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Titel
Justinian I. und seine Zeit. Geschichte und Kultur des byzantinischen Reiches im 6. Jahrhundert


Autor(en)
Mazal, Otto
Erschienen
Köln u.a. 2001: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
VI, 764 S.
Preis
€ 96,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tankred Howe, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Während des letzten Jahrzehnts hat die Forschung zu Justinian I. und seiner Herrschaft eine ganze Reihe neuer Gesamtdarstellungen hervorgebracht. Zu nennen sind hier vor allem die Arbeiten von John Moorhead und James A. St. Evans.[1] Ein weiterer, diese Reihe verlängernder Titel provoziert daher ein wenig die Frage seiner Rechtfertigung. Dies hatte bereits Evans sehr stark so empfunden und doch zugleich die Ansicht vertreten, daß die "definite history of Justinian" noch nicht geschrieben worden sei.[2] Mazal nun legt eine Darstellung vor, die die vorangegangenen nicht nur in ihrem Umfang, sondern auch in ihrem thematischen Horizont bei weitem überbietet.

Das Werk gliedert sich in zwei Hauptteile zu insgesamt fünfzehn Kapiteln von jeweils sehr unterschiedlichem Umfang, und zwar in die Kapitel eins bis zwölf zur Außen- und Innenpolitik und die Kapitel dreizehn bis vierzehn zur Kultur der Zeit. Die beiden letztgenannten Kapitel zusammen umfassen allein kaum weniger als die Hälfte des Gesamtwerkes. Das Fünfzehnte Kapitel gibt eine zusammenfassende Einschätzung Justinians und seiner Herrschaft. Der Darstellung vorangestellt ist eine kurze Einleitung, ihr angeschlossen ein umfassendes, thematisch geordnetes Literaturverzeichnis auf knapp neunzig Seiten.

Die Einleitung (S. 1-6) bietet eine inhaltliche Orientierung über die wichtigsten Aspekte der Herrschaft Justinians und zugleich über die Gesamtdisposition des Werkes. Insgesamt schätzt Mazal die Herrschaft Justinians als eine 'Zwischenzeit' ein, die "Anfang und Ende zugleich" markiert habe (S. 2). Die "Triebfedern des Handels und Strebens" Justinians (S. 1) werden in einer Akzentverschiebung der Reichsideologie gesehen, wie diese etwa in dem Gedanken der Stellvertretung Gottes durch den Kaiser, der Erneuerung der universalen römischen Herrschaft sowie der Einheit von Kirche und Glauben zum Ausdruck komme. Als negative Kehrseite dieser neuen Ideologie sieht Mazal Autokratismus, Unterdrückung von Meinungen und Glaubensrichtungen, die rücksichtslose Steuerpolitik und die durch die Herrschaft Justinians insgesamt beförderte Schwächung des Reiches gegen Bedrohungen von innen und außen.

Die nun anschließenden vier Kapitel sind ebenfalls noch einleitenden Charakters. Das Erste Kapitel (S. 7-28) ist der Vorgeschichte der Herrschaft Justinians gewidmet und thematisiert in diesem Zusammenhang die 'Völkerwanderung', das Christentum des 5. und 6. Jahrhunderts, die Grundzüge der Kirchenpolitik und der Reichsverwaltung. Vor allem die Einführung in die theologischen Streitigkeiten erleichtert das Verständnis der späteren Kapitel. Gewisse Redundanzen waren dabei unvermeidbar. Das Zweite Kapitel (S. 29-54) behandelt die der Regierungszeit Justinians vorausgehende Herrschaft Justins I., dessen Herkunft, den unter diesem vollzogenen kirchenpolitischen Wechsel, die Missionstätigkeit, das Verhältnis zum Ostgotenreich, zum Vandalenreich und zu den nord-östlichen und östlichen Nachbarn im Donauraum, schließlich Verwaltung und Wirtschaft. Das Dritte Kapitel (S. 55-85) bietet ein Panorama der wichtigsten Persönlichkeiten des Zeitalters Justinians, allen voran des Kaisers selbst sowie der Kaiserin Theodora. Daran anschließend werden Belisar und Antonina, Sittas, Germanus, Narses, aber auch Gestalten aus der Reichsverwaltung und einige Päpste, Patriarchen und vandalische, gotische und persische Könige vorgestellt. Vor allem das Portrait Theodoras (S. 60-70) ist hierbei als von großer darstellerischer Lebendigkeit herauszuheben. Auch die übrigen Portraitskizzen bieten gute Dienste bei der Orientierung innerhalb der folgenden Kapitel. Im Vierten Kapitel (S. 86-105) behandelt Mazal das herrschaftliche Selbstverständnis Justinians. In diesem Zusammenhang kommen die Hauptfelder seiner Politik (Religion, Außenpolitik, Gesetzgebung) zur Sprache.

