R. Habermas: Frauen und Männer des Bürgertums

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Titel
Frauen und Männer des Bürgertums. Eine Familiengeschichte (1750 -1850)


Autor(en)
Habermas, Rebekka
Reihe
Bürgertum. Beiträge zur europäischen Gesellschaftsgeschichte 14
Erschienen
Göttingen 2000: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
VIII + 456 S., 3 Abb.
Preis
€ 46,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dieter Hein, Historisches Seminar, Johann Wolfgang Goethe-Universität

Der Versuch, Bürgertumsgeschichte als Familiengeschichte zu schreiben, kann auf eine lange Reihe von Vorbildern zurückblicken. Einige der schon klassisch zu nennenden Studien zur Herausbildung des modernen Bürgertums und über seine weitere Entwicklung im 19., im bürgerlichen, Jahrhundert - erwähnt seien nur Percy Ernst Schramms Bücher über die Hamburger Familien Merck und Ruperti und Lothar Galls Geschichte der Mannheimer Bassermanns - haben diesen Weg beschritten. Quasi von selbst gerieten bei dieser Vorgehensweise neben den männlichen Repräsentanten der untersuchten Familien auch deren weibliche Mitglieder stärker in den Blick als in der sonstigen Bürgertumsliteratur, die sich schon von ihren Quellen her schwerer tut, den weiblichen Part angemessen zu besetzen, die aber wohl auch oft in ihrer Fixierung auf den übergreifenden strukturellen Wandel des Bürgertums das Potential der Quellen nicht wirklich ausschöpft, sondern sich auf einige Randbemerkungen über die Bürgerinnen beschränkt.

Konsequent weitergegangen wird der Weg, Frauen von einem familiengeschichtlichen Ansatz aus als gleichgewichtigen und gleichrangigen Teil des Bürgertums zu behandeln, jetzt von Rebekka Habermas in ihrer beeindruckenden Studie über "Frauen und Männer des Bürgertums", einer im Rahmen des Bielefelder Sonderforschungsbereiches "Sozialgeschichte des neuzeitlichen Bürgertums" entstandene Habilitationsschrift von 1997. Habermas führt dabei zwei Forschungsstränge zusammen: die neuere Bürgertumsforschung, genauer: jenen Zweig, der sich - meist unter dem von Jürgen Kocka geprägten Begriff der "Bürgerlichkeit" - um die "Entzifferung einer spezifisch bürgerlichen Kultur und Lebensführung" bemüht, und die "historisch-anthropologisch orientierte Geschlechtergeschichte" (9). Ihren eigenen Beitrag sieht sie zum einen darin, Normen und Werte der bürgerlichen Lebensführung mit den Praktiken, mit dem alltäglichen Handeln zu kontrastieren und auf diese Wiese die Vielfalt bürgerlicher Existenzen in den Blick zu nehmen. Zum anderen pocht sie entschieden darauf, daß auch die bürgerliche Kultur und Identität "gendered" sei, sich also nur in der Zusammenschau beider Geschlechter angemessen rekonstruieren lasse.

Realisierbar ist dieser anspruchsvolle Ansatz nur auf der Grundlage eines außergewöhnlichen Quellenfundes, eines Bestandes von rund fünftausend Briefen und mehr als einem Dutzend Tagebüchern. Hinterlassen haben sie zwei doppelt miteinander verschwägerte Bürgerfamilien, die Nürnberger Merkels, alteingesessene Kaufleute mit hohem politischen Einfluß in der alten Reichsstadt, und die Stuttgarter Roths, eine Familie von württembergischen Beamten, Pfarrern und Lehrern mit starkem pietistischen Einschlag. Sie werden von Habermas im wesentlichen über zwei Generationen hinweg für die Zeit etwa zwischen 1780 und 1840 untersucht.

Habermas nimmt ihren Titel sehr ernst: Frauen und Männer werden in den drei Teilen ihres Buches, die der Welt der Arbeit, den verschiedenen Formen der Geselligkeit und dem Zusammenleben in der Familie gewidmet sind, stets gleichgewichtig und eng aufeinander bezogen behandelt. Die Generation der Eltern, Paul Wolfgang Merkel und seine Ehefrau Margarete, führt sie zunächst als Vertreter eines ganz ähnlichen Arbeitsethos und in einem in vielerlei Hinsicht gleichartigen Arbeitsalltag vor: ihn als scharf kalkulierenden Kaufmann, dessen Erfolg auf einer Fülle von speziellen Kenntnissen, vor allem jedoch auf einem dicht gewobenen Netz von persönlichen Beziehungen in der Stadt und weit darüber hinaus beruhte, sie als Vorsteherin einer höchst komplexen Haushaltsökonomie, die ein ebenso hohes Maß an Fachwissen erforderte und nach vergleichbaren Wirtschaftlichkeitsüberlegungen geführt wurde. Dabei werden die beruflichen Aktivitäten der Frauen wie der Männer bis in ihre feinsten Verästelungen verfolgt. Habermas informiert über die verschiedenen zeitgenössischen Raffinierungsverfahren für Zucker ebenso wie über den Gemüseanbau im heimischen Garten. Die Details geraten jedoch hier wie auch in den weiteren Teilen ihres Buches nie zum Selbstzweck. Sie geben der Darstellung vielmehr eine außergewöhnliche Anschaulichkeit und Plastizität. Und vor allem gelingt es auf diese Weise in der Tat herauszuarbeiten, wie bürgerliche Normen und Werte wahrgenommen, wie sie gelebt, auch wie sie interpretiert und verändert wurden. Kurz: Rebekka Habermas schreibt Alltags- und Mikrogeschichte im besten Sinne des Wortes.

