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Titel
IBM und der Holocaust. Die Verstrickung des Weltkonzerns in die Verbrechen der Nazis


Autor(en)
Black, Edwin
Erschienen
München [u.a.] 2001: Propyläen Verlag
Anzahl Seiten
704 S.
Preis
€ 31,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Beate Schreiber, Facts & Files

"Dies ist ein unbequemes Buch", so beginnt die Studie von Edwin Black über die IBM und deren Verhältnis zum nationalsozialistischen Deutschland. Unbequem ist es wahrlich. Die Veröffentlichung war Thema im "Spiegel" und in weltweit allen Tageszeitungen. Um es kurz zu machen: Das Buch schlug ein wie ein Blitz.

1984 haben Götz Aly und Karl-Heinz Roth in ihrer Arbeit "Die restlose Erfassung. Volkszählen, Identifizieren und Aussondern im Nationalsozialismus" [1] u.a. die Verwendung von Hollerith-Maschinen untersucht.

Nun, könnte man meinen, wäre es nach 16 Jahren an der Zeit gewesen, aus der Perspektive der beteiligten Unternehmen - IBM als amerikanische Firma und die DEHOMAG als deren deutsche Tochter - den Einsatz der Hollerith-Maschinen zu analysieren. Dies zu leisten, erhofft man von der Studie Blacks.

Die deutsche IBM-Tochter, die Deutsche Hollerith-Maschinen-Gesellschaft (DEHOMAG), vermietete Hollerith-Maschinen. Die Technik, von einem deutschstämmigen Amerikaner, Herman Hollerith, entwickelt, war eines der Systeme, die bereits vor Computern umfangreiche Datenmengen mittels einer Lochung von Karten und deren Sortierung verwalten und auswerten konnten.

Schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 prosperierte die deutsche IBM-Tochter. Die DEHOMAG war aufgrund von Lizenzschulden in Folge des 1. Weltkrieges in Gesellschaftermehrheit der IBM gelangt. Sie wurde für wichtige Verwaltungsaufgaben und statistische Erhebungen von der deutschen Regierung beauftragt.

1933 präsentierten sich die Vorstandsmitglieder der DEHOMAG als überzeugte Nationalsozialisten. Von der amerikanischen Mutter war bei öffentlichen Auftritten nicht die Rede. Seit 1926 war in Deutschland das Volk nicht mehr gezählt worden. Am 16. Juni 1933 wurde mit Unterstützung durch die Technik der DEHOMAG neben der Zählung der Einwohner gleich noch die "Gebärleistung der deutschen Frauen" [2] ermittelt. Einer der wohl bekanntesten Einsätze der DEHOMAG-Tabelliermaschine D11 in ihrer Umrüstung zur Volkszähltabelliermaschine war die Volkszählung 1939. Die "Ergänzungskarte", die neben der Haushaltungsliste auszufüllen war, enthielte Fragen zur "Abstammung" - waren einer oder Teile der Großeltern Juden? - und - im Auftrag der Wehrmacht - nach "Vor- und Ausbildung". Sie wurde jedoch nicht mit Hollerith-Maschinen ausgewertet.

Zwei zentrale Punkte des Buches von Black kristallisieren sich heraus:

1. IBM wusste um die Verwendung der Maschinen in den Konzentrationslagern und machte sich damit der Mittäterschaft an der Ermordung von Millionen von Menschen schuldig und

2. ohne die Hollerith-Apparate hätten nicht so viele Menschen deportiert und getötet werden können.

Für Black ist eines deutlich und erwiesen: schon 1933 plante Hitler die Vernichtung der Juden. Thomas J. Watson, Chef der IBM, ein diktatorischer Charakter und sicher alles andere als ein ethisch handelnder Mensch, war ein Freund Hitlers, zumindest pflegte er den Kontakt. Folgt man Black, ist eines klar: Watson ist gleich Hollerith und Hollerith plus Hitler ist gleich Ermordung der Juden.

Black problematisiert an diesen Stellen seiner Darstellung nicht. Neben diesen beiden - Watson und Hitler - gibt es kaum noch einen nennenswerten Akteur innerhalb der Geschichte der IBM und deren Verstrickung mit dem Dritten Reich. Dass IBM detailliert über die Vermietung der Maschinen an Konzentrationslager Bescheid wusste, kann Black mit dem von ihm verwendeten Material nicht beweisen. Er behauptet es jedoch immanent in seiner Studie, weil er von einer persönlichen Involvierung Watsons durch dessen Kontakt mit der deutschen Wirtschaft und Hitler ausgeht.

Im Kapitel 13 des Buches beschreibt Black die Organisation der Vernichtung. Er berichtet von den Hollerith-Abteilungen in den Konzentrationslagern. "Ohne die Maschinen von IBM, ihre Wartung und Pflege sowie die Lieferung der Lochkarten hätten die Konzentrationslager nie so eine große Zahl an Häftlingen bewältigen können.", schreibt Black (S. 470). Das ist der Kernsatz des Buches. Bedeutet dies, es hätte weniger Häftlinge und weniger Ermordete ohne den Einsatz der Maschinen gegeben? Den Beweis kann Black nicht erbringen, niemand kann ihn liefern.

Es hat außerhalb des nationalsozialistischen Machtbereichs durchaus im gleichen Zeitraum Transporte von vielen Menschen gegeben. Die Menschen lebten in riesigen Lagern und wurden "verwaltet". Die stalinistische Sowjetunion konnte dies "logistisch" offenbar ohne Hollerith-System bewerkstelligen.

