B. Blumenau u.a. (Hrsg.): New Perspectives on the End of the Cold War

Cover
Titel
New Perspectives on the End of the Cold War. Unexpected Transformations?


Herausgeber
Blumenau, Bernhard; Hanhimäki, Jussi M.; Zanchetta; Barbara
Reihe
Cold War History
Erschienen
London 2018: Routledge
Anzahl Seiten
XII, 229 S.
Preis
£ 105.00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Lukas Mengelkamp, Bonn

Vor dem Hintergrund einer neuen weltpolitischen Polarisierung, die im Zeichen neuer Konflikte zwischen den NATO-Mitgliedern und Russland, den USA und China, aber auch zwischen der westlichen Führungsmacht und ihren europäischen Verbündeten steht, rücken die 30-jährigen Jubiläen der Epochenjahre 1989, 1990 und 1991 immer näher. In Zeiten der polemischen Verkürzung scheint ein Sammelband mehr als zeitgemäß zu sein, der sich dem Vorwort von Jussi Hanhimäki zufolge zum Ziel genommen hat, die Komplexität der Prozesse und Ereignisse zu betonen, die zum Ende des Kalten Krieges führten.

Zunächst gibt Hanhimäki im Vorwort einen konzisen Überblick über die bisherige Forschungsdebatte und ordnet die zahlreichen Arbeiten zum Thema drei Schwerpunkten zu. Erstens stünden bis heute oft zentrale Akteure wie Reagan, Gorbatschow, Kohl usw. im Vordergrund, zweitens hätten sich aber auch immer mehr Historiker/innen mit den strukturellen Gründen, wie der ökonomischen Malaise im Osten und dem Revival des Kapitalismus im Westen in den 1980er-Jahren befasst. Drittens würde das Ende des Kalten Krieges von einigen Wissenschaftler/innen in der longue durée eingeordnet und die Bedeutung des Kalten Krieges als solcher relativiert. Der vorliegende Sammelband enthält dann auch Aufsätze, die allen drei Richtungen zugeordnet werden können. Dem Titel des Bandes und dem Vorwort zufolge soll allen Aufsätzen gemein sein, neue Perspektiven auf das Ende des Kalten Krieges zu bieten und der Frage nachzugehen, inwieweit die Transformationen unerwartet waren.

Im ersten Aufsatz des Bandes stellt Hanhimäki die Einschätzungen Kissingers und Brzezinskis während der Jahre 1988 bis 1991 vor. Die beiden Schwergewichte des außenpolitischen Establishments der USA, die ihre aktive Zeit als Außenpolitiker allerdings hinter sich hatten, rieten der Bush-Administration vor allem zu einer vorsichtigen und abwartenden Haltung angesichts der Ungewissheit darüber, welchen Verlauf die Transformation der Warschauer Pakt-Staaten nehmen würde. Diese Kongruenz ergab sich interessanterweise trotz unterschiedlicher Erwartungshaltungen: Während Kissinger letztendlich mit einem Fortleben der bipolaren Weltordnung rechnete, wenn auch mit einer geschwächten Sowjetunion, hielt Brzezinski im August 1988 einen Zusammenbruch der kommunistischen Welt für sehr wahrscheinlich.

James Graham Wilsons Aufsatz widmet sich dem Beitrag von US-Außenminister George Shultz zum Erfolg der Abrüstungsgespräche zwischen den USA und der Sowjetunion, die zum INF-Vertrag und zum START-Abkommen führten. Wilson betont insbesondere den „Delinkage“-Ansatz von Shultz, welcher das genaue Gegenteil des „Linkage“-Konzepts von Henry Kissinger dargestellt habe. Die Verhandlungen über Atomwaffen zwischen den Supermächten mussten demnach unbedingt von anderen Politikfeldern abgeschirmt werden, um ihren Erfolg zu garantieren. Dieser Ansatz habe die Fortführung der Abrüstungsgespräche zu verschiedenen Zeitpunkten ermöglicht, so unter anderem als sich die beiden Supermächte 1986 mit Spionagevorwürfen beharkten und wechselseitig diplomatisches Personal des Landes verwiesen.

