A. Ottermann: Die Mainzer Karmelitenbibliothek

Cover
Titel
Die Mainzer Karmelitenbibliothek. Spurensuche – Spurensicherung – Spurendeutung


Autor(en)
Ottermann, Annelen
Reihe
Berliner Arbeiten zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft 127
Erschienen
Anzahl Seiten
1030 S.
Preis
€ 120,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Iris Holzwart-Schäfer, Fachbereich Geschichtswissenschaft, Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Seit 1985 ist Annelen Ottermann Altbestandsbibliothekarin an der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek Mainz, und vom Beginn dieser Tätigkeit an hat sie sich immer wieder mit den heute dort aufbewahrten Handschriften und Drucken des im späten 13. Jahrhundert gegründeten und 1802 aufgehobenen Mainzer Karmelitenkonvents befasst. Die hier anzuzeigende, 2015 an der Humboldt-Universität zu Berlin verteidigte Dissertation hat sich zum Ziel gesetzt, die Bibliotheksbestände des Klosters zu rekonstruieren und zu analysieren. Die Verfasserin konnte ein Korpus von 1589 erhaltenen Handschriften und Drucken ermitteln, die im Zuge der Säkularisierung wie die Bestände anderer Ordensniederlassungen fast vollständig an die alte Mainzer Universitätsbibliothek gelangten, die ihrerseits in der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek aufging. Trotzdem war die Rekonstruktion sehr aufwändig, da Verzeichnisse fehlten und die Bände nicht nach Provenienzen geordnet wurden.

Die erste, 2016 erschienene Auflage der Doktorarbeit umfasste aufgrund großer Abstände zwischen den Fußnoten und des Verzichts auf Silbentrennung 1.400 Seiten, die in zwei Bänden publiziert wurden. Die 2018 erschienene und hier zugrunde gelegte zweite Auflage ist kompakter gesetzt, so dass sich der Umfang auf 1.030 Seiten verringert hat und das Werk in einem Band erscheinen konnte. Auch formal und inhaltlich wurde es nochmals überarbeitet, so finden sich einige neue Exemplarzuweisungen und Literaturergänzungen.

Der Textteil gliedert sich in 16 sehr unterschiedlich lange Kapitel, von denen die Kapitel eins bis vier in Ziele und Quellenlage, angewandte Methoden und den Forschungszusammenhang der Rekonstruktion von Klosterbibliotheken einführen (S. 20–49). Es folgen Abrisse zur „Mainzer ‚Sattelzeit‘“ mit Schwerpunkt auf der Universitäts- und Bibliotheksgeschichte (S. 49–59), zu „Aufhebung der Karmelitenbibliothek und Verbleib der Bücher“ (S. 59–88) und zur allgemeinen Geschichte des Mainzer Karmels (S. 88–122) sowie Ausführungen zu „Bildung und Wissenschaft bei den Bettelorden“ generell (S. 122–139) und im hier untersuchten Konvent (S. 139–157). Diese Überblicksdarstellungen auf breiter Literaturbasis vermitteln zuverlässig den Forschungsstand, der in den Kapiteln zu den Mainzer Bibliotheken und dem dortigen Karmel durch eigene Quellenstudien bereichert wird.

An die einführenden Überblicke schließen nach kurzen methodischen Betrachtungen (S. 157–159) als Herzstück der Untersuchung drei Kapitel zur Bibliothek des Konvents an, zu deren Geschichte praktisch keine Vorarbeiten existierten. Kapitel 11 (S. 160–254) erhellt alle Aspekte der Bibliotheksverwaltung von unterschiedlichen Möglichkeiten des Bestandsaufbaus über Erschließung und Benutzungsregelungen bis zu Einbänden und Reparaturen. Kapitel 12 (S. 255–352) zeichnet chronologisch die Bestandsentwicklung vom 15. bis zum 18. Jahrhundert nach, wobei zahlreichen Vorbesitzern von Büchern eigene Unterkapitel gewidmet sind. In Kapitel 13 (S. 352–636) werden die Bestände nach Wissensgebieten gegliedert analysiert. Die Kapitel 14 bis 16 (S. 636–658) fassen Ergebnisse, Forschungsdesiderata und Perspektiven zusammen und schließen mit Überlegungen zur angesichts der Zufälligkeit und Lückenhaftigkeit der Überlieferung gebotenen „methodische[n] Skepsis und Sensibilität bei Analyse und Schlussfolgerungen“ (S. 658).

Der Anhang bietet neben den üblichen Verzeichnissen, einem Personenregister und der umfangreichen Bibliographie 25 Tabellen, mittels derer man sich schnell einen Überblick über die Signaturen und bibliographischen Nachweise der einzelnen Handschriften und Drucke des Rekonstruktionsbestands (Tabelle 1), die verschiedenen Provenienzen (2–22), eine Auswahl von Karmeliten mit Buchbesitz (23) und Einbandwerkstätten (24) verschaffen kann. Tabelle 25 bietet eine Konkordanz der alten und aktuellen Signaturen der 129 Bücher des Konvents, die Gotthelf Fischer, Leiter der Mainzer Universitätsbibliothek von 1799 bis 1804, für nützlich genug hielt, um sie im Jahr 1800 zu inventarisieren.

Hinzu kommen 418 farbige Abbildungen in hervorragender Qualität, anhand derer die Beobachtungen und Schlussfolgerungen der Verfasserin sehr gut nachvollzogen werden können. Dafür hätte zwar eine weniger opulente Bebilderung gereicht, doch vermitteln die zahlreichen Detailabbildungen viel von der Faszination, die von den alten Handschriften und Drucken ausgeht. Als sehr praktisch für die Orientierung erweist sich die klare Hervorhebung der Abbildungsverweise im Text.

