B. Dahlke/M. Langermann/T. Taterka Hgg.), LiteraturGesellschaft DDR

Titel
LiteraturGesellschaft DDR. Kanonkämpfe und ihre Geschichte(n)


Herausgeber
Dahlke, Birgit; Langermann, Martina; Taterka, Thomas
Erschienen
Stuttgart, Weimar 2000: J.B. Metzler Verlag
Anzahl Seiten
423 S.
Preis
DM 65,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
PD Dr. Gerd Dietrich, Humboldt-Universität zu Berlin Institut für Geschichtswissenschaften

Ein oberflächlicher Blick registriert einen Sammelband in der Fülle literaturgeschichtlicher Publikationen. Schaut man genauer hin, spielt der gesellschaftliche Aspekt eine eminent wichtige Rolle. "Literatur" und "Gesellschaft" verstehen die Autoren "nicht als einander kontingente Phänomene, sondern als zwei verschiedene 'Realisationen des Sozialen'." (S.6) Es geht den Autoren nicht darum, Johannes R. Bechers visionäres Projekt einer Literaturgesellschaft zu illustrieren oder zu falsifizieren, sondern sie verfolgen einen gesellschaftsgeschichtlichen Ansatz.

Dies ist, so Martina Langermann und Thomas Taterka in ihrer prägnanten theoretisch-methodischen Einleitung: "Kanon und Norm in der literarischen Kommunikation der DDR", ein trilateraler Ansatz, "der das Verhältnis von Literatur und Gesellschaft als systematischen Gesamtzusammenhang faßt und ihn unter einem Begriff nach drei Seiten zu entfalten erlaubt: Literatur ist organisiert wie eine Gesellschaft, Literatur besteht in der Gesellschaft; Literatur ist Gesellschaft." (S.3) Des Nachdenkens wert ist, daß sich die Autoren damit sowohl von einem modernisierungstheoretischen Ansatz abgrenzen, der Literatur als autonomes literarisches Feld oder als Literatursystem aus der Gesellschaft herausgehoben betrachtet, als auch von einem totalitarismustheoretischen Ansatz, der Literatur als Herrschaftsinstrument favorisiert und von der Verstaatlichung oder vom Absterben der Gesellschaft spricht. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich dagegen auf die Struktur der Widersprüche zwischen dem "totalitären Projekt" der Formierung der gesamten Gesellschaft und der realen Herausbildung neuer Vergesellschaftungsformen. Ein derart komplexer Gegenstand verlangt die Einführung von Kategorien, die die Vermittlungen von Literatur und Gesellschaft sowohl sachlich als auch epistemologisch bezeichnen können. Dies geschieht durch die Entfaltung des Begriffspaares "Kanon" und "Kanonisierung". Die Arbeit mit dem Begriff Kanon bedeutet "das Operieren mit einem heuristischen Konstrukt, das im Unterschied etwa zu metatheoretischen Begriffen lebensweltliche Rückkopplungen zuläßt, sie mitunter gar verlangt." (S.4) Nach Auffassung der Autoren wirkt der Kanon primär über Konsensbildung, ist er ein Machtmittel, um Ziele auf Konsensbasis zu erreichen und Handeln in eine intendierte Richtung zu treiben. "Im Unterschied zur rigiden Normierung unterstellt Kanon keinen festen Korpus von Handlungsanleitungen; er bietet für einzelne Verhaltensnormen Kriterien, um eine 'Norm für etwas Drittes - Allgemeineres, Höheres - zu gewinnen.' Ihm eignet die Pflicht zur eigenständigen Applikation, und ebendiese selbsttätige Suche nach der rechten Anwendung ist es, die den Beteiligten ein Gefühl der Teilhabe vermittelt. Gerade die Auflage, nicht einer strikt vorgegebenen Norm folgen zu können, sondern allererst herausfinden zu müssen, was in der jeweiligen Situation als Norm zu gelten habe, wirkt in hohem Maße handlungsorientierend." Unter den Verhältnissen der DDR, die bei außerordentlich hohem Regulierungsbedarf zugleich unter chronischer Unterregulierung litt, stellte "der ausgestellte oder, häufiger, stillschweigend gesuchte Bezug auf 'Kanon' ein wesentliches Element kultureller Praxis" dar. (S.13) Welche Folgen das Wirken von Kanon und Kanonisierung als Handlungsbedingungen für Autoren, Lektoren, Literaturkritiker und Zensoren hatte, wird in den einzelnen Beiträgen konkretisiert. In dem scheinbar selbstverständlichen Umgang mit den Kanones und Symbolen, der zugleich immer vielschichtig und vage blieb, werden typische Vorgänge, Positionen, Problem- und Konfliktfelder der literarisch-gesellschaftlichen Kommunikation in der DDR aufgezeigt.

