G. Mölich u.a.: Köln als Kommunikationszentrum

Titel
Köln als Kommunikationszentrum. Studien zur frühneuzeitlichen Stadtgeschichte


Herausgeber
Mölich, Georg
Reihe
Der Riss im Himmel 4
Erschienen
Anzahl Seiten
350 S.
Preis
DM 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andrea Fleck

Der von Georg Mölich und Gerd Schwerhoff herausgegebene vierte Band zur Clemens August-Ausstellung "Der Riss im Himmel" vereinigt 20 Beiträge und beschäftigt sich mit der Stadt Köln als Kommunikationszentrum bzw. -raum und mit der Kölner politischen Öffentlichkeit in der Frühen Neuzeit. Es treten vor allem historische und kulturhistorische Aspekte der frühneuzeitlichen Stadtgeschichte in den Vordergrund, die lange von der Kölner Stadtgeschichtsforschung kaum beachtet wurden. Ziel ist es, so Mölich und Schwerhoff in ihrer Einleitung (S. 11-38), wichtige Punkte für die Kommunikationsgeschichte herauszuarbeiten. Kommunikation als weitgefasster Begriff soll "quer durch die einzelnen Themen zu einer Analyse der frühneuzeitlichen Gesellschaft im Sinn einer 'Neuen Kulturgeschichte'" einladen (S. 12), - ein Unternehmen, das den Autoren hervorragend geglückt ist.

Zunächst setzt sich Eberhard Isenmann mit der Reichsstadt Köln in der Frühen Neuzeit auseinander (S. 39-87), dabei kommen zentrale politische, verfassungsgeschichtliche und wirtschaftliche Aspekte der Reichsstädte im allgemeinen wie der Reichsstadt Köln im besonderen zum Tragen. Daran schließt sich der Beitrag von Robert W. Scribner "Warum gab es in Köln keine Reformation?" an (S. 88-109), der bereits 1976 in englischer Sprache im "Bulletin of the Institute of Historical Research" erschien und wegen seiner grundlegenden Bedeutung in einer von H. Jochen Bußmann angefertigten Übersetzung in diesen Band nochmals aufgenommen wurde. Trotz einiger sachlicher Fehler in Scribners Text handelt es sich hierbei um einen wichtigen Beitrag zur Kölner Reformationsgeschichte, der weder die Außen- und Handelspolitik noch die Geistes- und Universitätsgeschichte oder die Kölner Verfassung außer Acht lässt.

Im Anschluss an Isenmann und Scribner unterzieht Manfred Groten mit seinem Beitrag "Die nächste Generation: Scribners Thesen aus heutiger Sicht" den vorangegangenen Text einer kritischen Würdigung (S. 110-113), indem er Stärken und Schwächen Scribners aufzeigt, und, wo nötig, vorsichtige Korrekturen vornimmt, während Robert Jütte in anerkennenden Worten das fruchtbare Wirken des 1998 verstorbenen Australiers herausstellt, das unter anderem auf seinem unorthodoxen Zugang zu den Dingen beruhte (S. 114-115).

Schließlich kommt Johannes Arndt zu Wort, der die Reihe der kommunikationsgeschichtlichen Aufsätze anführt. Arndt behandelt die besondere Rolle Kölns als kommunikatives Zentrum im Dreißigjährigen Krieg, die nicht zuletzt auf das Postwesen, den Buchdruck und die Druckgraphikherstellung zurückzuführen ist. Ohne die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingung außer Acht zu lassen, zeigt Arndt, wie die Stadt in der schwierigen Kriegszeit ihre Stellung als Mittelpunkt des kommunikativen Netzes behaupten konnte.

