Philatelie und Geschichtswissenschaft

: Nowherelands. An Atlas of Vanished Countries 1840–1975. Translated by Lucy Moffatt. London  2017. ISBN 978-0-500-51990-5

: Stamping American Memory. Collectors, Citizens, and the Post. Ann Arbor  2018. ISBN 978-0-472-13086-3

: „Abgereist, ohne Angabe der Adresse“. Postalische Zeugnisse zu Verfolgung und Terror im Nationalsozialismus. Berlin  2017. ISBN 978-3-95565-241-8

: Postalische Zeugnisse zur deutschen Besatzungsherrschaft im Protektorat Böhmen und Mähren. . Berlin  2018. ISBN 978-3-95565-245-6

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dirk Naguschewski, Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin

Vor ziemlich genau 100 Jahren, am 1. August 1919, schrieb Joseph Roth in der Wiener Zeitung „Der Neue Tag“, die Briefmarke sei „eine Art kommerzielles Heiligtum und eine Kombination von Geschäftsgeist und Wissenschaft. Die Briefmarkenkunde ist das Kind des Forschertriebes und der Schiebung, eines der vielen Anhängsel der Geographie und der Geschichte, eine Beschäftigung der Liebhaber und Partout-Sammler“.[1] Das Interesse an der Philatelie war Anfang des 20. Jahrhunderts im Bürgertum allgegenwärtig; sie betraf gleichermaßen Politik und Ökonomie, Kunst und Wissenschaft. 1927 erschien in der „Frankfurter Zeitung“ Walter Benjamins Essay „Briefmarken-Handlung“ (später in „Einbahnstraße“ wiederabgedruckt), und kurz darauf hielt Aby Warburg in der Hamburger Kulturwissenschaftlichen Bibliothek seinen Vortrag „Die Funktion des Briefmarkenbildes im Geistesverkehr der Welt“. Warburg ist Zeit seines Lebens immer wieder auf die Ikonographie der Kleinstkunstwerke zurückgekommen; Benjamin hat sich aus einer stärker anthropologisch geprägten Perspektive auch für den praktischen Umgang (Verschicken, Handeln, Sammeln, …) mit den Marken interessiert.

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein dienten Briefmarken nicht nur dem Versand von Poststücken, sondern waren zugleich Hoheitszeichen. Die Auswahl des Motivs und seine Gestaltung standen im Dienste einer staatlich reglementierten Repräsentation. Diese Funktion hat die Briefmarke heute nur noch in eingeschränkter Form. Seitdem Privatpostanbieter Marken produzieren dürfen und Kunden sich eigene Marken „individuell“ gestalten können, hat die Briefmarke an kulturellem Renommee, aber auch an programmatischer Aussagekraft eingebüßt. Aktuelle Neuausgaben sind nicht mehr Thema in den großen Tageszeitungen, sondern werden bestenfalls in Internetforen oder philatelistischen Fachorganen diskutiert. Eben dieser kulturpolitische Bedeutungsverlust lässt eine Distanz entstehen, die es der Forschung erlaubt, sich der Faszination von Briefmarken weit über die Welt der Philatelie hinaus mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten zu widmen.

Ernsthafte Bemühungen, Briefmarken und die Philatelie (kultur)wissenschaftlich zu untersuchen, sind – den frühen Ansätzen Benjamins und Warburgs zum Trotz – vergleichsweise jüngeren Datums. In den letzten Jahren sind nun nicht nur vermehrt Untersuchungen zur politischen Ikonographie von Postwertzeichen erschienen, darunter beispielsweise detaillierte Studien zum Iran und zu Lateinamerika, sondern auch in den Bildenden Künsten wird das ikonographische Potenzial der Briefmarke untersucht. Die hier anzuzeigenden Neuerscheinungen präsentieren vor diesem Hintergrund unterschiedliche Herangehensweisen und zeigen die Weite eines noch wenig kartierten Forschungsfeldes.

