R. Meiwes: Klosterleben in bewegten Zeiten

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Titel
Klosterleben in bewegten Zeiten. Die Geschichte der ermländischen Katharinenschwestern (1914-1962)


Autor(en)
Meiwes, Relinde
Erschienen
Paderborn 2016: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
258 S., 43 s/w Abb., 21 s/w Tab., 3 s/w Karten
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Monika Wienfort, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Geschichte der religiösen Frauenorden findet seit einiger Zeit mehr Aufmerksamkeit in der Forschung, vermutlich im Zusammenhang mit einem wachsenden Interesse an Religion in der Moderne generell. Jedenfalls stellt der vorliegende Band die Fortsetzung der Geschichte der ermländischen Katharinenschwestern im 19. Jahrhundert dar, welche die Verfasserin 2011 vorgelegt hat und aus der sich schon die weit über Ostpreußen hinausreichenden Wirkungsorte der Katharinenschwestern herauslesen ließen. Wenn sich schon für das 19. Jahrhundert feststellen lässt, dass es immer noch zu wenig historische Forschung zu Frauenkongregationen gibt, bzw. die existierende Forschung aus dem engeren Feld der Ordensgeschichte noch kaum in die allgemeine Geschichte vorgedrungen ist, so stellt sich die Lage für das 20. Jahrhundert nicht anders dar. Dieser Band setzt zu Beginn des Ersten Weltkrieges ein und endet mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das zu Beginn der 1960er-Jahre die Rahmenbedingungen für das Ordensleben so gravierend änderte, dass sich hier anbot, eine Zäsur zu setzen. Gemeinsam mit dem ersten Band stellt die Untersuchung paradigmatisch das Verhältnis von Frauen in Kongregationen und Katholizismus von der Frühen Neuzeit bis in die Nachkriegsmoderne auf sehr quellennahe Weise und dennoch angenehm kompakt dar.

In der Darstellung der Katharinenschwestern verbinden sich Geschichten von Konfession und Katholizismus mit der Frauen- und Geschlechtergeschichte, die z.B. das Verhältnis von Frauen und Mission in transkolonialer und transnationaler Perspektive intensiv behandelt hat. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg brachen die Katharinenschwestern als Schul- und Krankenpflegeorden aus dem katholischen Ermland in der mehrheitlich protestantisch geprägten preußischen Provinz Ostpreußen aus und gründeten eine Niederlassung in Brasilien, die für die Schwestern im 20. Jahrhundert besonders prägend wurde. Im Zentrum des vorliegenden Buches steht die Situation des Ordens nach 1945, als das nahende Kriegsende die Mehrheit der deutschen Schwestern zwang, ihre Heimatregion zu verlassen. Es wurde für die Schwestern im Laufe der nächsten Jahrzehnte durchaus schwierig, den Zusammenhalt des Ordens über die Wirkungsorte in Deutschland, Polen, Litauen, Italien und Brasilien zu erhalten. Das Schwergewicht verlagerte sich zunehmend nach Brasilien. Damit vollzogen die Schwestern eine Entwicklung des Katholizismus weg vom alten Zentrum Europa und zu den ehemaligen Peripherien in Amerika, Asien und Afrika mit, und man kann sich fragen, ob Zentrum und Peripherie im globalen Katholizismus angesichts des Mangels an Priestern und Mönchen, Nonnen und Schwestern nun ihre Positionen endgültig getauscht haben.

Die Darstellung lebt vor allem von den Zeugnissen der Binnenperspektive und des Selbstverständnisses der Schwestern, die stets zwischen Glauben und Frömmigkeitspraktiken (Beten, Schweigen und Gehorsam) einerseits und ihren sozialen Aufgaben vor allem in der Krankenpflege andererseits abwägen mussten. Besonders interessant erscheinen die Entscheidungen nach 1945. Nicht zuletzt unter Einfluss des Vatikans und des Apostolischen Nuntius in Brasilien entschied sich die Kongregation, ihr neues Generalmutterhaus, das im Übrigen aus Brasilien finanziert wurde, nach Italien, nach Grottaferrata in der Nähe von Rom zu verlegen. Damit stellte die Kongregation ihre traditionelle Verankerung in Deutschland zugunsten der Betonung der Transnationalität der Gemeinschaft in der ostentativen Nähe zum Vatikan auf Dauer zurück. In diesem Zusammenhang ist sicher auch von Bedeutung, dass sich die Kongregation mit der Seligsprechung ihrer Gründerin Regina Protmann, die schließlich 1999 ausgesprochen wurde, eine glaubensbezogene Anerkennung des Vatikans wünschte.

Gelegentlich wäre ein ergänzender Blick auf die Außenwahrnehmung der Kongregation in den verschiedenen Ländern, besonders in den 1920er- und 1950er-Jahren, wünschenswert gewesen. Überdies kann konstatiert werden, dass es immer noch an Forschungskontexten mangelt, in die die Verfasserin ihr Bild vom Zusammenhang von Frauenkongregationen und transnationalem Katholizismus hätte vergleichend einordnen können. Das Buch über die Katharinenschwestern liefert für diesen Zusammenhang jedenfalls einen wichtigen Baustein, der die Geschichte von Frauen nachdrücklich in die Geschichte des Katholizismus in der Moderne einschreibt.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.06.2018
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