M. Szulc: Emanzipation in Stadt und Staat

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Titel
Emanzipation in Stadt und Staat. Die Judenpolitik in Danzig 1807–1847


Autor(en)
Szulc, Michał
Reihe
Hamburger Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden 46
Erschienen
Göttingen 2016: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
352 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michaela Schmölz-Häberlein, Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Danzig, das in Realunion mit der polnischen Krone verbunden war, aber in der Frühen Neuzeit weitgehende Autonomierechte genoss, gehörte zu den bevölkerungsreichsten Städten Mitteleuropas. Im Kontext der Zweiten Polnischen Teilung wurde die Stadt 1793 Teil des Königreichs Preußen; damit gingen ihr Autonomiestatus sowie die städtische Freiheit verloren. Napoleons Sieg über Preußen führte 1807 zur Gründung der Republik Danzig, einem bis 1814 existierenden Stadtstaat, der auch die umliegenden Gebiete einschloss. Die Niederlage Napoleons und die Beschlüsse des Wiener Kongresses führten 1814/15 schließlich zur Wiedereingliederung in die preußische Provinz Westpreußen als Freie Stadt Danzig.

In seiner 2014 an der Universität Potsdam eingereichten Dissertation setzt sich Szulc das Ziel, die Implementation der Judenpolitik in Danzig als „einen politischen Kampfplatz verschiedener Akteure“ und nicht nur als „verwaltungstechnisches Phänomen“ zu betrachten (S. 297). Die mit den Begriffen „bürgerliche Verbesserung der Juden“ (Christian Wilhelm von Dohm 1781) bzw. Emanzipation (ab 1817) erfasste Angleichung der staatsbürgerlichen Rechte jüdischer Einwohner an diejenigen der christlichen Mehrheitsgesellschaft wurde zumeist aus der Perspektive der Letzteren untersucht; die einschlägigen Studien betrachteten die jüdische Minderheit nur selten als selbständig handelnde Akteure, die maßgeblichen Anteil an der Ausgestaltung ihrer Lebenswelt und Lebensbedingungen hatten. Sofern Juden überhaupt im Zentrum der Betrachtung standen, beschränkte sich das Interesse auf deren bekannteste Vertreter. Szluc beabsichtigt hingegen, das Aushandeln des Rechtsstatus der Juden multiperspektivisch zu untersuchen, um „zu einem genaueren Verständnis der Emanzipation […] in ihrem lokalen ideologisch-politisch-rechtlichen Kontext zu gelangen“ (S. 13). Hiermit schließt er an neuere Forschungen an, die die eigenständige Rolle der Judenschaft auf lokaler und regionaler Ebene betonen.[1]

