M. Rathmann: Tabula Peutingeriana

Cover
Titel
Tabula Peutingeriana. Die einzige Weltkarte aus der Antike


Autor(en)
Rathmann, Michael
Erschienen
Anzahl Seiten
112 S.
Preis
€ 199,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Frank Schleicher, Institut für Altertumswissenschaften, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Es ist nicht selbstverständlich, dass in unserer Zeit, die doch weitgehend durch elektronische Dokumente geprägt ist, ein solches Buch erscheint. Die Forschung zur Tabula Peutingeriana hat zwar eine lange Tradition, und es sind auch einige Werke erschienen, die dem Leser maßstabsgetreue Abbildungen der Karte bieten. Heute sind solche Werke jedoch wegen der hohen Herstellungskosten und der damit verbundenen geringen Anzahl gedruckter Exemplare oft nur noch schwer zu greifen.[1] Umso erfreulicher ist es da, dass Michael Rathmann nicht die Ansicht Richard Talberts teilt, der noch vor sechs Jahren meinte, eine gedruckte Ausgabe der Kartenteile sei heute nicht mehr nötig, weil doch die elektronische Bereitstellung vorteilhafter und günstiger sei.[2] Mit dem vorliegenden Band will Rathmann im Gegenteil dem Leser den ästhetischen Genuss bereiten (S. 31), den nur die Betrachtung gedruckter Karten bieten kann. Außerdem wird die Tabula durch diese Publikation einer breiten Öffentlichkeit zugänglicher.[3]

Das Buch besteht aus zwei Teilen: einer Einführung und dem Kartenteil. Obwohl die Ausgabe keinen wissenschaftlichen Kommentar bietet, ist die Einleitung doch solide und fundiert. Zunächst beschreibt Rathmann die Handschrift selbst und deren Geschichte seit dem ‚Fund‘ zu Beginn des 16. Jahrhunderts (S. 6–8). Hier findet sich eine beeindruckende Collage der heute getrennten Pergamentblätter in verkleinerter Form, die einen Eindruck von den Dimensionen der Karte vermittelt. Im zweiten Abschnitt (S. 8–12) verortet der Autor die Tabula in der antiken Kartographiegeschichte, wobei auch die Forschungsdiskussion zum Thema Berücksichtigung findet. Rathmann löst sich hier von der traditionellen Vorstellung, die Tabula beruhe auf der berühmten Weltkarte des Agrippa, um im folgenden Abschnitt (S. 12–14) seine eigene Theorie ausbreiten zu können. Hier präsentiert er die Ergebnisse seiner Forschungen der letzten Jahre und zeigt, dass die Tabula auf Vorgänger aus hellenistischer Zeit zurückgeht.[4] Diese These hat sich in den letzten Jahren in der Forschung zunehmend durchgesetzt.

Im vierten und fünften Abschnitt (S. 15–17) ordnet der Autor die Tabula in die antike Geographiegeschichte ein. Die zentrale Aussage ist hier, dass es sich nicht um ein selbstständiges Kartenwerk handelt, dass der antiken Geographie entstammt, sondern um eine Illustration zu einem chorographischen Text. Der sechste Abschnitt (S. 16–20) präsentiert neuere Funde, durch die sich das Wissen um die Tabula ergänzen lässt. Besonders prominent ist hier die Karte des Pellegrino Prisciani (1435–1518). Diese basiert nämlich auf einer cosmographia vetustissima, die jener im Vorzimmer des Bischofs von Padua gesehen hatte (S. 18). Allem Anschein nach hat es sich hier um eine Karte vom selben Typ wie die Tabula Peutingeriana gehandelt. Im 15. Jahrhundert gab es also noch mehrere solche Karten. Im siebten Abschnitt (S. 20–25) behandelt Rathmann die Veränderungen, die die Tabula durch das fortwährende Kopieren erfahren hat. Im Zuge dieses Reproduktionsprozesses veränderten sich die Beschriftungen auf der Karte. Immer mehr Hellenistisches ging verloren und neue oder veränderte Informationen wurden hinzugefügt, bis die Karte um 435 ihre letzte antike Redaktion erfuhr. Der kurze achte Abschnitt (S. 26) fragt danach, wer in der Antike eine solche Karte besessen hat. Rathmann glaubt, dass es vor allem Senatoren waren, in deren Bibliotheken sich solche Karten befanden.[5] Nicht für die öffentliche Präsentation, sondern den privaten Gebrauch seien solche Karten geschaffen worden.[6]

