Cover
Titel
Menschen zählen. Wissensproduktion durch britische Volkszählungen und Umfragen vom 19. Jahrhundert bis ins digitale Zeitalter


Autor(en)
Brückweh, Kerstin
Reihe
Veröffentlichungen des German Historical Institute London 76
Erschienen
Anzahl Seiten
426 S.
Preis
€ 64,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Speich Chassé, Historisches Seminar, Universität Luzern

Zahlen stellen in der digitalen Gegenwart die wichtigste Basis der kollektiven Selbstverständigung dar. Man spricht vom Informationszeitalter und meint im Grunde, dass moderne Gesellschaften in einem Zeitalter der Zahlen stehen. Die historische Forschung hat das bislang noch zu wenig zur Kenntnis genommen. Die Untersuchung von Kerstin Brückweh zur Bevölkerungsstatistik und zur Meinungsforschung in Großbritannien, die den Zeitraum von circa 1800 bis in die Gegenwart hinein abdeckt, ist daher von großem Wert.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Der erste Teil widmet sich den Akteuren und den Methoden der statistischen Forschung. Als Heranführung an das Thema wird die Organisation des Erfassungsapparates rekonstruiert. Das Kapitel versucht eine Kollektivbiographie der beteiligten Personen vom „Registrar-General“, dem obersten Statistiker, bis hinunter zu den Klinkenputzern, die von Haus zu Haus die entsprechenden Formulare verteilten, deren Ausfüllung bisweilen recht genau überwachten, und die Ernte anschließend in das staatliche Rechenzentrum einbrachten. Geboten wird auch ein instruktiver Blick auf die Fragen, die seit der ersten britischen Volkszählung im Jahr 1801 in regelmäßigen Abständen von zehn Jahren bis heute zum Einsatz gekommen sind. Ihr Erscheinungsbild als Fragebogen wird im Anhang reproduziert und spricht Bände über den sozialen Wandel. Der (kürzeste) zweite Teil der Untersuchung widmet sich der Ordnung des Wissens, die den statistischen Erhebungen zu Grunde lag und zugleich durch diese hervorgebracht worden ist. Dabei geht es hauptsächlich um die Rolle von Kategorien. Die Zuordnung der gezählten Individuen zu verschiedenen „Klassen“ war wichtig und stets kontrovers. Die „Klasse“ ging mit Machtwirkungen einher, denn sie ist weitgehend ein Effekt des wissenschaftlichen Zugriffs auf die Bevölkerung als Masse und wurde durch die Zählapparaturen als soziale Realität erst hervorgebracht. Ein zweites Beispiel, das die Autorin an dieser Stelle stark macht, ist das Konzept eines „Head of Household“. Es wurde im langen Untersuchungszeitraum aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert. Es diente dem statistischen Unternehmen als eine wichtige Komplexitätsreduktion, da über die Kategorie des Haushalts jeweils mehrere Individuen numerisch abgebildet werden konnten, und nicht einzeln zu repräsentieren waren. Zugleich transportierte das statistische Aufschreibesystem durch die Kategorie des Haushalts auch die normative Vorstellungen in die Sozialpolitik hinein, nach der die Lebensrealität der Bevölkerungen in Haushaltsgruppen strukturiert und auf einen (patriarchalen) Vorstand ausgerichtet sei – bzw. ausgerichtet zu sein habe. Der dritte Teil vertieft die Problematik der Kategorienbildung weiter am Beispiel der körperlichen Behinderung und am Beispiel der „Rasse“ und führt bis an die Gegenwart heran. 1851 wurde die Frage nach „disabilities“ in die britische Volkszählung eingeführt und nach einer langen Debatte während der Jahre 1911–1921 wieder aus den Fragebögen gestrichen. An diesem Beispiel zeigt Brückweh, wie sich in der Technik der Volkszählung der gesellschaftliche Wandel abbildet. Das gleiche Argument wird auch am Begriffspaar „race/ethnicity“ untersucht, das wegen der britischen Kolonialvergangenheit im statistischen Blick auf die Bevölkerung der Insel bis heute hochgradig kontrovers geblieben ist.