Die folgenden fünf Kapitel sind der Außenpolitik und den Kriegen gewidmet, nämlich das Fünfte Kapitel (S. 106-127) den Auseinandersetzungen mit dem persischen Reich, das Sechste Kapitel (S. 128-143) dem Krieg gegen die Vandalen in Nordafrika, das Siebente Kapitel (S. 144-175) dem Krieg gegen die Ostgoten in Italien, das Achte Kapitel (S. 176-181) dem Krieg gegen die Westgoten in Spanien, das Neunte Kapitel (S. 182-194) den Kämpfen in der Balkanregion. Hier ist hervorzuheben, daß Mazals Darstellung insgesamt zuverlässig und gut lesbar ist und sich nicht in den Launen des wechselnden Kriegsglückes verliert.

An die Außenpolitik schließen drei systematische Kapitel zur Innenpolitik an, und zwar das Zehnte Kapitel (S. 195-252) über die Kirchenpolitik, das Elfte Kapitel (S. 253-306) über die Gesetzgebung, das Zwölfte Kapitel (S. 307-373) über weitere innenpolitische Aspekte wie Verfassung, Verwaltung, Gesellschaft und Wirtschaft. Die Darstellung der verschiedenen dogmatischen Strömungen im Zusammenhang der Kirchenpolitik offenbart dabei nicht immer die wünschenswerte Klarheit (vor allem S. 195-200). Nützlich ist dagegen im Elften Kapitel eine tabellarische Zusammenstellung der kirchenpolitischen Erlasse Justinians (S. 303-306). Doch irritieren die lateinischen Inhaltsangaben zu den die Kirchenverwaltung betreffenden Bestimmungen, zumal die Religionsedikte und Ketzergesetze zuvor jeweils mit kurzen Kommentaren in Deutsch versehen sind.

Hierauf folgt der zweite Hauptteil des Werkes, der der Kultur gewidmet ist, und zwar das Dreizehnte Kapitel (S. 374-540) zu Literatur und Wissenschaft, wobei der Abschnitt über die christliche theologische Literatur den mit Abstand größten Raum einnimmt, und das Vierzehnte Kapitel (S. 541-653) über die Kunst. Die dem Vierzehnten Kapitel beigefügten insgesamt 19 Abbildungen sind von überwiegend guter Qualität und mit kurzen Erläuterungen versehen. Lediglich auf den Abb. 9-11 sind Details schwer erkennbar. Dem Dreizehnten Kapitel über die Literatur hätte eine deutlichere Kennzeichnung der einzelnen Autoren für die Orientierung gutgetan. Im Abschnitt über die philosophische Literatur werden außerdem viele Fachbegriffe ohne Erklärung verwendet, was das Verständnis erschwert. Daß der alexandrinischen Philosophin Hypatia nur ein einziger Satz gewidmet ist (S. 464), spiegelt die Problematik eines auch andernorts gelegentlich allzu weit gefaßten Begriffes von 'Vorgeschichte' wider. Daß ihr Name auch im Register fehlt, kann diesen Eindruck nur bestätigen. Das Register weist überhaupt Lücken auf. So ist König Chlodwig etwa nicht nur S. 13, sondern auch S. 144 erwähnt. Auch dessen S. 144f. genannter Sohn Childebert ist im Register nur für S. 239 aufgeführt. Der ebenfalls auf S. 144f. erwähnte Bruder Chlotar fehlt im Register sogar gänzlich.

