M. Baader u.a. (Hrsg.): Kindheit und Sexualität nach 1968

Cover
Titel
Tabubruch und Entgrenzung. Kindheit und Sexualität nach 1968


Herausgeber
Baader, Meike Sophia; Jansen, Christian; König, Julia; Sager, Christin
Reihe
Beiträge zur Historischen Bildungsforschung
Erschienen
Köln 2017: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
330 S.
Preis
€ 40,00
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Folke Brodersen, Deutsches Jugendinstitut, München

Die Sexualität des Kindes ist ein wissenschaftlicher wie öffentlicher Streitpunkt. Ist diese mit der des Erwachsenen vergleichbar oder hat sie eine eigenständige Qualität? Überformt oder konstituiert die erwachsene Projektion sie zuerst oder entzieht sie sich aufgrund ihrer undurchsichtigen Eigenlogik dem systematischen Zugriff? Vermag sie gesellschaftlichen Wandel anzustoßen, muss sie zuvor selbst von einer Repression befreit werden oder braucht es gar eine Heranführung der Heranwachsenden an die befreite Sexualität? All diese Kontroversen greift der Sammelband „Tabubruch und Entgrenzung. Kindheit und Sexualität nach 1968“ auf und rekonstruiert, systematisiert und kontextualisiert die Deutungskämpfe der deutschsprachigen Zeitgeschichte.

Meike Sophia Baader, Christian Jansen, Julia König und Christin Sager stellen sich als Herausgebende der Aufgabe, die diskursiv ausschlagende Debatte einzufangen, die im Zuge der öffentlichen, zeitversetzt rezipierten Aufdeckung sexuellen Kindesmissbrauchs entstanden ist. Konzentriert sich die gegenwärtige Aufarbeitungsforschung vor allem auf Fallstudien spezifischer Institutionen oder Personen und stellt die Fälle konkreten, sexuellen Missbrauchs in den Fokus, bemühen sich Baader et al., den vielfach beschworenen diskursiven ‚Zeitgeist‘[1] zu umreißen, der als Möglichkeitsstruktur sexuellen Missbrauch vorangebracht und abgesichert haben mag.

Der aus einer Vortragsreihe entstandene Band thematisiert so weder die institutionellen Bedingungen noch die personalen Folgen sexuellen Missbrauchs, sondern zielt darauf ab, „die Enttabuisierungen und Entgrenzungen von erwachsener und kindlicher Sexualität in den 1970er- und 1980er-Jahren historisch fundiert und für verschiedene Kontexte zu rekonstruieren“ (S. 9). Er trägt über die Darstellungen der zunehmenden Verwissenschaftlichung, Medialisierung, Kommerzialisierung, Pluralisierung und Politisierung des Sexuellen seit den 1960er-Jahren (S. 10) relevant zum Verständnis insbesondere der vielfach thematisierten pädophilen Bewegungen, ihrer Diskurse sowie ihrer Unterstützung und Legitimierung bei. Neben diesen betrachtet er zentral den Diskursraum der Sexualwissenschaft, der Sexualaufklärung und deren Rezeption sowie die mehr oder weniger korrespondierende Praxis in Kommunen und Kinderläden der alternativen Linken. Weitere Beiträge schließen mit rechtsgeschichtlichen und geschlechtertheoretischen Perspektiven, einem historischen Vergleich zu Kinderhexenprozessen, der Entstehungsgeschichte von Beratungsstellen gegen sexualisierte Gewalt und Ausblicken zu gegenwärtigen Diskursen um sexuellen Missbrauch an.

Den Erfolg pädophiler Bewegungen, deren Öffentlichkeitswirksamkeit und die Verbreitung entsprechender Diskurs(fragment)e erläutert für das ‚linksalternative Milieu‘ Sven Reichhardt. Relevant für diese gesellschaftliche Gruppe sei „weniger der pädosexuelle Übergriff, sondern, dass die Prahlerei mit der Offenheit gegenüber pädosexuellen Vorgängen als etwas Positives rezipiert wurde“ (S. 143). Dafür macht Reichhardt vier Faktoren verantwortlich:

(1) den Anschluss pädophiler Akteur/innen und Politiken an die Kritik staatlicher Repression und dem spezifischen Schutzalter homosexueller Sexualkontakte in der Schwulenbewegung,
(2) die Viktimisierung von Kindern als schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft, die es insbesondere sexuell zu befreien gelte,
(3) die Hoffnung auf die revolutionäre Wirkung sexueller Liberalisierung gegen einen autoritären Charakter, Konsumlogiken und Staatshörigkeit sowie
(4) die Verbreitung von Tabubruch und Provokation mit radikalen Konzepten als politische Praxisformen, die bürgerliche Integrität stören und stürzen sollten (S. 147).

