M. Meier u.a. (Hrsg.): Die Weltchronik des Johannes Malalas

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Titel
Die Weltchronik des Johannes Malalas. Autor - Werk - Überlieferung


Herausgeber
Meier, Mischa; Radtki, Christine; Schulz, Fabian
Reihe
Malalas-Studien 1
Erschienen
Stuttgart 2016: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
310 S.
Preis
€ 58,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Raphael Brendel, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

Dieser Band, der die meisten Beiträge einer vom 27. Februar bis zum 1. März 2014 in Tübingen veranstalteten Tagung vereint[1], begründet die neue Reihe „Malalas-Studien“, deren Aufgabe die Publikation der Ergebnisse des in Arbeit befindlichen Tübinger Kommentars zum frühbyzantinischen Historiker Johannes Malalas ist. Die einleitenden Worte der drei Herausgeber (S. 7–23) bieten eine kurze Einführung in das Geschichtswerk des Malalas, die Forschungsgeschichte, das Tübinger Projekt und die zentralen offenen Fragen in der Forschung zur Person des Malalas, zur Textgattung und zur Überlieferung sowie eine Zusammenfassung der fünfzehn Aufsätze des Bandes, die in deutscher oder englischer Sprache abgefasst sind.

Mit der Person des Malalas setzen sich vier Beiträge auseinander: Johann Martin Thesz (S. 27–43) wirft einen Blick auf die christliche Paideia des Malalas. Als Hintergrund der Bildung des Autors nimmt er keine grammatisch-rhetorische Ausbildung, sondern eine Art alternatives Bildungsangebot an, das Kenntnisse der Bibel sowie die für die Verwaltungstätigkeit notwendigen Lese- und Schreibfähigkeiten vermittelte. Unzutreffend sei auch die in der Forschung vielfach vorausgesetzte Entgegensetzung einer hochgebildeten Elite und einer breiten Schicht an Ungebildeten, für die Malalas geschrieben habe; sein Werk habe sich vielmehr bei dem Teil der Eliten, der nicht über klassische Bildung verfügte, einer gewissen Beliebtheit erfreut. Volker Henning Drecoll (S. 45–57) geht der Frage nach, ob sich miaphysitische Tendenzen bei Malalas nachweisen lassen. Nach dem Verweis auf schwerwiegende Grundprobleme einer solchen Untersuchung (der Miaphysitismus als eine inhaltlich nicht geschlossene Abwehrhaltung sowie der Überlieferungszustand des Malalas) zeigt Drecoll, dass die als Hinweise auf eine miaphysitische Perspektive erachteten Textpassagen im Werk des kirchenpolitische Zusammenhänge nur sehr knapp schildernden Malalas nicht aussagekräftig sind. Verwunderlich ist allerdings die fehlende Auseinandersetzung mit der These Mischa Meiers, wonach Malalas durch Angaben über die entferntere Vergangenheit Kritik an zeitnäheren religionspolitischen Maßnahmen äußere.[2]

Catherine Saliou (S. 59–76) analysiert die Darstellung Antiochias bei Malalas, wobei sie die Eigenheiten in dessen Werk herausarbeitet und die Zuverlässigkeit der gebotenen Angaben prüft. Sie zeigt auf, dass die Bücher 15–18 über die Zeit von Zenon bis Justinian wertvolle Daten zum städtischen Raum Antiochias bieten; die Angaben der früheren Bücher sind dagegen mit Vorsicht zu benutzen, lassen sich aber teilweise durch andere Quellen bestätigen. Philippe Blaudeau (S. 77–89) vergleicht die Malalas-Überlieferungen für die Regierungszeit Justinians und stellt fest, dass die Darstellung Justinians in der Fortsetzung des Werkes mit der in der Chronik selbst übereingeht.[3]

Zwei Aufsätze untersuchen die Gattung der Chronik: Richard W. Burgess und Michael Kulikowski (S. 93–117) bieten eine größtenteils aus ihren „Mosaics of time“[4] gearbeitete Einführung in Begriff und Definition einer Chronik und konstatieren, dass das Werk des Malalas weder durch den Aufbau noch durch die handschriftliche Überlieferung des Titels darunter fällt und eher als eine Art Universalbreviarium anzusehen ist. Diese These „ist auf der Tagung kontrovers diskutiert worden“, wie es in der Einleitung heißt (S. 17), doch stammt das einzige Gegenargument – während etwa Elizabeth Jeffreys (S. 139) die Bezeichnung als Chronik lediglich mit den bestehenden Konventionen rechtfertigt – von Geoffrey Greatrex, der den problematischen Überlieferungszustand anführt (S. 169f.), was in dieser Frage allerdings für keine Seite Beweiskraft hat. Anne-Marie Bernardi und Emmanuèle Caire (S. 119–136) befassen sich mit der Struktur des Malalas und stellen auf dieser Basis fest, dass Malalas sämtliche ihm vorhandene Literatur einarbeitete und keinem festen Genre zuzuordnen ist.

