Cover
Titel
Einrichten im Übergang. Das Aufnahmelager Gießen 1946–1990


Autor(en)
van Laak, Jeannette
Erschienen
Frankfurt am Main 2017: Campus Verlag
Anzahl Seiten
420 S., 23 Abb.
Preis
€ 39,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Florentine Schmidtmann, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Kein Thema wird in der europäischen Politik dieser Tage so kontrovers diskutiert wie die Asyl- und Flüchtlingsfragen. Bei den Debatten um Zugehörigkeit, Migrationsregime und Aufnahmegesellschaften lohnt ein Blick zurück auf historische Dimensionen von Flucht, Ankunft und Integration. Denn die Unterscheidung von „politischem“ Flüchtling und „Wirtschaftsflüchtling“ ist in der Migrationsgeschichte der Bundesrepublik nicht völlig neu.[1] Infolge der deutschen Teilung entstand ein spezifischer Typ Zuwanderer, dessen institutionelle Aufnahme von den politischen Wendungen des Kalten Krieges wie auch von demographischen Faktoren abhängig war. Das Gießener Notaufnahmelager prüfte die „Übersiedlung“ der Flüchtlinge aus der DDR in die Bundesrepublik. Sie wurden auf der Grundlage von Artikel 116 des Grundgesetzes als deutsche Staatsbürger anerkannt.

Mit ihrer an der Justus-Liebig-Universität Gießen entstandenen Habilitationsschrift verbindet Jeannette van Laak eine umfassende Institutionengeschichte des Gießener Aufnahmelagers von 1946 bis 1989/90 mit individuellen Geschichten über Ausreise und Lageralltag. Auf der Grundlage umfangreicher Aktenbestände bei Behörden und anhand von Fallakten des Notaufnahmeverfahrens untersucht sie die Geschichte und Funktionsweise des Lagers. Durch die Auswertung von Oral-History-Interviews mit 49 Zuwanderern aus der DDR, 12 ehemaligen Mitarbeitern des Lagers und einigen Gießener Anwohnern wird die Erfahrungsgeschichte der Menschen, für die das Lager erbaut wurde, ebenso berücksichtigt. Die Zuwanderung in die Bundesrepublik sieht die Autorin als „individuell angestrebte und durchgeführte Abwanderungen“ und damit als Migration. Dies ermöglicht es ihr, jenseits der Ideologie des Kalten Krieges nach verallgemeinerbaren Erfahrungen der ankommenden DDR-Bürger zu fragen. Van Laak betritt damit einen noch recht neuen Pfad in der deutschen historischen Migrationsforschung.[2]

Die Studie, die auch im breiteren Kontext von Arbeiten zum „Jahrhundert der Lager“ zu lesen ist, geht auf die Bedeutungen von Lagern als provisorische Funktionsräume ein – zur Inklusion oder Exklusion, zum (temporären) Arbeiten und Wohnen oder als Schutz- und Kontrollraum.[3] Ulrich Herberts Lager-Definition als Provisorium[4] erweitert van Laak mit Blick auf die Entwicklung in der 40-jährigen Geschichte des Gießener Lagers hin „zu etwas Professionellem“ (S. 303); darauf verweist schon der Titel „Einrichten im Übergang“. Sie begreift Lager auch „als Organisationsformen zur zweckgebundenen Unterbringung großer Menschenmassen“, wobei sie unter Organisationsformen „das zeitlich parallele Mit- und Nebeneinander verschiedener Institutionen“ versteht (S. 388).

Die ersten drei von insgesamt sechs Hauptkapiteln handeln chronologisch die Lagergeschichte als Institutionsgeschichte ab: Im ersten Kapitel werden Lager und Notunterkünfte für verschiedene Personengruppen als „provisorische Ordnungssysteme“ in Gießen nach dem Krieg beschrieben. Das zweite Kapitel befasst sich mit der Umwandlung zum zentralen Lager für SBZ-Flüchtlinge in der US-Zone, mit der Einführung des Notaufnahmegesetzes von 1950 sowie einer in der Öffentlichkeit kritisch diskutierten Verstetigung der Institution und ihrem Neubau (1948–1961). Im dritten Kapitel wird das nun etablierte Lager als Organisationsform vorgestellt, in der die Angekommenen mit Vertretern aus der gesamten Behörden-, Parteien- und Verbandslandschaft der Bundesrepublik zusammentrafen und „die plurale bundesdeutsche Gesellschaft en miniature“ abbildeten (S. 161). Nach dem drastischen Rückgang der Flüchtlingszahlen durch den Mauerbau 1961 wurde das Lager in Uelzen geschlossen. Gießen wurde so „[v]om kleinsten zum einzigen Bundesnotaufnahmelager“ (S. 251) und wandelte sich vom Provisorium zu einer etablierten Bundeseinrichtung.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit den „sichtbaren“ und „unsichtbaren“ Dienststellen der bundesdeutschen und alliierten Geheimdienste im Lager – und schließt mit einem Exkurs zu den Tätigkeiten des MfS in Gießen sowie der Aufnahme von westdeutschen Zuwanderern und Rückkehrern in der SBZ/DDR. Im fünften Kapitel ergänzt der Blick auf besondere Herausforderungen wie die Aufnahme der freigekauften politischen Häftlinge und die Bewältigung der Zuwandererwellen in den Jahren 1984, 1988 und 1989 die Geschichte des Lagers um wichtige Aspekte. Das letzte Kapitel „Einrichten im Übergang – Migrationserfahrungen“ widmet sich den Erfahrungen der Flüchtlinge und Zuwanderer, für die das Lager gebaut wurde. Durch drei Fallbeispiele und vielen Einzelfälle wird die Institutionengeschichte fernab von Struktur und Verwaltung mit individuellen Geschichten gefüllt. Van Laak stellt fest, dass ihre eigene Erwartung, das Eintreffen im Lager hätte als Äquivalent zum Ankommen in der Bundesrepublik eine besondere Erinnerung hinterlassen, sich nicht erfüllt hat. Darauf aufbauend wäre eine nähere Analyse der Beziehungen der Lagerbewohner untereinander spannend gewesen.

