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Titel
Geschichte und Gewinn. Der Umgang deutscher Konzerne mit ihrer NS-Vergangenheit


Autor(en)
Brünger, Sebastian
Reihe
Geschichte der Gegenwart 15
Erschienen
Göttingen 2017: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
452 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Marx, Forschungszentrum Europa (FZE), Universität Trier

Als die Siemens AG im Dezember 2012 eine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung ihrer Unternehmensentwicklung von 1981 bis 2011 ankündigte, war zunächst eine Veröffentlichung der Ergebnisse geplant. Nach Abschluss des Manuskripts entschied der Konzern ohne Angabe näherer Gründe von einer Buchpublikation abzusehen.[1] Ähnlich erging es Lutz Budrass, der ab Ende der 1990er-Jahre den Zwangsarbeitereinsatz bei der Lufthansa untersucht hatte. Die im Auftrag der Fluggesellschaft erstellte Zwangsarbeit-Studie blieb unveröffentlicht, da das Unternehmen seine Wurzeln bis heute in den 1950er-Jahren sieht.[2] Diese zwei Beispiele mögen verdeutlichen, dass der Umgang von Unternehmen mit ihrer Vergangenheit nicht immer ganz einfach war und ist, besonders wenn es um heikle Themen wie Zwangsarbeit, Rüstungsproduktion, „Arisierungen“ oder Korruption ging.

Die von Sebastian Brünger verfasste Dissertation wendet sich genau jener Thematik zu und fragt nach dem Umgang deutscher Unternehmen mit ihrer NS-Vergangenheit. Dabei zeigt er auf, wie die Veränderungen auf geschichts- und unternehmenskultureller Ebene in den 1980er-Jahren einen tiefgreifenden Wandel der unternehmerischen Vergangenheitsbearbeitung initiierten, der in den 1990er-Jahren mit dem Ende des Ost-West-Konflikts, dem generationellen Wechsel in den Führungsetagen, dem Forschungsboom zur Zwangsarbeit und den drohenden US-Sammelklagen seinen Durchbruch erlebte. Zwar ist schon manches über die Selbstwahrnehmung und -darstellung deutscher Unternehmen in Bezug auf ihre NS-Vergangenheit bekannt[3], dennoch besticht Brüngers Studie, und dies vor allem durch drei Faktoren. Erstens gelingt ihm eine Verbindung zwischen dem Paradigmenwandel in der deutschen Geschichtskultur und der unternehmerischen Vergangenheitsbearbeitung, zweitens bezieht er den Wandel der Unternehmensgeschichtsschreibung in der Bundesrepublik in seine Untersuchung mit ein, und drittens rekonstruiert er den Umgang mit der NS-Vergangenheit erstmals bis in die jüngste Zeitgeschichte.[4] Dabei grenzt er das Feld der Unternehmen auf vier Unternehmen (Bayer, Deutsche Bank, Daimler-Benz und Degussa) ein, die jeweils als Fallbeispiel für vier, von ihm unterschiedene Phasen des Vergangenheitsdiskurses fungieren. Diese Konzentration auf wenige Großkonzerne kann mit ihrer ökonomischen Bedeutung und ihrer öffentlichen Wahrnehmung ebenso wie mit der Quellenzugänglichkeit erklärt werden, allerdings erweist sich diese Eingrenzung zugleich als Achillesferse der Arbeit, gibt sie doch kaum Auskunft über den Umgang anderer Großunternehmen oder kleinerer und mittlerer Unternehmen mit ihrer NS-Vergangenheit.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit waren es vor allem die Alliierten, die eine intensive Auseinandersetzung mit dem NS verlangten. Der Nürnberger Gerichtssaal wurde zum konstitutiven Ort eines entlastenden Gegennarrativs, welches zunächst als Antwort auf alliierte Anklagen konzipiert war und mit dem die Wirtschaftselite schon bald die Deutungshoheit über ihre NS-Vergangenheit wiedererlangen wollte. Begünstigt durch den sich verschärfenden Ost-West-Konflikt und qua Gerichtsurteil legitimiert entwickelte sich das Opfernarrativ vom ehrbaren Kaufmann und unpolitischen Techniker, der den Zwängen des NS-Wirtschaftssystems unterlegen und aus patriotischen Gründen die Kriegswirtschaft unterstützt habe, in den 1950er-Jahren zum belastbaren Selbstbehauptungsnarrativ, das an den gesellschaftlichen Diskurs über die Masse der Deutschen, die nur ihre Pflicht getan hatten, anschlussfähig war. Für Brünger stehen die Nürnberger Prozesse und das Verfahren gegen die Direktoren der IG Farben daher paradigmatisch für jene Phase, in der sich die Unternehmer im Rahmen der Blockkonfrontation immer stärker als tragende Stützen eines demokratisch-freiheitlichen Kapitalismus stilisierten.

