K. Weber: Umstrittene Repräsentation der Schweiz

Titel
Umstrittene Repräsentation der Schweiz. Soziologie, Politik und Kunst bei der Landesausstellung 1964


Autor(en)
Weber, Koni
Erschienen
Tübingen 2014: Mohr Siebeck
Anzahl Seiten
364 S.
Preis
€ 59,00
Erich Keller, Universität Zürich

Politik sei die Kunst des Möglichen, paraphrasierte ein Autorenteam um den Schriftsteller Max Frisch im schmalen Band „achtung: die Schweiz“ von 1955 ein Otto von Bismarck zugeschriebenes Bonmot – und bezog damit früh schon Stellung gegen die neu aufgelegte Schweizerische Landesausstellung. Warum etwas Flüchtiges wie eine Expo, warum nicht stattdessen eine Stadt der Zukunft, dauerhaft und wegweisend![1] Das war 1955. Beinahe zehn Jahre nach dieser Intervention (und 25 Jahre nach der letzten Schweizerischen Landesausstellung 1939, der sogenannten „Landi“) wurde die „Expo 64“ eröffnet. Koni Webers wissensgeschichtliche Studie zeichnet die verwickelten Prozesse nach, die von der Kontroverse davor zur Kontroverse danach reichten. Dazwischen lagen Planung, Umsetzung und Durchführung einer nationalen Selbstschau, um die unterschiedliche Repräsentationslogiken des Sozialen miteinander in Konflikt gerieten.

Mit dem Slogan „Pour la Suisse de demain: croire et créer“ verfolgte die Programmkommission ab 1960 einen stark zukunftsgerichteten Ansatz. Eine neue Schweiz sollte inszeniert werden, eine außenpolitisch zwar neutrale, aber doch weltoffene und Europa zugeneigte; ein Land der Technik, Innovation und Bildung, geprägt von starkem Zukunftsoptimismus. Diesem nach Außen gerichteten Credo entsprach ein ins Landesinnere gewendetes Bild, das die Armee „als Instrument der inneren Kohäsion“ (S. 52) sah und den Bürger-Soldaten zum Leitbild stilisierte. Nicht weniger sollte die Ausstellung bieten als die „Selbsterfahrung des Schweizervolks“ (S. 46).

Unter dem Namen „Un jour en Suisse“ ging man daran, ein Szenario auszuarbeiten, das dem Expopublikum eine Art Momentaufnahme der Schweiz präsentieren würde. Es begann die Suche nach den Bausteinen des „Nationalcharakters“. Rasch wurde mit der ironischen Sprachfigur des „Homo Helveticus“ eine schwer zu kontrollierende Metapher geschaffen. Dieser „Homo Helveticus“ sollte auf der Expo dargestellt werden, durchaus im Bewusstsein, es hier mit „einer Projektionsfläche für die Summe schweizerischer Stereotype und Vorurteile“ (S. 62) zu tun zu haben: Wer lebt in der Schweiz, wie denken die Schweizerinnen und Schweizer über das Land, über ihr Leben, was möchten sie verändern? Diese Fragen drängten sich auf.

So wurde 1962 eine Stichprobenumfrage bei 1.200 repräsentativ ausgesuchten Personen gemacht, die nach der sogenannten Gallup-Methode soziologisch robuste Daten lieferte. Die Personen wurden in einem lockeren Gespräch befragt, sodass kritische Antworten möglich waren. Die Themen waren teilweise stark politisiert und umfassten kontroverse Gegenstände wie das Frauenstimmrecht (in der Schweiz wurde es auf Bundesebene erst 1971 eingeführt) oder die militärische Landesverteidigung. Das ambitionierte Ziel war, die Antworten in einem anschließenden Umkodierungsverfahren zu repräsentativer Allgemeingültigkeit hochzurechnen und als Referenzgröße für ein umfassenderes Umfrageprojekt künstlerisch-technischer Art weiterzuverwenden.

