H. Hochmuth: Friedrichshain und Kreuzberg im geteilten Berlin

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Titel
Kiezgeschichte. Friedrichshain und Kreuzberg im geteilten Berlin


Autor(en)
Hochmuth, Hanno
Reihe
Geschichte der Gegenwart 16
Erschienen
Göttingen 2017: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
392 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia Wigger, Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS), Erkner

Mit seiner Dissertation „Kiezgeschichte“, die 2016 vom Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin angenommen wurde, führt Hanno Hochmuth die Leser/innen auf die Straßen und in die Häuser Berlins im 20. Jahrhundert. Dabei beschäftigt er sich – entgegen des sonst zu verzeichnenden Forschungstrends – sowohl mit Ost- also auch mit West-Berlin. Sein Fokus liegt auf den Bezirken Friedrichshain (Ost) und Kreuzberg (West) in der Zeit zwischen dem Mauerbau und dem Mauerfall (1961–1989). In diesem Zeitraum waren die beiden nebeneinanderliegenden Bezirke durch die Mauer weitestgehend voneinander abgeschnitten. Hochmuth blickt aber auch in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und thematisiert die gemeinsame Vorgeschichte der beiden Bezirke, die „zum alten proletarischen Berliner Osten“ zählten und „gemeinsam das Armenhaus der sozialräumlich stark segregierten Reichshauptstadt“ (S. 11) bildeten. Am Ende des Buches steht ein kurzer Ausblick, der die Entwicklung von Friedrichshain und Kreuzberg bis zu ihrer Zusammenlegung (2001) und bis in die Gegenwart hinein verfolgt.

Ziel des Autors ist es, sowohl eine mikroperspektivische Lokalgeschichte nachzuzeichnen, die hier als Kiezgeschichte bezeichnet wird, als auch diese in größeren Zügen als Zeit- und Stadtgeschichte zu erzählen (S. 350). Dabei richtet sich Hochmuths Fragestellung auf die Veränderung von Öffentlichkeit und Privatheit in den beiden Bezirken, deren Polarität er, in Anlehnung an den Soziologen Hans Paul Barth, als Grundelement des städtischen Lebens fasst (S. 19f.).

Der szenische Einstieg in das Buch zielt auf die Verdeutlichung von Gegensätzen zwischen Friedrichshain und Kreuzberg ab. Beschrieben wird der traditionsreiche 1. Mai im Jahr 1987: Während im Osten der Tag der Arbeiterklasse mit großen, staatlich organisierten Feierlichkeiten auf der Karl-Marx-Allee begangen wurde, eskalierte wenige Kilometer entfernt in Kreuzberg das Mai-Fest. Es kam zu schweren Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und der Hausbesetzer/innenszene, die in den Kontext der West-Berliner Häuserkämpfe eingeordnet werden (S. 9–11).

Doch entgegen dieser anfänglichen kontrastierenden Gegenüberstellung will Hochmuth dezidiert die Gemeinsamkeiten und Verflechtungen der beiden Stadtbezirke herausarbeiten. Dabei folgt er dem Ansatz einer „asymmetrisch verflochtenen Parallelgeschichte“ (S. 17) des Historikers Christoph Kleßmann. Dieser Ansatz soll es ermöglichen, ähnliche Entwicklungen in Friedrichshain und Kreuzberg in den Blick zu nehmen, aber auch nach den wechselseitigen Bezügen zu fragen, ohne stets eine gleichgelagerte Beeinflussung vorauszusetzen.

Der Hauptteil des Buches ist in Fallstudien gegliedert. In diesen begibt Hochmuth sich auf die Ebene einzelner Kieze, Häuser und Wohnungen und verfolgt verschiedene Ausprägungen und Veränderungen von Öffentlichkeit und Privatheit. Seine Fallstudien wählt er aus den Bereichen Wohnen (Kapitel 1), Kirche (Kapitel 2) und Vergnügen (Kapitel 3), wobei „die Auswahl geleitet von einzelnen Fragestellungen, Themenschwerpunkten und Quellenfunden“ (S. 97) erfolgt.

Seine Empirie speist sich aus Recherchen in fünf Berliner Archiven, aus historischen Zeitungsartikeln sowie in einer breiten Forschungsliteratur. Darüber hinaus führte Hochmuth Hintergrundgespräche mit fast zwanzig Zeitzeug/innen, die in seinem Buch jedoch offensichtlich nicht systematisch ausgewertet werden und nur an einigen Stellen durchscheinen.

Die Fallstudien behandeln sowohl besser als auch weniger bekannte Vorgänge. Für Friedrichshain zählen zum eher bereits Bekannten die Bluesmessen, organisiert von Pfarrer Rainer Eppelmann und Bluesmusiker Günter „Holly“ Holwas in der Samariterkirche, denen Hochmuth hier eine kurzzeitige „Vorreiterrolle als Ersatzöffentlichkeit“ (S. 236) zuschreibt. Weniger geläufig dürfte dagegen das Pressefest des „Neuen Deutschlands“ sein, das regelmäßig im Volkspark Friedrichshain stattfand. Hochmuth zeichnet seine Entwicklung über die Jahre nach und arbeitet heraus, dass es sich hierbei zwar um eine hochoffizielle sozialistische Festkultur handelte, die Veranstalter jedoch immer mehr „Zugeständnisse an westliche Unterhaltungsstandards“ machten (S. 304).

