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Titel
Holocaust Oral History und das lange Ende der Zeitzeugenschaft.


Autor(en)
Taubitz, Jan
Erschienen
Göttingen 2016: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
332 S., 4 Abb.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Judith Keilbach, Departement Media en Cultuurwetenschappen, Universiteit Utrecht / Vienna Wiesenthal Institute

In seiner Dissertation über die Institutionalisierung von Zeitzeugeninterviews mit Holocaust-Überlebenden sowie deren Korrelation mit Holocaust-Darstellungen in Filmen und im Fernsehen weist Jan Taubitz eingangs auf das Paradox hin, dass die „Ära der Zeitzeugen“ und das „Ende der Zeitzeugen“ unmittelbar zusammenfallen (S. 10). Mit dem Beschwören des Endes der Zeitzeugenschaft sei die „Zahl der Überlebenden nicht kleiner, sondern größer“ geworden (S. 12). Diese Bemerkung bezieht sich auf die zunehmenden Bemühungen, Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden festzuhalten – Bemühungen, die zu einem Zeitpunkt einsetzten, als die heterogene Gruppe der Mitlebenden allmählich verstarb. Die Bemerkung leitet ein Buch ein, dessen Ziel es ist, die Entwicklung der Holocaust Oral History nachzuzeichnen und das Wechselverhältnis von Zeitzeugeninterviews und Erinnerungskultur zu diskutieren.

Die Arbeit beschränkt sich hierbei explizit auf die USA und bespricht neben anderen die Interviewprojekte des Fortunoff Video Archive, des U.S. Holocaust Memorial Museum (USHMM) und der Shoah Foundation. Sie fasst in den Abschnitten „Historisierung“ und „Institutionalisierung“ den historischen Kontext der Entstehung dieser Institutionen zusammen, liefert interessante Einblicke in deren Gründungsideen und Arbeitspraktiken und geht dabei auch auf ihr Konkurrenzverhältnis ein. Zudem werden verschiedene Vorgängerprojekte beschrieben, zum Beispiel David Boders Interviews mit Displaced Persons (1946) oder die Interviewsammlungen der Research Foundation for Jewish Immigration und des American Jewish Committee (beide aus den 1970er-Jahren). Unter der Überschrift „Medialisierung“ diskutiert der Autor im letzten Teil des Buches ausgewählte Filme und Fernsehsendungen („This Is Your Life“, 1953; „Holocaust“, 1978; „Schindler’s List“, 1993) und erwähnt kurz vier reflexive Produktionen („Skokie“, 1971; „The Memory Thief“, 2008; „CSI: NY – Yahrzeit“, 2009; „The Sarah Silverman Program – Wowschwitz“, 2010), um das Wechselverhältnis von Zeitzeugeninterviews und massenmedialen Darstellungen des Holocaust aufzuzeigen.

Theoretisch positioniert Taubitz seine Arbeit mit überzeugenden Argumenten in der Diskurstheorie. Er schlägt vor, „die Holocaust Oral Histories nicht als Ausprägungen eines Gedächtnisses, sondern als diskursive Formationen zu begreifen, da sich so ihr Inhalt als auch ihre Entstehungsbedingungen untersuchen lassen“ (S. 41). Diese deutliche Verortung sowie die Beschreibung des Verfahrens der Grounded Theory, dem die Materialauswahl geschuldet sei (S. 49), lassen eine Diskursanalyse der Interviews im Kontext ihres Entstehungszusammenhangs erwarten, die jedoch leider ausbleibt. Zwar geht Taubitz bei seiner Besprechung der unterschiedlichen Ziele der drei großen US-amerikanischen Holocaust Oral History-Projekte auf den Zusammenhang von Erkenntnisinteresse, Fragestellung und Interviewmethode ein.[1] Eine an der Grounded Theory orientierte Analyse von Samples, um die Formierung des Sprechens durch die je spezifischen Praktiken zu belegen, ist im Buch jedoch nicht aufgenommen. So resultiert beispielsweise der interessante Befund, dass die Interviews des USHMM anfangs an den Anforderungen der Ausstellungskuratoren orientiert waren und eine Fragetechnik entwickelt wurde, um „emotionsgeladene zwei- bis vier-minütige Clips“ für die Ausstellung zu erhalten (S. 132), aus internen Dokumenten des USHMM. Inwiefern diese Vorgabe die Interviews strukturiert hat und in den Holocaust Oral Histories tatsächlich wiederzufinden ist, lässt das vorliegende Buch jedoch offen. Zwar werden, wie Taubitz verdeutlicht, Holocaust Oral Histories von institutionell eingebundenen Interviewern maßgeblich mitkonstruiert. Durch die Konzentration auf Schriftdokumente bleibt aber der ‚Eigensinn’ unberücksichtigt, den die Gesprächspartner beim Erzählen ihrer Erlebnisse an den Tag legen können.

