P. Leidinger u.a. (Hrsg.): Deutsch-Türkische Beziehungen

Cover
Titel
Deutsch-Türkische Beziehungen im Jahrhundert zwischen Erstem Weltkrieg und Gegenwart. Grundlagen zu Geschichte und Verständnis beider Länder. 100 Jahre Deutsch-Türkische Gesellschaft Münster


Herausgeber
Leidinger, Paul; Hillebrand, Ulrich
Reihe
Worte – Werke – Utopien. Thesen und Texte Münsterscher Gelehrter 19
Erschienen
Münster 2017: LIT Verlag
Anzahl Seiten
569 S.
Preis
€ 59,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Berna Pekesen, Historisches Institut und Institut für Turkistik, Universität Duisburg-Essen

Im Februar 2016 beging die Deutsch-Türkische Gesellschaft (DTG) Münster ihr 100-jähriges Jubiläum. Bei dem zu rezensierenden Buch handelt es sich um die Jubiläumsschrift, die ausgerechnet zu einer Zeit das Licht der Öffentlichkeit erblickt, in der sich die deutsch-türkischen Beziehungen in einer tiefen Krise befinden und fast jeder Tag neue Spannungen bringt. Mit Neugier nimmt man das Buch in die Hand, das laut Klappentext über verschiedene Stationen des deutsch-türkischen Verhältnisses „vom Freundschafts- und Militärbündnis im Kaiserreich und Ersten Weltkrieg, über die Gründung der Türkei durch Atatürk 1923, den Weimarer Staat, die NS-Diktatur bis zu den Neuanfängen nach dem Zweiten Weltkrieg, von der Arbeitsmigration der 1960er Jahre bis zu Integrationsfragen der Gegenwart“ informieren will.

Die Herausgeber haben sich nicht entscheiden können, ob der Band eine Festschrift oder ein mehr oder weniger wissenschaftliches Werk sein soll, wie es der Titel suggeriert. Hinzu kommt, dass hier nicht ein profilierter Gelehrter im Zentrum der Ehrung steht, sondern eine Institution, die DTG Münster, die 100-jährige Kontinuität beansprucht. Die Herausgeber wollten offensichtlich zweierlei: Geehrt werden zum einen die vielen Initiatoren und Förderer der 1914 in Berlin gegründeten „Deutsch-Türkischen Vereinigung“ (DTV) sowie der nach dem Zweiten Weltkrieg in Bonn wiedergegründeten „Deutsch-Türkischen Gesellschaft“ (DTG), beides Dachverbände, in deren Kontinuität die DTG Münster sich sieht. Zum anderen werden die historischen Begleitumstände des deutsch-türkischen Verhältnisses während der Lebensdauer der Münsteraner Filiale gewürdigt. Selbst für eine Veröffentlichung dieses Umfangs ist die Verbindung von lokal und international mit Münster im Mittelpunkt eine große Herausforderung.

Die von dem Präsidenten der DTG Münster, Paul Leidinger, emeritierter Geschichtsdidaktik-Professor an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU), und Ulrich Hillebrand, Regierungsschuldirektor und Vizepräsident der DTG Münster, herausgegebene Festschrift wird mit einer staatstragenden Feierlichkeit präsentiert. Den Aufsätzen vorangestellt sind sechs Geleitworte von Repräsentanten der Bundesregierung (Außenminister Sigmar Gabriel), der Landesregierung, der Stadt Münster und der WWU sowie türkischer diplomatischer Vertreter. In den geschmeidigen Grußworten ist von den nunmehr seit über einem Jahr andauernden Spannungen zwischen der deutschen und der türkischen Regierung nichts zu spüren. Das folgende knappe Vorwort der Herausgeber legt das etwas umständliche Gliederungsprinzip des Bandes dar.

Der erste Themenblock gibt einen allgemeinen Überblick zu den deutsch-türkischen Beziehungen seit 1914; der zweite versucht dasselbe in Bezug auf die Universität Münster; der dritte im Hinblick auf die Stadt Münster. Als Autoren der insgesamt 46 Beiträge bzw. Berichte zeichnen emeritierte oder noch im aktiven Dienst stehende, lebende und verstorbene Vertreter verschiedener Fachdisziplinen verantwortlich (u.a. Turkologie, Orientalistik, Byzantinistik, Geschichtswissenschaft, klassische bzw. christliche Archäologie, Bildungs- und Musikwissenschaft), die entsprechend ihrer Fachrichtung einen Türkeibezug haben oder hatten bzw. institutionelle Kontakte zu deutsch-türkischen Einrichtungen pflegen (z.B. zur DTG Münster und der 2010 gegründeten Türkisch-Deutschen Universität Istanbul), sowie Vertreterinnen und Vertreter verschiedener kommunaler Organisationen, Vereine, Medien und Bildungsträger der Stadt Münster.

