L. Gilhaus u.a. (Hrsg.): Gewalt und Wirtschaft

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Titel
Gewalt und Wirtschaft in antiken Gesellschaften.


Herausgeber
Gilhaus, Lennart; Stracke, Jennifer; Weigel, Christian
Reihe
Studien zur Geschichtsforschung des Altertums 36
Erschienen
Anzahl Seiten
226 S.
Preis
€ 88,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dorothea Rohde, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie - Alte Geschichte -, Universität Bielefeld

Der anzuzeigende Sammelband umfasst die Beiträge des dritten interdisziplinären altertumswissenschaftlichen Nachwuchskolloquiums, das unter dem Titel „Gewalt und Wirtschaft in antiken Gesellschaften“ ausgerichtet wurde. Nebst einer Einleitung sind hier acht Vorträge von Doktoranden und Postdoktoranden sowie ein Abendvortrag abgedruckt.

In ihren einleitenden Bemerkungen (S. 9–41) umreißen Lennart Gilhaus und Christian Weigel das Tagungsthema. Eingangs nähern sie sich dem Gewalt-Begriff und zeichnen die Forschungsgeschichte zunächst in der Altertumskunde, dann in der Soziologie nach. Entscheidend ist dabei die Eingrenzung der Thematik auf physische Gewalt, die Popitz als „Machtaktion, die zur absichtlichen körperlichen Verletzung anderer führt“, definierte.[1] Dieser forschungsgeschichtlichen Hinleitung zum ersten Teilbereich folgt ein Überblick zu vergangenen Debatten und aktuellen Konzepten in der antiken Wirtschaftsgeschichte. Daraus leiten die Autoren die Frage ab, die sich als roter Faden durch den Tagungsband zieht: „Warum griffen Akteure also trotz zeitweise vorhandener Normen und damit einhergehenden Vorstellungen gesellschaftlich sicherzustellenden persönlichen Eigentums zu Gewalt, um sich ökonomisch besser zu stellen?“ (S. 26). Damit konzentrieren sie sich in erster Linie auf einen mit körperlicher Verletzung anderer angestrebten bzw. tatsächlich durchgeführten Ressourcentransfer von Individuen oder Gruppen.

Aus dieser Engführung des Begriffes „Wirtschaft“ auf die Akkumulation von Gütern ergibt sich, dass sieben der neun Beiträge um den Themenkomplex Krieg bzw. Raub und um den ökonomischen Gewinn, der aus der Anwendung bzw. Androhung brachialer Gewalt resultierte, angesiedelt sind (vgl. auch das Umschlagbild). Die Aufsätze sind chronologisch angeordnet und reichen von der homerischen Zeit bis in die Spätantike. Geographisch werden Griechenland bzw. das Imperium Romanum einschließlich Ägypten, Germanien und Nordgallien abgedeckt. Dabei gehen die Aufsätze häufig von einem bestimmten Quellencorpus bzw. einem Autor aus, so werden etwa Fluchtafeln oder Petitionen bzw. Homer, Tyrtaios, Caesar und Tacitus in den Mittelpunkt gestellt.

Dass Krieg in erster Linie nicht nur Leben, sondern auch Geld kostete und mehr Ressourcen verschlang, als er einbrachte, war den antiken Zeitgenossen durchaus bewusst. So kann Uwe Herrmann in seiner Analyse der homerischen Epen zeigen, dass Krieg und Raubzüge sich für die homerischen Helden zwar zum Prestigegewinn, nicht aber zum planmäßigen Gütererwerb eigneten. Den für den sozialen Status unabdingbare Reichtum erwirtschafteten die homerischen aristoi in erster Linie auf ihren Landgütern, während eher aufstrebende Angehörige der subelitären Schicht die Aussicht auf Beute und Ehre höher bewerteten als das kriegerische Risiko. Man entschloss sich zum Krieg offenbar nur dann, wenn andere Faktoren in der Summe die materiellen bzw. personellen Kriegskosten aufwogen. Die Aussicht auf ökonomischen Gewinn war zwar ein starkes Argument, ausschlaggebend aber waren letztlich politische Erwägungen.