Andrea Chiampan betrachtet den Einfluss von „nuclear ideas“ und Friedensbewegung auf das Ende des Kalten Krieges. Chiampan zeichnet zunächst die kritische Auseinandersetzung der Umweltbewegung der 1970er-Jahre mit der zivilen Nutzung der Atomenergie nach, welche sukzessive auch auf die militärische Nutzung ausgeweitet wurde. Während die „nuclear idea“ dieser Bewegung davon bestimmt war, Frieden durch Abrüstung zu erreichen, versammelten sich zur gleichen Zeit in den USA die Befürworter einer Aufrüstungspolitik im Committee on the Present Danger (CPD). Beide Ideen über die Zukunft der atomaren Rüstung setzten sich von den etablierten Détente-Vorstellungen der Ära Nixon-Ford ab und standen sich schließlich in den 1980er-Jahren in der von CPD-Mitgliedern gespickten Regierung Reagan und der Friedensbewegung gegenüber. Die Friedensbewegung konnte Chiampans Einschätzung zufolge großen Druck auf die politischen Entscheidungsträger aufbauen und durch die Kritik der nuklearen Abschreckung den Raum des Denk- und Sagbaren zugunsten von Abrüstung verschieben. Im Vergleich zu Lawrence Wittner und Matthew Evangelista plädiert Chiampan aber zu einer nuancierteren und ambivalenteren Einschätzung des Einflusses der Friedensbewegung auf Abrüstung und Ende der Ost-West-Konfrontation.[1] Chiampan zeigt am Beispiel der Entstehung der Null-Lösung, dass die Friedensbewegung indirekt durch die taktisch motivierte Übernahme der Abrüstungsideen durch etablierte Institutionen wie die NATO wirkte. Die Forderung nach gänzlicher Abrüstung im Mittelstreckensegment und nicht bloß Rüstungskontrolle sollte den Protestbewegungen Entgegenkommen signalisieren, auch wenn die Umsetzung dieser Idee in NATO-Kreisen als unrealistisch galt. Mit der Verbreitung und Aufwertung von Abrüstungsideen wurde so dennoch die Grundlage für den INF-Vertrag und die damit verbundene maßgebliche Entschärfung des Ost-West-Konfliktes gelegt.

Stephan Kieninger verbindet in seinem Beitrag über die „Milliardenkredit-Verhandlungen“ zwischen Franz Josef Strauß und Alexander Schalck-Golodkowski auf äußerst gelungene Weise die Analyse des Einflusses einzelner Personen und struktureller Entwicklungen auf das Ende des Kalten Krieges. Gekonnt zeigt Kieninger insbesondere auf Basis detaillierter Aufzeichnungen Schalck-Golodkowskis, wie die Verhandlungen über einen Kredit an die wirtschaftlich marode DDR in Zeiten der sogenannten „Krise der Entspannung“ zur Vertrauensbildung und schließlich zur „Verantwortungsgemeinschaft“ zwischen Kohl und Honecker führten. Die Regierung Kohl konnte damit in Fortsetzung der Politik Helmut Schmidts das strukturelle wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen West und Ost ausnutzen, um im Gegenzug für den Kredit einen verbesserten Austausch über die innerdeutsche Grenze hinweg zu erreichen. Gleichzeitig macht Kieninger auf die Grenzen dieser Politik aufmerksam: Die Führung im Kreml war über die engen Beziehungen zwischen Bonn und Ost-Berlin alles andere als erfreut und setzte der weiteren Annäherung beider deutscher Staaten aus Angst vor einem „Ausverkauf“ des Sozialismus im August 1984 schließlich Grenzen. Der bereits geplante Besuch Honeckers in Bonn musste abgesagt werden, und an weitergehende politische Konzessionen gegen Kredite war vorerst nicht mehr zu denken. Kieningers Beitrag zeigt eindrücklich, wie vielversprechend und notwendig die weitere Untersuchung der Ostpolitik unter Helmut Kohl ist.

