Cover
Titel
Red Professor. The Cold War Life Of Fred Rose


Autor(en)
Monteath, Peter; Munt, Valerie
Erschienen
Mile End 2015: Wakefield Press
Anzahl Seiten
IX, 373 S.
Preis
$ 39.95, € 29,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Blanka Koffer, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Biographien so unterschiedlicher Ethnologen wie Franz Termer (1894–1968) und Frederick Rose (1915–1991) bergen umfangreiches Material für die Geschichte ihrer Disziplin von Weimar bis zur Wende. Termer, der großen Einfluss auf die Entwicklung der deutschen, nach 1945 westdeutschen Völkerkunde hatte[1], begann sein Studium noch vor dem Ersten Weltkrieg an seinem Geburtsort Berlin, wohin es den Oxford-Absolventen Rose vier Jahrzehnte später verschlug: Hier ließ sich seit 1956 seine lang ersehnte wissenschaftliche Karriere realisieren, nachdem entsprechende Versuche in Australien gescheitert waren.

Peter Monteath und Valerie Munt zeichnen den transnationalen Werdegang des Fred Rose nach: von den kleinbürgerlichen Anfängen in Südwestlondon über das „rote“ Cambridge der 1930er-Jahre, die Zeit in Australien bis zum Exil in der DDR seit Mitte der 1950er-Jahre. Die Biographie wurde umgehend nach ihrem Erscheinen im Jahr 2015 ausgiebig von britischen und australischen Rezensent/innen besprochen, im deutschsprachigen Raum wurde sie bislang erstaunlicherweise noch nicht zur Kenntnis genommen. Nicht nur bietet Roses Leben Einblicke in die britische, australische und deutsche Wissenschafts- und Zeitgeschichte, es illustriert ein Coming of Age eines Kommunisten unter den Bedingungen von Antikommunismus und Staatssozialismus, kurz: Es geht um die Geschichte eines wissenschaftlich und politisch ambitionierten Mannes, der sich zwischen den Fronten des Kalten Krieges einzurichten wusste. Peter Monteath, Professor für Europäische und Australische Geschichte an der Flinders-Universität in Adelaide, hat dieses Thema des weißen heterosexuellen Abenteurers in Zeiten politischer Umbrüche seitdem mehrfach variiert.[2] Zusammen mit Valerie Munt, Absolventin und Mitarbeiterin an Monteaths Institut, recherchierte er in australischen und deutschen Archiven und sprach mit zahlreichen Zeitzeugen.

Dabei stützen sich Monteath und Munt insbesondere auf die unveröffentlichten Memoiren von Fred Rose und auf die Überlieferungen zu den IM-Vorgängen von Rose und seiner Frau Edith, wobei die gerade bei retrospektiven und geheimdienstlichen Quellensorten notwendige Quellenkritik ausbleibt. Berücksichtigt man die Bedeutung der SED für die Geschichte der DDR im Allgemeinen sowie für den Wissenschaftswandel nach 1946 im Besonderen, mag es auch erstaunen, dass Monteath und Munt sich dafür entschieden haben, ausschließlich einen kleinen Bestand der Kreisleitung der SED an der Berliner Humboldt-Universität auszuwerten, der im kurzen Zeitraum von Mai 1958 bis Februar 1960 angelegt wurde. Rose war hier von 1956 bis 1974 tätig, zunächst als Dozent, später als Professor und zeitweiliger Leiter des Instituts für Völkerkunde und Deutsche Volkskunde. Er wechselte schließlich ans Museum für Völkerkunde in Leipzig. Aufschlussreich wäre die Auswertung weiterer Bestände der SED, der Ministerien für Wissenschaft und für Kultur sowie von einschlägigen Massenorganisationen wie der Liga für Völkerfreundschaft gewesen, um ein vollständigeres Bild der Handlungsspielräume zu erhalten, die sich für den Grenzgänger Rose eröffneten. Zur Geschichte der Gesellschaftswissenschaften und der Ethnologie in der DDR werteten Monteath und Munt nur einige wenige Aufsätze von Zeitzeugen zur Fachgeschichte der Ethnologie aus, die den 2014 erreichten Stand der Forschung zum Thema nicht wiedergeben. Diese Einschränkung fällt gerade im Vergleich zur englischsprachigen Literatur auf, die im Gegensatz dazu sehr umfangreich ist.