Dieter Schlenstedt beschreibt in "Doktrin und Dichtung im Widerstreit. Expressionismus im Literaturkanon der DDR" mit einem weiten theoretischen Ansatz einen zentralen Strang des Kanons, stellt seine historischen Bewegungsformen und Facetten dar. "Der Expressionismus stellte als negatives Komplementäres zum sozialistischen Realismus eine Konstituante der Kanonisierung dar, die sich als lange Welle mit der im Exil begonnenen Modellierung des aggregierten Symbols, seiner Hoch-Zeit und endlich seiner allmählichen Erosion durch Tolerierung, Vereinnahmung oder Aneignung bis zum Ende der DDR verfolgen läßt. Die Darstellung verknüpft die historische Erzählung beispielhaft mit systematischen Aspekten und charakterisiert die mächtige, handlungsregulierende Wirkung des Symbols auf alle am Literaturprozeß Beteiligten." (S.29) Schlenstedt umfaßt damit einen Zeitraum, der von den 30er bis zu den 80er Jahren reicht.

Renate Ullrich analysiert in " 'Und zudem bringt Ihr noch den genialen Stanislawski in Verruf' Zur Kanonisierung einer Schauspielmethode" den Versuch einer kleinen Gruppe von Theaterleuten und Kulturpolitikern, nach 1945 in der SBZ/DDR das in der UdSSR der 30er Jahre dogmatisierte Stanislawski-System zum alleinigen Maßstab zu machen. Sie wendet sich gegen eine Reduzierung der Kanonisierung des Stanislawski-Systems auf die Auseinandersetzung mit dem Brecht-Theater und zeigt die Motive, Mechanismen und Gründe für das Scheitern dieses theaterpolitischen Konzepts Ende der 50er Jahre auf. Was freilich auch dazu führte, daß Stanislawski zu Unrecht bei der Mehrzahl der Theaterleute in der DDR diffamiert war und sein Verständnis nur mit großer Verzögerung Fuß fassen konnte.

Stefan Mahlke geht in "Klassisch = Episch. Brecht als Agent seiner Produktion" von der Gedenkfeier nach Brechts Tod 1956 aus, mit der eine neue Runde im Kanonisierungsspiel Brecht eröffnet war, denn es wurde "falsch gelobt" (Hans Mayer). Ulbricht, Wandel, Becher und Lukács trugen Brecht in eine Aufstiegs- inklusive Ankunftsfiktion ein; ein Deutungskanon, der von Helene Weigel umfunktioniert wurde, um das Berliner Ensemble gegen künftige Angriffe abzusichern. Brecht selbst hatte sich mit der Unterscheidung von aristotelischer und nichtaristotelischer Dramatik "eine programmatische Leitdifferenz von überaus großer Reichweite" geschaffen. (S.157) Die politischen Funktionsträger befanden sich in einem Dilemma: Sie wollten einerseits großes Theater haben und auf Brecht als Repräsentationsfigur nicht verzichten, sie versuchten andererseits, die konzeptionelle Wirkung des epischen Theaters, das schon frühzeitig unter Formalismusverdacht stand, über Brecht hinaus auszuschließen. Ilse Rodenberg schrieb 1951: "Brecht ist gut, doch darf er keine Schule machen." (S.169)

Martina Langermann widmet sich in "Faust oder Gregor Samsa? Kulturelle Tradierung im Zeichen der Sieger" der Publikationsgeschichte, der Rezeption und der Auseinandersetzung um Franz Kafka in der DDR. Sein Werk geriet zu einem Kristallisationspunkt. Kafka wurde zur "verknüpfenden Chiffre innerhalb eines vielschichtigen und politisch brisanten Diskurs-Feldes... Die Chiffre signalisierte Erneuerungswillen und konnte zugleich zum Zeichen machtgestützter symbolischer Gewalt werden, indem sie der Konnotation negativer und ausgrenzender Sachverhalte diente." (S.176) Es ging in diesen Debatten nicht eigentlich um Kafka und nicht nur um die Anerkennung der modernen Kunst, sondern um die Geschichte und Gegenwart der sozialistischen Idee, um das Verhältnis von Tradition und Neuerertum, um das Erbe des Stalinismus und die Modernisierung der Gesellschaft, um den Begriff des Menschenbildes und Entfremdungsphänomene im Realsozialismus. Während die Kulturpolitik über zwei Jahrzehnte das Feindbild Kafka beschwor, begann in der zweiten Hälfte der 60er Jahre seine "stille Eingemeindung" (S.208) als humanistischer Autor. "Der sich verändernde Codex am Ende des Jahrzehnts bot dafür Möglichkeiten. Galt Anfang der sechziger Jahre eine 'humanistische Position' noch als Ausdruck mangelnder sozialistischer Bestimmtheit, war sie Anfang der siebziger Jahre integrationsfähig." (S.209)