In diesem Sinne arbeitete Julia Tullius heraus, dass Tyrtaios die langfristigen wirtschaftlichen Vorteile eines Krieges gegen Messenien ausmalt, der Dichter aber gleichzeitig die existenzielle Bedrohung der Polis abzuwenden und die Machtverhältnisse zugunsten der alten Elite zu verfestigen suchte. Diese argumentative Grundkonstellation von zu erwartenden Kriegskosten, militärischen Risiko und politischen Vorteilen lässt sich auch in den klassischen und hellenistischen Zeugnissen identifizieren. Dabei kann eine Untersuchung sich nicht nur an den einschlägigen Texten wie den Poroi Xenophons, sondern auch am inschriftlichen Material abarbeiten. Thorsten Beigel macht in diesem Zusammenhang noch einmal deutlich, wie teuer militärische Auseinandersetzungen tatsächlich waren und welche Anstrengungen zur Deckung der Kriegskosten unternommen wurden. Gerade die pseudo-aristotelischen Oikonomika zeugen davon, welche Kniffe und Tricks angewendet wurden, um die reguläre Finanzierung durch eisphorai, epidoseis und Kredite zu ergänzen. Standen derartige interne Finanzierungsmöglichkeiten nicht zu Gebote, lohnte sich der risikobehaftete Gewalteinsatz für solche Gruppen, die bei militärischem Erfolg eben nicht nur Güter akkumulieren, sondern vor allem auch Prestige erwerben konnten.

In diesem Sinne nimmt Michael Zerjadtke in seiner Untersuchung der Schriften Caesars und Tacitus’ die bourdieuschen Kapitalkategorien zum Ausgangspunkt. Dabei erweist er, dass ökonomisches Kapital in symbolisches Kapital umgewandelt werden konnte, da letztere Kapitalsorte vor allem auf Reichtum und kriegerischen Erfolg basierte. Beides versprachen Kriegszüge – gerade für Emporkömmlinge, die aufgrund der im Vergleich zum Imperium Romanum weniger differenzierten und geringeren ökonomischen Chancen bereithaltenden germanischen Wirtschaft auf andere Einkommensquellen angewiesen waren. Wenn demnach die Machtverhältnisse labil und militärischer Erfolg mit Charisma verbunden waren, boten sich für risikobereite Personen soziopolitische Aufstiegschancen. Dies konkretisierte Lennart Gilhaus mit Blick auf Nordgallien im späten 5. Jahrhundert n.Chr. Ausgehend von Georg Elwerts Konzept des „Gewaltmarktes“ identifiziert er warlords, die – mangels eines imperialen Gewaltmonopols – zeitlich und lokal begrenzte Gewaltaktionen als Einnahmequellen nutzbar machen konnten. Erst als Chlodwig I. sich als erfolgreichster warlord ausreichende personelle und materielle Ressourcen „erwirtschaftet“ hatte, unterband er diese Gewaltmärkte, um seine – nun territoriale – Herrschaft zu konsolidieren.

Neben diesen Aufsätzen, die um die kollektive Gewaltanwendung kreisen, beschäftigen sich zwei epochenübergreifende Beiträge mit der individuellen Ebene. Kirsten Jahn kann in ihrer Untersuchung der dem ökonomischen Bereich eindeutig zuzuordnenden achtzehn Fluchtafeln herausarbeiten, wie Flüche Konkurrenten ausschalten und dadurch die ökonomischen Chancen erhöhen sollten. Fünfzehn dieser defixiones stammen aus Athen und lassen sich in die Zeit vom 5. bis zum 3. Jahrhundert v.Chr. datieren. Ein Plättchen aus demselben Zeitraum wurde im italischen Metapontum gefunden, während zwei wesentlich spätere Fluchtäfelchen aus Karthago (2./3. Jahrhundert n.Chr.) überliefert sind. Fluchtafeln sind per se eine höchst interessante Quellengattung – geben die auf Metallplättchen überdauerten Verwünschungen doch Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt auch der Subelite. Doch so spannend dieser Quellencorpus ist, da er einen unmittelbaren Zugang zum antiken Handwerker, Händler und Ladenbesitzer ermöglicht, so schwierig ist seine Auswertung. Fluchtafeln sind aus naheliegenden und rituellen Gründen nun einmal nicht gerade redselig, sondern verschweigen wichtige, für die Analyse und Interpretation jedoch unabdingbare Informationen. Jedenfalls zeugen die Flüche davon, dass im ökonomischen wie auch in anderen Bereich Individuen heimliche Rituale als Gewaltventil und letztes Mittel der Konfliktlösung nutzten. Dies war offenbar deswegen notwendig, weil die staatlichen Strukturen es vermochten, den öffentlichen Raum weitgehend zu befrieden. Den Gewalteruptionen stand die Erwartung ihrer Ahndung gegenüber. In diesem Sinne beschäftigt sich Patrick Reinhard mit den auf Papyrus überdauerten Petitionen. Mit derartigen Bittgesuchen zeigten die vermeintlichen oder tatsächlich geschädigten Personen die ihnen oder ihrem Eigentum zugefügte Gewalt an. Diese Eingaben verdeutlichen, wie die Lebenswelt des „durchschnittlichen“ Bewohners Ägyptens durch Verbrechen ständig – so jedenfalls gewinnt man den Eindruck – bedroht wurde. Erstaunlich ist, dass die aus der Opferperspektive schreibenden Akteure häufig den Täter identifizieren konnten, auch wenn er aus einem anderen Dorf stammte. Offenbar gehörten Täter und Opfer demselben Milieu an, wie Reinhart konstatiert; dem wäre vielleicht hinzuzufügen, dass Geschädigte nur dann auf eine erfolgreiche Strafverfolgung hoffen konnten, wenn sie die Ermittlungsarbeit selbst übernahmen und den Behörden den Täter auch namentlich nennen konnten.

