Kalthoff, Herbert; Cress, Torsten; Röhl, Tobias (Hrsg.): Materialität. Herausforderungen für die Sozial- und Kulturwissenschaften. Paderborn 2016: Wilhelm Fink Verlag , ISBN 978-3-7705-5704-2, 461 S., 48 SW- und 48 Farb-Abb. € 24,90.

Weltzien, Friedrich; Scholz, Martin (Hrsg.): Die Sprachen des Materials. Narrative – Theorien – Strategien. Berlin 2016: Dietrich Reimer Verlag , ISBN 978-3-496-01560-4, 264 S., zahlr. Farb- u. SW-Abb. € 49,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kerstin Poehls, Institut für Volkskunde / Kulturanthropologie, Universität Hamburg

Die Dinge sprechen uns schon seit einer ganzen Weile an: Die geistes- und kulturwissenschaftliche Neugier auf materielle Kultur, auf „Zeug“ und Objekte wächst seit Jahren; sie materialisiert sich in zahlreichen Veröffentlichungen.[1] Zwei neuere aus diesem Spektrum werden hier vorgestellt – das erste Buch detaillierter, da es einschlägiger ist, das andere nur knapp, aber beide mit Enthusiasmus, aus unterschiedlichen Gründen.

Der wissenschaftliche Umgang mit den Dingen geschieht vor dem Hintergrund diverser langer Forschungstraditionen und profitiert oftmals von der „Freiheit der Geisteswissenschaft, die eine Erfahrung der unstrukturierten Dingwelt ermöglicht, einer Welt also, die sich genau dadurch auszeichnet, dass sie die gänzlich unterschiedlichen Dinge in unmittelbare Nähe zueinander und zu uns rückt“ (Ann-Sophie Lehmann, S. 174). Diese Freiheit schafft zugleich das Bedürfnis nach Überblick, dem die Soziologen Herbert Kalthoff, Torsten Cress und Tobias Röhl begegnen. Um es schon vorweg zu sagen: Der schwer in der Hand liegende Sammelband führt weniger die „Herausforderungen“ per se vor Augen als vielmehr die zahlreichen koexistierenden theoretischen und methodischen Zugänge, wie geistes-, sozial- und kulturwissenschaftliche Erkenntnisse mittels einer Fokussierung auf Material(ität) gewonnen werden können. Die Beiträge ordnen das Feld und regen an, über das Wechselverhältnis von „menschlichem Handeln und Erkennen“ und dessen „materielle Voraussetzungen und Folgen“ (S. 11) fallspezifisch und grundsätzlich nachzudenken.

In der Einleitung verdeutlichen die Herausgeber zunächst, dass sie zwei wichtige Verschiebungen vornehmen: Erstens wollen sie „Materialität“ konzeptionell öffnen und den Begriff – statt allein auf „technische Artefakte“ – auch auf physikalische Phänomene, Substanzen, Materialien und mehr beziehen. Zum zweiten schlagen Kalthoff, Cress und Röhl eine „Re-Symmetrisierung“ vor, die das Verhältnis von „Handeln mit Objekten und Handeln durch Objekte“ detailschärfer klären will (S. 12). Dabei haben sie die Mehrdeutigkeit und den Sinnüberschuss von Objekten und deren jeweilige Rahmung sehr wohl im Blick – Ziel ist es, von kausalen Erklärungen hin zu einer relationalen Betrachtungsweise zu gelangen. Ihre beiden Postulate untermauern die Herausgeber, in dem sie sich einleitend mit Sozialkonstruktivismen, Posthumanismus und Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT), mit Theorien verteilten Handelns und von Praktiken und Arrangements, mit „Dingen“ bei Heidegger, der (post)phänomenologischen Technikforschung sowie schließlich den Material Culture Studies auseinandersetzen – und deren Heterogenität anerkennen.

Die Dichte und der Anspruch der Publikation sind damit umrissen, doch was folgt daraus für empirische Untersuchungen des Materiellen? Drei Ansatzpunkte bekommt die Leserschaft genannt: Erstens sei das Zusammenspiel materieller und symbolischer Aspekte zu beachten; zweitens die Zirkulation, d.h. etwa Produktion und Gebrauch, um Handlungslogiken und Wirkungen zu erfassen; drittens die enge Verflechtung von Natur und Kultur, da die vorgeschlagene Untersuchung von „Sozio-Materialität“ schließlich auf eine „Relationierung des Materiellen“ (S. 29) abzielt. Dass die in vier Abschnitte gruppierten 20 Beiträge dieses anspruchsvolle Forschungsprogramm der Einleitung schon aufgrund ihres begrenzten Umfangs nicht eins zu eins umsetzen können, ist unvermeidlich. Doch vergegenwärtigen sie, wie vielfältig die Anschlussmöglichkeiten sind, und bringen ihrerseits weitere Aspekte ein.