Zentral für die Rekonstruktion eines Bibliotheksbestands ist die intensive Beschäftigung nicht nur mit den Texten, aus denen er sich zusammensetzt, sondern auch mit den Büchern in ihrer Materialität. Unter anderem dient die Untersuchung der konkreten Exemplare der Beantwortung der Frage, ob und wie oft die in der Bibliothek vorhandenen Werke tatsächlich benutzt wurden. Daher misst Ottermann der exemplarspezifischen Forschung und ihren Fortschritten in jüngerer Zeit große Bedeutung bei. Erst durch die Zusammenschau von Buchbesitz und Sammlungsprofil, Buchgebrauch und Bibliotheksverwaltung, so ihre Prämisse, erschließt sich der „Wissensraum Bibliothek“.

Um zu einer aussagekräftigen Analyse des historischen Bestands zu kommen, wählt Ottermann einen selektiven Zugang, den sie mit den Metaphern der „Nahaufnahme“ und des „Zooms“ beschreibt. Dieser „Objektivwechsel“ soll verhindern, „dass die Wiedergabe einer Fülle kleiner und kleinster Eindrücke in gleichbleibender Bildausleuchtung den Gesamteindruck verwischt und am Ende […] ein Verwirrbild zurückbleibt“ (S. 159). Solche Großaufnahmen können bedeutenden Werken und Autoren gewidmet sein – zum Beispiel finden sich im Abschnitt zu den juristischen Schriften (13.4) Nahaufnahmen zu den Corpora Iuris Civilis und Iuris Canonici und ein Zoom zu Sebastian Brant –, aber auch speziellen Gattungen innerhalb einer Disziplin, etwa Kräuterbüchern in der Medizin (13.5) oder Fürstenspiegeln, die Ottermann bei der Historiographie (13.7) verortet. Weitere Schwerpunkte setzen Kurzbiographien, in denen die Vorbesitzer der Bücher und weitere Persönlichkeiten vorgestellt werden, die den Mainzer Konvent und seine Bibliothek prägten.

Dass der Großteil der Bibliotheksbestände der Predigtpraxis und der Ausbildung des Nachwuchses diente, überrascht ebenso wenig wie die starke Präsenz von Werken zur Geschichte und Spiritualität des Ordens – so zur Marien- und Annenverehrung und im Barock zur Skapulierfrömmigkeit – und zur Kanonistik. Dies waren auch die Bestände, die durch systematische Erwerbungen auf- und ausgebaut wurden. Neben diesen erwartbaren Befunden gibt die Untersuchung zudem ein differenziertes Bild der sonstigen Bestände. Wie in anderen Bibliotheken des Ordens deuten diese auf ein verstärktes Interesse an historischen Themen, Astronomie und Mathematik hin. Von der Nähe des Konvents zur Mainzer Universität zeugen Buchstiftungen von Gelehrten, die unter anderem den Grundstock einer ansehnlichen Abteilung zum weltlichen Recht boten. Die häufigen Umsignierungen, die viele Bände im Lauf der Zeit erfuhren, interpretiert Ottermann als Folge eines „kulturgeschichtlichen Paradigmenwechsels“, nämlich des „Wandel[s] in der Funktion des Buches vom Kult- zum Studienobjekt“ (S. 645f.).

Zu Beginn der Arbeit hebt die Verfasserin hervor, dass wissenschaftliche Bibliothekare durch ihre tägliche Arbeit mit historischen Buchbeständen „geradezu eine gesellschaftliche Verpflichtung zur Erforschung buch-, bibliotheks- und bestandsgeschichtlicher Zusammenhänge“ hätten (S. 38). Dieser gefühlten Verpflichtung ist sie mit ihrer ebenso umfassenden wie detaillierten Studie, die durchweg von größter methodischer und analytischer Sorgfalt zeugt, in vorbildlicher Weise nachgekommen. Insbesondere hütet sie sich vor zu weitreichenden Schlüssen, etwa davor, vom Vorhandensein eines Werks unmittelbar auf dessen tatsächliche Lektüre und Aneignung zu schließen. Auch die Tatsache, dass die Zusammensetzung des Bestands nicht nur von gezielter Erwerbspolitik geprägt war, sondern sehr viele Bücher über Schenkungen oder Nachlässe an den Konvent gelangten, verliert sie nie aus den Augen.

Eine wichtige Feststellung ist dabei, dass die Überlassungen von Büchern durch Konventsmitglieder zwar nicht direkt von den Prioren oder Bibliothekaren gesteuert wurden, aber durchaus dem intentionalen Bestandsaufbau zuzurechnen sind. Denn es handelte sich weit überwiegend um homiletische und sonstige theologische Werke, die fortlaufend benötigt wurden und in etlichen Exemplaren zwischen den Konventen der Provinz zirkulierten – die für Bettelorden charakteristische Mobilität betraf nicht nur die Brüder, sondern auch die Bücher. „Etwa 75% der erhaltenen Bestände“ betrachtet Ottermann daher als „nicht-kontingenten Zuwachs“ (S. 649). Hinsichtlich der tatsächlich kontingenten Schenkungen von außen konstatiert sie viel Offenheit für Neues, die auch indizierte Bücher einschloss.

Kürzungen an der einen oder anderen Stelle und dafür eine ausführlichere Zusammenfassung der Ergebnisse hätten den Gesamteindruck noch etwas klarer gemacht. Trotzdem setzt das Werk Maßstäbe im Bereich der Rekonstruktion und Erforschung von Bibliotheksbeständen und bietet wichtige Reflexionen zur Bedeutung historischer Bibliotheken und zur Rolle von Bibliothekaren in Zeiten der Digitalisierung.