L. Beiersdorf: Ostdeutsche Erinnerungszeichen

Cover
Titel
Die doppelte Krise. Ostdeutsche Erinnerungszeichen nach 1989


Autor(en)
Beiersdorf, Leonie
Reihe
Kunstwissenschaftliche Studien 182
Erschienen
Anzahl Seiten
392 S., 382 sw-Abb.
Preis
€ 58,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefanie Endlich, Berlin

Das großformatige Buch hat mit fast zwei Kilogramm ein eindrucksvolles Gewicht, und sein Anspruch, auf dem Rücktitel formuliert, ist hoch gesetzt: „Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung entwirft diese empirische Studie eine erste Systematik des neuen kulturellen Gedächtnisses in Ostdeutschland.“ Es geht um die Veränderungen der Denkmallandschaft in den Städten der ehemaligen DDR in den Jahren 1989/90 bis 2009, teils bis 2011. Wie haben sich die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche auf das in vier Jahrzehnten entstandene „materielle Erbe der SED-Herrschaft“ ausgewirkt? Welche neuen Themen und Formen von Denkmälern kamen hinzu? In welchem Ausmaß gab es Demontagen? Welche Rolle spielten Rekonstruktionen? Kann man auch nach der deutsch-deutschen Vereinigung von einer „originär ausgeprägten ostdeutschen Denkmallandschaft“ (S. 10) sprechen – und wie sind deren Merkmale?

Dem Buch liegt eine Dissertation zugrunde, die von Ulrich Reinisch betreut und 2012 vom Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin angenommen wurde. Leonie Beiersdorf ist mittlerweile Leiterin der Sammlung Kunst und Kunsthandwerk am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg; zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hamburger Kunsthalle und am Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Tatsächlich legt sie erstmals eine Dokumentation aller neueren Denkmal-Entwicklungen in den neuen Bundesländern vor. Zuvor waren nur zwei auf Vollständigkeit zielende Untersuchungen zu Denkmälern und Erinnerungszeichen in der ehemaligen DDR erschienen, beide allerdings jeweils konzentriert auf die Erinnerung an eine bestimmte Zeitetappe: zum einen die Dokumentation der Bundeszentrale für politische Bildung aus dem Jahr 1999 über Gedenkstätten und Denkmäler für die Opfer des NS-Regimes mit einer Bestandsaufnahme zu den fünf neuen Bundesländern und Gesamt-Berlin[1], zum anderen die erstmals 2004 von Anna Kaminsky herausgegebene Publikation „Orte des Erinnerns“ (zur kommunistischen Repression), die nicht nur die neuen, sondern auch die alten Bundesländer umfasst.[2]

Leonie Beiersdorf strebt demgegenüber keine Vollständigkeit an, sondern unternimmt eine empirische Untersuchung des Bestands und der jeweiligen Hintergrundinformationen in 30 ausgewählten Groß-, Mittel- und kleineren Städten der fünf neuen Bundesländer. Die mit Unterstützung von Ämtern, Archiven und Museen in den Jahren 2005/06 und 2010/11 gesammelten Fakten verbindet sie mit Überblicksdarstellungen zum jeweiligen Thema, mit Hinweisen auf theoretische Konzepte zum „kollektiven Gedächtnis“ (Maurice Halbwachs, Jan und Aleida Assmann) und mit Schlussfolgerungen zu den Charakteristika der jeweiligen memorialen Veränderungsprozesse und ihrer Ursachen; hinzu kommen teils äußerst ausführliche Darstellungen und Analysen interessanter Fallbeispiele. „Drei Formen des Wandels“ werden untersucht: der Umgang mit Denkmälern der DDR nach 1990; gänzlich neue Denkmäler und Erinnerungszeichen zur NS- sowie zur SBZ- und DDR-Geschichte; schließlich Rekonstruktionen von Denkmälern, die in der NS- oder in der DDR-Zeit demontiert, zerstört oder eingelagert worden waren (S. 12f.). Historische Denkmäler aus den Jahrzehnten und Jahrhunderten vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind nicht einbezogen; sie werden nur vereinzelt als Fallbeispiele im Kapitel „Rekonstruktionen“ behandelt.