Black nennt nicht das Jahr der Einführung der Hollerith-Maschinen in den Konzentrationslagern, weil es diese womöglich nicht mit einem Paukenschlag gegeben hat und weil das Jahr mangels genauer Angaben in den Akten oder durch Zeugenaussagen nicht bekannt ist. Aly und Roth stellten 1984 fest: "Spätestens ab 1942 war auch die SS Kunde der DEHOMAG und ließ die SS-Rassenerfassung auf Hollerith-Karten übertragen, 1943/44 auch die Daten der Häftlinge." [3]

Belege für einen früheren Einsatz kann Black nicht erbringen. So ist nach den bisherigen Forschungen nicht belegbar, dass in allen Vernichtungs- und Konzentrationslagern Hollerith-Maschinen eingesetzt wurden.

Diese Studie hat methodische Macken, die den Wert der Analysen und der Interpretation merklich schmälern. Black ist kein unbekannter Journalist, er wurde für den Pulitzer-Preis nominiert. In der Einführung erklärt er seine Arbeitsmethode und berichtet von den vielen freiwilligen Mitarbeitern, die in den Archiven und Bibliotheken das Material zusammentrugen. Nach seinen Angaben gab er diesen Mitarbeitern Stichworte für die Recherche auf den Weg, und diese sollten dann bei Auftauchen der Stichworte die entsprechenden Dokumente kopieren. Auf diese Weise entstanden Berge von Kopien, deren Aussagen Black wie in einem Puzzle zusammenfügte.

Jeder Mensch, der wissenschaftlich zu einem Thema arbeitet, bemerkt, dass die Stichwortmethode wenig hilfreich ist. Man vernachlässigt Evidenz, Kontext und kann die Recherchestrategie nicht verfeinern, wenn es keine Transparenz und Kommunikation innerhalb eines Forschungsteams gibt. An welchen Dokumenten sind die Mitarbeiter Blacks vorbeigegangen? Und was bedeutet der Verlust an zusätzlicher Information und Kontext für die Untersuchung? Das ist schwer zu beantworten. Es gibt eine Menge Fußnoten, die Dokumente zitieren, die von Deutschland aus nicht leicht zugänglich sind. So hat Black im IBM-Archiv in New York recherchiert. Einige Fußnoten geben das Archiv Blacks an. Daher sind viele der Zitate schwer zu überprüfen. Manche Fußnoten, die sich auf Dokumente in deutschen Archiven beziehen, sind nicht zu entschlüsseln, weil keine Aktennummern genannt werden, obwohl es diese gibt.

Black stellt Kompetenzen in der deutschen Verwaltung, der Partei und deren Gliederungen unklar dar. Dadurch werden Entscheidungsabläufe nicht transparent. Die Schilderungen muten daher an, als hätte es einen "Großen Plan" gegeben. Eventuell auftretende Erklärungslücken werden von Black weder benannt noch diskutiert.

Bei der Produktion von Lochkartensystemen gab es durchaus kein Monopol für die DEHOMAG. Auch andere Unternehmen, z. B. Siemens, stellten eigene Lochkartensysteme mit Maschinen her.

Ein weiteres Manko ist die fehlende Quellen- und Überlieferungskritik: Black benennt nicht die fehlenden Akten, d.h. die Überlieferungen, die der Forschung nicht zur Verfügung stehen. Zum Beispiel die Akten des Maschinellen Zentralinstituts für optimale Menschenerfassung und Auswertung in der Berliner Friedrichstraße, angegliedert an den Persönlichen Stab des Reichsführers SS. Das Zentralinstitut hatte ab Beginn des Jahres 1944 die Aufgabe, die Häftlingsverwaltung mit Hilfe von Hollerith-Maschinen zu koordinieren. Vom Zentralinstitut sind bisher keine Akten aufgetaucht.

Es wäre sinnvoll, eine umfassende Studie zu amerikanischen Unternehmen und deren Verbindungen zum nationalsozialistischen Deutschland zu verfassen.

Es wäre verdienstvoll, dies anhand aller verfügbaren Quellen zu untersuchen. Besonders interessant könnte sein, die Netzwerke und Vorgänge zu analysieren, die trotz des Weltkrieges bestanden.

Edwin Black hat viele neue Informationen gesammelt, die sicher der Forschung neue Impulse geben könnten. Er hätte diese Informationen aber methodisch abgesichert darstellen und überprüfbar machen müssen. Die Brisanz des von ihm benutzten Materials ergibt sich allein aus dem historischen Kontext und nicht aus einer moralisch bestimmten Deutung von Verhalten von Unternehmen und Personen. Die Studie gleicht doch eher einem Puzzle als einer geschlossenen Darstellung, bei der der Leser nicht weiß, ob und welche Teile fehlen. Ein Standardwerk wird sein Buch daher - hoffentlich - nicht werden. Was Publicity und Aufmerksamkeit anbelangt, hat es neue Meilensteine gesetzt.

Anmerkungen:
[1] Aly, Götz und Karl-Heinz Roth, Die restlose Erfassung. Volkszählen, Identifizieren, Aussondern im Nationalsozialismus, Berlin 1984.
[2] Aly/Roth, S. 28.
[3] Aly/Roth, S. 26.

Redaktion
Veröffentlicht am
07.07.2001
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