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Titel
Kaiser und Tyrann. Die Kodierung und Umkodierung der Herrscherrepräsentation Neros und Domitians


Autor(en)
Cordes, Lisa
Reihe
Philologus-Supplemente 8
Erschienen
Berlin 2017: de Gruyter
Anzahl Seiten
X, 364 S.
Preis
€ 119,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Isabelle Künzer, Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität Gießen

Nero und Domitian gingen als sogenannte mali principes in die Geschichte ein. Wie kaum andere römische Kaiser verkörpern beide das Bild grausamer, unberechenbarer, tyrannischer Herrscher, denen das Maß für die Verhaltenserwartungen, die seitens unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppierungen an sie gerichtet wurden, schlichtweg verloren gegangen zu sein schien. Diese Zeichnung beruht auf herrschaftskritischen Diskursen, die nach dem Tode beider Kaiser Profil gewannen. Im zeitgenössischen Herrscherlob hingegen erscheinen die betreffenden Regenten als Persönlichkeiten, die ihre Vorgänger im positiven Sinne in vielerlei Hinsicht übertrafen. Gemeinsam ist dabei dem zeitgenössischen Herrscherlob und der postumen Herrschaftskritik das Motiv der Überschreitung von Grenzen. Diese Übereinstimmung beruht auf der Fortführung von Diskurslinien der Herrscherpanegyrik in der Herrschaftskritik nach dem Tode des Kaisers, für die es im Interesse der Rezeption notwendig war, auf etablierte kulturelle Codes zu rekurrieren, jedoch diese gemäß den neuen diskursiven Formationen umzugestalten. Gänzlich neu ist diese Beobachtung nicht. Sie lag als These bereits zahlreichen Einzelstudien zugrunde.[1] Es fehlte aber bislang eine Untersuchung, die sich in systematischer Weise dieser Thematik angenommen hätte.

Dieses Ziel, nämlich die Strategien und Mechanismen zu rekonstruieren, die von Autoren verwendet wurden, um sich in Form von Lob oder Kritik in die jeweils zeitspezifischen Diskurse der Herrschaftsrepräsentation einzuschreiben, setzt sich die klassisch-philologische Dissertation von Lisa Cordes. Die Verfasserin betont, dass Elemente der kaiserlichen Herrschaftsrepräsentation, die in der Panegyrik als positive Grenzerweiterung interpretiert wurden, postum als Grenzverletzung bewertet werden konnten. Demnach habe für bestimmte, gleichsam ambivalente Narrative das Risiko einer gleichermaßen positiven wie negativen Kodierung bestanden. Cordes bezeichnet diese Diskursversatzstücke als sogenannte „Kippfiguren“ (S. 16f.). Umso wichtiger sei es für die Autoren – Cordes behandelt im Wesentlichen Senecas Schriften Apocolocyntosis und De Clementia, einige Eklogen des Calpurnius Siculus, die Praetexta Octavia, die Silven des Statius, diverse Epigramme Martials sowie den Panegyricus des jüngeren Plinius – daher gewesen, das panegyrische Herrscherlob mittels bestimmter Strategien abzusichern oder aber die Rezeption gezielt zu lenken, um bereits während der Regierungszeit eines princeps einer möglichen negativen Auslegung vorzubeugen. Explizit eine Auseinandersetzung mit den Diskursen des Herrscherlobs und deren planmäßige Umkodierung lägen dabei der Herrscherkritik zugrunde. Somit impliziert Cordes‘ an Umberto Eco angelehnter kommunikationstheoretischer Ansatz eine Rezeption der zeitgenössischen Panegyrik durch Autoren, die nach dem Tode des Kaisers kritische Stellungnahmen anfertigten. Diese konkrete Rezeption muss allerdings notwendigerweise hypothetisch bleiben, auch wenn sie in einigen Fällen in der Tat nahezuliegen scheint. Daher sollte in diesem Zusammenhang wohl auch in Erwägung gezogen werden, ob nicht gerade etablierte kulturelle Codes der kaiserlichen Herrschaftsrepräsentation, also ein übergeordneter Diskurspool sowie die den entsprechenden Diskursen innewohnende Ambivalenz für die von Cordes beobachtete Korrelation zwischen positiver und negativer Darstellung eines Kaisers verantwortlich waren.

Cordes‘ Studie besteht neben Einleitung und Fazit aus sechs, thematisch unterschiedlichen Aspekten der kaiserlichen Herrschaftsrepräsentation gewidmeten Kapiteln. Sie konzentriert sich auf Pracht und Luxus, Monumentalität und Größe von Bauwerken und Statuen, die Göttlichkeit des Kaisers, das Einwirken des Kaisers auf die Natur und den Kosmos, die monarchische Stellung des Herrschers und den Ruhm der Gegenwart. Die einzelnen Teile der Untersuchung sind dabei ähnlich aufgebaut: Zunächst erfolgen einige grundsätzliche Vorbemerkungen zu dem Gegenstand des jeweiligen Kapitels und der spezifischen Fragestellung. Dann behandelt Cordes den jeweiligen Diskurs im Herrscherlob Neros sowie dessen negative Kodierung in der postumen Kritik an diesem Kaiser. Dasselbe Vorgehen liegt anschließend der Untersuchung zu Domitian zugrunde. Das Ende eines jeden Abschnitts bildet eine überblicksartige Zusammenfassung zu den jeweils thematisierten Mechanismen und rhetorischen Mitteln.