Befasst sich der erste große Themenkreis "Köln als Kommunikationszentrum" mit der Ausstrahlung und den Außenbeziehungen der Stadt, liefert Wolfgang Herborn mit seinem Aufsatz zu den Reisen und Fahrten des Hermann von Weinsberg (S. 141-166) einen wichtigen Beitrag dazu. Herborn arbeitet heraus, dass Weinsberg nicht allein der "Vertreter des Spießbürgertum" (S. 165) war, als den ihn zuweilen die Forschung betrachtet hat. Die Kartierung der Reiseziele des Kölner Bürgers beweist im Gegenteil, dass er relativ weite Reisen unternahm. Seine Stationen reichten von Trier und Bacharach bis nach Emmerich, und auch die Niederlande waren ihm nicht fremd.

Wilfried Enderle stellt die Buchdrucker Kölns und die katholische Publizistik zwischen 1555 und 1648 in den Mittelpunkt seines Beitrages (S. 167-182). Er unterstreicht, welch hohe Produktion an Druckerzeugnissen das Rheinland und hier insbesondere Köln bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges vorzuweisen hatte. Dabei stand eindeutig die Herstellung und Verbreitung katholischer wissenschaftlicher Werke im Vordergrund, die in erster Linie für den akademischen Markt bestimmt waren. Enderle weist nach, dass die relativ kleine Gruppe von Großverlegern, die den Markt beherrschte, im sozialen wie im wirtschaftlichen Bereich miteinander auf das engste verbunden war. Ihren Wirkungskreis dehnten sie vom Rheinland bis in die Niederlande, nach Paris und teilweise sogar bis nach London aus.

Wolfgang Behringer berichtet von den Anfängen des Kölner Post- und Zeitungswesens zu Beginn des 17. Jahrhunderts (S. 183-210). Eine entscheidende Rolle spielten dabei auch die Versuche des Postmeisters Henot, sich einerseits bei der reichsweiten Monopolisierung des Postwesens gegen die Konkurrenz des von Taxis, andererseits aber gegen die vom Kölner Rat bevorzugten städtischen Postboten durchzusetzen. Die Reichsstadt nahm bald eine wichtige Funktion im System der Reichspost ein und besaß auch für den Fortgang der sogenannten "Medienrevolution" eine gewisse Bedeutung.

Anschließend beschäftigt sich Birgit Boge mit Heinrich Lindenborn, der als Satiriker in Zeitschriften die Eigenheiten des Kurfürsten Clemens August "auf die Schippe" nahm (S. 211-226). Als Besonderheit ist hier festzuhalten, dass das katholische Köln eine eigene Art der moralischen Wochenschriften herausbrachte, die im allgemeinen sonst nur im protestantischen Deutschland entstanden.

Der folgende Themenkreis "Köln als Kommunikationsraum" wird von Peter Glasners Aufsatz zur Stadt-Bild-Sprache im 16. Jahrhundert eingeleitet (S. 229-253). Hierbei geht es um verschiedene Sichtweisen Kölns und damit um eine Geschichte des Sehens. Glasner rückt die Stadtansichten in Bild und Text in den Vordergrund seiner Betrachtung. Dabei weist er auf einen Wandel der Kölndarstellungen hin, die sich von der frühen Betonung der Sakralbauten hin zur späteren Hervorhebung der Profanbauten verschoben.

Klaus Militzer analysiert die Laienbruderschaften im Köln des 16. Jahrhunderts (S. 255-270). Die beginnende Frühe Neuzeit stellte, ihm zufolge, für diese Frömmigkeitsbewegung keinen Niedergang dar, sondern verschaffte ihr insbesondere mit der jesuitischen Mariensodalität neue Impulse. In ihrem Beitrag über die Mädchenbildung in der niederrheinischen Reichsstadt (S. 271-285) arbeitete Margret Wensky heraus, dass die Angehörigen der Kölner Mittelschicht ihren Töchtern zunächst (halb-)privaten Unterricht zuteil werden ließen. Bald aber nahmen die Jesuiten auch Einfluss auf das Mädchenschulwesen, und im 17. Jahrhundert kam es - zum Teil trotz erheblicher Widerstände - zur Errichtung der Schulen der Englischen Fräulein oder Ursulinen.