Das Werk schließt mit einer Bewertung der Regierungszeit Justinians sowie mit einem Ausblick auf die Herrschaft Justins II. und seiner Nachfolger (Fünfzehntes Kapitel, S. 654-660). Dabei kommen die Leistungen und Fehlentscheidungen Justinians erneut zur Sprache. Mazal betont besonders die Kurzlebigkeit der Erfolge und die von Justinian zu verantwortende Überanstrengung der Kräfte des Reiches.

Insgesamt zeichnet sich die Darstellung Mazals durch gute Lesbarkeit und Verständlichkeit aus. Störend wirken allerdings die vielen Unregelmäßigkeiten und Fehler im Schriftbild. Die Stärken des Buches liegen zweifellos in seiner sachlichen Zuverlässigkeit und dem allerorten zu spürenden Bemühen um Klarheit. Das macht sich besonders in den einleitenden Kapitel und Passagen angenehm bemerkbar, die auch einen guten - wenngleich bisweilen vielleicht zu weit angelegten - Überblick über die historischen Voraussetzungen der Regierungszeit Justinians bieten. Hervorzuheben sind in diesem Sinne auch die Kapitel über die Kriege Justinians, deren Darstellung selten so souverän gerafft zu finden ist. Die Mischung aus systematischen und chronologischen Kapiteln bietet zudem einen guten Zugang zu den einzelnen Themen und veranschaulicht die prägenden Phänomene und Probleme der Zeit und ihre Zusammenhänge. Die sich nur im Zweiten Kapitel findenden Zwischenüberschriften wären allerdings überall wünschenswert gewesen. In der vorliegenden Gestalt hat die Darstellung Mazals vielfach den Charakter eines 'Lesebuches', dessen Inhalt sich erst durch ausgiebige Lektüre erschließt.

Somit bleibt unklar, welche Art von Buch Mazal hat schreiben wollen. Seine Darstellung ist so gut wie ohne jede Anmerkung geschrieben, sie enthält weder Fuß-, noch Endnoten, noch gibt sie Referenzen im Text. Die neuere Forschung ist vielfach unberücksichtigt geblieben. So wird etwa die in jüngerer Zeit wieder aufgelebte Diskussion über die Bedeutung des Renovatio-Gedankens für die Politik Justinians nicht aufgegriffen.[3] Auf eine mangelhafte Auseinandersetzung mit der jüngsten Forschung deutet auch der Umstand, daß im Literaturverzeichnis viele neuere Titel fehlen.[4] Zudem eröffnet Mazal an keiner Stelle eine eigene neue Forschungsperspektive. Damit stellt sich die Frage des Leserkreises, den Mazal erreichen will. Das Buch ist für eine allgemeine Einführung einerseits zu detailliert und umfangreich, andererseits als wissenschaftliches Handbuch wegen der zu grob gehaltenen Untergliederung der Kapitel und der Mängel des Registers in der Benutzung eingeschränkt, in der mangelnden Aktualität des in ihm gebotenen Forschungsstandes problematisch und aufgrund seiner referenzlosen Darstellung eigentlich auch nicht zitierfähig.