In der Sektion „Artefakte / Objekte / Dinge“ widmet sich Ralph Buchenhorst Erinnerungskulturen und beleuchtet, wie „Ding und Gedenken“ (S. 153) zusammenhängen. Für Erinnerungskulturen spiele „das Materiale“ (ebd.) als vermeintlicher Garant von Authentizität einerseits oder als problematischer „Komplize“ einer „offizielle[n] Geschichtsschreibung“ (S. 154) andererseits eine wichtige Rolle. Buchenhorst plädiert dafür, anhand von Beispielen aus Erinnerungskulturen eine „Dialektik zwischen Materialität und Immaterialität herauszupräparieren“ (ebd.) und Gedenken im Wechselverhältnis zwischen „Ding, Speicherungsformen und Medialität“ (S. 167) zu verstehen. Ann-Sophie Lehmann stellt die grundlegende Frage, wie „konkrete Objekte in den [wissenschaftlichen] Diskurs aufgenommen werden“ können (S. 177) – zumal jeder wissenschaftliche Text ein Ergebnis von Reduktion und Transformation sei. Sie parallelisiert die in Pestalozzis Reformpädagogik praktizierten „object lessons“ und den dabei auf Ordnung und Orientierung zielenden Einsatz von Gegenständen, Materialien und Substanzen mit aktuellen wissenschaftlichen Annäherungen. Die Autorin empfiehlt, Dinge und Worte – auch in einer den Material Turn mitvollziehenden akademischen Lehre – einander anzunähern, d.h. das in den Dingen „aufgehobene“ Wissen (S. 178) im direkten Umgang mit ihnen zu ergründen. Martin Brückner lenkt den Blick hingegen auf historisches Kartenmaterial im Nordamerika des 18. Jahrhunderts und verdeutlicht detailreich, wie mittels dieses „nützlichen“ und / oder „dekorativen“ Materials (S. 196) machtvoll Wirklichkeitsvorstellungen, Räume und Weltsichten erschaffen wurden. Uwe C. Steiner wiederum argumentiert, dass realistische Literatur des 19. Jahrhunderts den gegenwärtigen Material Turn vorweggenommen habe. Er skizziert eine Unterscheidung zwischen „Materialität der ersten [und] zweiten Natur“ und schlägt eine Abkehr von konstruktivistischen Ansätzen vor (S. 149).

Um „Zeichen / Symbole / Texte“ geht es im folgenden Abschnitt, wo Markus Hilgert sich der Frage widmet, was die Hinwendung zu materiellen Forschungsobjekten für den epistemischen Status historischer Schriftzeugnisse bedeute, und konkrete Vorschläge macht, wie die Untersuchung eines bisher privilegierten Textinhalts erweitert werden kann (und sollte) – durch eine „konsequent praxeologisch perspektivierte Artefaktanalyse des Geschriebenen“ (S. 261), und zwar als „Vehikel“, um „den handelnden Menschen als ,Ort des Textes‘“ fassen zu können (S. 265). Marcella Biasi macht für die moderne Lyrik der 1960er- und 1970er-Jahre eine „Verdinglichungsdynamik“ aus (S. 281), die sie insbesondere mit Blick auf die poetologische Debatte jener Zeit fokussiert. Sie beleuchtet, wie etwa durch Laut, Rhythmus und Wiederholung „verdinglichte Sprache“ (S. 284) sowohl eine neue Ästhetik verkörperte als auch ein verändertes Rezeptionsverhalten provozierte. Die Beiträge von Ursula Verhoeven und Bettina Bildhauer stellen anhand entfernterer historischer Epochen kulturwissenschaftliche Zugänge zur Materialität vor: Verhoeven gibt Einblicke in die Rolle der Materialität für Erkenntnisse über jene umfangreich erhaltenen Dinge und Körper im Alten Ägypten, die dennoch Fragmente bleiben. Mit Verweis auf Farbsymbolik, Ikonizität von Schriftzeichen und magische Funktionen der Materialität betont sie, dass die Wahrnehmung der Ägyptologie aufgrund ihrer Quellenlage insbesondere für die materiellen Grundlagen des Lebens geschärft sei. Bildhauer wiederum interessiert sich für die Materialität von Zeichen und untersucht diese aus mediävistischer Warte am Beispiel von Mären (Verserzählungen). Sie kommt zu dem Schluss, dass in ihnen „der Spaß an einem materialistischen Weltbild“ erkennbar sei. Ein „Wörtlichnehmen und Vergegenständlichen“ (S. 321) von Metaphern oder das Sprechen durch Gegenstände als Teil einer Kommunikationsstrategie seien für die Zeit und das Genre typisch. Oliver Scheiding und Anja-Maria Bassimir ziehen evangelikale Zeitschriften aus den USA heran, um diskursive und materielle Arbeit an moralischen und weltanschaulichen „Unterscheidungen“ (S. 328) aufzuzeigen. Dabei erweisen sich unter anderem Typografie und Farbgebung als Bedeutungsträger. Scheiding und Bassimir plädieren für eine Verflechtung von Medien(diskurs)analyse und einer Presseforschung (S. 325), welche die materiellen Qualitäten von Presseerzeugnissen ernstnimmt. Wenn es anschließend bei Elke Wagner und Niklas Barth um die Medialität von Listen geht, bleibt der Bezug zur Materialität unklar bzw. lässt sich nur erahnen, wenn dynamische Listen (Newsfeeds, Kommentare) in Facebook als Infrastruktur und letztlich materielle Grundlage von Kommunikation verstanden werden.

