C.-L. Holtfrerich (Hrsg.): Wirtschaftspolitik in Deutschland 1917–1990

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Titel
Das Reichswirtschaftsministerium der Weimarer Republik und seine Vorläufer. Strukturen, Akteure, Handlungsfelder


Herausgeber
Holtfrerich, Carl-Ludwig
Reihe
Wirtschaftspolitik in Deutschland 1917–1990 1
Erschienen
München 2016: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
XI, 755 S.
Preis
€ 199,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Roman Köster, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Das hier zu besprechende Werk stellt den ersten Band der vierbändigen Gesamtgeschichte des Reichs- bzw. Bundeswirtschaftsministeriums dar. Er beschäftigt sich mit der Entstehung und der Geschichte des Ministeriums während der Weimarer Republik, wobei die Beiträge allesamt von ausgewiesenen Wirtschafts- und Verwaltungshistoriker/innen verfasst worden sind. Sie decken ein breites Spektrum von Themen ab, wobei anfangs mehr die verwaltungsgeschichtlichen Aspekte im Vordergrund stehen, später dann vor allem allgemein wirtschaftspolitische Aspekte dominieren.

Stefan Fisch bietet in seinen ersten beiden Beiträgen eine Organisationsgeschichte der Frühzeit des Ministeriums, das 1916 als Resultat der Teilung des Reichsamts des Inneren zunächst als „Reichswirtschaftsamt“ ins Leben gerufen wurde, bevor es 1919 dann zu einem Ministerium aufgewertet wurde. Das ist interessant, es wird allerdings nicht ganz klar, warum daraus zwei Beiträge gemacht werden mussten. Daran anschließend schreibt Heidrun Homburg ebenfalls eine Institutionengeschichte des jungen Ministeriums bis zum Ende der Inflation. Sie bemüht sich hier stärker als Fisch um einen kollektivbiographischen Zugang zu den Akteuren und richtet dabei ihren Blick auch über das engere Leitungspersonal hinaus.

Die folgenden vier Beiträge beschreiben dann die Arbeit des RWM bis zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise. Einen etwas merkwürdigen Eindruck macht dabei Holtfrerichs Text über den „Alltag“ des Reichswirtschaftsministeriums während der Inflation. Der Autor taucht tief in die Akten ein und fördert viele interessante Vorgänge zu Tage. Allerdings taucht der Autor sehr häufig aus diesen Akten dann nicht wieder auf, weshalb man streckenweise das Gefühl hat, schlicht Quellenexzerpte präsentiert zu bekommen. Hinzu kommen mitunter zugespitzte und sogar irritierende Wertungen: So beispielsweise die Behauptung, die Inflation habe den sozialen Frieden in Deutschland insgesamt gefördert. Vor dem Hintergrund der Arbeiten von Gerald Feldman (die in dem Beitrag bis auf wenige Ausnahmen ignoriert werden) und vieler anderer erscheint diese Feststellung als problematisch.

Gut gelungen ist der Aufsatz von Adam Tooze über das (dem RWM untergeordnete) Statistische Reichsamt, in dem er nicht nur die Bemühungen um die statistische Erfassung des deutschen Wirtschaftslebens nachzeichnet, sondern auch in Weiterführung seiner früheren Arbeiten die Konflikte zwischen Ernst Wagemann und Brüning bzw. dem Ministerium schön herausarbeitet. Ebenfalls weiterführend und interessant sind die folgenden Beiträge von Hartmut Berghoff, Ingo Köhler und Harald Wixforth über die binnenwirtschaftlichen Steuerungsinitiativen des RWM sowie von Harold James über den Beitrag des RWM zur Außenwirtschaftspolitik. Beide Beiträge kommen zu dem Ergebnis, dass der Einfluss des RWM auf die Wirtschaftspolitik der Reichsregierung, die mit dem Reichskanzler und dem Finanzministerium mächtige Konkurrenten besaß, insbesondere nach der Währungsstabilisierung begrenzt war und am Ende der 1920er-Jahre eher noch abnahm. Auch die konkreten binnenwirtschaftlichen Projekte wie die Mittelstandsförderung oder die Kartellpolitik waren nur begrenzt erfolgreich.

Am Ende des Bandes stehen dann noch zwei Beiträge, die sich mit der Rolle des Reichswirtschaftsministeriums in der Weltwirtschaftskrise beschäftigen. Während Albrecht Ritschl empirisch dicht den Weg in die Deflationspolitik nachzeichnet und die Rolle des Reichswirtschaftsministeriums darin rekonstruiert, stellt Holtfrerich in seinem Schlussbeitrag die verschiedenen Konzepte einer kontrazyklischen Wirtschafspolitik vor und betont – im Gegensatz zu Ritschl – die Möglichkeit einer wirtschaftspolitischen Kursänderung während der großen Krise.

Insgesamt erscheinen die verschiedenen Beiträge sowohl inhaltlich als auch von der Länge her als recht heterogen. Positiv ist jedoch insgesamt hervorzuheben, dass sich hier ausgewiesene Experten die Mühe gemacht haben, nicht nur ihre bisherigen Forschungen zu replizieren, sondern diese durch Archivrecherchen zu erweitern und zu vertiefen. Das macht den vorliegenden Band zu einer Fundgrube für die weiterführende empirische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Weimarer Wirtschaftspolitik.

Was weniger überzeugt, ist die Konzeption des Werkes. Das lässt sich bereits daran festmachen, dass der insgesamt am wenigsten befriedigende Text die Einleitung des Herausgebers ist. Sie bietet genau das nicht, was eine solche Einleitung eigentlich bieten sollte: Nämlich eine Übersicht über die bisherige Forschung und die Entwicklung neuer Fragestellungen, die Eröffnung neuer Perspektiven in der Auseinandersetzung mit der Geschichte der Weimarer Wirtschaftspolitik. Stattdessen macht Holtfrerich hier im Wesentlichen noch einmal seinen Standpunkt in der Borchardt-Debatte um die Handlungsspielräume der Wirtschaftspolitik in der Großen Depression deutlich. Das geschieht freilich, ohne dass er seine eigene Rolle als zentraler Akteur (und als wichtigster Gegenspieler Borchardts) innerhalb dieser Debatte ausreichend reflektieren würde. Ohne eine solche Einordnung stehen jedoch die teilweise widersprüchlichen Aussagen der einzelnen Beiträge mehr oder weniger unmoderiert nebeneinander. Diejenigen Leser, die mit den relevanten Debatten nicht vertraut sind, dürfte das ziemlich irritieren.

Die Borchardt-Debatte ist für die Wirtschaftsgeschichte von großer, fast identitätskonstituierender Bedeutung. Gerade deswegen wäre es vielleicht sinnvoll gewesen, mit der Herausgeberschaft jemanden zu betrauen, der in dieser Debatte nicht Partei ist. Nun wirkt der Band von der konzeptionellen Anlage her so, als sei er in den argumentativen Frontstellungen der 1980er-Jahre stecken geblieben. Dass offensichtlich kein anderer Ausweg gesehen wurde, als die Weltwirtschaftskrise in zwei separaten Abschnitten mit sich widersprechenden Grundaussagen zu behandeln, ist diesbezüglich bezeichnend. Und es ist schade, weil die einzelnen Beiträge insgesamt von hoher Qualität sind und das Wissen über die Weimarer Wirtschaftspolitik deutlich vertiefen. Hinsichtlich der Frage jedoch, was man damit im Hinblick auf eine Gesamtdeutung der Weimarer Wirtschaftspolitik anfangen kann, lässt der Band am Ende einige Fragen offen.

Redaktion
Veröffentlicht am
18.08.2017
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