Cordes gelingt es, kapitelübergreifend übereinstimmende Strategien der Autoren in der Auseinandersetzung mit Diskursen der kaiserlichen Herrschaftsrepräsentation zu konkretisieren: Mit Hilfe einer „Strategie der Vagheit“ (S. 121) sei das mögliche Interpretationsspektrum einer Aussage gezielt erweitert und auf diese Weise ein potentiell kritisch zu bewertender Aspekt nicht eindeutig beantwortet, sondern vielmehr dem Rezipienten als ein offenes Interpretationsangebot zur Verfügung gestellt worden. In der Kritik am Kaiser sei für derartige Diskurse wiederum häufig das Bedeutungsspektrum konkretisiert und so der Gehalt einer vormals doppeldeutigen Diskursfacette eindeutig festgelegt worden. Der betont unbestimmten Zeichnung geradezu entgegengesetzt ist ein weiterer Mechanismus, von Cordes als „safe praise“ benannt (S. 85), der darauf abgezielt habe, die Rezeption zu lenken oder aber mögliche Einwände von vornherein zu entkräften. Der Legitimierung bestimmter Darstellungen habe auch die Konstruktion einer im Konsens zusammengeschlossenen „Interpretationsgemeinschaft“ (S. 18) oder aber das Auftreten mythischer Figuren dienen können, die dem kaiserlichen Verhalten Autorität zugewiesen hätten. Neben der gezielt negativen semantischen Überlagerung bestimmter Aspekte der Panegyrik leugneten herrschaftskritische Positionen hingegen Tatsachen, die im Herrscherlob positiv herausgestellt worden seien, oder übergingen diese mit Schweigen. Ein weiteres Mittel habe darin bestanden, bestimmte Bereiche der Herrschaftsrepräsentation ins Lächerliche zu ziehen oder aber dem Kaiser eine geradezu Furcht und Schrecken einflößende Wirkung nachzusagen.

Einige Fragen bleiben nach der Lektüre offen. Dies dürfte aber nicht auf Unzulänglichkeiten der Untersuchung zurückzuführen sein, sondern einzelne Punkte lassen sich überlieferungsbedingt häufig wohl kaum zufriedenstellend oder allenfalls hypothetisch klären, auch wenn Cordes hier an der einen oder anderen Stelle Erklärungen anzubieten versucht: beispielsweise zu der Problematik, aus welchen Gründen sich die antiken Autoren explizit auf ambivalente Denkfiguren fokussierten, obwohl diese mit dem Risiko einer negativen Auslegung behaftet waren und daher im Interesse der eindeutigen Rezeption einer zusätzlichen Legitimierung bedurften, wenngleich die betreffenden Mechanismen in der Regel eine negative Umkodierung nicht verhindern konnten. Es stellt sich allerdings in diesem Zusammenhang die Frage, ob im Bereich der etablierten kulturellen Codes kaiserlicher Herrschaftsrepräsentation keine Narrative vorhanden waren, die nicht der Gefahr unterlagen, herrschaftskritisch interpretiert zu werden, und damit des von Cordes festgestellten „rhetorischen Aufwand[es]“ (S. 184) nicht bedurft hätten. Außerdem vermisst man insgesamt weitergehende Überlegungen zu den Folgen der Feststellung, dass Diskurslinien des zeitgenössischen Herrscherlobes in der postumen Herrscherkritik weiterverfolgt und umkodiert wurden, für die Spezifik der kaiserlichen Herrschaftsrepräsentation: Wenn es einen etablierten Diskurspool für das Kaiserlob und die Kaiserkritik gab, welche Rückschlüsse lassen sich daraus für die Kommunikationsstrukturen und die Genese der kaiserlichen Herrschaftsrepräsentation insgesamt ziehen und welche Rolle spielten die antiken Autoren als Akteure in diesem System? In welchem Verhältnis standen dabei beispielsweise die kaiserlichen Vorstellungen von der Herrschaftsrepräsentation und die literarischen Diskurse zueinander? Kann die Herrschaftsrepräsentation des römischen princeps als ein in vielerlei Hinsicht flexibles System betrachtet werden, in das sich unterschiedliche Akteure mit ihren Vorstellungen und Interpretationen einbringen konnten und sollten? Es dürfte in diesem Zusammenhang wohl alles in allem zu einfach sein, die Diskurse einzig als Offerte an den jeweils amtierenden Kaiser zu betrachten und den Diskursen eine mögliche Mitwirkung an der Weiterentwicklung der kaiserlichen Herrschaftsrepräsentation zuzuschreiben. Ungeachtet dessen überzeugt Cordes‘ Studie mit überaus gelungenen Interpretationen.

Anmerkung:
[1] Vgl. z.B. Patrick Kragelund, Neros‘s Luxuria, in Tacitus and in the Octavia, in: Classical Quarterly 50 (2000), S. 494–515; Michael Charles, Calvus Nero. Domitian and the Mechanics of Predecessor Denigration, in: Acta Classica 45 (2002), S. 19–49; Andrew B. Gallia, Remembering the Roman Republic. Culture, Politics, and History under the Principate, Cambridge 2012, S. 86–127, bes. S. 89f.

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Veröffentlicht am
16.10.2017
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