„Sinnliche Phänomene / Natur / Material“ stehen im Zentrum von Beiträgen aus Kunstwissenschaft (Christiane Schürkmann), Literaturwissenschaft (Bill Brown), Soziologie (Rainer Schützeichel und Jens Lachmund) sowie Musikwissenschaft (Holger Schulze). Bei paralleler Lektüre treten insbesondere die Möglichkeiten und Grenzen epistemischer und theoretischer Bezugnahmen zutage. Ob es nun um Rost oder städtische Brachen, zeitspezifische semantische Felder von Licht, die kommunikative Materialität der menschlichen Stimme oder historische Klang- und Hörforschung geht: Den Texten ist gemein, dass sie anregend, theoretisch reflektiert und empirisch dicht argumentieren – und dass sie sich gerade darin der von den Herausgebern formulierten Forschungsprogrammatik versperren. Wahrscheinlich versinnbildlicht dies eine Facette der „Herausforderungen für die Sozial- und Kulturwissenschaften“, welche Kalthoff, Cress und Röhl im Untertitel des Bandes konstatieren, nämlich das vordergründige „Prinzip der Beliebigkeit“ (Ann-Sophie Lehmann, S. 175) nicht als Schwäche zu deuten und auch nicht die Konjunktur von Materialitätsforschung „maßgeblich auf den poetischen Effekt [zurückzuführen], den die geschickte Kombination verschiedener Objekte evoziert“ (ebd.). Vielmehr können die auseinandergehenden Blickrichtungen, die Überschneidungen und Absetzbewegungen, welche der Band in sich trägt, als Einladung zum fortgesetzten Dialog verstanden werden.

Gerade deshalb lohnt es, nun auch den ersten Abschnitt „Konzepte / Perspektiven / Zugriffe“ näher zu betrachten. Theodore Schatzki geht hier der Frage nach, wie Sozialtheorie systematisch das Materielle berücksichtigen könne, und Bruno Latour argumentiert für „irdische Wissenschaften“, die die „Mühen der Explikation“ (S. 100) auf sich nehmen. Gesa Lindemann wendet sich dem „Verhältnis von materiellem Handeln und den institutionellen Regeln dieses Handelns“ zu (S. 120), wenn sie eine „Theorie reflexiver Technikentwicklung“ (S. 103) entfaltet. Manfred K.H. Eggert und Stefanie Samida skizzieren Zugänge, die der aktuellen Debatte um Materialität vorgelagert sind, zum Beispiel das Fetischismuskonzept oder das Interesse an Objektbiographien, Dingbedeutsamkeit oder der Konsumption von Dingen. Eggert und Samida kritisieren, wie wenig jeweils aufeinander Bezug genommen werde, und führen dies auf divergierende Ausgangspunkte und Erkenntnisinteressen zurück (etwa hinsichtlich des Verhältnisses von Mensch und Ding). Hans Peter Hahn moniert hingegen, dass „ganz widersprüchliche Aussagen über materielle Kultur“ vor allem aufgrund ihrer Verkürzungen (noch) nebeneinanderstünden, und dass „[z]ahlreiche Theorien [...] Komplexität und Wandelbarkeit dieses Feldes“ unterschätzten (S. 46). Hahn schlägt erstens vor, Interpretationen zur materiellen Kultur mehr auf die Perspektiven der Akteure auszurichten – dazu findet sich im Band einiges –; zweitens und vor allem ist ihm aber daran gelegen, das sprachlose Nebeneinander zweier Vorstellungen vom Status materieller Kultur zu überwinden. So fasst Hahn einerseits Forschungsansätze zusammen, welche die „Orientierung“ durch Dinge in den Fokus rücken (Disktinktion, Affordanz, Sicherheit durch unscheinbare Dinge „aus der zweiten Reihe“) und damit einen Grundzug abendländischen Denkens repräsentieren (S. 49). Diesen Ansätzen stellt er eine Perspektive entgegen, für die Dinge auch „Desorientierung“ nach sich ziehen, in der ihnen mit Misstrauen und Befremden begegnet wird (hier etwa: die Ambivalenz des Sammelns, Konsum und die Kritik daran, künstlerische Strömungen seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts). Die Aufgabe einer Beschäftigung mit materieller Kultur sei es nun, beides zu verbinden. Dabei sei stets davon auszugehen, dass „die gleichen Dinge sowohl orientierend als auch desorientierend wirken können“ (S. 58), was zum einen Reflexion über die Position der / des Forschenden verlange, zum anderen Offenheit und ein Sensorium dafür, wie sich jene Mehrdeutigkeit äußere.