Bei Holger Brohm steht "Günter Kunert vor dem Gesetz. Gutachten als Kommentarformen des Kanons". Er sucht die Eintrittsbedingungen eines Autors in die literarische Öffentlichkeit der DDR aufzuklären, indem er die Gutachtenpraxis der Zensurbehörde analysiert. In dem zu jedem Manuskript einzureichenden zwei Verlags- und Außengutachten kamen nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern auch unterschiedliche Bewertungen zum Ausdruck. "Indem sie literarische Neuerungen, den Zugewinn neuer Darstellungsbereiche und Ausdrucksmittel, legitimieren oder delegitimieren, stellen sie zugleich einen Indikator für interne Auseinandersetzungen um kulturpolitische Richtungen dar. Aus dem Wechselspiel von Veränderung und Resistenz in der diskursiven Praxis der Gutachten lassen sich daher in besonderem Maße die Auseinandersetzungen um die legitimen Kriterien zur Bestimmung von Literatur nachvollziehen". (S.215) Brohm exemplifiziert dies an dem Ringen um Gedichtbände Günter Kunerts in den 60er Jahren, an befürwortenden und ablehnenden Gutachten, am Einfluß der Politik wie der Zensur und an der Verschiebung des Bewertungsschemas: vom spätbürgerlichen zum humanistischen Dichter.

Kirsten Thietz entwickelt in "Zwischen Auftrag und Eigensinn. Der Hinstorff Verlag in den 60er und 70er Jahren" die Profilierung eines Verlages, dessen Aufstieg aus regionaler Beschränkung zu hohem literarischen Ansehen im deutschsprachigen Raum. 1959 in Volkseigentum übergegangen und geprägt von Verlagsleiter Konrad Reich und Cheflektor Kurt Batt hatte Hinstorff wesentlichen Anteil an verdichteten Tendenzen der DDR-Literatur: "des Gleichzeitigwerdens mit der europäischen Moderne, der Weigerung, an der Produktion von Sinn teilzunehmen, der Abkehr vom starren Dogma des sozialistischen Realismus und dem selbstverständlichen, spielerischen Umgang mit literarischer Fiktion und modernen Erzähltechniken bei Autoren wie Franz Fühmann, Fritz Rudolf Fries, Ulrich Plenzdorf, Klaus Schlesinger, Jurek Becker, Bernd Jentzsch, Manfred Jendryschik, Manfred Pieske, Erich Köhler, Wolfgang Müller, Paul Gratzik, Wolfgang Sämann, Uwe Sager". (S.245) Thietz schildert detailliert Rückschläge und Fortschritte des Verlags bei der Durchsetzung dieser neuen Autorengeneration.

Birgit Dahlke nimmt sich in " 'Frau komm!' Vergewaltigungen 1945 - zur Geschichte eines Diskurses" einer in der DDR systematisch betriebenen Verdrängung an. Mit dem Verbot des Romans "Herz und Asche" von Boris Djacenko war 1958 "ein Exempel für alle kommenden Versuche statuiert, das Verhältnis zwischen Russen und Deutschen zur Diskussion zu stellen." (S.281) Ein Tabu war installiert worden, das erst Ende der 70er Jahre, angesichts einer neuen politischen und kulturellen Situation und angesichts neuer literarischer Werke von Werner Heiduczek, Christa Wolf und Erwin Strittmatter nicht etwa zur Aufgabe, sondern zu veränderten Kanonisierungsmethoden führte: "War Djacenko 1957 noch die Thematisierung einer Vergewaltigung durch Soldaten der Roten Armee überhaupt zur Last gelegt worden, so wurde nun ... unterstellt, den historischen Fakt kenne man doch längst, seine erneute Benennung sei 'Klischee'. Hier wurde eine Art der Tabuisierung durch eine andere ersetzt." (S. 300/301) Bis zum Ende der DDR fungierte das Thema als Leerstelle, um deren Existenz alle wußten. "Vergewaltigung ist am Ende der DDR zu einem Symbol kollektiver Verdrängung, das konkrete Tabu zu einem Paradigma für Tabus überhaupt, geworden." (S.305)