Reichhardt zeigt, dass gerade nicht das Verschweigen von Sex, sexuellem Kontakt und Missbrauch zu Übergriffen beigetragen hat – wie es in der Praxis der pädagogischen Institutionen des katholischen Canisius-Kollegs oder der Odenwaldschule der Fall war – sondern der laute, politisierte und überdeterminierte Diskurs eben diese gestützt haben mag. Dies korrespondiert mit Christin Sagers pointierter Analyse der sich zunehmend entwickelnden Forderung nach (schulischer) Sexualaufklärung. Diese hätten „die kindliche Sexualität […] zum Kernstück der ‚Erziehung zum Ungehorsam‘ ernannt und politisiert, da nur eine emanzipatorische Sexualentwicklung den Weg zu einer neuen Gesellschaft ebnen könne“ (S. 227).

Eine über den Sexualitätsdiskurs hinausgehende Perspektivierung des Phänomens sexueller Entgrenzung bietet Meike Baader. Sie arbeitet systematisch zwei Konzepte von Kindheit der 1970er-Jahre heraus, die eine Beschränkung kindlicher Sexualität verbaten. Zum einen war dies die Kritik an der (hierarchischen) generationalen Familienordnung, zum anderen das Aufbegehren gegen die Konstruktion von Kindheit als Zeit der Unmündigkeit und deren Pädagogisierung. Primär anhand von erziehungswissenschaftlichen Ausarbeitungen und Materialien der Kinderlädenbewegung zeigt sie die paradoxe Gleichzeitigkeit divergierender Gewaltbegriffe: So wäre mit einem weiten Gewaltbegriff in Bezug auf das generationale Verhältnis das Selbstbestimmungsrecht von Kindern eingefordert worden, wohingegen als Gewalt in Form von Sexualität nur der körperliche Übergriff qualifiziert worden sei, ohne Machtmissbrauch, Hierarchien und Wissensdifferenzen zu reflektieren (S. 77). Baader kann zeigen, wie derartige Fragmente legitimierend von pädophilen Aktivist/innen herangezogen wurden. Sie differenziert aber zugleich zwischen jenen, die sich aktiv in diesen Bewegungen geäußert haben, die entsprechende Positionen akzeptiert haben und die sich durch derartige Äußerungen nur nicht haben irritieren lassen. All diese Akteur/innen seien an der Kindesmissbrauch legitimierenden Diskursproduktion beteiligt gewesen, sie dürften aber analytisch nicht vermischt und auf die gleiche Weise verantwortlich gemacht werden (S. 78).

Bemerkenswerte Beiträge des Bandes sind darüber hinaus einige Fallstudien. Allen voran die erstmalige, umfassende wissenschaftliche Betrachtung der ‚Indianerkommune‘ in Heidelberg und Nürnberg durch Jan-Hendrik Friedrichs. Dieser kann anhand von Rundbriefen der Kommune, Zeitungsberichten über diese und Protokollen der sich formierenden Partei ‚Die Grünen‘ einen fundierten Überblick zur Alltags- und Politpraxis geben. So habe die Positionierung für und durch Kinder es den Kommunard/innen ermöglicht, politisches Gehör zu finden. Ihr Totalitätsanspruch hinsichtlich Konsumverweigerung, sexueller Befreiung und Antipädagogik hätte sie aber trotz unterschiedlicher Solidaritätsbekundungen zunehmend von praktischen Kooperationen ausgeschlossen und politisch isoliert. Dazu beigetragen habe auch ihre „laute Sprachlosigkeit“ (S. 275), das heißt der politische Ausdruck durch inhaltlich nicht zuordenbares Schreien, Toben und Jaulen gegen unter anderem die (staatliche) Repression. Wird zudem der eklatante Gegensatz zwischen dem Anspruch, Kinder zu vertreten, und der vielfachen Abwesenheit dieser im Kommunenleben in Rechnung gestellt, erscheint die Indianerkommune eher als überdramatisierter Mythos denn als relevanter Akteur.

Im Weiteren rekonstruiert Detlef Siegfried die Arbeiten des österreichischen Sexualwissenschaftlers Ernest Bornemanns zur kindlichen Sexualität. Diese habe er aus sexualisierten Volksreimen abgeleitet, sie in eine Auseinandersetzung mit freudianischer Sexualtheorie gesetzt und ihr eine derartige Eigenständigkeit zugesprochen, dass eine Schädigung durch (freiwilligen) sexuellen Kontakt zu Erwachsenen nur durch die Vernehmung im Gerichtssaal stattgefunden hätte (S. 207). David Paternotte betrachtet schließlich die Auseinandersetzung der ‚International (Lesbian and) Gay Association‘ mit pädophilen Emanzipationsdiskursen. Er weist auf den zeitlichen Versatz zwischen Positionierungen für eine Aufhebung des Schutzalters in den 1970er-Jahren, der inhaltlich wie politisch-strategischen Distanzierung zu pädophilen Diskursen in den 1980er-Jahren und der Skandalisierung von Verbindungen zu entsprechenden Subgruppen in den 1990er-Jahren hin. Diese hätten, durch konservative Agitator/innen angestrengt, zur Aberkennung des Beobachterstatus im United Nations Social and Economic Council 1993 geführt. Mit diesem Beitrag löst der Band die angemahnte transnationale Perspektive auf Diskurse sexueller Befreiung (S. 9) zwar in Teilen ein – eine Reihe von Fragen zur Rezeption entsprechender Bewegungen allen voran in Frankreich, Großbritannien, Italien oder den USA bleiben aber offen.