Die Beiträge zum Sammelband „Materialitäten“ bedienen für sich genommen womöglich die eine oder andere disziplinäre „Leseerwartung“, doch schießen sie auch darüber hinaus. So schärft sich bei der Lektüre der Blick für Binnenbeziehungen und „verwandte“ fachliche Interessen, wenngleich es bei einer Publikation dieser Art nicht weniger erhellend ist, Perspektiven und Vorgehensweisen als unvereinbar zu erkennen. Dem Buch ist eine enthusiastische Leserschaft zu wünschen, um das je eigene Forschungsziel zwischen und mit Wort und Ding trennschärfer und anschlussreicher benennen zu können.

Der zweite Band, „Die Sprachen des Materials“, herausgegeben von Friedrich Weltzien und Martin Scholz, besteht aus acht unterschiedlichen Papiersorten, und die darauf gedruckten 15 Beiträge sind Ergebnis eines designtheoretischen Symposiums. Hat man die Texte aus dem „Materialitäten“-Band im Hinterkopf, so wecken Beiträge zu goldledernen Abendschuhen der 1930er-Jahre, zu fluiden Schäumen, Smart Materials oder der Frage, wie Material Impulse für Entwurfsprozesse gibt, unmittelbar Neugier. Mit einem anderen Anspruch als dem eines Handbuchs, wie es Kalthoff, Cress und Röhl vorlegen, werden hier einige dort entworfene Fragen ausgeführt und für die gestalterische Arbeit fruchtbar gemacht: Dass „Materialsensibilität [...] über geistige und rationale Prozesse nicht vollständig eingeholt werden kann“ (Weltzien / Scholz, S. 11), wird in diesem disziplinären Kontext und unter anderem in Form von Interviews mit Gestaltern noch direkter deutlich.

Im abschließenden Beitrag von „Die Sprachen des Materials“ lässt Weltzien das im Handbuch „Materialität“ einleitend hartnäckig entwirrte „Referenzgeflecht [...] weiterwucher[n]“, um so bei seiner Auseinandersetzung mit der agency zu erhellenden Schlüssen zu kommen. Man muss seiner Einschätzung nicht zwingend folgen, dass wir ohne „das gemachte Werk [...] gar nicht im Stande [wären], Material als solches zu erkennen“ – doch seine Folgerung lädt ein, den kulturwissenschaftlichen Blick auf Gestaltungsprozesse zu lenken: „Die Aufgabe der Gestaltung [bestünde darin] zu fragen, wie [...] Eigenschaften oder Fähigkeiten [eines Materials] – seine agency – wahrnehmbar werden können.“ (S. 232) Und die „schöpferischen Kräfte“ wie auch die Fähigkeit zur Selbstorganisation, die Weltzien dem Material zuspricht, lassen sich als doppelte Aufforderung verstehen: Designer/innen sind aufgefordert, „Material als Gesprächspartner ernst zu nehmen“ (S. 239), und Kulturwissenschaftler/innen, dieses Reflexionsniveau bei der Analyse verfertigter Artefakte mitzubedenken.

Allen, die sich durch die materiellen Qualitäten des Buches selbst anregen lassen wollen, die sich dafür interessieren, welche Konzepte und kulturwissenschaftlichen Theoriediskussionen in der Praxis und Reflexion von Design und Kunst derzeit besonderen Anklang finden, und die nach der Lektüre von „Materialitäten“ auf der Suche nach einschlägiger Erfrischung sind, sei auch dieses Buch wärmstens empfohlen.

Anmerkung:
[1] Über die in den Bänden selbst geleistete Zusammenschau hinaus sei auch verwiesen auf Simone Derix / Benno Gammerl / Christiane Reinecke / Nina Verheyen, Der Wert der Dinge. Zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Materialitäten, in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History 13 (2016), S. 387–403, URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/3-2016/id=5389 (15.02.2017).

Redaktion
Veröffentlicht am
07.03.2017
Beiträger
Redaktionell betreut durch