Im Kapitel „Zum Umgang mit den Denkmälern der DDR nach dem Mauerfall“ wird der vor allem durch den umstrittenen Abriss des Lenin-Denkmals in Berlin-Friedrichshain entstandene und immer wieder beschworene Mythos vom „antikommunistischen Bildersturm“ deutlich widerlegt. Die Autorin weist nach, dass die Demontage einiger politischer Denkmäler „eindeutig als Sonderfall und keineswegs als Regel“ (S. 46) anzusehen ist, gerade im Vergleich mit Denkmalstürzen in anderen Zeitetappen und in osteuropäischen Ländern. Beispiele für genuin künstlerische Kommentierungen und Kontextverschiebungen sind hier besonders aufschlussreich.[3]

Das Kapitel „Neue Erinnerungszeichen zur Geschichte des Nationalsozialismus“ gibt einen Überblick zu Formen und Veränderungen des Gedenkens an „Opfer des Faschismus“ („OdF“) in der DDR. Zuvor widmet es sich der Entwicklung des westdeutschen Shoah-Gedenkens, dem Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas und speziell den „Gegen-Denkmälern“[4] in westdeutschen Städten, die, so die These, die neu entstehende ostdeutsche Gedenkkunst wesentlich beeinflusst haben. Es folgen Fallbeispiele bemerkenswerter Denkmäler für NS-Opfer in den neuen Bundesländern, speziell auch für zuvor unbeachtete NS-Opfergruppen, und Überblicksdarstellungen zu Projekten für Kriegsopfer und Opfer von Vertreibung als nach dem Ende der DDR neu eingeführte Themenfelder.

Knapper fällt das Kapitel „Denkmäler zur Geschichte der SBZ und der DDR“ aus. Nach einer kurzen Einführung in diese seit 1990 ebenfalls neu entstandene Sparte werden die drei thematischen Schwerpunkte – Denkmäler für die Opfer politischer Unterdrückung, zum Aufstand des 17. Juni 1953 und zur Friedlichen Revolution im Herbst 1989 – anhand einzelner Projekte veranschaulicht, teils mit ausführlicher Beschreibung alternativer Entwürfe und politischer Kontroversen.

Das Kapitel „Rekonstruktionen und Wiedererrichtungen“ schließlich beginnt mit einer umfassenden Einführung in das komplexe Thema. Welche Unterschiede, welche Parallelen gibt es zur Rekonstruktions-Debatte bei Baudenkmalen? Wie stellte sich die Denkmalpflege der DDR zu Rekonstruktionen? Fallbeispiele zum Umgang mit verschwundenen historischen Denkmälern in vier Städten (Leipzig, Neuruppin, Weimar, Gera) zeigen unterschiedliche, auch künstlerisch eigenständige Ansätze und Lösungen. Zum Abschluss bietet ein „Katalog“ eine nach Städten geordnete Übersicht mit einer Auswahl von insgesamt rund 350 Denkmälern und Erinnerungszeichen.

Insgesamt kann das Buch durchaus empfohlen werden. Die Fülle der gesammelten Informationen ist enorm, die Themenbreite mutig, die Einteilung der Kapitel sinnvoll, die Auswahl der ostdeutschen Fallbeispiele einleuchtend, die Analyse sorgfältig, und die Abbildungen sind von beeindruckender Qualität. Als Einführung ist es gut geeignet, und Texte wie Fotos bieten auch fachkundigen Leserinnen und Lesern manche neuen Erkenntnisse und Entdeckungen. Natürlich gäbe es Desiderate für Vertiefungen oder Erweiterungen, aber die Entscheidungen der Autorin verdienen Respekt. Und einige kleine Fehler fallen nicht ins Gewicht.[5] Meine folgenden Fragen und Gedanken, die bei der Lektüre entstanden sind, sollten daher nicht den Eindruck erwecken, als überwiege eine negative Bewertung.

Ein gewisses Problem ist die Behandlung Ost-Berlins als Sonderfall; der Ostteil der Hauptstadt gehört nicht zu den 30 hier untersuchten ostdeutschen Städten. Die Autorin begründet dies damit, dass die spezifische Geschichte der geteilten und wiedervereinigten Stadt, die mittlerweile schon intensiv erforscht sei, bei der Frage nach einer „originär ostdeutschen Erinnerungskultur […] eher verdunkelnd als erhellend“ wirke (S. 13). Doch woran lassen sich die Unterschiede präzise festmachen? Ost-westliche Wechselwirkungen sind in den Städten der neuen Bundesländer in ähnlicher Weise spürbar. Dass es eine gegenseitige Beeinflussung gab und nicht nur eine einseitige Annäherung der ostdeutschen an die westdeutsche Denkmallandschaft, wäre deutlicher erkennbar, wenn nicht, wie hier, allein innovative Tendenzen der westdeutschen Memorialkunst ausführlich beleuchtet würden, sondern auch jene subversiven, im Stadtraum allerdings nur bei temporären Projekten zum Zuge gekommenen kritischen Ansätze von DDR-Künstlern Beachtung fänden, die schon früh konzeptionelle Alternativen zur offiziellen Staatskunst aufgezeigt hatten.[6]

Für Irritationen sorgen auch einige kunsthistorische Einschätzungen der Entwicklungen im Untersuchungszeitraum. In Anlehnung an Daniel Libeskinds Architektur des Berliner Jüdischen Museums werden zahlreiche innovative Arbeiten als „dekonstruktivistisch“ bezeichnet (S. 97, 101 und viele andere). All jene Denkmäler, die Leere, Abwesenheit und Verlust visualisieren, sind jedoch durchaus nicht einfach von der „dekonstruktivistischen Linie der zeitgenössischen Architektur“ (S. 117) beeinflusst. Vielmehr wurzeln sie in unterschiedlichen ästhetischen und philosophischen Ansätzen und sind meist der Konzeptkunst verpflichtet. Diese wird hier allerdings bereits bei der Beschreibung der „Gegen-Denkmäler“ zu wenig beachtet.