Die theoretische Konzeption von Institutionalisierungsprozessen verspricht ebenfalls interessante Erkenntnisse. Taubitz beschreibt etwa die drei Institutionen mit Hilfe von Pierre Bourdieus Kapitalbegriff, wobei das Fortunoff Video Archive über hohes kulturelles, das USHMM über umfangreiches soziales und die Shoah Foundation über viel ökonomisches Kapital verfüge (S. 124). Darüber hinaus bezieht er sich auf Hayden Whites „Metahistory“, um seine Beschäftigung mit der narrativen Modellierung der Holocaust-Erinnerung theoretisch zu rahmen (S. 198ff.), und schlägt vor, dessen Thesen zum „Emplotment“ in der Geschichtsschreibung auf filmische Darstellungen der Vergangenheit und auf Zeitzeugeninterviews mit Holocaust-Überlebenden zu übertragen (S. 207).

Auch hier würde die Argumentation allerdings überzeugender ausfallen, wenn die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Narrative in der Geschichtswissenschaft, in fiktionalen Fernsehserien wie „Holocaust“ und in Holocaust Oral Histories analytisch sorgfältiger unterbaut wären. Problematisch erscheint zudem, dass weder medien- und genrespezifische Konventionen noch die Eigenheiten der Sinnkonstruktion im Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen diskutiert werden. Beim Vergleich der narrativen Modellierungen wäre beispielsweise zu berücksichtigen, dass die fiktionalen Geschichtsdarstellungen der Massenmedien in den seltensten Fällen auf Primärquellen beruhen. Sie machen sich höchstens geschichtswissenschaftliche, d.h. narrativ bereits „modellierte“ Literatur zu eigen, die dann anhand dramaturgischer Regeln in eine Film- bzw. Fernsehhandlung umgesetzt wird. Dabei gilt es unter anderem Handlungsräume zu etablieren und Figuren zu entwickeln, deren jeweilige Konstellation (z.B. Antagonisten, plurales Figurenensemble etc.) eine je spezifische Erzählform ermöglicht.[2] Es wäre lohnend gewesen, den je spezifischen Gesetzmäßigkeiten nachzugehen, die der Geschichtswissenschaft, der Medienindustrie und der Formung von Erinnerung zugrunde liegen, um damit neben den Ähnlichkeiten auch die Überlagerungen, Verflechtungen und Friktionen der unterschiedlichen narrativen Modellierungen in den Blick zu nehmen. Durch eine Berücksichtigung von produktionsorientierter und narrationstheoretischer Literatur aus der Film- und Fernsehwissenschaft sowie von sozialpsychologischen und medienwissenschaftlichen Studien aus den Memory Studies hätte die Argumentation der Arbeit hier durchaus noch gewinnen können.[3] Eine solche Ausweitung muss dem diskursanalytischen Ansatz nicht zwangsläufig zuwiderlaufen. Zum einen lassen sich die Konventionen und Produktionsregeln populärer Medien als diskursstrukturierende Elemente begreifen; zum anderen hebt Taubitz zu Beginn seines Buches selbst hervor, dass sich die Interpretation von Zeitzeugeninterviews produktiv mit der Diskursanalyse verbinden lässt (S. 42).