Die Untersuchung von Kerstin Brückweh ist in hohem Masse zeitgemäß, weil sie die Entfaltung der epistemischen Grundlagen gegenwärtiger Diskurse aufzeigt. Der Mut zur Langzeitperspektive ist ihr hoch anzurechnen. Die Apparatur der britischen Volkszählung ist relativ überschaubar und bietet einfach dadurch, dass es sie seit zweihundert Jahren gibt, einen privilegierten Beobachtungsort für den sozialen Wandel. Es wird in ihrem Buch schön aufgezeigt, wie langlebig kategoriale Systeme der Erfassung sein können und wie stark sie mitunter in Konflikt zur gelebten Realität der zu vermessenden Bevölkerung geraten, deren kollektive Selbstbeschreibung sich ständig wandelt. Die britischen Volkszählungen von 2001 und 2011 waren vielfach in diesen Konflikt verstrickt. In ihnen lebte das Begehren nach einer Reinheit der Kategorien aus dem 19. Jahrhundert weiter und stieß vehement auf die hybride Realität der postkolonialen Situation. Es flogen die Fetzen. Das Buch zeigt am Beispiel Großbritanniens, wie sehr Volkszählungen heute im Spannungsfeld zwischen den Ansprüchen der „political correctness“ und den pragmatischen Notwendigkeiten des Zählens nur noch schwerlich auf selbstverständliche Kategorien aufbauen können.

Bei allem Lob ist aber auch Kritik anzumelden. Es bleibt unklar, wie und warum die Geschichte der Volkszählung mit der Geschichte der Meinungsforschung verbunden wird. An einzelnen Stellen der Untersuchung erweist sich diese Parallelführung als gewinnbringend. So etwa im zweiten Hauptteil, wo die publizierten Kritiken privater Umfrageinstitute an der staatlichen Datenproduktion als Quelle genutzt werden. Die Entstehung eines privaten Marktes für Zahlen forderte das Staatsverständnis heraus. Immerhin entstand die staatliche Selbstbeschreibung (das heißt die Statistik) im Kontext des frühen Liberalismus und war zentral mit dem Prinzip der Öffentlichkeit des Wissens über die Res Publica verknüpft. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts debattierte man dann darüber, wer welche Daten gratis wem zur Verfügung zu stellen habe bzw. wer mit welchen Informationen Geld verdienen dürfe. Den vorläufigen Schlusspunkt dieses Streits bildet die aktuelle Forderung, die staatliche britische Volkszählung aus Spargründen abzuschaffen und privaten Umfrageinstituten zu übergeben – die freilich seit ihrer Entstehung stets auf dem vom Staat zur Verfügung gestellten Material aufgebaut haben. Wenn dies geschähe, würden künftige Untersuchungen wie jene von Brückweh rein quellentechnisch unmöglich, weil private Anbieter ihr prozedurales Wissen als Geschäftsgeheimnis verstehen. Das anzuzeigende Buch beschreibt diese Komplikationen, ordnet sie aber zu wenig ein und theoretisiert sie fast nicht. Das ist schade. Aus der neueren Perspektive einer Wissensgeschichte wäre es interessant gewesen, mehr über die Konkurrenz der zwei Wissensregimes und mehr zur Entstaatlichung der Wissensproduktion über Gesellschaft zu erfahren.

In ihrer Analyse arbeitet Brückweh mit der Vorstellung, Information über „Rasse“ sei für die britische Regierung eine gewünschte Information gewesen, die auf Grund wechselnder gesellschaftlicher Leitvorstellungen aber nur durch Stellvertreterfragen nach dem Geburtsort der zu zählenden Menschen oder jenem ihrer Eltern bzw. nach deren Staatsbürgerschaft zu eruieren gewesen sei. Damit sind hoch komplexe Zusammenhänge angesprochen, die in der bundesrepublikanischen Debatte heute über das Kunstwort des „Migrationshintergrunds“ still gestellt werden. Die Autorin zeigt, dass die britischen Behörden zwar seit 1801 Volkszählungen betrieben, aber dabei die Bevölkerung der Kolonien stets außen vor ließen. Das ist deshalb erstaunlich, weil neuere Forschungen zum späten Kolonialismus dessen Modernität betonen, so dass eigentlich zu erwarten wäre, dass die moderne Herrschaftstechnik der Zahlen gerade in den Kolonien zum Einsatz gekommen sein müsste. Aber Brückweh geht diesem Umstand nicht weiter nach, obwohl der imperiale Horizont ständig in ihr Untersuchungsdesign hinein spielt. Hier hätte eine stärkere Rezeption globalgeschichtlicher Forschungsansätze und der New Imperial History vielleicht weiter geholfen.

Insgesamt eröffnet Kerstin Brückweh viele relevante Fragehorizonte. Diese wären durch eine noch stärkere Fundierung der Untersuchung in der Wissensgeschichte und durch eine deutlichere Ausweitung hin zur Globalgeschichte einzufangen gewesen. Das zu tun, bleibt künftigen Untersuchen anheimgestellt – die allerdings in ihrem Buch viele Anregungen finden können.