Der neunte Abschnitt (S. 27–29) behandelt die Techniken, mit denen die Karte gezeichnet wurde. Hier versucht der Autor die verzerrte Darstellung zu erklären und mittels ‚Achsen‘ eine Systematik in die Karte zu bringen. Zudem erklärt er, warum sich im Laufe der Zeit die Beschriftung zwar veränderte, die gezeichnete Karte aber weitgehend gleichblieb. Im zehnten Abschnitt (S. 29f.) behandelt der Autor schließlich das Straßennetz. Er kann einige Belege dafür anbringen, dass an der Tabula mehrere Zeichner und Schreiber gearbeitet haben, sie also nicht das Werk eines einzelnen Kopisten war. Abschnitt elf (S. 30f.) beschäftigt sich dann mit den Vignetten. Bisher sind alle Versuche gescheitert, historisch zu erklären, warum die Vignetten mancher Städte (etwa Antiochia oder Thessalonica) so groß ausfallen, während andere bedeutende Orte (etwa Mailand oder Trier) nicht in dieser herausragenden Form verzeichnet sind. Der Autor bringt diese nun mit seiner Theorie einer stufenweisen Entwicklung der Beschriftung von der hellenistischen Zeit bis in die Spätantike zusammen und glaubt damit eine mögliche Erklärung gefunden zu haben: Im Laufe der Antike hatten zahlreiche Städte ihre ‚große Zeit‘, die sich durch entsprechend große Vignetten auf der Tabula manifestierte (S. 31). In jeder Stufe konnten Orte beibehalten oder auch weggelassen werden. Ein letzter kurzer zwölfter Abschnitt (S. 31) geht schließlich noch auf die mittelalterlichen Kopisten ein. Diese hatten das Material ihrer Vorlage wohl exakt dimensioniert, dass die Zeichnung 1:1 übertragen werden konnte. Interessant ist hier die Beobachtung, dass die Qualität und Sorgfalt der Kopisten von Westen nach Osten abnahm.

Der zweite, umfangreichere Teil des Buches enthält Abbildungen der Karteteile (S. 33–99). Da ein Abdruck der einzelnen Pergamentblätter im Ganzen für heutige Buchformate nicht möglich ist, wurden sie jeweils gedrittelt. Jedes Teil nimmt eine Doppelseite in Anspruch, wobei immer auf der rechten Seite die Farbaufnahme und auf der linken eine monochrome Version mit einigen Kommentaren gegeben wird. Zur Orientierung des Lesers, gibt es in der linken unteren Ecke einen Apparat, der anzeigt, auf welchem Blatt und in welchem Drittel man sich jeweils befindet. Die Abbildungen sind von sehr guter Qualität. Neben der linken Karte befindet sich jeweils eine Spalte mit Namen und Plätzen, die mit Linien auf Angaben in der Tabula verweist. Die Erklärungen zu nicht bezeichneten topographischen Elementen geben nur den heutigen Namen, jene zu Städten enthalten den auf der Tabula verzeichneten Namen und – sofern es einen solchen gibt – auch den modernen Namen der Stadt. Die Auswahl der angemerkten Orte erscheint dem Rezensenten etwas zufällig und folgt wohl nur der Absicht, die Spalte zu füllen, ohne dass sich die Linien auf der Karte kreuzen. Dem Tafelteil folgt ein Anhang mit einigen Endnoten, einer knappen Bibliographie und den Indices (S.102–112).

