O.G. Bauer: Die Geschichte der Bayreuther Festspiele

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Titel
Die Geschichte der Bayreuther Festspiele. Band I: 1850–1950, Band II: 1951–2000


Autor(en)
Bauer, Oswald Georg
Erschienen
Anzahl Seiten
1.292 S., 1.111 meist farb. Abb.
Preis
€ 128,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bernd Buchner, Nürnberg

Auf dem Gebiet der Kulturgeschichte, die sich in den vergangenen Jahrzehnten als eine eigenständige, aber mit anderen Zugängen verbundene Leitperspektive der Geschichtswissenschaften etabliert hat, liegt ein besonderes Augenmerk inzwischen auf den politischen, sozialen und gesellschaftlichen Implikationen künstlerischer Organisationen, Institutionen und Veranstaltungen. Wesentlich deutlicher als früher werden etwa die Zusammenhänge zwischen Musik und Politik herausgearbeitet.[1] Als beispielhaft ist dabei ein Forschungsprojekt zur Gesellschaftsgeschichte der Oper zu nennen, das seinen Niederschlag in der Buchreihe „Musikkulturen europäischer Metropolen im 19. und 20. Jahrhundert“ gefunden hat.[2] Die Bayreuther Festspiele sind ein wichtiger Spezialfall in der Geschichte des internationalen Musiktheaters; insofern ist es verwunderlich, dass es nicht nur erhebliche Forschungslücken, sondern auffallend wenige Überblicksdarstellungen zu dem Unternehmen Richard Wagners gibt.[3]

Oswald Georg Bauer behebt diesen Mangel nun. Der langjährige Mitarbeiter und Pressechef des früheren Festspielleiters Wolfgang Wagner, der somit eine Doppelfunktion als Wissenschaftler und Zeitzeuge ausübt, war schon zuvor mit Veröffentlichungen zum Thema hervorgetreten.[4] An seiner nun fertiggestellten „Geschichte der Bayreuther Festspiele“ hat er rund anderthalb Jahrzehnte gearbeitet; er hat dabei unzählige Quellen und die reichhaltige, aber bislang eher verstreute Sekundärliteratur ausgewertet. Das monumentale, zweibändige Buch wird auf Jahrzehnte hinaus Maßstäbe setzen. Bestechend in der Detailfülle, farbig und hellsichtig formuliert, bietet das Werk ein großes, überwältigendes Leseerlebnis. Jede Opernproduktion auf dem Grünen Hügel von 1876 bis zum Jahr 2000 wird in Text und Bildern ausführlich dargestellt, einschließlich zeitgenössischer Beurteilungen und Kritiken, sodass der Band auch ein unverzichtbares Handbuch zur Bayreuther Inszenierungsgeschichte im Wandel der Zeit und zu ihrer Rezeption darstellt.

Umsichtig und souverän schildert Bauer zunächst die Geburt der Festspielidee Richard Wagners aus dem Geist der griechischen Antike sowie ihre vielfältigen Wandlungen bis zur Verwirklichung in Bayreuth ab 1876. Dies macht es schwer, einen letztgültigen Festspielgedanken herauszudestillieren, obgleich die Bayreuther Orthodoxie genau dies immer beansprucht hat. Eine immer wiederkehrende Frage ist etwa, inwieweit Wagner sein Unternehmen mit Berufung auf den „deutschen Geist“ als Nationaltheater betrachtet wissen wollte. Bauer stellt beide Varianten nebeneinander, die zustimmende und die skeptischere Antwort. Auf die Ära der Komponistenwitwe Cosima Wagner blickt der Autor betont kritisch, wirft ihr fehlende Qualifikation für die Leitung der Festspiele, die Verfälschung von Richards Intentionen sowie die Politisierung Bayreuths im Sinne des völkisch-nationalistischen Denkens im Kaiserreich vor. Immerhin leitete sie die Festspiele deutlich länger als ihr verstorbener Mann, nämlich von 1883 bis 1906. In Sohn Siegfried, der 1907 das Regiment übernahm, sieht Bauer einen Erfüllungsgehilfen von Cosimas Intentionen. Es sei zudem problematisch gewesen, „dass sich Siegfried das Kostüm des Universalkünstlers anzog, das er nicht auszufüllen vermochte“ (I 355).