Man muss sich klarmachen, dass diese Festschrift keinen explizit wissenschaftlichen Anspruch erhebt. Entsprechend sollte man den Ertrag des Bandes nicht allzu hoch veranschlagen. Die Publikation ist eine Zusammenstellung unterschiedlicher Textsorten von sehr unterschiedlicher Qualität und Provenienz geworden: wissenschaftliche Beiträge, lose verknüpfte Eindruckstexte, juristische Einschätzungen, Forschungsberichte und ältere Beiträge (teils überholt, teils mit Quellenwert) sowie Texte, die wie ein Tätigkeitsbericht der DTG anmuten. Die Art der Reihung erschließt sich nicht. Bei der Auswahl der Autorinnen und Autoren überwiegt Münsteraner Herkunft. Die inhaltliche Auswahl der Beiträge folgt jubiläumsbedingten Kriterien.

Exemplarisch für diese nicht nur genretypischen Besonderheiten steht der erste Themenblock zu den „deutsch-türkischen Beziehungen seit 1914“, der durch einen Beitrag des Mitherausgebers Paul Leidinger eingeführt wird. Die meisten Texte in diesem und im zweiten Themenblock sind nachgedruckte Beiträge, die seit den 1960er-Jahren in der Zeitschrift „Mitteilungen“ (DTG Bonn) veröffentlicht worden sind. So finden sich im ersten Themenblock unter anderem zwei ältere Beiträge Gotthard Jäschkes, des 1983 verstorbenen Doyens der Turkologie in Deutschland (zum „türkischen Unabhängigkeitskrieg“ 1919–1922 und zur Republikwerdung der Türkei); 1981 veröffentlichte Erinnerungen des Agrarexperten Friedrich Christiansen-Weniger an Kemal Atatürk; Erinnerungen Eduard Zuckmayers, des in den 1930er-Jahren in die Türkei exilierten Komponisten und Musikprofessors, an seinen Vorgänger Paul Hindemith am Staatskonservatorium in Ankara; ein 1981 veröffentlichter Bericht über Atatürks Reise nach Deutschland 1917–1918 (Mehmet Önder); der Wiederabdruck eines 1962 veröffentlichten Textes über Eduard Zuckmayer (Günter Bär); ein Auszug aus einer Magisterarbeit zur Wiederaufnahme der deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen nach 1945 „vor allem in Bezug auf die DTG Bonn und Münster“ (Wiebke Hohberger); ein Bericht zur Entwicklung des Unterrichtsfaches Türkisch an Gymnasien und Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen (Ulrich Hillebrand); ein Bericht zur dortigen Entwicklung des islamischen Religionsunterrichts (Özcan Celik / Paul Leidinger); eine juristische Einschätzung zu Kopftuch-Urteilen in NRW (Filiz Oruç-Uzun). Allein Reiner Möckelmanns Beitrag zu deutsch-türkischen Beziehungen in der Weimarer Republik und NS-Zeit sticht durch seine solide historiographische Aufarbeitung hervor. Möckelmann ist ehemaliger Diplomat und Autor einer viel beachteten, 2016 erschienenen Biographie über Franz von Papen.