Nach der Wende zum 19.Jahrhundert traten, wie überzeugend darlegt wird, weibliche und männliche Arbeitswelt keineswegs immer weiter auseinander. Käthe Roth, Margaretes Tochter, war nicht weniger durch die Haushaltsführung belastet als ihre Mutter. Aber sie begriff ihre Arbeit kaum noch als ökonomische Wertschöpfung, deutete sie vielmehr kulturell um und sah - dem Zeittrend folgend - ihre eigentliche Rolle darin, als Hüterin von Moral und Zivilisation aufzutreten. Auch die Männer ihrer Generation sahen ihren Beruf in einem ähnlichen Licht und nahmen sich viel Zeit für Bildung und Kultur. Nichts deutet jedenfalls nach Habermas darauf hin, daß die männliche Leistungsorientierung zunahm oder sich gar zu einem unersättlichen Gewinnstreben steigerte.

Der zweite Teil über die bürgerliche Geselligkeit, deren Formen nach zwei großen Phasen - für die zweite Hälfte des 18. und für die ersten vier Jahrzehnte des 19.Jahrhunderts - differenziert werden, bestätigt in vielem - und vielleicht doch mehr, als Habermas meint - die seit langem sehr intensive Forschung zur Sozialgeschichte der Aufklärung und zu den bürgerlichen Vereinen. Sehr schön illustriert Habermas etwa die "rastlose Geselligkeit" (139) des städtischen Bürgertums gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Gegen die bisherige Forschung betont sie allerdings die Bedeutung, die den Vereinen nicht nur als Instrumenten zur Formierung des modernen Bürgertums, sondern auch bei der Einübung in die Rolle des neuen bürgerlichen Mannes zukam. Und sie wertet deutlich die häusliche Geselligkeit auf, für die die Merkels mindestens ebenso viel Zeit aufwendeten wie für ihre Vereinsaktivitäten. Das Merkelsche Haus habe "eher einem Taubenschlag als einem Hort familiärer Idylle" geglichen (82). Damit wendet sich Habermas auch explizit gegen die gängige scharfe Differenzierung in eine öffentliche männliche und eine private weibliche Sphäre.

Vor allem nach der Jahrhundertwende bot die nun immer häufigere Begegnung im privaten Rahmen, teilweise als regelmäßiges "Kränzchen" formalisiert, gerade auch den Frauen die Möglichkeit, ihren Bildungshorizont zu erweitern und Anteil an den öffentlichen Angelegenheiten zu nehmen, im Kreis ihrer vielfach prominenten Freunde, zu denen bei den Merkels in Nürnberg der Philosoph Georg Friedrich Hegel, damals noch Gymnasialrektor, und bei den Roths in München Männer wie der bayerische Schulreformer Friedrich Immanuel Niethammer und der Altphilologe Friedrich Wilhelm Thiersch zählten, familiäre Dinge ebenso zu diskutieren wie Kunst und Literatur oder auch aktuelle Themen. Der private Raum war damit nicht allein einer spezifisch weiblich geprägten Geselligkeit vorbehalten, diente vielmehr auch einer von den Paaren gemeinsam genossenen zwangloseren Form des freundschaftlichen Verkehrs.

Dieser Linie, die gemeinsame Lebensgestaltung von Frauen und Männern zu unterstreichen, folgen auch die Ausführungen über Ehe und Familie. Während sich Partnerwahl und Eheschließung, wie Habermas betont, noch keineswegs allein an der Sprache des Herzens orientierten, sondern nach wie vor unter Beteiligung der ganzen Familie "auf einem prekären Ausgleich zwischen materiellen und emotionalen Interessen" (284) beruhte, wurde die Ehe selbst als "Hort intimer Emotionen und quasi-heiliger Handlungen" inszeniert (310). Ein hoher Stellenwert kam in ihr der Erziehung der Kinder zu, die ebenfalls, wenn auch mit Unterschieden in der Rollenverteilung, als eine gemeinsame Aufgabe des Paares begriffen wurde. Zweisamkeit auf ungleicher Basis stiftete schließlich auch der Austausch von Bildung, intellektueller Bildung für die Frau, moralischer und religiöser Bildung für den Mann, in dem beide Partner "eine beglückende Chance" (394) sahen. Hier konstituierte sich in der Ehe ein "neuer Bildungsraum", der frühneuzeitliche Typus des "Arbeitspaares" wurde durch den des "Bildungspaares" abgelöst (399f.).