Beeindruckend ist auch der Aufsatz Fritz Bartels, der auf Basis von Quellen des Internationalen Währungsfonds zeigt, wie die Schuldenkrisen von Ungarn und Polen zu politischen Reformen führten. Um wieder Zugang zu den Finanzmärkten zu erhalten, waren die Regierungen in Warschau und Budapest gezwungen, vom IWF geforderte Austeritätsprogramme durchzuführen. Zur innenpolitischen Absicherung dieser unbeliebten Maßnahmen liberalisierten sie den politischen Prozess, um die Opposition für die wirtschaftlichen Anpassungsmaßnahmen mit haftbar zu machen. Einmal angestoßen verloren die kommunistischen Parteien jedoch die Kontrolle über diesen Prozess und schlussendlich die Macht. In dieser Perspektive reiht sich die Entwicklung in Ostmitteleuropa in die Geschichte überschuldeter und autoritär regierter Entwicklungsländer ein, welche zeitgleich gezwungen waren, Strukturanpassungsprogramme innenpolitisch durch Liberalisierung zu flankieren.

Abgesehen von Wolfgang Muellers Beitrag über den Einfluss von Eduard Schewardnadse und Anatoli Tschernjajew auf die sowjetische Außenpolitik unter Gorbatschow versuchen auch die restlichen Beiträge des Bandes das Ende des Kalten Krieges strukturell zu betrachten. Bernhard Blumenau analysiert die Veränderung der Deutschen Frage durch den Kalten Krieg in der longue durée. Maximilian Graf zeigt auf breiter Quellenbasis die zwei Jahrzehnte umfassende „Vorgeschichte“ der Öffnung der österreichisch-ungarischen Grenze durch die Außenminister Gyula Horn und Alois Mock im Jahr 1989. Nach und nach hatte die österreichisch-ungarische Détente den Eisernen Vorhang an der gemeinsamen Grenze immer weiter perforiert und am Ende dieses langen Prozesses stand schließlich die Grenzöffnung, welche einen gewichtigen Beitrag zur Destabilisierung der DDR leistete. Sielke Beata Kelner widmet sich den amerikanisch-rumänischen Beziehungen unter Reagan und dem Zielkonflikt zwischen dem Einsatz für Menschenrechte in Rumänien und Unterstützung Ceaușescus aufgrund von dessen (vermeintlicher) strategischer Relevanz als abtrünniger sowjetischer Verbündeter. Maria Eleonora Guasconis Aufsatz über den Einfluss der Europäischen Integration auf das „neue Denken“ Gorbatschows kommt dagegen leider über ein Thesenpapier nicht hinaus. Die wenigen italienischen Quellen, die zudem ohne weitere Erklärung in französischer Sprache präsentiert werden, können nicht ausreichend überzeugend belegen, dass es insbesondere die „Einheitliche Europäische Akte“ war, welche nachhaltigen Einfluss auf Gorbatschows Denken hatte.

Insgesamt hinterlässt der Sammelband mit seiner Vielzahl von Beiträgen zu unterschiedlichen Teilaspekten des Endes des Kalten Krieges einen positiven Eindruck. Misst man die Beiträge aber anhand des Versprechens auf neue Perspektiven, muss einschränkend hinzugefügt werden, dass es insbesondere die Aufsätze mit einem strukturanalytischen Ansatz sind, welche eine komplexe und nuancierte Neubetrachtung des Endes des Kalten Krieges bieten. Die Beiträge, in deren Zentrum einzelne Personen stehen, verbreitern hingegen hauptsächlich die bereits etablierten Perspektiven auf die Politik von Reagan, Bush und Gorbatschow. Ihr Blickwinkel bleibt oft, worauf Hanhimäki in der Einleitung selbst aufmerksam macht, auf den Kalten Krieg als amerikanisch-sowjetische Auseinandersetzung beschränkt. Einflussreiche Faktoren, Prozesse und Akteure transnationaler Art, wie beispielsweise die Verschuldung Polens und Ungarns sowie ihre Abhängigkeit vom IWF, drohen dagegen unbeachtet zu bleiben.

Anmerkung:
[1] Vgl. Lawrence S. Wittner, Toward Nuclear Abolition. A History of the World Nuclear Disarmament Movement. 1971 to the Present, Stanford 2003; Matthew Evangelista, Unarmed Forces. The Transnational Movement to End the Cold War, Ithaca 1999.

Redaktion
Veröffentlicht am
24.01.2019
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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