Es sei darauf verzichtet, die Beiträge des zweiten und dritten Themenblocks, die nach einem ähnlich schwer zu durchschauenden Gestaltungsprinzip aufgebaut sind, mit Autorennamen und Titeln vorzustellen; dies lässt sich dem Inhaltsverzeichnis entnehmen. Die Beiträge bieten teils durchaus interessante Detailinformationen. Schwer wiegt jedoch, dass in diesem Sammelband wissenschaftliche Forschungsergebnisse ausgeblendet bzw. ignoriert werden. Das gilt besonders für Leidingers einleitenden Beitrag unter dem etwas kuriosen Titel „Aspekte deutsch-türkischer Beziehungen im Jahrhundert zwischen Erstem Weltkrieg und Gegenwart am Beispiel der DTG Berlin (gegr. 1914), Münster (gegr. 1916) und Bonn (gegr. 1954). Exkurse: 1. Zur Armenierfrage 2. Zur deutsch-türkischen Rechtsannäherung im Ersten Weltkrieg“. Man kann sicher diskutieren, ob es zu den Aufgaben des Deutschen Bundestags gehört, über den Tatsachencharakter historischer Geschehnisse zu befinden, was Leidinger implizit verneint (S. 53). Hier scheint das Dilemma des DTG-Präsidenten durch, der seine Einführung wohl in erster Linie als eine Handreichung an die türkischnationalen Gruppen und Vereine versteht, mit denen die DTG kooperiert, und weniger als eine kritisch-distanzierte Bestandsaufnahme. Leidinger bemüht sich um einen betont vermittelnden Zugang. Er warnt vor „einseitigen Verurteilungen und Schuldzuweisungen“ (S. 52) und trägt auf nicht mehr als vier Seiten erst die Argumente der kritischen türkischen Forschung vor, dann diejenigen ihrer Kontrahenten. Doch die „Neutralität“ will nicht gelingen. Einige der kritischen Forschungsarbeiten (etwa von Hans-Lukas Kieser und Taner Akçam) werden erwähnt, um sie gleich darauf zu entwerten, indem die widersprechenden Argumente ihrer Opponenten angeführt werden. Diese sind zumeist von fraglicher wissenschaftlicher Qualität. Während Leidinger etwa einen Roman anführt (Louis de Bernières, Traum aus Stein und Federn, 2004/05), um auf das Schicksal der „vertriebenen muslimischen Bevölkerungsgruppen“ aufmerksam zu machen (S. 52), oder die noch nicht publizierte Arbeit des Amateurhistorikers Ali Sahin Söylemezoglu gegen die Genozidforscher in Stellung bringt (S. 53), blendet er die Ergebnisse der neueren internationalen Forschung und damit die Arbeiten professioneller Historiker aus.[1] Söylemezoglu ist ein bekannter Genozidleugner.[2] Hier zeigt sich in exemplarischer Weise, dass Objektivität und Parteilichkeit einander ausschließen. Wer – wenn auch implizit – zum wissenschaftlichen Dialog aufruft, sollte den Stand der Forschung zur Kenntnis nehmen.

Diese Form der Darstellung ist symptomatisch. Sie schmälert den Wert des Bandes gerade auch da, wo er sich wissenschaftlich gibt. Die vielen anderen Texte im Stile der oben genannten Beispiele können nicht Gegenstand einer wissenschaftlichen Rezension sein. Die vorliegende Festschrift bestätigt leider den häufig zweifelhaften Ruf des Genres. Insgesamt gewinnt man den Eindruck, dass die Münsteraner Filiale der Deutsch-Türkischen Gesellschaft im Laufe ihrer Geschichte viel aufzuweisen hat und darauf stolz ist. Zugleich wirkt der Sammelband doch ein wenig aus der Zeit gefallen. Dabei wäre es dringend geboten, zum deutsch-türkischen Verhältnis aus historischer Perspektive solide Informationen und weiterführende Forschungsimpulse zu liefern.[3]

Anmerkungen:
[1] Siehe u.a. Hilmar Kaiser, The Extermination of Armenians in the Diarbekir Region, Istanbul 2014; Fikret Adanır / Oktay Özel (Hrsg.), 1915 – Siyaset, Tehcir, Soykırım, Istanbul 2015; Ronald G. Suny, „They Can Live in the Desert but Nowhere Else“. A History of the Armenian Genocide, Princeton 2015; Raymon Kévorkian, The Armenian Genocide. A Complete History, New York 2011.
[2] Vgl. etwa Richard A. Fuchs, „Ein Völkermord war es eben nicht“, in: Deutsche Welle, 22.04.2015, http://p.dw.com/p/1FCF2 (06.10.2017).
[3] Siehe z.B. Malte Fuhrmann, Der Traum vom deutschen Orient. Zwei deutsche Kolonien im Osmanischen Reich 1851–1918, Frankfurt am Main 2006; Sabine Mangold-Will, Eine „weltbürgerliche Wissenschaft“. Die deutsche Orientalistik im 19. Jahrhundert, Stuttgart 2004; dies., Begrenzte Freundschaft. Deutschland und die Türkei 1918–1933, Göttingen 2013; Berna Pekesen, Zwischen Sympathie und Eigennutz. NS-Propaganda und die türkische Presse im Zweiten Weltkrieg, Berlin 2014; Stefan Ihrig, Atatürk in the Nazi Imagination, Cambridge 2014; ders., Justifying Genocide. Germany and the Armenians from Bismarck to Hitler, Cambridge 2016.