Im Abschnitt zur Überlieferung widmen sich zwei Beiträge den Handschriften: Elizabeth Jeffreys (S. 139–151) fasst die grundlegenden Probleme der Überlieferungssituation des Malalastextes zusammen. Fabian Schulz (S. 153–166) bietet eine Einführung in die Fragmenta Tusculana, deren zweites Bruchstück zur „Apfel-Affäre“ unter Theodosius II. er in einer neuen Edition und Übersetzung vorlegt. Durch einen Vergleich mit dem Haupttext kann er zeigen, dass der chalkedonische Tenor der Episode nicht auf Malalas, sondern erst auf dessen Epitomator zurückgeht.

Sieben Aufsätze untersuchen die literarischen Beziehungen des Malalas zu zeitgenössischen Autoren und späteren Benutzern. Geoffrey Greatrex (S. 169–185) betrachtet die Gemeinsamkeiten zwischen Malalas und Prokopios, die sich etwa in einem Vertrauen in die eigene Zeit oder das Vorhandensein unterschiedlicher Fassungen ihrer Werke zeigen. Christian Gastgeber (S. 187–224) bietet einen ausführlichen Vergleich zwischen Malalas und dem Chronicon Paschale, in dem er zeigen kann, dass die Hauptüberlieferung des ersten Buches des Malalas insgesamt zuverlässig ist, sich zu Beginn des zweiten Buches allerdings Spuren von Bearbeitungen aufweisen lassen. Auch seine Vergleiche des Chronicon Paschale, des zweiten Fragmentum Tusculanum und des Malalas zeigen frühe Eingriffe in den Text. Erika Juhász (S. 225–237) analysiert die Angaben des Malalas und des Chronicon Paschale über die chronologischen Reformen Caesars. Sie stellt fest, dass der Autor des Chronicon Paschale hier Malalas korrigierend ergänzte, dabei allerdings die Missverständnisse seiner Quellen durch ein neues und wohl fiktives Zeitrechnungsverfahren zu klären versuchte. Pia Carolla (S. 239–252) bietet eine eingehende Darlegung der Malalas-Überlieferung in den konstantinischen Exzerpten unter genauerer Analyse einiger Stellen. Zu den bei Malalas 15,12 erwähnten Tänzern, den emmaloi, bleibt allerdings der aktuellste Spezialbeitrag unberücksichtigt.[5]

Von Sergei Mariev (S. 253–265) stammt ein sehr anschaulicher (durch Farbabbildungen illustrierter) Überblick zum Problem der Erfassung der echten Fragmente des Johannes Antiochenus. Eine Verbindung zum Thema des Bandes entsteht durch eine kurze Diskussion des Verhältnisses zwischen Malalas und Johannes Antiochenus. Umberto Roberto (S. 267–286) behandelt das eben genannte Thema in ausführlicherer Form: Nach Roberto hat Johannes Antiochenus das Werk des Malalas vor allem bis zum Beginn der römischen Geschichte als Quelle und als strukturelles Modell benutzt, weswegen die zugehörigen Fragmente Johannes zuzuordnen seien; nach dem Bericht zu Trajan fänden sich allerdings keine Spuren einer Benutzung mehr. Das im Gegensatz zu Malalas ausgeprägte Interesse des Johannes an republikanischer Geschichte sei eine politisch motivierte Reaktion auf den Fall des Phokas. Nicht ganz klar wird allerdings, warum die konstantinischen Exzerpte gegen eine gemeinsame Quelle des Malalas und des Johannes sprechen (S. 273f.).