Thomas Taterkas Studie " 'Buchenwald liegt in der Deutschen Demokratischen Republik' Grundzüge des Lagerdiskurses der DDR" versucht einen Aufriß der Rede von Konzentrationslager zu geben. Zunächst liefert er eine chronologische Übersicht über den Lagerdiskurs als Konfiguration der Vielstimmigkeit (1945-52), der Lücke (1952-55), des Wiedereinsatzes (1955-58), als Neubegründung durch das diskursive Ereignis des Romans "Nackt unter Wölfen" von Bruno Apitz (1958), schließlich als Konfiguration mit "Nackt unter Wölfen" (ab 1958). In einem zweiten Durchgang beschreibt Taterka, wie die "vielfältig belasteten, in Parteiverfahren bloßgestellten, moralisch erledigten und politisch untragbaren 'Buchenwalder' zum kollektiven Träger einer historischen Vorbildfunktion im Moralischen und Politischen erkoren (wurden), in dem sich die DDR insgesamt als Staatswesen erkennen sollte." (S.326) Eine ursprünglich gruppengebundene Auffassung rückte in den Rang einer Staatsdoktrin. Zum Dreh- und Angelpunkt geriet dabei die Konstruktion der "Selbstbefreiung" Buchenwalds. Worum es letztlich ging, war der Anteil der DDR an der militärischen Befreiung Deutschlands vom Hitlerfaschismus.

Mathias Marquardt reflektiert in "Dialog und Kontroverse mit Georg Lukács in der Literaturwissenschaft? Konturen einer Diskursgeschichte" das Problematische des Gebrauchs und der Darstellung Lukács' in der DDR.. Dessen beste Zeit lag am Anfang, im Nachkriegsjahrzehnt. Seit Mitte der 50er Jahre wurde er in "zwei sich paradox ergänzenden Leit-Figuren wahrgenommen. Zuerst umgab ihn der Ruch eines Revisionisten und Konterrevolutionärs, ergo einer Unperson," in den 70ern dann in der "Bedeutung eines 'Abweichlers' bzw. Systemkritikers das, was man einen toten Hund nennt ... Die zweite Figur führte Lukács vor als eine üblen Dogmatiker, ja als einen Hauptschuldigen an beschämender Einengung geistiger Freiheit ... Das Bild vom Stalinisten entstand, in mehrdimensionaler Fortsetzung, aus der Verurteilung als Revisionist; es war gewissermaßen die andere Seite der Abrechnung." (S.367/368) Als Ansatz zu einer Differenzierung schlägt Marquardt vor, die Rezeption Lukács' nach Interessensubjekten, nach Gruppen von Akteuren bis hin zu Einzelstreitern, und nach offiziellen bzw. nichtoffiziellen Diskursen zu unterscheiden. Er zeigt dabei auf, daß es in der Diskussion um Lukács immer auch um das Selbstverständnis marxistischer Literaturwissenschaft ging.

Im letzten Beitrag "Deutungskanon. Christoph Hein in der westdeutschen Rezeption der 80er und 90er Jahre" arbeitet Terrance Albrecht den krassen Widerspruch in der Behandlung ostdeutscher Autoren durch das westdeutsche Feuilleton heraus. Die Analyse der Rezeption von Werken Heins wie "Der fremde Freund" (1983), "Horns Ende" (1985), "Der Tangospieler" (1989) und "Napoleon-Spiel" (1993) führt Albrecht zu dem Schluß: "War es in den achtziger Jahren der Dissenz zur DDR- Politik, der in der Literaturinterpretation nachzuweisen versucht wurde, um die politische Differenz des Autors zur DDR zu bestätigen, so zeigt das Beispiel des Napoleon-Spiels, daß es seit der Wende genau um das Gegenteil geht. Es wird versucht, die Literatur als Indizienbeweis gegen die Autoren selbst zu richten und sie der Mittäterschaft an einem verbrecherischen Regime zu bezichtigen". (S.406). Das Manko jener Rezeption bestehe darin, daß diese Literatur nicht im Kontext der deutschsprachigen und ausländischen Literatur wahrgenommen und vom Diskurs der Moderne ausgeschlossen wird.

Insgesamt liefert der Band eine überzeugende Bestätigung der Tragfähigkeit der Kategorien Kanon und Kanonisierung für die Analyse und Darstellung der Literaturverhältnisse in der DDR. Es ist beachtens- und zugleich nachahmenswert, daß dieses Projekt auf "die Befestigung neuer Wege" hin zu einer Geschichte der Literatur zielt, "die nicht allein dem Hervortreten von Autoren oder dem Erscheinen literarischer Texte folgen, sondern der Komplexität des Fortgangs und der Umwälzung von Literatur im Ganzen, der literarischen Öffentlichkeit und der sich im Kontext anderer Bewußtseinsformen bildenden Kontinua wie Brüche literarischer und kultureller Kommunikation" verpflichtet sind. (S.7) Damit ist der theoretische wie der methodische Ansatz der Autoren über die Literatur hinaus auch für eine Kulturgeschichte der DDR von Bedeutung.

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10.08.2001
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