Ende der 1950er-Jahre deutete sich im politisch-rechtlichen wie im wissenschaftlichen Feld ein Wandel im Umgang mit der NS-Vergangenheit an, der durch neue Strafverfolgungen gekennzeichnet war und als geschichtskulturelle Achsenzeit der Bundesrepublik bezeichnet wird. Während der Entlastungskonsens auf Seiten der Unternehmer fortwirkte, mehrten sich in den 1960er-Jahren die kritischen Stimmen hinsichtlich der unbewältigten Vergangenheit. Hierzu gesellte sich eine marxistisch geprägte DDR-Forschung, die auf dem politischen Feld durchaus eine skandalisierende Wirkung hatte, von der die Unternehmer angesichts des Systemwettstreits aber weitgehend unbeeindruckt blieben, da sie sich auf der richtigen Seite wähnten. Größere Aufmerksamkeit erlangte in den 1970er-Jahren allerdings der Prozess zwischen der Führungsfigur der Deutschen Bank, Hermann J. Abs, und dem DDR-Historiker Eberhard Czichon, der in mehreren Publikationen den Aufstieg der Deutschen Bank zur Deutschlands bedeutendster „Monopolbank“ und die ungebrochene Karriere von Abs über 1945 hinweg beschrieben hatte. Auch wenn der Resonanzraum jener marxistischen Literatur letztlich überschaubar blieb und die Verbindung von protestierenden Studierenden und kritischen Intellektuellen in der Bundesrepublik mit marxistischen DDR-Historikern nicht lange hielt, fürchtete die Deutsche Bank langfristig einen Imageschaden und wählte eine kluge Prozessstrategie. Sie vermied eine generelle Diskussion über das Verhältnis von Wirtschaft und Nationalsozialismus und griff stattdessen einzelne Fehldarstellungen heraus. Damit war Abs erfolgreich, auch weil Czichon nicht sorgfältig gearbeitet hatte. Minutiös zeichnet Brünger hier den Verfahrensablauf und die Positionen zahlreicher Akteure nach. Die Unternehmen konnten angesichts des gerichtlichen Erfolgs an den vertrauten Entlastungsnarrativen festhalten. Dementsprechend schwankte die Mehrheit der Unternehmensfestschriften jener Zeit zwischen den Polen Apologetik und Ausblenden der NS-Zeit. Dennoch hatten die SED-Kampagnen und die aufstrebende DDR-Wirtschafts- und Betriebsgeschichte den westdeutschen Unternehmen die institutionelle Leerstelle in der Firmengeschichtsschreibung aufgezeigt. Die von der Deutschen Bank unterstützte Gründung der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte (GUG) 1976 war daher auch eine Reaktion auf die Angriffe aus der DDR.[5] Als Gemeinschaftseinrichtung von Wirtschaft und Wissenschaft war die Unabhängigkeit ihrer wissenschaftlichen Projekte jedoch bereits durch ihre Struktur in Frage gestellt und sollte sich alsbald als Problem erweisen.

Indem sich der gesellschaftliche Modus der Vergangenheitsvergegenwärtigung in den 1980er-Jahren veränderte und Entschädigungsaktivisten die „vergessenen Opfer“ des NS ins Blickfeld rückten, wandelten sich auch die geschichtskulturellen Rahmenbedingungen für die Unternehmen. Der Historikerstreit der 1980er-Jahre bildete den Höhepunkt jener Auseinandersetzungen. Daimler-Benz geriet mit seinen Feierlichkeiten zum hundertjährigen „Autojubiläum“ genau in diese Transformationsphase. Dass sich der Autobauer dafür entschied, die Unternehmensgeschichte von externen Wissenschaftlern schreiben zu lassen, war ein Novum. Gleichwohl sollte sich die bei der GUG in Auftrag gegebene Studie als PR-Bumerang erweisen, knüpfte sie doch an die in Nürnberg etablierten Entlastungsnarrative an und rief damit ein kritisches Gegennarrativ in Form einer Publikation der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts hervor. Damit bekam das Deutungsmonopol der Unternehmen mit ihren unter Verschluss gehaltenen Archivbeständen Löcher. Der Stuttgarter Konzern gab daher eine zweite GUG-Studie in Auftrag, die an den beginnenden Aufarbeitungsdiskurs anknüpfte, und fand sich schließlich zu einer freiwilligen, symbolhaften Pauschalzahlung in Höhe von 20 Mio. DM bereit. Auf juristischer Ebene wiegelte das Unternehmen hingegen knallhart jegliche individuellen Ansprüche von Zwangsarbeitern mit dem Verweis auf das Londoner Schuldenabkommen weiterhin ab. Dennoch ist der Wandel bei Daimler-Benz bemerkenswert, da er auch mit unternehmensinternen Impulsen durch engagierte Einzelkämpfer und eine neue Managergeneration zusammenhing. An der Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte ging das Thema Zwangsarbeit lange Zeit vorbei. Erst die öffentlichen Diskussionen um Auftragsstudien und Zwangsarbeit – und gerade die innovativen Arbeiten von Ulrich Herbert[6] – bildeten wichtige Impulse für eine alternative Unternehmensgeschichte von innen und unten und führten letztlich zu einer Wende Ende der 1980er-Jahre, die ihren Ausdruck inhaltlich in der Betonung der mikroökonomischen Perspektive und einer stärkeren Theorieorientierung und institutionell in der Gründung des Arbeitskreises für kritische Unternehmens- und Industriegeschichte (AKKU) fand.[7]