Im Hinblick auf das Fehlen von Referenzen tritt schließlich noch ein weiteres Problem auf. Weite Passagen des zweiten Hauptteils über die Kultur der Zeit ähneln in Wortlaut und Konzeption älteren Darstellungen, ohne daß dies entsprechend vermerkt worden wäre.[5] So folgen beispielsweise die Ausführungen zur Literatur im Dreizehnten Kapitel im wesentlichen Herbert Hungers Handbuch über "Die hochsprachliche profane Literatur der Byzantiner".[6] Beispielhaft sei dafür auf die Seiten 486-501 bei Mazal und 279-330 in Bd. I bei Hunger verwiesen. Vergleichbare Übereinstimmungen bestehen aber auch zwischen S. 526 bei Mazal und S. 89-91 in Bd. II bei Hunger. Zwar wird Hunger S. 493 im Text erwähnt und dessen oben genanntes Werk S. 706 auch im Literaturverzeichnis aufgeführt, doch ist damit kein Verweis auf die vorhandenen Ähnlichkeiten verbunden. Auch geht Mazals Darstellung an keiner Stelle erkennbar über das Werk Hungers hinaus. Im zweiten Hauptteil bestätigt sich damit, was hinsichtlich des ersten schon angedeutet worden ist: Mazal informiert überall umfassend, zuverlässig und in der Regel auch übersichtlich und gut lesbar, doch nicht auf neuestem Forschungsstand.

Anmerkungen:
[1] Moorhead, John: Justinian, London 1994; Evans, James A. St.: The Age of Justinian. The circumstances of imperial power, London / New York 1996; vgl. ferner mit Einschränkung auch Rubin, Berthold: Das Zeitalter Justinians, Bd. 2, aus dem Nachlaß hrsg. v. Carmelo Capizzi, Berlin 1995; Gauthier, Guy: Justinien. Le rêve impérial, Paris 1998; Maraval, Pierre: L'empereur Justinien, Paris 1999.
[2] Evans (wie Anm. 1), 1 u. 9.
[3] Den Renovatio-Gedanken als Leitbild der Politik Justinians zweifelt etwa Moorhead (wie Anm. 1), 6 f., grundsätzlich an. In ähnlichem Sinne hat sich kürzlich Noethlichs, Karl L.: Quid possit antiquitas nostris legibus abrogare, in: ZAC 4 (2000), S. 116-132, geäußert. Dagegen sieht Brodka, Dariusz: Prokopios von Kaisareia und Justinians "Idee von der Reconquista", in: Eos 86 (1999), S. 243-255, den Renovatio-Gedanken im politischen Handeln Justinians bestätigt. Ebenso urteilt Cameron, Averil: Justinian, CAH XIV (2000), S. 73f., allerdings mit dem Vorbehalt, daß sich der Gedanke der Wiederherstellung des Reiches erst im Laufe der Regierungszeit entwickelt haben könnte. Die Diskussion hält bis in diese Tage an. So hat unlängst Meier, Mischa: Das Ende des Jahreskonsulats im Jahr 541/42 und seine Gründe. Kritische Anmerkungen zur Vorstellung eines 'Zeitalters Justinians', in: ZPE 138 (2002), S. 277-299, eine vermittelnde Deutung mit der These angeboten, daß ab dem Jahre 540 eine wesentliche Neuorientierung der Politik Justinians stattgefunden habe.
[4] Vgl. neben den in Anm. 1 (mit Ausnahme Rubins) und 3 aufgeführten Titeln etwa auch Karl L. Noethlichs, Art.: 'Iustinianus', RAC XIX (1999), Sp. 668-763; zu den Ostgoten Heather, Peter: The Goths, Oxford 1996; zu den Vandalen Clover, Frank M.: The late Roman West and the Vandals, Aldershot 1993.
[5] Der Rezensent verdankt die erste Kenntnisnahme dieser Tatsache Herrn Prof. Dr. Hartmut Leppin von der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt / Main.
[6] Hunger, Herbert: Die hochsprachliche profane Literatur der Byzantiner, Bd. I u. II (Handbuch der Altertumswissenschaft, 12,5,1 u. 2), München 1978.

Redaktion
Veröffentlicht am
02.12.2002
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