Als Siegfried 1930 starb, rückte seine englische Frau Winifred, eine glühende Anhängerin des Nationalsozialismus, in die Festspielleitung. Paradoxerweise erfolgte erst in „Hitlers Hoftheater“, so die berühmte Formulierung Thomas Manns[5], eine gewisse szenische Modernisierung. Zwar galt der neue Stil als eher unideologisch, doch kulturpolitisch wurden die Festspiele mit ihrer internationalen Strahlkraft zu einem Aushängeschild des faschistischen Staates. Folgerichtig war dann, dass im Zweiten Weltkrieg die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ die Regie am Grünen Hügel zur moralischen Erhebung von Rüstungsarbeitern, Sanitätshelfern und verwundeten Soldaten missbrauchte. Die Wiedergründung der Festspiele gelang schon 1951, nun unter Leitung der Wagnerenkel Wieland (1917–1966) und Wolfgang (1919–2010). Während der Ältere mit wegweisenden Inszenierungen Bayreuth an die Spitze der damaligen Wagnerinterpretation hievte, tat sich der Jüngere mit Geschäftssinn sowie der Fähigkeit hervor, immer wieder innovative Regisseure an den Grünen Hügel zu holen.

Dass Bauer die Ära des viel kritisierten Wolfgang betont nachsichtig darstellt und dabei auch noch das alte Bild der von Feinden umringten Trutzburg Bayreuth bemüht, ist angesichts seiner persönlichen Verbundenheit mit dem jahrzehntelangen Festspielleiter verständlich. Dies zählt zu den wenigen Mankos des Buches. Auch Richard Wagner selbst kommt beim Autor bisweilen zu gut weg – oft übernimmt Bauer dessen teils krude Haltungen einfach, manche Widersprüche und Kantigkeiten werden geglättet, vieles lässt sich so eindeutig nicht aus den Quellen lesen. Problematisch erscheint zuweilen der streng chronologische Aufbau des Buches (jedes Festspieljahr erhält ein eigenes Unterkapitel). Eine Reihe von Gesichtspunkten hätte sich besser systematisch abhandeln lassen, etwa die Festspielfinanzen. Die eher annalistische als analytische Stoffordnung macht es dem Leser schwer, den Überblick zu wahren und Dinge sinnfällig in den Gesamtzusammenhang einzuordnen. Zentrales steht oft neben Belanglosem, vieles ist redundant.

Angesichts der unfassbaren Detailfülle fallen manche Einzelheiten ins Auge, die Bauer weglässt. Sie betreffen fast alle das Verhältnis Bayreuths zum Nationalsozialismus. So fehlt die Information, dass Siegfried und Winifred Wagner bei Hitlers Putschversuch 1923 in München waren, angeblich zufällig, und dem verletzten Hermann Göring sämtliche Klinikrechnungen bezahlten.[6] Im Fall von Hans Frank, Reichsminister und ab 1939 Generalgouverneur im besetzten Polen, lässt der Autor unerwähnt, dass Frank zu den wichtigsten Hausfreunden der Wagners zählte und noch im Zweiten Weltkrieg in der Villa Wahnfried ein und aus ging. Beim Spruchkammerverfahren gegen Winifred zitiert Bauer längst widerlegte Zeugenaussagen, sie habe „niemals nach Parteizugehörigkeit“ gefragt und „viele Bedrängte aus der Haft befreit“. Ein Gegenbeispiel ist der Bayreuther Lehrer und Sozialdemokrat Oswald Merz (1889–1946), der im KZ Dachau einsaß. Winifred erklärte, sie werde nie einen Finger für ihn rühren. Merz starb bald nach dem Krieg an den Folgen der KZ-Haft.[7]