In Gießen wurden die Aufzunehmenden mit einem Laufzettel durch eine „Fließband-Abfertigung“ (S. 217) von Befragungen und auszufüllenden Fragebögen geschleust. Wie auch aus den Erfahrungsberichten der Zuwanderer in Kapitel 6.4 ersichtlich wird, weckten die Befragungen bzw. Verhöre nicht selten Assoziationen mit Methoden der Staatssicherheit, deren Zugriff die Ausgereisten gerade entkommen waren. Vor dem Hintergrund, dass ab Mitte der 1950er-Jahre keine Anträge mehr abgelehnt wurden, wirft van Laak die Frage auf, ob die Priorität des Verfahrens bei der Informationsbeschaffung oder der Aufnahme lag. Sie bezweifelt den Erkenntnisgewinn und sieht eine Überforderung der Mitarbeiter mit der generierten Informationsfülle (vgl. S. 204ff.).

Die Autorin reflektiert Nuancen im Sprachgebrauch und verweist auf Begriffsänderungen, die als Entwicklung vom Provisorischen hin zu festen Strukturen verstanden werden können. Wünschenswert in diesem Zusammenhang wäre eine Begriffsklärung und historische Einordnung zu „Übersiedlern“ gewesen. Weiter herauszuarbeiten wäre künftig auch die überdurchschnittliche Beschäftigung von Vertriebenen und SBZ-/DDR-Flüchtlingen in der Lagerverwaltung, in den Aufnahmeausschüssen und sogar in den Geheimdiensten bis zum Ende der 1960er-Jahre (vgl. S. 121, 166, 198). Hier könnte neben der Nutzung von Erfahrungswissen und einem raschen Integrationsangebot ein weiterer Grund für die aktive Mitwirkung innerdeutscher Migranten beim Aufbau der jungen Demokratie in der Bundesrepublik liegen.

Jeannette van Laak leistet mit ihrer Studie über die Entwicklung des kleinen Gießener Lagers zur wichtigsten Aufnahmestelle für DDR-Zuwanderer einen längst fälligen Beitrag zur Lager- und Institutionengeschichte, zur Geschichte der Bundesrepublik sowie zur deutsch-deutschen Migrationsgeschichte. Immer wieder werden auch Bezüge zur Gegenwart deutlich. Während das Bundesnotaufnahmelager in Gießen im Prozess der deutschen Einheit 1990 geschlossen wurde, existiert dort seit mittlerweile über 25 Jahren ein Standort der „Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge“, d.h. für Asylbewerber/innen. Die damit verbundene Geschichte ist jedoch nicht mehr Gegenstand des vorliegenden, sehr zu empfehlenden Buches. Durch akribische Recherche in Verwaltungsakten, Schriftwechseln und Zeitungsberichten sowie einem enormen Korpus an Interviews gelingen der Autorin spannende Detailerzählungen. Trotz einiger Überschneidungen liefert sie eine mit treffenden Titeln und hilfreichen Zwischenresümees versehene strukturierte Darstellung von Zuständigkeiten, Befindlichkeiten und Austauschverhältnissen der Akteure.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Volker Ackermann, Der „echte“ Flüchtling. Deutsche Vertriebene und Flüchtlinge aus der DDR 1945–1961, Osnabrück 1995; Helge Heidemeyer, Flucht und Zuwanderung aus der SBZ/DDR 1945/49–1961. Die Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik Deutschland bis zum Bau der Berliner Mauer, Düsseldorf 1994.
[2] Vgl. Manfred Gehrmann, Die Überwindung des Eisernen Vorhangs. Die Abwanderung aus der DDR in die BRD und nach West-Berlin als innerdeutsches Migranten-Netzwerk, Berlin 2009; Renate Hürtgen, Ausreise per Antrag: Der lange Weg nach drüben. Eine Studie über Herrschaft und Alltag in der DDR-Provinz, Göttingen 2014; sowie das sich vor dem Abschluss befindende Forschungsprojekt „Im Westen angekommen? Die Integration von DDR-Zuwanderern als historischer Prozess“ unter der Projektleitung von Dirk van Laak mit Forschungsarbeiten von Andrea Genest, Bettina Effner und Florentin Mück. Siehe dazu meinen Tagungsbericht, in: H-Soz-Kult, 26.07.2016, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6628 (22.03.2018).
[3] Zygmunt Bauman, Das Jahrhundert der Lager?, in: Mihran Dabag / Kristin Platt (Hrsg.), Genozid und Moderne, Bd. 1: Strukturen kollektiver Gewalt im 20. Jahrhundert, Opladen 1998, S. 81–99. Vgl. aus der umfangreichen neueren Literatur etwa Bettina Greiner / Alan Kramer (Hrsg.), Welt der Lager. Zur „Erfolgsgeschichte“ einer Institution, Hamburg 2013; Henrik Bispinck / Katharina Hochmuth (Hrsg.), Flüchtlingslager im Nachkriegsdeutschland. Migration, Politik, Erinnerung, Berlin 2014; Katharina Inhetveen, Die politische Ordnung des Flüchtlingslagers. Akteure – Macht – Organisation. Eine Ethnographie im Südlichen Afrika, Bielefeld 2010.
[4] Vgl. Ulrich Herbert, Lagerleben. Über die Dynamik eines Provisoriums, in: Journal für Geschichte 9 (1987), Heft 2, S. 16–25.