Hätte sich die Arbeitsgruppe mit ihrem Konzept durchsetzen können – was ihr nicht gelang –, wäre die Vorstudie Grundlage für eine spielerisch-partizipative Ermittlung des „Homo Helveticus“ geworden. Die Expobesucherinnen und -besucher hätten, so der Plan, Fragebögen im Lochkartenformat ausgefüllt, mit denen ein IBM Computer gefüttert worden wäre. Bis zu 7000 Bogen pro Stunde hätte der „Gulliver“ genannte Rechner mit den Vorstudiendaten abgleichen können, um daraus auf einer Anzeigetafel „Stunde für Stunde das reale Selbstbild des aktuellen Schweizers“ (S. 64) immer verfeinerter abzubilden.

Koni Weber untersucht den „soziokulturellen Rahmen“ und die „widerstreitenden Repräsentationslogiken und -techniken“ (S. 29) der Vorstudie im ersten Kapitel seiner Dissertation. In den zwei folgenden Teilen geht es um Forschungsdesign und Durchführung, mit der 1961 begonnen wurde. Weber vergleicht das Prozedere zur Konstruktion des Fragebogens, sowie die Durchsetzung dieses Verfahrens mit den eigenen Objektivitätsansprüchen der verschiedenen Akteure (zu ihnen gehörten Soziologinnen, Anthropologen und Künstler). Im Spannungsfeld zwischen „soziologischer Objektivierung und den subjektiven Faktoren der an den Interviews beteiligten Menschen“ (S. 30) zeigten sich performative Dynamiken, die Verlauf und Ergebnis der Vorstudie stark bestimmten. Am Ende sorgte die Intervention des Schweizerischen Bundesrats dafür, dass das ambitionierte Projekt nie umgesetzt wurde.

Im vierten Kapitel rekonstruiert Weber, wie sich „Un jour en Suisse“ unter politischem Druck aufgrund regierungsbehördlicher „Angst [...] und mit Abwehrreflexen gegen ‚plebiszitäre Tendenzen’“ transformierte (S. 317). Der mit Behördensegen auf der „Expo“ letztlich realisierte „Gulliver“ fragte die Besucherinnen und Besucher anhand eines entschärften Fragebogens nach ihrem Wissen über die Schweiz ab und bewertete die Antworten normativ in Abweichung vom objektivierten Schweizbild, wie es aus der Vorstudie ermittelt worden war. Von den 12 Millionen Expo-Besucherinnen nahmen 580.000 an der Umfrage teil. Doch statt „Widersprüche aufzudecken, wurde nun Konformität gemessen“ (S. 3). Den Grund für das harsche Eingreifen des Bundesrats und die Zähmung des Projekts sieht Weber darin, dass die „Anerkennung demoskopischer Methoden [...] einen Machtverlust bedeutet“ hätte, was einer damals verbreiteten elitären Politikauffassung entsprochen habe (S. 317).

Damit war die Geschichte freilich noch nicht zu Ende. Zum einen entbrannte in der Presse eine Zensurdebatte, da der federführende künstlerische Leiter des „Un jour en Suisse“-Teams die Eingriffe kurz nach Expoeröffnung publik machte. Zum anderen erfuhr das wissenschaftlich erzeugte Rohmaterial der Stichprobenumfrage noch eine weitere Aufarbeitung. In Paris hatte sich nämlich der Soziologe Pierre Bourdieu dafür interessiert, und so gelangten die Daten nach Frankreich. Doch auch dort war dem umfangreichen, hochkomplexen Umfragematerial schwer beizukommen. Das Forschungsprojekt unter der Leitung von Bourdieu scheiterte, sein Mitarbeiter Luc Boltanski übernahm und publizierte 1967 die Monografie „Le bonheur suisse“, eine an marxistischen Klassentheorien geschulte Analyse, die das „falsche Bewusstsein“ des schweizerischen Nationalcharakters als „Klassenideologie des Bürgertums“ (S. 291) verstand und daraus weitreichende Schlüsse, etwa über die hohe Suizidrate in der Schweiz, ableitete.