Mit vier Prozent an der Gesamtbevölkerung bildeten die Juden die drittstärkste religiöse Gruppierung in der lutherisch dominierten Stadt. Die Initiative zur rechtlichen Gleichstellung dieser Minderheit ging zwar vom Staat aus, doch wurden die staatlichen Vorgaben in Danzig nicht eins zu eins umgesetzt; vielmehr kam es zu kontinuierlichen Aushandlungsprozessen zwischen Staat und Stadtgemeinde. Ein grundlegendes Problem stellte die rechtliche Definition des Staatsbürgers und deren Abgrenzung von der des Stadtbürgers dar; die letztlich unscharfe Grenzziehung zwischen beiden eröffnete den kommunalen Institutionen zahlreiche Interpretationsspielräume. Wie in anderen mitteleuropäischen Staaten verlief die Emanzipation der Juden auch hier nicht geradlinig, sondern zog sich in einer Reihe von Einzelschritten über mehrere Jahrzehnte hin. Das preußische Judenedikt von 1812, das nach der Wiedereingliederung Danzigs auch auf die Stadt übertragen wurde, sicherte den Juden Freizügigkeit und Gewerbefreiheit zu – Freiheiten, die sich jedoch nicht mit den Vorstellungen der Stadtverwaltung deckten, die die Juden für den „Untergang“ des polnischen Stadtbürgertums und den Zerfall Polens mit verantwortlich machte. In einer revisionistischen Phase ab 1818 kam es zur Einschränkung des Niederlassungsrechts für Juden und zur Beschränkung ihrer Handelstätigkeit. Konflikte zwischen jüdischen und christlichen Besuchern des Dominik-Marktes, die seit längerem schwelten, kamen 1819 in den antijüdischen Hep-Hep-Unruhen, die sich von Süddeutschland nach Norden hin ausbreiteten und im September dieses Jahres Danzig erreichten, offen zum Ausbruch. 1821 gab es erneut lokale Ausschreitungen gegen die jüdische Minderheit, sie sich gegen deren sozialen Aufstieg, wirtschaftlichen Einfluss und politische Gleichberechtigung richteten. In den folgenden Jahren wurden intensive Debatten über die Integrationsfähigkeit der jüdischen Bevölkerung geführt, ab 1830 zunehmend auch im öffentlichen Raum. Hierbei spielte seit den 1840er-Jahren die Presse eine wichtige Rolle. Im Laufe dieser Debatten zeichnete sich allmählich eine wachsende Akzeptanz der Juden als gleichwertige Mitglieder der Danziger Stadtgesellschaft und eines religiös pluralistischen städtischen Raums ab.

Szluc ordnet diese Entwicklung in einen 1793 einsetzenden Prozess des Machtverlustes der Danziger Stadtverwaltung ein und zeichnet in einer Mischung aus Personen- und Institutionengeschichte den Diskurs zwischen kommunalen und staatlichen Stellen nach, ohne freilich „Judenemanzipation“ als Teil des Staatsbildungsprozesses aufzufassen.

Die insgesamt interessante und lesenswerte Arbeit orientiert sich stark an den Verwaltungsbehörden und ihren Akteuren und streift die Perspektive der jüdischen Bevölkerung nur am Rande. Interessant wäre es gewesen, die handelnden Personen in ihrem jeweiligen sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und religiösen Umfeld zu verorten und somit über die bloßen Namen hinaus etwas über die Personen zu erfahren. Auf diese Weise wäre unter Umständen mehr über mögliche Gründe der Erteilung bzw. Nichterteilung des Niederlassungs- und/oder Bürgerrechts sowie über das vielschichtige Mit-, Gegen- und Nebeneinander von jüdischer Minderheit, christlicher Mehrheit und staatlichen Institutionen zu erfahren gewesen. Inwieweit die rechtlich-politischen Vorgaben und der öffentliche Diskurs auf die Haltung der Bevölkerung Einfluss genommen haben, müsste zudem deutlich klarer herausgearbeitet werden. Auch ein Vergleich zwischen den religiösen Minderheiten der Juden und der Mennoniten, die im selben Zeitraum von einer Gruppe mit minderem Rechtsstatus zu vollwertigen Bürgern wurden (S. 42, 56, 118, 138f.), hätte der Diskussion eine weitere Perspektive hinzugefügt. Hilfreich wäre schließlich eine Karte der Stadt und ihrer Umgebung gewesen, um dem mit der Topographie nicht vertrauten Leser eine Handreichung zu geben.

Anmerkungen:
[1] Simone Lässig, Jüdische Wege ins Bürgertum. Kulturelles Kapital und sozialer Aufstieg im 19. Jahrhundert, Göttingen 2004; Tobias Schenk, Wegbereiter der Emanzipation? Studien zur Judenpolitik des „Aufgeklärten Absolutismus“ in Preußen (1763–1812) (Quellen und Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte 39), Berlin 2010; Stephanie Schlesier, Bürger zweiter Klasse? Juden auf dem Land in Preußen, Lothringen und Luxemburg, Köln 2014; Marion Schulte, Über die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in Preußen. Ziele und Motive der Reformzeit (1787–1812) (Europäisch-jüdische Studien. Beiträge 11), Berlin 2014.