Der Paradigmenwandel mündete in den 1990er-Jahren in eine opferzentrierte Erinnerungskultur, in der sich der Holocaust zum konstitutiven Fixpunkt etablierte. Ganz nüchtern analysiert Brünger hier, wie der Mechanismus der medialen Skandalisierung im Rahmen von Zwangsarbeit- und Raubgold-Debatte im Fall der Degussa an Hebelkraft gewann. Neue Entschädigungsforderungen ehemaliger Zwangsarbeiter aus Osteuropa, drohende US-Sammelklagen und neue Archivzugänge zu NS-Quellen fielen mit der Ausweitung des Auslandgeschäfts und dem Aufstieg des Finanzmarktkapitalismus zusammen, der die Abhängigkeit deutscher Unternehmen von internationalen Kapitalgebern erhöhte. Die Unternehmen reagierten hierauf zum einen mit der verstärkten Vergabe von Forschungsaufträgen und lösten damit einen Boom in der NS-Unternehmensgeschichte aus, zum anderen bemühten sie sich darum, die Individualforderungen in eine Pauschallösung zu überführen und damit Zahlungen von konkreten historischen Fällen zu entkoppeln. Im Ergebnis führte dies auf politisch-rechtlicher Ebene zur Gründung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ [8] und auf dem Feld der Unternehmensgeschichte zur längst überfälligen Etablierung wissenschaftlicher Standards für unternehmensfinanzierte Auftragsforschung.

Insgesamt überzeugt Brüngers Studie sowohl von ihrer Konzeption als auch von ihrer Argumentation. Dass er sich bei seiner Analyse im Wesentlichen auf vier Unternehmen beschränkt, schmälert zwar die Aussagekraft des Buches, letztlich wurden die Firmen aber klug ausgewählt, da sie in den jeweiligen Phasen in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung traten und zugleich eng mit der Entwicklung der unternehmenshistorischen Forschung verbunden waren. Eine Lektüre der quellengesättigten und klar strukturierten Studie kann daher nur empfohlen werden.

Anmerkungen:
[1] „Wissenschaftler untersuchen drei Jahrzehnte Siemens-Zeitgeschichte“, Siemens-Pressemitteilung, München, 17.12.2012, https://www.siemens.com/press/de/pressemitteilungen/?press=/de/pressemitteilungen/2012/corporate/axx20121214.htm&content[]=CC&content[]=Corpt[]=Corp (20.03.2018); „Doch keine Veröffentlichung. Siemens hält Schmiergeldstudie unter Verschluss“, in: Spiegel Online 17.03.2017, http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/siemens-haelt-schmiergeld-studie-unter-verschluss-a-1139211.html (20.03.2018).
[2] Johannes Bähr, Rezension von: Lutz Budrass, Adler und Kranich. Die Lufthansa und ihre Geschichte 1926-1955, München: Karl Blessing Verlag 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 10 [15.10.2017], URL: http://www.sehepunkte.de/2017/10/29298.html (20.03.2018); „Geschichte der Lufthansa. Empörung über die fehlende Aufklärung“, in: Deutschlandfunk, 02.05.2016, http://www.deutschlandfunk.de/geschichte-der-lufthansa-empoerung-ueber-die-fehlende.1310.de.html?dram:article_id=353071 (20.03.2018).
[3] Nobert Frei / Tim Schanetzky (Hrsg.), Unternehmen im Nationalsozialismus. Zur Historisierung einer Forschungskonjunktur, Göttingen 2010.
[4] Vgl. zum allgemeinen Umgang mit der NS-Vergangenheit jüngst: Moritz Reininghaus, Rezension zu: Katrin Hammerstein, Gemeinsame Vergangenheit – getrennte Erinnerung? Der Nationalsozialismus in Gedächtnisdiskursen und Identitätskonstruktionen von Bundesrepublik Deutschland, DDR und Österreich, Göttingen 2017, in: H-Soz-Kult, 02.03.2018, www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27785 (20.03.2018).
[5] Vgl. die Homepage der GUG: https://unternehmensgeschichte.de/ (20.03.2018).
[6] Ulrich Herbert, Fremdarbeiter. Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in der Kriegswirtschaft des „Dritten Reiches“, Berlin 1985.
[7] Vgl. die Homepage des AKKU: http://www.kritische-unternehmensgeschichte.de/de (20.03.2018).
[8] Vgl. die Homepage der Stiftung EVZ: https://www.stiftung-evz.de/start.html (20.03.2018).