Weber schildert die Ereignisse auf zwei Ebenen. Auf der ersten rekonstruiert er, wie sich ein von Anfang an unsicheres Konzept durch Akteure, ihre Interessen und ihren Eigensinn veränderte. Von der Idee zur Planung über die interne Kritik, die zu einer „Strategie der Verwissenschaftlichung“ (S. 85) führte, bis zum konfliktbeladenen Szenario, das politisches Eingreifen auslöste – vom anfänglichen Konzept blieb danach nichts übrig. Das alarmistische Regierungshandeln hatte einen abrupten Kontingenzstopp in der Produktion von Wissen über die Bevölkerung herbeigeführt. Was auch immer bei den per IBM-Rechenleistung ermittelten Umfrageresultaten herausgekommen wäre – gerade diese Unsicherheit schien aus Regierungssicht problematisch genug, das ursprüngliche Konzept zu verwerfen.

Auf der wissenschaftshistorischen Ebene zeigt das Buch hochaufgelöst, wie unterschiedliche Akteure heterogenes Wissen produzieren. Mit viel – vielleicht etwas zu viel – Akribie schildert Weber Transformationsprozesse von Datenmaterial in den klar umgrenzten Akteursgruppen. Die Lektüre lässt einen staunen darüber, als wie verführerisch sich das Datenmaterial erwiesen hat, wie es erzeugt und neu formatiert wurde, um am Ende ganz unerwartet von Frankreich aus ein anderes, marxistisch geprägtes Wissen über die schweizerische Gesellschaft zu initiieren. Dem Umfragerohstoff so folgen zu können und dabei zu sehen, wie „die beteiligten Akteure versuchten, ihrer je eigenen symbolischen Konstruktion der schweizerischen Nation Geltung zu verschaffen“ (S. 309), ist sehr anregend, wenn auch für den Leser nicht immer ganz leicht.

Es wäre dem Manuskript zu wünschen gewesen, wäre es verlagsseitig für die Publikation in eine etwas ansprechendere Form gebracht worden. Redundanzen und zu viele Resumés zerreißen das Narrativ. Der Text wäre vielleicht besser nicht anhand der Chronologie gegliedert worden, sondern systematisch nach Themen wie Wissensproduktion und -zirkulation, Schnittstellen zwischen Wissensfeldern oder beteiligten Akteursgruppen.[2] Denn während Beobachtungen und Analysen zur Produktion des soziologisch-demografischen Wissens über Bevölkerung sehr anregend ausfallen, wird der Autor dem Anspruch, sein Buch auch als „Sozial- und Kulturgeschichte der Nation“ verstanden wissen zu wollen, nicht immer gerecht. Ein Beispiel: Vielleicht ist es bloß eine Petitesse, aber es fällt auf, wie stark die Fragen der ersten Studie in Ton und Gestus denen der Jahre später von Max Frisch veröffentlichten überaus populären „Fragebögen“[3] gleichen. Darüber hätte man gerne mehr erfahren.

Auch wäre es interessant gewesen, den Kontext des Kalten Kriegs in der Schweiz zu betonen. Damit hängen wohl Aspekte der Konstruktion von Zukunftswissen zusammen und wie es zu erklären sein könnte, warum ausgerechnet in Zeiten der Hochkonjunktur politischer Planung der Schweizerische Nationalfonds keine weitere Forschung mit dem an sich valablen Datenmaterial finanzieren wollte.[4] Doch diese kritische Anmerkungen sollen den insgesamt positiven Eindruck nicht trüben; auch nicht, da in der Schweiz wissenschaftsgeschichtliche Forschung zur Soziologie immer noch sehr dünn gesät ist. Und hier liegt die Stärke von Koni Webers Buch.

Anmerkungen:
[1] Lucius Burckhardt / Max Frisch et al.: achtung: die Schweiz. Ein Gespräch über unsere Lage und ein Vorschlag zur Tat, in: Max Frisch, Gesammelte Werke in zeitlicher Folge, Bd. 3, Frankfurt am Main 1976.
[2] Siehe auch Bruno Latours Überlegungen in: Ders., Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, Frankfurt am Main 2007, S. 39–109.
[3] Max Frisch, Tagebuch 1966–1971, Frankfurt am Main 1972.
[4] Siehe dazu: Elke Seefried, Zukünfte. Aufstieg und Krise der Zukunftsforschung 1945–1980, Berlin 2015.

Redaktion
Veröffentlicht am
09.05.2017
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/