Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst (Hrsg.): Der Abzug

Cover
Titel
Der Abzug. Die letzten Jahre der russischen Truppen in Deutschland. Eine fotografische Dokumentation von Detlev Steinberg


Herausgeber
Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst
Reihe
Geschichte in Bild und Text
Erschienen
Anzahl Seiten
416 S., 184 SW- u. 322 farb. Abb.
Preis
€ 30,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sascha Gunold, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Potsdam

Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Belastungen der deutsch-russischen Beziehungen erscheint das Werk zu einer Zeit, in der der friedliche Abzug von mehr als 300.000 sowjetischen bzw. russischen Soldaten aus Deutschland zwischen 1991 und 1994 wie ein diplomatisches und militärlogistisches Wunder wirkt. Dabei ist es die große Stärke dieses Buches, nicht nur die beeindruckenden Fotografien von Detlev Steinberg zu präsentieren, sondern auch substanzielle Textbeiträge zur historischen Einordnung des Abzuges mitzuliefern.

Im Kern handelt es sich jedoch um einen Bildband, der die aktuelle, noch bis zum 19. Februar 2017 laufende Sonderausstellung des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst begleitet. Auf fast 300 Seiten werden sowohl Schwarz-Weiß- als auch Farbaufnahmen des Fotografen Detlev Steinberg präsentiert. 1944 in Breslau geboren, beschäftigte sich Steinberg seit seiner Jugend mit der Fotografie und wurde zum Offsetdrucker in Leipzig ausgebildet, später zum Journalisten. Er wurde Fotoreporter bei ADN-Zentralbild, der Bildagentur der staatlichen DDR-Nachrichtenagentur. 1975 wechselte er zur DDR-Tageszeitung „Junge Welt“, 1976 zur DDR-Auslandsillustrierten „Freie Welt“ und hielt sich fortan viele Jahre in der Sowjetunion auf, die er umfassend bereiste. So lernte er nicht nur die Sprache, sondern erhielt tiefe Einblicke in die Kulturen der Sowjetrepubliken und der unterschiedlichen Volksgruppen. Seit 1990 arbeitet Steinberg freischaffend.

Mit Beginn des Abzuges der „Westgruppe der Truppen“ (WGT) erkannte Steinberg das fotografische Potenzial der sich teilweise öffnenden Kasernenmauern, die bis dahin auch für ihn unüberwindbar gewesen waren. Im Rahmen eines Projektes der Universität Potsdam erhielt er den Auftrag, Fotos der abziehenden Sowjetsoldaten zu erstellen. Das Projekt startete 1992. Die letzten Fotos machte Steinberg im September 1994, als die letzten russischen Soldaten in Moskau feierlich empfangen wurden. Die Fotos belegen, wie nah Steinberg den Angehörigen der WGT gekommen ist[1]: Seien es Gefechtsübungen auf einem Truppenübungsplatz oder ruhende Soldaten im Schlafsaal – es gibt nur wenige Bereiche des militärischen Alltags, die Steinberg nicht abgelichtet hat. Seine Fotos sind unkompliziert, nicht selten dokumentarisch und doch immer wieder gelungen in Szene gesetzt. Spontane und geplante Aufnahmen reihen sich aneinander. Besonders häufig sind Motive aus dem Kontext der 6. Garde-Mot.-Schützenbrigade, der sogenannten Berlin-Brigade. Nicht zuletzt war sie jene Einheit der WGT, die im August 1994 auch die Abschiedsparade in Berlin durchführte.

Steinberg wählte aber auch weniger glanzvolle Motive: karge Truppenübungsplätze; noch verschlafen wirkende Soldaten, die zum Frühsport auf dem Appellplatz angetreten sind; Basar-ähnliche Verkaufsstände vor den Kasernenmauern, wo die WGT-Soldaten ihren geringen Wehrsold für Westwaren ausgaben. Die meisten Bilder sprechen für sich. Eine klare Botschaft, die die damals geläufigen Phrasen wie „Abzug in Würde“ oder „verlorene Sieger“ bedient hätte, geht zumindest aus der Fotoauswahl des Bandes nicht eindeutig hervor. Menschliche Emotionen einzufangen und gleichzeitig das Geschehen nüchtern zu dokumentieren ist bei Steinberg kein Widerspruch. Margot Blank und Christoph Meißner wurden mit der Konzeption des Buches beauftragt. Sie wählten aus ca. 28.000 Fotos, die Steinberg dem Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst überließ, mehr als 400 aus. Somit liefert der Band nur einen kleinen Einblick in Steinbergs gesamte Arbeit zu diesem Thema. Deutlich wird jedoch bereits ein breites Spektrum der Lebenswelt innerhalb der Kasernenmauern.

Was die Fotos im Zweifel nicht auszudrücken oder zu erklären vermögen, liefern ergänzend insgesamt zehn schriftliche Beiträge – jeweils in deutscher und russischer Sprache (auch alle Bildunterschriften sind zweisprachig). Diese Beiträge könnten unterschiedlicher nicht sein: Regina Bärthel skizziert das Leben und Wirken des Fotografen und gibt den Bildern so einen gewissen biografischen Kontext. Der Leser erfährt, dass mit Steinberg ein technisch und vor allem interkulturell erfahrener Fotograf am Werk war. Ohne seine Fähigkeit, den russischen Militärs auf Augenhöhe zu begegnen, wären seine Fotos wohl nie in dieser Vielfalt und Nähe entstanden.