Beginnen wir mit einem Buch, das seinem Anspruch nach kein geschichtswissenschaftliches Werk ist, sondern eher ein philatelistisches Unterfangen, dem die Leidenschaft des Sammlers ebenso eingeschrieben ist wie die Lust an der Recherche, die für die Philatelie konstitutiv ist. „Marken sind die Visitenkarten, die die großen Staaten in der Kinderstube abgeben“: Was Walter Benjamin 1927 in der „Einbahnstraße“ schrieb[2], trifft in besonderer Weise auf die von dem norwegischen Architekten und Buchautor Björn Berge jetzt vorgestellten Klein- und Kleinststaaten zu, die der Menschheit mitunter nur eine Handvoll Briefmarken als Ausweis ihrer Existenz hinterlassen haben.[3] In der Verlagswerbung für die deutsche Ausgabe mit dem Titel „Atlas der verschwundenen Länder. Weltgeschichte in 50 Briefmarken“ heißt es, dass seit der „Erfindung der Briefmarke im Jahr 1840 […] mehr als 1.000 Länder ihre eigenen Postwertzeichen gedruckt“ haben. Zieht man in Betracht, dass der Weltpostverein aktuell 192 Mitglieder hat, gibt es also über 800 „verschwundene Länder“, deren Geschichte sich anhand von Briefmarken schreiben ließe. Berge stellt 50 von ihnen in einer chronologischen Sortierung vor (1840–1860, 1860–1890, 1890–1915, 1915–1925, 1925–1945, 1945–1975), darunter nicht nur die deutschen „Länder“ Helgoland, die Karolinen, Allenstein und Danzig, sondern auch solche, deren vormalige Existenz einer größeren Leserschaft kaum bekannt sein dürfte, die dafür aber klingende Namen tragen: Iquique, Mafeking, Cape Juby, Saseno, Ryukyu… Die Länderporträts, die jeweils vier Seiten umfassen, weisen stets die gleichen Elemente auf. Als Aufmacher fungiert ein Eingangsschild mit Name, Jahr, Bevölkerungszahl und Landesgröße; darunter finden sich zwei Karten unterschiedlichen Maßstabs, deren eine das betreffende Land deutlich zu erkennen gibt, während die andere es uns ermöglicht, das Land überhaupt auf der Weltkarte verorten zu können. Visuelles Zentrum eines jeden Eintrags ist die Abbildung einer Briefmarke (gelegentlich auch mehrerer) in etwa drei- bis vierfacher Vergrößerung. Jedes dieser Exemplare, darauf wird wiederholt verwiesen, befindet sich in der privaten Sammlung des Autors; die meisten sind mit Stempeln versehen, einige noch postfrisch.

Die Kernidee dieser Zusammenstellung liegt auch Burkhard Müllers früherem Werk „Verschollene Länder. Eine Weltgeschichte in Briefmarken“ zugrunde[4] – nicht zufällig sind die Untertitel beider Bücher nahezu identisch. Doch nur ein gutes Fünftel der von Berge behandelten Länder findet sich schon bei Müller. Was Berges Buch zudem von seinem Vorgänger positiv unterscheidet, ist nicht nur die ansprechendere Gestaltung, sondern vor allem auch eine nachvollziehbare Gliederung (die bei Müller aus nicht nachvollziehbaren Gründen fehlt) sowie ein dezidiertes Interesse am Design und der Materialität der Marken. So gibt es bei Müller Kapitel, in denen ausschließlich historische Ereignisse rekapituliert werden, ohne den Ausgangspunkt der Betrachtung, die Briefmarken, überhaupt noch einzubeziehen. Berge hingegen widmet sich nicht nur ausführlich den Motiven, sondern geht zuweilen bis zur Beschreibung des Papiers und des Geschmacks der rückseitigen Gummierung.