Wirtschaft wird in den bisher referierten Beiträgen also auf einen durch Gewalt bzw. Gewaltandrohung erzwungenen Ressourcentransfer reduziert. Doch der Begriff umfasst ein breiteres Spektrum von Aspekten, worauf Gilhaus und Weigel in der Einleitung selbst hinweisen (S. 15). Wirtschaft subsumiert all jene Handlungen unter einen Terminus, die einer planvollen Befriedigung von materiellen Bedürfnissen dienen. Diese Handlungen sind auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt (oikos bzw. familia, Stadt, Staat, öffentlich und privat), umfassen Produktion, Distribution sowie Konsumption, verschiedene Wirtschaftssektoren und diverse Akteure. Mit derartigen Akteuren befassen sich im weitesten Sinne zwei Aufsätze: So geht Oliver Bruns auf das aristotelische Konzept des „Sklaven von Natur“ ein und vertritt dabei die These, dass Aristoteles keineswegs davon ausgehe, dass bestimmte Menschen aufgrund ihrer physis als Sklaven geboren worden seien. Die „Natürlichkeit“ beruhe auf der Unabdingbarkeit bestimmter ökonomischer Tätigkeiten, die einem freien Mann unwürdig und daher nur einem Unfreien angemessen seien. Die Formulierung „Sklave von Natur“ verweise somit auf das Naturrecht und nicht auf eine angeborene menschliche Veranlagung.

Armin Eich dagegen beleuchtet aus einer forschungsgeschichtlichen Perspektive antike Klassenkonflikte als eine historische Konstellation, die aus der ökonomischen Positionierung der Akteure mit ihren spezifischen Interessenslagen erwächst. Während Marx einen Diskurs an der Oberfläche identifizierte, der sozioökonomische Konflikte verschleiere, hatten antike Autoren kein Bedürfnis, den Antagonismus zwischen Arm und Reich zu verbergen. Daraus ergibt sich ein Paradoxon: Aufgrund der spezifischen Methode der Quellenkritik neigt die altertumskundliche Forschung dazu, die Quellenaussagen völlig zu dekonstruieren, den Gegensatz zwischen den Klassen nicht ernst zu nehmen und stattdessen persönliche Motive der Elitenangehörigen zu identifizieren, die unter der literarischen Oberfläche schlummern (so etwa bei der Beurteilung von staseis oder den Reformen der Gracchen). Das bedeute letztlich, so Eich, dass diesen Forschungen die Annahme zugrunde liege, „dass die antiken Autoren sich über ihre eigenen Gesellschaften grundlegend im Irrtum befanden“ (S. 135). Auf diese Weise nähere sich paradoxerweise die althistorische Forschung der verpönten marxischen Methodik, die literarisch produktive Schicht irre sich über die eigentlichen, aber verborgenen gesellschaftlichen Triebkräfte.

Zusammengenommen bietet der Sammelband äußerst interessante Einblicke in den Bereich Gewalt und Wirtschaft. Ausgespart wurden solche wirtschaftlichen Aspekte von Gewalt wie Zwang, Druck und Ausbeutung, die geradezu als strukturelles Phänomen antiker Wirtschaft gelten können, wie Kinder- oder Sklavenarbeit. Dazu zählt aber auch der erzwungene Ausschluss von Märkten oder durch Gewalt erschlossene Märkte. Andere Aspekte wie gewaltsame Konflikte, die aus Monopolbildungen oder Mangelsituationen resultierten, oder die Ausbeutung der Besiegten kommen ebenfalls nicht zur Sprache. Dass der Sammelband das Themenfeld Gewalt und Wirtschaft in seiner ganzen Breite nicht abzudecken vermag, ist jedoch von einem Tagungsband – anders als von einem umfangreichen Handbook oder Companion – prinzipiell nicht zu erwarten. Vorrangiges Ziel einer solchen Tagung ist es ja, Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern ein Forum zu bieten, sich zu präsentieren und die eigenen Forschungen zu diskutieren. Dass hier ganz wesentliche Impulse für künftige Untersuchungen gesetzt und das Potenzial eines ganzen Forschungsfeldes aufgezeigt wurden, zeugt zweifellos von dem Gespür der Veranstalter und Herausgeber Lennart Gilhaus, Jennifer Stracke und Christian Weigel für innovative Forschungsfragen.

Anmerkung:
[1] Heinrich Popitz, Phänomene der Macht, 2. Aufl., Tübingen 1992, S. 48.