Dariusz Brodka (S. 287–310) vergleicht die Werke des Malalas und des Nikephoros Kallistou Xanthopulos und demonstriert, dass die ersten vierzehn Bücher des Malalas in jedem Fall und dessen folgende drei Bücher eventuell von Nikephoros herangezogen wurden. Nicht nachvollziehbar ist allerdings das Ergebnis, Nikephoros hatte „nicht eine späte Überarbeitung oder einen Auszug aus der Weltchronik zur Verfügung, sondern eine Textversion, die wohl mit derjenigen identisch ist, die heute erhalten ist“ (S. 308); wie zuletzt mehrfach in diesem Band festgestellt wird, bietet die einzige Handschrift eine überarbeitete (und gegebenenfalls gekürzte) Fassung des Werkes des Malalas.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass die wissenschaftliche Qualität der gebotenen Aufsätze bis auf die wenigen genannten Monita überzeugt, allerdings hätte die Korrekturarbeit sorgfältiger ausfallen können, da die Zahl der Druckfehler nicht gering ist.[6] Der Sammelband bietet insgesamt einen guten Eindruck davon, welche Energie und Kompetenz die Tübinger Forscher und ihre internationalen Unterstützer in die Kommentierung des Malalas stecken. Es bleibt zu hoffen, dass die Forschergruppe auf diesem Niveau weiterarbeiten kann, um so mit dem Malalas-Kommentar ein wertvolles Standardwerk vorzulegen.

Anmerkungen:
[1] Das Tagungsprogramm (<http://www.haw.uni-heidelberg.de/md/haw/veranstaltungen/brecht_programm_malalas_tagung_10.1_final_final.pdf>; Stand: 07.03.2016) bezeugt eine Fehlstelle: Wolfram Brandes, Hochverratsprozesse bei Malalas ist nicht in diesem Band enthalten.
[2] Mischa Meier, Nero, Traian und die Christen in der Weltchronik des Johannes Malalas, in: Umberto Roberto / Laura Mecella (Hrsg.), Dalla storiografia ellenistica alla storiografia tardoantica, Soveria Mannelli 2010, S. 239–263.
[3] Hier fällt die zweite größere Änderung gegenüber der Tagung auf: Galt der Vortrag noch „The second edition of Malalas’ chronicle, simple addition or changed historiographical perspective? A few remarks“, behandelt er hier „Malalas and the representation of Justinian’s Reign: a Few Remarks“.
[4] Richard W. Burgess / Michael Kulikowski, Mosaics of time. The Latin chronicle traditions from the first century BC to the sixth century AD, Bd.1: A historical introduction to the chronicle genre from its origins to the High Middle Ages, Turnhout 2013.
[5] Audren Le Coz, Danse et factions dans l’empire chrétien. Les danseurs emmaloi dans la Chronographie de Malalas, in: Marie Hélène Delavaud-Roux (Hrsg.), Musiques et danses dans l’antiquité, Rennes 2011, S. 259–269.
[6] So finden sich auch einige fehlerhafte Zahlenangaben: „1986“ (S. 13; richtig S. 21: „1996“); das Werk des Livius besteht nicht aus 140 (S. 109), sondern aus 142 Büchern; Justinian starb nicht 465 (S. 155), sondern 565; die Osterchronik endet nicht mit dem Jahr 530 (S. 187 und S. 188, Anm. 12), sondern 630 (richtig S. 188). Fehlzitate: „S. XVIII“ (S. 12, Anm. 21 und S. 23) statt richtig „Nr. XVIII“; der S. 76 zitierte Zweiterscheinungsort des Aufsatzes von Scott stammt auch von selbigem, nicht von Brian Croke. Sonstige Druckfehler: S. 38, Anm. 61 Trennfehler „Liebes-chuetz“; S. 114 „Pichlmeyr“ (richtig „Pichlmayr“); S. 115 „K. De Boor“ (richtig C[arl] de Boor); S. 131 „Walraff“ (richtig „Wallraff“); S. 255 Viener (richtig „Wiener“); S. 261, Abb. 1 „Rebpulic“; S. 269, Anm. 4 „fragment […] deserve“ (was gleichermaßen sinnvoll zu „fragments […] deserve“ oder „fragment […] deserves“ verändert werden kann); S. 270 „Büttner Wobst“ (richtig S. 282f.: „Büttner-Wobst“); S. 282, Anm. 22 „Überlieferung Probleme“ (dieser Fehler findet sich allerdings schon in der dort zitierten Vorlage); S. 288 „Malalals-Tradition“; S. 306 „Nikepheros“ (letzte Nennung in Punkt 2); S. 309 „Zoltenberg's“ (richtig „Zotenberg's“); im Aufsatz von Blaudeau findet sich in der oberhalb des Textes jeder rechten Seite gebotenen Überschrift „Reprensentationof“. Zumindest gewöhnungsbedürftig sind die Mischformen „Komes“ (S. 307) und „Theodor Lector“ (S. 302; S. 303; S. 303, Anm. 42; S. 304; S. 304, Anm. 45).

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11.04.2016
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