Der hochkarätig besetzte Sammelband trägt insgesamt zu einer umfassenden Rekonzeptualisierung sexuellen Missbrauchs in den 1970er- und 1980er-Jahren in Deutschland bei. Er macht die strukturelle Reflexion von Pädagogiken, öffentlichen Debatten sowie des ‚Zeitgeists‘ möglich und steht damit produktiv in Distanz zu Jens Brachmann, der durch etwaige Analysen die Entschuldigung von Übergriffen befürchtet und die Theoretisierung eines absoluten Entsprechungsverhältnisses zwischen Diskursen und Praxen für notwendig erachtet.[2]

Die multidimensionale, jeweils fachwissenschaftlich einschlägige Betrachtung aus juristischer (Willekens), ideengeschichtlicher (Freytag, Herzog), bewegungssoziologischer (Bundschuh), geschlechtertheoretischer (Glammeier) und aktivistischer (Jansen, Gebrande) Perspektive führt einerseits zu einer Bearbeitung, die der Komplexität des Gegenstands angemessen ist. Andererseits verliert sich in diesen Beiträgen teilweise das historische Anliegen des Bandes. Wenn die rekonstruierten, sexualtheoretischen Diskurse nicht auf ihre Rezeption hin befragt werden (Freytag), ist dies zu bedauern. Im Fall der unsystematischen Vermischung gegenwärtiger und historischer Argumentationen (Herzog) oder der Vermengung rekonstruierter Analysen mit aktivistischen, stark wertenden und teilweise polemischen Kommentaren (Jansen, Gebrande, Bundschuh, Willekens) schadet dies aber dem wissenschaftlichen Anliegen des Bandes.

Darüber hinaus ist die Abbildung der Nacktfotographien spielender Kinder im Beitrag von Christian Jansen bedenklich, wenn diese trotz der Anonymisierung von Namen nicht unkenntlich gemacht wurden und es keine Hinweise auf das Einverständnis der Abgebildeten gibt. Auch irritieren die diachronen Vergleiche – Julia Königs Strukturmodell sexualisierter Entgrenzungen und Konsolidierungen anhand der Augsburger Kinderhexenprozesse des 17./18. Jahrhunderts umso mehr als Sophinette Beckers Ausblick zu gegenwärtigen Diskursen um Pädosexualität/Pädophilie. Und schließich ist, gerade aufgrund der Emphase transnationaler Diskursordnungen, die – mit Ausnahme des einmaligen Kommentars von Julia Gebrande (S. 305) – Abwesenheit von Ost/West-Bezügen bemerkenswert.

In der Zusammenschau sind es so die herausragenden Beiträge auf Fallebene (Siegfried, Klecha, Friedrichs) und mittlerer Reichweite (Sager, Baader, Reinhardt), die den Band lesenswert machen. Sie tragen zu einer Erweiterung des Verständnisses von Kindheit und Sexualität nach 1968 bei und formulieren Anstöße für die weitere Aufarbeitung und Aufbereitung sexuellen Missbrauchs.

Anmerkungen:
[1] Institut für Demokratieforschung, Die Unterstützung pädosexueller bzw. päderastischer Interessen durch die Berliner Senatsverwaltung. Am Beispiel eines ‚Experiments‘ von Helmut Kentler und der ‚Adressenliste zur schwulen, lesbischen & pädophilen Emanzipation‘, Göttingen 2016; Institut für Demokratieforschung, Die Grünen und die Pädosexualität. Ergebnisse des Forschungsprojekts. Umfang, Kontext und die Auswirkungen pädophiler Forderungen in den Milieus der Neuen Sozialen Bewegung / Grünen, Göttingen 2014.
[2] Jens Brachmann, Tatort Odenwaldschule. Ein Werkstattbericht über die Schwierigkeiten der Aufarbeitung von Vorkommnissen pädokrimineller Gewalt in Institutionen, in: Zeitschrift für Pädagogik 62 (2016) 5, S. 638–655.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.01.2018
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/
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