiker/innen in den Mittelpunkt der Analyse zu stellen. Die zeitliche Distanz hat ebenso den Vorteil, dass durchaus kritisch mit Peukert umgegangen wird, wie am oft bemängelten fehlenden Interesse Peukerts am Schicksal der Juden deutlich wird. Zuweilen verwirrt die Mischung aus eher themenorientierten Aufsätzen (Elizabeth Harvey) oder auf die Person Peukerts konzentrierten Beiträgen (Nikolaus Wachsmann). Insgesamt ist es jedoch ein abwechslungsreicher Sammelband, der zugleich Einblicke in die zeitgenössische NS-Forschung und ihre Entwicklung seit den späten 1970er-Jahren sowie aktuelle Forschungsergebnisse bietet.

Anmerkungen:
[1] Detlev Peukert, Die KPD im Widerstand. Verfolgung und Untergrundarbeit an Rhein und Ruhr 1933–1945, Wuppertal 1980.
[2] Frank Bajohr (Hrsg.), Zivilisation und Barbarei. Die widersprüchlichen Potentiale der Moderne. Detlev Peukert zum Gedenken, Hamburg 1991.