Der mit dem Titel „Medialisierung“ überschriebene Teil der Arbeit vermag wiederum nicht vollständig zu überzeugen. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die angenommene Reziprozität zwischen Holocaust Oral Histories und Erinnerungskultur nicht deutlich ausbuchstabiert wird. Inwiefern die drei ausgewählten Filme und Fernsehsendungen als pars pro toto der US-amerikanischen Erinnerungskultur zu verstehen sind, bleibt dadurch ebenso unklar wie die konkreten Mechanismen dieser Wechselwirkung. Auch ist der Unterschied zwischen Form und Inhalt in der Diskussion des dialektischen Verhältnisses von Zeitzeugeninterviews und Erinnerungskultur nicht immer deutlich. Es ist unbestritten, dass mediale Repräsentationen den Inhalt von Interviews mit Holocaust-Überlebenden sowie die Performance von Zeitzeugen mitprägen. Jeffrey Shandler führt dies in seiner Analyse von Interviews der Shoah Foundation eindrücklich vor Augen.[4] Inwiefern sich die narrative Form populärkultureller Geschichtsdarstellungen unmittelbar in den Holocaust Oral Histories niederschlägt (S. 214), ist hingegen fraglich. Der dialogische Aufbau eines Interviews, das aus dem Wechselspiel von Frage und Antwort besteht, hat wenig mit der stringenten, kohärenten und effizienten Narration gemeinsam, die populäre Filme und Fernsehsendungen auszeichnet. Auch erzählen Überlebende monoperspektivisch von ihren persönlichen Erlebnissen, wohingegen Filme und Fernsehsendungen in der Regel mit parallelen Handlungssträngen operieren und multiperspektivisch strukturiert sind.

Insgesamt lässt sich konstatieren, dass sich die Arbeit der Holocaust Oral History aus einer theoretisch vielversprechenden Perspektive nähert. Leider gelingt es Jan Taubitz jedoch nicht immer, die diskursive Formation der Holocaust-Erinnerung in all ihrer Komplexität analytisch zu beschreiben.[5] Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass solch ein interdisziplinäres Vorhaben eine Herausforderung darstellt, die im Rahmen einer Dissertation kaum zu bewältigen ist. Abgesehen von dieser Problematik gibt das Buch einen sehr guten deutschsprachigen Überblick zu US-amerikanischen Projekten und Institutionen der Holocaust Oral History.

Anmerkungen:
[1] Vgl. hierzu auch Noah Shenker, Reframing Holocaust Testimony, Bloomington 2015.
[2] Vgl. grundsätzlich David Bordwell, Narration and the Fiction Film, Madison 1985; Murray Smith, Engaging Character. Fiction, Emotion, and the Cinema, Oxford 1995.
[3] Vgl. hierzu z.B. Michael Pollak, Die Grenzen des Sagbaren. Lebensgeschichten von KZ-Überlebenden als Augenzeugenberichte und als Identitätsarbeit, Frankfurt am Main 1988; Ulrike Jureit, Erinnerungsmuster. Zur Methodik lebensgeschichtlicher Interviews mit Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager, Hamburg 1999; Astrid Erll / Ann Rigney (Hrsg.), Mediation, Remediation, and the Dynamics of Cultural Memory, Berlin 2009.
[4] Vgl. hierzu Jeffrey Shandler, Holocaust Survivors on Schindler’s List, in: American Literature 85 (2013), S. 813f.
[5] Zur Komplexität vgl. beispielsweise die Artikulation von Holocaust-Erinnerungen im Kontext der Dekolonialisierung: Michael Rothberg, Multidirectional Memory. Remembering the Holocaust in the Age of Decolonialization, Stanford 2009.