Das Ziel des Buches ist es, die Tabula Peutingereiana „nach ihrer Restaurierung einer breiten Öffentlichkeit bequem zugänglich zu machen und einleitend zentrale Aspekte dieses wunderbaren Dokumentes zu erläutern“ (S. 31). Dieses Ziel wird voll erfüllt. Der Einleitungsteil ist auf der Höhe der aktuellen Forschung, aber leserfreundlich verfasst. Für eine wissenschaftliche Beschäftigung mag er zu knapp sein, aber dem an der Tabula interessierten Laien sowie Studenten bietet er einen guten Einstieg. Eine etwas ausführlichere Behandlung der Forschungsgeschichte hätte diesen aber noch erleichtert. Wichtiger als der Text sind in diesem Band aber natürlich die Bilder. Der Tafelteil ist eindrucksvoll und lädt zu intensiver Betrachtung ein. Die Karten sind nahezu in Originalgröße abgedruckt. Die Drittelung der Blätter macht die einzelnen Abschnitte zwar übersichtlicher, lässt das Dokument aber weniger eindrucksvoll erscheinen. Auch die Bilder im Textsteil sind von ausgezeichneter Qualität. Haptisch ist das Buch durch das große Format aber ein Erlebnis.[7] Das Fazit des Rezensenten: Ein sehr schönes Buch für den Laien, dass aber wegen der klaren Darstellung durchaus auch für die Lehre nützlich ist.

Anmerkungen:
[1] Hier wäre aus der jüngeren Forschung vor allen Ekkehard Weber, Tabula Peutingeriana. Codex Vindobonensis 324, Graz 1976 (mit separatem Kommentarband) und Annalina Levi / Mario Levi, Tabula Peutingeriana, Bologna 1978 (mit der Tabula in Form einer Rolle) zu nennen.
[2] Richard J. A. Talbert, Rome’s World. The Peutinger Map Reconsidered, Cambridge 2010, S. xiv.
[3] So praktisch für den Wissenschaftler auch die Werkzeuge sind, die z.B. die elektronische Publikation Talberts bietet (<http://peutinger.atlantides.org>), muss man doch genau wissen, was man sucht, um diese zu finden. Generell ist fraglich, wie lange solche Publikationen zugänglich sind. Schon heute lässt sich der Betrachter nicht in jedem Browser benutzen und wer kann schon sagen, wie lange die Kosten und die Pflege der Internetseite sichergestellt werden.
[4] Die Idee wurde erstmals von Friedrich Gisinger, Art. Peutingeriana, in: RE XIX 2 (1938), Sp. 1405–1412, hier Sp. 1408ff. geäußert.
[5] Dass in größeren Bibliotheken solche Karten vorhanden waren, lassen auch chorographische Beschreibungen, wie sie beispielsweise Prokop und Photius geben, vermuten, z.B. Phot. bibl. cod. 63 zu Prokop (BP 1, 10): „Das Taurusgebirge in Kilikien durchquert erst Kappadokien, Armenien, Persarmenien, Albanien, Iberien und all die anderen unabhängigen Reiche, die unter die Herrschaft Persiens kamen. Genau über den Grenzen Iberiens ist ein schmaler Pfad um die 50 Stadien Länge, […] , der in alten Zeiten das Kaspische Tor genannt wurde.“
[6] Anders Talbert, der in der Vorlage der Tabula eine Wandkarte aus dem Kaiserpalast des Diokletian sieht: Talbert, World, S. 133.
[7] Ein kleiner Fehler fiel dem Rezensenten auf S. 7 auf, wo auf Abb. 3 verwiesen wird, obwohl Abb. 2 gemeint ist.

Redaktion
Veröffentlicht am
13.02.2017
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