Die Biographie ist chronologisch angelegt und behandelt in 30 Kapiteln zu je rund zehn Seiten Roses Lebensstationen. Ausschlaggebend für Monteath und Munt sind die Leitfragen, welche Umstände Rose dazu brachten, zunächst nach Australien, später in die DDR überzusiedeln und dort seit den 1960er-Jahren zu einem überaus kooperativen inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit zu werden. Rose fällte diese folgenreichen Entscheidungen nicht allein: Bereits zu Studienzeiten in Cambridge lernte er seine langjährige Lebenspartnerin Edith kennen, Tochter des Berliner Patentanwalts und aktiven Antifaschisten Richard Linde. Wie Monteath und Munt belegen, bemühte sich Linde bereits seit 1947 um die Integration seines Schwiegersohns in den Lehrkörper der Humboldt-Universität. Versuche, Entscheidungsträger auf höchster Ebene wie Anton Ackermann und Paul Wandel von der Bedeutung der Ethnologie im Allgemeinen und insbesondere des „exceptionally gifted Australian anthropologist“ Rose zu überzeugen (S. 171), schlugen allerdings fehl: Entsprechende Briefe blieben schlicht unbeantwortet. Rose übernahm diese Praktik seines Schwiegervaters. Er schrieb an Genossen im Staatssekretariat für Hochschulwesen und im ZK der SED und wurde schließlich wie gewünscht an der Humboldt-Universität eingestellt. Die die Einstellung von Rose begünstigenden Faktoren bleiben an dieser Stelle unerwähnt: Rose, der in Australien im Kontext der dort breit rezipierten Petrov-Affäre der Spionage für die Sowjetunion verdächtigt worden war, passte Mitte der 1950er-Jahre nicht nur als kommunistischer Immigrant mit Oxford-Diplom, sondern auch als politisch aktiver Aborigines- und Urgesellschafts-Forscher sehr gut in die damalige Wissenschaftslandschaft der DDR. In Australien in seinem beruflichen Fortkommen benachteiligt, war Rose in der DDR umso privilegierter: Er hatte nicht nur eine herausragende Stellung im Fach als Professor, Institutsleiter und Reisekader inne, er war zudem aktives Mitglied der SED und nutzte die parteieigenen Kommunikationsformen intensiv. Seine zahlreichen Eingaben wurden toleriert bis ignoriert, da er als Informationsbeschaffer mit britischer Staatsangehörigkeit auf dem nationalen wie internationalen Parkett nützlich war, wie Monteath und Munt anhand der geheimdienstlichen Überlieferung herausarbeiten.

Es ist eine der Stärken des Buches, ungeahnte Verbindungen und Wechselwirkungen zwischen den privaten, beruflichen und politischen Konstellationen festzustellen. Insgesamt montieren Monteath und Munt dies zu einem durchgehend positiven Narrativ. Wo Zweifel daran aufkommen könnten, da Rose seine Positionen in den Hierarchien der beruflichen Felder, in denen er sich bewegte, auch für die Durchsetzung sachfremder Interessen wie die Anbahnung sexueller Kontakte zu ressourcenärmeren und immer jüngeren Frauen nutzte, so wird darüber jovial hinweggesehen. Eine Analyse der Bedingungen dieser Beziehungen hätte sich angeboten, wie sie besonders eindrücklich im Fall der „Anna Wittmann“ deutlich wird: „Barely in her twenties, some forty-five years younger than Rose“, begann die junge, von Monteath und Munt mit Pseudonym benannte Absolventin ihre Tätigkeit am Leipziger Museum für Völkerkunde und lernte dort Rose kennen: „There were many echoes of Rose‘s earlier relationships with young women. [...] ‘Anna’ was highly intelligent and passionately committed to her subject. Intellectually she allowed herself to be guided by Rose deep into the arcane world of Australian Aboriginal culture. [...] Further co-publications followed, and, in time, so too did sex.“ (S. 278–279) Für die beteiligten Frauen hatten diese „Echos“ durchaus erfreuliche Nebeneffekte wie Auslandsaufenthalte[3], gemeinsame Publikationen mit einem renommierten Professor und nicht zuletzt positiv bewertete Qualifikationen für den weiteren Werdegang. Ob diese Praxis als eine Besonderheit der DDR oder der sozialistischen Staaten mit ihrer spezifischen Ressourcenverknappung oder als ein zeit- oder berufstypisches Phänomen zu bezeichnen wäre, bleibt zu diskutieren.

Wenngleich der DDR-Teil wegen der unzureichenden Berücksichtigung der verfügbaren Quellen und Literatur merklich abfällt gegenüber den Darstellungen der britischen und australischen Teilgeschichten von Roses Leben und Wirken, ist Monteath und Munt eine spannende Biographie gelungen, die am Beispiel eines im Kalten Krieg tätigen Ethnologen nicht nur wissenschafts- und (außen- wie innen-)politische Interessen und Ressourcen beleuchtet, sondern häufig geäußerte Forderungen nach einer transnationalen Historiographie umsetzt. Beeindruckend werden die grenz- und kontinentüberschreitenden Geschichten der Familien Rose und Linde mit den Nationalgeschichten Australiens und der DDR verbunden. Nicht zuletzt bietet die Studie vielversprechende Anregungen für eine Erweiterung der Fachgeschichte der deutschen Ethnologie und für eine Analyse der Asymmetrien in akademischen Arbeitswelten und deren Auswirkungen für die Wissenschaftsgeschichte.

Anmerkungen:
[1] Zu Termer ist 2017 erschienen: Wolfgang Kophamel, Franz Termer (1894-1968). Politische Geographie und Völkerkunde. Eine Werkbiographie, Hamburg 2017.
[2] Peter Monteath, Escape Artist. The Incredible Second World War of Johnny Peck, Montgomery 2017; ders. (Hrsg.), Friedrich Gerstäcker, Australia. A German Traveller in the Age of Gold, Adelaide 2016.
[3] Im Falle der „Anna Wittmann“ umging Rose die für „Wittmanns“ Bewerbung eigentlich zuständigen australischen Fachkollegen und sorgte für eine positive Begutachtung durch ihm persönlich gut bekannte und einflussreiche Historiker. Siehe dazu: Klaus Neumann, Fred Rose. Communist, Scientist, Lover, Spy, in: Inside Story, 03.10.2015, https://insidestory.org.au/fred-rose-communist-scientist-lover-spy/ (14.09.2019).