Schließlich fallen in dem Buch zahllose Doppelungen und Wiederholungen unangenehm auf. Dafür, dass ein Autor angesichts einer solchen Stoffmasse stellenweise den Überblick verlieren kann, lässt sich durchaus Verständnis aufbringen. Anscheinend wurde das 1.200-seitige Werk aber nicht oder nur oberflächlich lektoriert. Teilweise finden sich im Abstand von wenigen Zeilen wortgleiche Formulierungen. Dass sich Bayreuth zum „Vatikan in Sachen Wagner“ gemacht habe, liest man an sechs Stellen (I 192, 206, 266, 312, 352, 588). Immer wieder heißt es auch, Cosima habe sehr darauf geachtet, dass ihrem Sohn Siegfried kein Konkurrent um die Festspielleitung erwuchs. Dass Bayreuth im Zweiten Weltkrieg zu 36 oder fast 37 Prozent zerstört wurde, taucht drei Mal im Text auf (I 648f., II 9), immerhin nur doppelt hingegen der Hinweis, die Wehrmacht habe auf dem Dach des Festspielhauses eine „Fliegerbeobachtungsstelle“ einrichten wollen, was Winifred verhindert habe (I 643, 649). Diese Unzahl von Dubletten ist zwar ärgerlich, schmälert Bauers Verdienst jedoch nicht. Auch dass den Autor am Ende eine gewisse Melancholie befällt, ist nachvollziehbar: „Bayreuth hat immer die Kraft entwickelt, sich aus sich selbst zu erneuern. Wie oft wurden die Festspiele totgesagt oder ihr Ende prophezeit oder vorausgesehen! Wie oft hat sich Richard Wagner schon im Grab umgedreht!“ (II 535)

Anmerkungen:
[1] Siehe z.B. Pamela M. Potter, Die deutscheste der Künste. Musikwissenschaft und Gesellschaft von der Weimarer Republik bis zum Ende des Dritten Reiches, Stuttgart 2000; Nikolaus Bacht (Hrsg.), Music, Theatre and Politics in Germany: 1848 to the Third Reich, Aldershot 2006; Andreas Linsenmann, Musik als politischer Faktor. Konzepte, Intentionen und Praxis französischer Umerziehungs- und Kulturpolitik in Deutschland 1945–1949/50, Tübingen 2010.
[2] Herausgegeben von Philipp Ther, Celia Applegate, Moritz Csáky, Heinz-Gerhard Haupt, Sven Oliver Müller, Michael Walter und Michael Werner; siehe http://www.boehlau-verlag.com/Musikkulturen_europaeischer_Metropolen_im_19_und_20_Jahrhundert.htm (20.11.2016; bislang 13 Bände).
[3] Selbst zur vieldiskutierten Rolle Bayreuths in der NS-Zeit vermisst man eine wissenschaftlich tragfähige Analyse. Eine epochenübergreifende Institutionsgeschichte fehlt vollkommen; das hat auch – aber nicht nur – mit der bis vor kurzem katastrophalen Archivsituation rund um die Festspiele zu tun. Bisher einzige Gesamtdarstellung: Frederic Spotts, Bayreuth. Eine Geschichte der Wagner-Festspiele, München 1994. Die verdienstvolle Reihe der Arbeitsgemeinschaft „100 Jahre Bayreuther Festspiele“ mit instruktiven Einzelbänden stammt aus den 1970er-Jahren. Zur politischen Dimension der Bayreuther Festspiele hat der Verfasser dieser Rezension eine Monographie vorgelegt; siehe Bernd Buchner, Wagners Welttheater. Die Geschichte der Bayreuther Festspiele zwischen Kunst und Politik, Darmstadt 2013; rezensiert von Gero Tögl, in: H-Soz-Kult, 22.09.2015, http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20370 (20.11.2016).
[4] Oswald Georg Bauer, Richard Wagner. Die Bühnenwerke von der Uraufführung bis heute, Frankfurt am Main 1982; ders., Richard Wagner in Würzburg. Der Beginn einer „theatralischen Sendung“, Petersberg 2004; ders., Wolfgang Wagner. Der Festspielleiter. Der Regisseur. Der Bauherr. Ein Arbeits-Buch zu seinem Andenken, Bayreuth o.J. [2011].
[5] Im Schatten Wagners. Thomas Mann über Richard Wagner. Texte und Zeugnisse 1895–1955. Ausgewählt von Hans Rudolf Vaget, Frankfurt am Main 1999, S. 209.
[6] James E. und Suzanne Pool, Hitlers Wegbereiter zur Macht. Die geheimen deutschen und internationalen Geldquellen, die Hitlers Aufstieg zur Macht ermöglichten, Bern 1979, S. 113.
[7] Buchner, Wagners Welttheater, S. 147.