Für Kreuzberg stellt Hochmuth unter anderem Bilder des Fotografen Horst Luedeking vor, die dieser 1971 von der Sorauer Straße machte. Mit Hilfe von Methoden der Visual History kann er hier seltene Einblicke in die privaten Räume der Bewohner/innen geben und das direkte Nebeneinander von traditionellen und alternativen Lebensentwürfen aufzeigen (S. 109–113). Aber auch Orte wie die bekannte Künstler/innenkneipe Leierkasten in der Zossener / Ecke Baruther Straße fehlen in den Untersuchungen nicht. Für Hochmuth sind Kneipen – wie der Leierkasten – Übergangsräume zwischen öffentlichen und privaten Sphären, die eine wichtige Rolle bei der Veränderung der Vergnügungskultur spielten und Kreuzberg den Ruf als Partymeile West-Berlins einbrachten (S. 276–280).

In dem sich anschließenden Ausblick stellt Hochmuth die übergreifende These auf, dass die „lange Geschichte der Gentrifizierung“ in Kreuzberg bereits seit den 1970er-Jahren und in Friedrichshain seit den 1980er-Jahren mit einer Neubewertung der Gründerzeitbebauung begann und weit über die üblicherweise gesetzte Epochenzäsur von 1989/90 zurückreicht (S. 334). In der abschließenden Zusammenfassung arbeitet er seine zentralen Erkenntnisse zur Entwicklung von Öffentlichkeit und Privatheit in Friedrichshain und Kreuzberg pointiert in zehn Thesen aus. Zudem verweist er auf die Grenzen seines methodischen Zugangs: „So konnten anhand der ausgewählten Fallbeispiele insgesamt weniger Verflechtungen zwischen Friedrichshain und Kreuzberg identifiziert werden als ursprünglich angenommen“ (S. 350). Diesen Befund gelte es ernst zu nehmen und keine Verflechtungen herbeizuschreiben, so Hochmuth (ebd.).

Offen bleiben in Hochmuths Ausführungen, welche Rolle etwa Geschlecht und Herkunft dabei spielten, wie sich diese veränderte und in die Kiezgeschichte einschrieb. Dabei machten in West-Berlin Migrant/innen kurz vor dem Mauerfall etwa 23 Prozent der Bevölkerung aus, in manchen Regionen wie um das Kottbusser Tor in Kreuzberg waren es sogar um die 50 Prozent.[1] In Ost-Berlin mag dies anders ausgesehen haben, sogenannte Vertragsarbeiter/innen waren meist in Randbezirken wie Ahrensfelde oder Hohenschönhausen untergebracht, aber auch sie arbeiteten in Friedrichshainer Betrieben wie dem Glühlampenwerk Narva.[2] Auch die zweite Welle der Frauenbewegung seit den 1970er-Jahren und die damit erkämpfte zunehmende Gleichberechtigung, die die lokale Öffentlichkeit veränderte und neue städtische Räume schuf, wird kaum thematisiert. Als Beispiele hätten hier etwa das erste autonome Frauenzentrum in der Kreuzberger Hornstraße 2 oder die Politischen Nachtgebete der Frauen für den Frieden in der Friedrichshainer Auferstehungskirche dienen können.[3] Es wäre deutlich geworden, wie umkämpft der Zugang zum öffentlichen Raum war und dass dieser „sowohl eine Ressource der Selbstbehauptung und Sichtbarwerdung als auch ein Vehikel der Verdrängung für städtische Akteure“[4] darstellte.

Offen bleibt zudem die Frage, warum Hochmuth bei seiner Quellenauswahl auf eine Berücksichtigung der Akten des Ministeriums für Staatssicherheit verzichtet, war die Geheimpolizei doch bekanntlich sowohl im Osten als auch im Westen der Stadt aktiv und drang in sämtliche Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens ein und beeinflusste diese.[5]

Insgesamt hat Hanno Hochmuth mit seiner „Kiezgeschichte“ jedoch ein lebendiges, detailreiches und gut geschriebenes Buch vorgelegt, das weiterführende Fragen anregt. Es liefert tiefe und spannende Einblicke in das städtische Leben in Friedrichshain und Kreuzberg im 20. Jahrhundert und einen fundierten Beitrag zur Berliner Stadtgeschichte.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Esra Akcan, Open Architecture. Migration, Citizenship and the Urban Renewal of Berlin-Kreuzberg by IBA 1984/87, Basel 2018, S. 32f.
[2] Siehe hierzu die Wanderausstellung „Bruderland ist abgebrannt“ des Vietnamesischen Kulturvereins Reistrommel e.V.
[3] Vgl. Annett Gröschner, Berolinas zornige Töchter. 50 Jahre Berliner Frauenbewegung, Berlin 2018, S. 228 und S. 283.
[4] Kathrin Wildner / Hilke Marit Berger, Das Prinzip des öffentlichen Raums, 2018, in: BpB, https://www.bpb.de/politik/innenpolitik/stadt-und-gesellschaft/216873/prinzip-des-oeffentlichen-raums (29.04.2020).
[5] Siehe hierzu BStU (Hrsg.), Das geteilte Berlin und die Stasi. Spionage, Opposition und Alltag, Berlin 2018.

Redaktion
Veröffentlicht am
04.08.2020
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