Verwirrend ist schließlich die Einführung des „Oberbegriffs des Schuldzeichens“ (S. 162ff., 172f.) als neue, eigene „Kategorie“ für „tatorientierte Objekte“, womit diese – als „echte Innovation“ – sowohl von „opfergruppenspezifischen NS-Mahnmalen“ als auch vom „intellektuell anspruchsvolleren Gegen-Denkmal“ und von der „dekonstruktivistischen Leerformel“ unterschieden werden sollen. Gerade die beiden als Paradebeispiele angeführten Projekte „Orte des Erinnerns im Bayerischen Viertel“ und „Denkmal der Grauen Busse“ lassen jedoch erkennen, dass es nicht um einen (hier auch noch vornehmlich aus der Sicht des Generationen-Wechsels gedeuteten) Perspektivwechsel von Opfern zu Schuld und Tätern geht, sondern – angesichts der Komplexität des historischen Geschehens und der Erinnerung selbst – um erweiterte Reflexions-Angebote, durch die vor allem Hintergründe und Strukturen einbezogen werden. Dass die „Stolpersteine“ als Vorläufer solch „neuer, tatorientierter Denkmalsgattung“ charakterisiert werden, weil die Nennung des Namens der jeweiligen Mordstätte schockartig die Verfolgungsgeschichte deutlich mache (S. 162), ist ebenfalls schwer nachvollziehbar.

Der anfangs erwähnte Anspruch ist dennoch erfüllt. Deutlich wird, wie sich die gesellschaftlichen Umbrüche in Veränderungen der Denkmallandschaft manifestiert haben. Kritische Anmerkungen zu Begriffen und Kategorien schmälern dieses Verdienst nicht, sondern können Anstöße zur weiteren Diskussion geben. Das Verständnis von „Denkmal“ ist tatsächlich – wie es Leonie Beiersdorf gewünscht hat (S. 173) – seit geraumer Zeit auch im öffentlichen Bewusstsein erweitert worden durch „Erinnerungszeichen“, die sich traditionellen Gedenkritualen verweigern.

Anmerkungen:
[1] Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation, Bd. II, Bonn 1999.
[2] Anna Kaminsky (Hrsg.), Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, bearb. von Ruth Gleinig im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, 3., überarb. und erweiterte Aufl. Berlin 2016.
[3] Allerdings wurden aufgrund der Konzentration der Bestandsaufnahme auf die Städte jene nach dem Ende der DDR vorgenommenen Umwidmungen von „OdF“-Gedenksteinen und „OdF“-Denkmälern nicht einbezogen, die im Ortsmittelpunkt zahlreicher kleinerer Gemeinden nun nicht mehr den „Opfern des Faschismus“, sondern den Toten der beiden Weltkriege oder generell „Den Opfern“ gewidmet sind. Viele von ihnen waren bereits im frühen 20. Jahrhundert als Kriegerdenkmäler entstanden und in der DDR-Zeit in „OdF“-Denkmäler umgewandelt worden. Auch die besonders oft in kleineren Gemeinden vollzogene Versetzung oder Umwidmung Sowjetischer Ehrenmale wurde hier nicht berücksichtigt.
[4] Die Behandlung der frühen, radikalen „Gegen-Denkmäler“ als eigene, in sich abgeschlossene Kategorie, deren Entwicklung in der postsozialistischen Dankmallandschaft kaum eigenständig weitergeführt worden sei (S. 291), berücksichtigt allerdings nicht, dass deren kritische gedankliche Ansätze seit den 1990er-Jahren in der gesamten Bundesrepublik in vielerlei Formen aufgenommen und in die anerkannte Erinnerungskultur eingemeindet wurden.
[5] So begann das „Stolperstein“-Projekt (S. 161) bereits im Jahr 1996; Mies van der Rohes Revolutionsdenkmal wurde nach 1945 nicht rekonstruiert (S. 19), sondern auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde durch eine neu gestaltete „Gedenkstätte der Sozialisten“ ersetzt, der historische Standort künstlerisch markiert; die Zahl von 500.000 während der NS-Zeit ermordeten Sinti und Roma (S. 125) ist nach Erkenntnissen von Historikern zu hoch angesetzt, u.a.
[6] Ein Beispiel ist die temporäre Installation „Nie wieder Krieg“ vor dem Sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow 1982; Näheres auch in der Ausstellung „Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976–1989“ der Deutschen Gesellschaft e.V., die 2016 im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen war.