Wolfgang Rosen beschäftigt sich in seinem Beitrag "Rat, Bürger und geistliche Institutionen" mit der Amortisationsgesetzgebung (S. 287-320). Ziel dieser Gesetzgebung war es, den wirtschaftlichen Problemen, die durch die Sonderstellung des Klerus entstanden, adäquat zu begegnen. Rosen verweist zum einen auf die Kontrollen, mit denen die Stadt die Zunahme des abgabenfreien Kirchengutes beschränken wollte, führt zum anderen aber auch an, wie die Betroffenen diese Kontrollen zu umgehen versuchten. Gunther Hirschfelder stellt die breite Palette des Kölner Gastgewerbes, vom Badehaus bis zur Fremdenherberge, in den Vordergrund seiner Betrachtungen (S. 321-336). Wurden die Lokale mit ihrem zunächst noch wenig differenzierten Angebot von Männern und Frauen aus den unterschiedlichsten Schichten aufgesucht, so vollzog sich im Laufe der Zeit ein Spezialisierungsprozess, der seinerseits wiederum die sich abzeichnenden unterschiedlichen Konsumgewohnheiten der Kunden reflektierte.

Maria Barbara Rößner-Richarz betrachtet das Phänomen Krankheit unter dem Gesichtspunkt der Kommunikation (S. 337-362). Sie weist auf das Nebeneinander von studierten und unstudierten Spezialisten hin, arbeitet deren Verhältnis zu den Patienten heraus und spart auch den religiösen Aspekt von Krankheit nicht aus, der sich unter anderem in Prozessionen und Wallfahrten manifestierte. Den letzten großen Abschnitt "Politische Öffentlichkeit in der Stadt" leitet Joachim Deeters Aufsatz über die Kölner Bürgermeister im 17. und 18. Jahrhundert ein (S. 365-402) ein. Detailliert setzt er sich darin mit ihren verwandtschaftlichen und sozialen Bindungen, ihrer Qualifikation sowie ihrem Eintrittsalter in den Rat auseinander und erstellt schließlich ein Profil des typischen frühneuzeitlichen Kölner Bürgermeisters.

Robert Jütte vergleicht das offizielle Gedenken an den Gülich-Aufstand mit Bürgeraufständen in Aachen und Frankfurt am Main (S. 453-472) und kommt zu dem Ergebnis, dass dieses Gedenken sich nicht von der Obrigkeit steuern ließ: Die Bestrebungen des Stadtregiments, die Anführer der Revolten der Vergessenheit anheim fallen zu lassen, schlugen fehl; heute werden die Unruhen sogar als Vorläufer der Demokratiebewegung angesehen.

Gerd Schwerhoff behandelt in seinem - auch methodisch aufschlussreichen - Beitrag die Möglichkeiten der Kommunikation zwischen Bürgern und Obrigkeit (S. 473-496) u.a. am Beispiel verschiedener Arten von Suppliken, die Zugang zum Alltag der städtischen Verwaltung und Politik gwähren. Sie liefern, wie Schwerhoff treffend formuliert, das "archivalische 'Fleisch' zu den im Gerippe der Ratsprotokolle ... verzeichneten ... Vorgängen" (S. 488).

Im Anhang des Bandes bieten die Herausgeber eine umfangreiche Auswahlbibliographie zur Kölner Stadtgeschichte zwischen 1396 und 1794 (S. 498-517), die über den Zeitraum von einem guten Vierteljahrhundert (1975-1998/99) nicht nur die historische Literatur, sondern in Auswahl auch Kunst-, Literatur-, Buch- und Theologiegeschichte berücksichtigt (vgl. auch http://www.sfn.uni-muenchen.de/forum/koeln.htm).

Insgesamt bietet der vorliegende Band einen informativen Querschnitt des frühneuzeitlichen Köln. Gerade die unterschiedlichen Aspekte, die unter dem Oberbegriff Kommunikation firmieren, zeichnen das facettenreiche Bild einer Epoche der Kölner Stadtgeschichte, die immer mehr in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses rückt.

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31.07.2000
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