Auch wenn die zeitspezifischen Prägungen und Grenzen der Geschlechterrollen und der ehelichen Gemeinsamkeit nicht zu übersehen sind, so präsentiert Habermas dem Leser insgesamt doch ein in vielfacher Hinsicht geradezu modern anmutendes Bild des Geschlechterverhältnisses. Ihre Protagonisten, Käthe und Friedrich Roth zumal, wirken, obwohl Habermas das notwendige Maß an Distanz sehr wohl zu wahren weiß, ungemein sympathisch und in ihrem wechselseitigen Bemühen, Anteil am beruflichen und familiären Alltag des Partners zu nehmen, durchaus aktuell. Auf jeden Fall jedoch verliert die neu heraufkommende bürgerliche Gesellschaft aus dieser Perspektive ihre so oft beschworene männliche Exklusivität.

Bedauerlich ist allerdings, daß eine - im Weber- und Wehlerschen Sinne - Grunddimension menschlicher Existenz in Habermas' Studie völlig ausgeklammert bleibt: die Politik. Das ist nicht nur aus der Sicht der Bürgertumsforschung unbefriedigend, sondern auch aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive. Zum einen könnte die politische Sphäre einen Prüfstein bilden für das von Habermas gezeichnete Bild einer von beiden Geschlechtern vollauf geteilten Bürgerlichkeit. Zum anderen sprechen einzelne Hinweise - etwa die briefliche Erwähnung des Wartburgfestes (348f.) - dafür, daß vielleicht auch in diesem Bereich die eheliche Gemeinsamkeit weiter ging als bislang angenommen. Gerne hätte man jedenfalls mehr darüber erfahren, welche Resonanz die große wie auch die städtische Politik in der privaten Korrespondenz fanden und ob hier eine Differenz bestand zwischen der stadtbürgerlichen Welt der Nürnberger Kaufleute und dem dann teilweise in der Landeshauptstadt München ansässigen bildungsbürgerlichen Zweig der Familie. Schließlich hat die Ausklammerung des Politischen auch zur Folge, daß die Zeit in Habermas' Buch in gewisser Weise stillzustehen scheint. Das ist zweifellos immer der Fall, wenn sich der Historiker mit Erscheinungen der longue durée auseinandersetzt. Es fragt sich nur, ob nicht die zunehmende Politisierung des Bürgertums im Übergang zur Moderne mit ihren Kulminationspunkten in den Revolutionen von 1789, 1830 und 1848/49 selbst ein solches Grundphänomen darstellt, das nicht außer Acht gelassen werden darf.

Damit hängt ein zweites auf das engste zusammen: Die methodisch überaus reflektierte Arbeit argumentiert - teils explizit, meist eher implizit - mit einem Generationenkonzept, dessen Probleme jedoch nicht hinreichend erörtert werden. Denn zwar bezieht sich der Generationenbegriff bei Habermas zunächst einmal ganz konkret auf die untersuchten Familien, meint die Abfolge der Eltern und Kinder, doch wird er zugleich immer wieder ins Allgemeine gewendet und dient dann als weit ausgreifendes Modell für die Interpretation grundlegender Wandlungsprozesse vom letzten Drittel des 18. bis zur Mitte des 19.Jahrhunderts. Inwiefern die Generationenunterschiede in den Familien Merkel und Roth auch mit einem Wechsel der Generationen in der Gesamtgesellschaft korrespondierten, wo die Brüche lagen und durch welche Erfahrungen sie verursacht waren bzw. mit welchen umfassenderen Veränderungen sie zusammenhingen, wird nicht systematisch reflektiert.

Dies wirft zugleich noch einmal die grundsätzliche Frage nach der Repräsentativität der hier untersuchten Familien auf. Habermas ist sich der Problematik sehr wohl bewußt, gerade weil sie die Individualität bürgerlicher Lebensführung, die Vielfalt bürgerlicher Existenzen, die Abweichung vom Kanon der Bürgerlichkeit herausarbeiten will. Durch den beständigen vergleichenden Blick auf die allgemeine Literatur versucht sie, die Repräsentativität ihrer konkreten Zeugnisse zu belegen bzw. deren korrekte Einordnung zu gewährleisten. Das wird nicht verhindern können, daß die weitere Forschung abweichende Fallbeispiele zu Tage fördert. Aber an dem grundlegenden Ergebnis von Rebekka Habermas, daß "die die bürgerliche Kultur und Lebensführung bestimmenden Prozesse dynamischer, widersprüchlicher und vielschichtiger" waren (400), als eine eher normativ und strukturgeschichtlich ausgerichtete Bürgertumshistorie gemeint hat, wird man künftig nicht vorbeigehen können. Alles in allem: eine wissenschaftlich höchst anregende Studie - und ein Lesevergnügen noch dazu.

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11.09.2000
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