Oliver Bange und der Ausstellungskurator Christoph Meißner liefern den historischen Kontext zum Abzug der WGT mit wissenschaftlichen Anspruch: Bange untersucht vor allem die Diplomatiegeschichte des Abzuges bis 1990 unter Zuhilfenahme von Quelleneditionen und legt dar, dass die Idee des vollständige Abzuges der sowjetischen Truppen aus der DDR schon länger im Kreml reifte. Mit unveröffentlichten Quellen aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes und des Bundesarchivs, Abteilung Militärarchiv, skizziert Meißner den Verlauf des Abzuges, beginnend 1991. Er setzt mit dem Beginn des Abzuges 1991 ein. Die beiden Texte ergänzen einander und deuten damit die Komplexität des Truppenabzuges an, der eben nicht nur in eine deutsch-sowjetische bzw. deutsch-russische Beziehungs- und Diplomatiegeschichte eingebettet ist, sondern ebenso als neueste Zeitgeschichte der Bundesrepublik Deutschland nach dem Kalten Krieg verstanden werden kann.

Einen nicht minder aufschlussreichen Zugang findet Oberst a.D. Otto Freiherr Grote, der von 1990 bis 1994 Chef des Stabes des Deutschen Verbindungskommandos zur WGT war. Dieses militärische Verbindungselement war ein wichtiger Vermittler zwischen der deutschen und sowjetischen / russischen Seite, insbesondere auf der Arbeitsebene. Grote schildert die Herausforderungen und Hindernisse des Abzuges aus der Sicht eines deutschen Stabsoffiziers, für den die Sowjetarmee viele Jahre der militärische Gegner gewesen war, und liefert so einen spezifischen Zugang aus der Perspektive eines Zeitzeugen – plastisch angereichert mit dienstlichen Anekdoten. Interessant ist bei allem Lob für die logistische Leistung der sowjetischen / russischen Seite die Feststellung Grotes, es habe sich erwiesen, dass mit den verfügbaren Transportkapazitäten sogar noch wesentlich größere Umfänge hätten bewältigt werden können. Soll heißen: Der Abzug der WGT hätte noch schneller durchgeführt werden können als vereinbart. Dennoch bilanziert Grote eine Erfolgsgeschichte des fast geräuschlosen Abzuges.

Generaloberst a.D. Anton W. Terentjew, letzter Chef des Stabes des Oberkommandos der WGT und seit 2014 Vorsitzender des Veteranenverbandes der WGT, hat leider seine Chance verpasst, dem Leser die Geschichte des Abzuges aus der Perspektive eines beteiligten Generals zu vermitteln. Er liefert nur allgemeinbekannte Anti-NATO-Narrative und nutzt somit das Buch als Plattform für russische Propaganda. In seinen Ausführungen geht es vorrangig um die NATO-Osterweiterung, die Einkreisungsängste Russlands und sogar die jüngsten Übungen der NATO im Baltikum, die Terentjew unverfroren mit dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion 1941 vergleicht. Damit stilisiert er Russland selbst zum Verlierer des Kalten Krieges, wobei der Abzug der WGT eher als ruhmlose Zwischenepisode erscheint – verantwortet von den eigenen, scheinbar verhandlungsunfähigen Politikern und umgesetzt von ahnungslosen Generälen, die schließlich über Befehle nicht zu diskutieren hätten.

Alexander E. Temnyschew und Pawel N. Issakow gewähren als ehemalige Angehörige der Berlin-Brigade interessante Einblicke in den Dienstalltag ihrer Einheit, ohne dabei den Blick durch propagandistische Filter zu trüben. Zwar wirken die Schilderungen über die letzten Monate in Berlin ein wenig zu positiv und deuten eine bislang ungekannte Freizügigkeit im Militärdienst an, doch runden diese beiden Essays den Textteil des Gesamtwerkes gewinnbringend ab.

Detlev Steinbergs Fotos sind für sich genommen schon eindrucksvolle Dokumente des Abzuges der WGT. Die Herausgeber taten jedoch gut daran, zusätzlich sowohl Wissenschaftler als auch Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen. Somit liefert das Buch durchaus Impulse für die Forschung, in jedem Fall aber eine auf Quellen und Erinnerungen gestützte Einführung in das Thema. Der Abzug war zu seiner Zeit ein Politikum, und ein Beitrag wie derjenige von Terentjew zeigt, dass er wieder zu einem Politikum werden kann. Mit einem Abstand von mehr als 20 Jahren ist es möglich, dank neuer verfügbarer Quellen das Schlusskapitel der sowjetischen / russischen Truppen in Deutschland historisch zu erschließen und gegebenenfalls neu zu deuten. Das Werk „Der Abzug“ ist dafür ein gelungener erster Versuch.

Anmerkung:
[1] Für Bildbeispiele siehe https://steinberg-photographie.jimdo.com/detlev-steinberg/photographische-arbeiten/lebe-wohl-deutschland/ (13.01.2017).