Der Stil seiner Länderessays erinnert im Tonfall an populäre bzw. populärwissenschaftliche Reiseliteratur (hierin ähneln sich Berge und Müller wieder). Die einzelnen Kapitel verbinden jeweils Elemente der politischen Geschichte mit literarischen oder anderen künstlerischen Zeugnissen, die am Ende eines jeden Kapitels in einer kurzen Bibliographie nachgewiesen werden. Der Humor und die literarische Qualität des Buches treten immer dann hervor, wenn Berge den Biographien seiner eigenen Marken nachgeht. So fantasiert er im Kapitel zu Ostkarelien, das eine während eines Aufstands sauber abgestempelte Marke zeigt: „The postmaster going through the letters must certainly have been made nervous by the distant but identifiable crackle of machine-gun fire, the sharp cries of command in the street outside, the echo of hobnailed boots on icy roads. Yet the postmark is steady and neat, which doesn’t seem to make sense, so I’m inclined to believe it is one of many forgeries, even if the stamp itself is genuine enough“ (S. 156). Kurioserweise fehlt gerade dieser Absatz in der deutschen Fassung, die offenbar an der persönlichen Beziehung, die Berge zu seinen Briefmarken aufbaut, weniger Interesse hat.

Das charmante, niemals langweilige Buch knüpft in seinem Grundgestus an das kindliche Interesse für exotische Orte und untergegangene Länder an und scheint jene Propagandisten des Briefmarkensammelns zu bestätigen, für die diese Tätigkeit eine Methode der Welterschließung darstellt – noch einmal Benjamin: „Als Gulliver bereist das Kind Land und Volk seiner Briefmarken. Erdkunde und Geschichte der Liliputaner, die ganze Wissenschaft des kleinen Volks mit allen ihren Zahlen und Namen wird ihm im Schlafe eingegeben. Es nimmt an ihren Geschäften teil, wohnt ihren purpurnen Volksversammlungen bei, sieht dem Stapellauf ihrer Schiffchen zu und feiert mit ihren gekrönten Häuptern, die hinter Hecken thronen, Jubiläen“.[5]

Während Berge den populären Buchmarkt bedient, handelt es sich bei Sheila A. Brennans „Stamping American Memory“ um eine geschichtswissenschaftliche Dissertation, die an der George Mason University nahe Washington entstanden ist – und die in mehrfacher Hinsicht eine Pionierarbeit darstellt. Die Autorin widmet sich der Geschichte des Briefmarkensammelns in den USA von den 1880er-Jahren bis in die 1940er-Jahre; sie verbindet die Geschichte der US-amerikanischen Postbehörden mit allgemeinen Überlegungen zur Bedeutung des Sammelns und materieller Kultur sowie mit detaillierten Analysen ausgewählter Briefmarken, ihrer Motive und Entstehungsgeschichten. Im Besonderen geht es ihr um den Nachweis, wie die staatlichen Postbehörden ihre Ausgabepolitik mehr und mehr auf die Interessen der in Vereinen zusammengeschlossenen Sammler abgestimmt haben.

Das erste Kapitel beschreibt die Herausbildung des organisierten Briefmarkensammelns seit den 1870er-Jahren. Während Sammler anfänglich privat und ohne Regeln ihrem Hobby nachgingen, kam es schon bald zur Etablierung von Vereinen und Verbänden (die American Philatelic Association, heute American Philatelic Society, wurde 1886 gegründet) sowie zur Veröffentlichung unzähliger Zeitschriften und Magazine, die den wissenschaftlich gesinnten Sammler ebenso ansprechen sollten wie jugendliche Nachwuchsphilatelisten: „Stamp societies created standards for normative collecting behaviors that lent legitimacy to their practice so outside observers would see purchasing stamps and collecting paraphernalia as nonfrivolous and worth expenditures“ (S. 17). Brennan schätzt, dass allein in den USA zwischen 1864 und 1906 mehr als 900 Briefmarkenzeitschriften für Sammler wie für Händler in Umlauf gebracht wurden; eine Zirkulation, die ihrerseits von einem funktionierenden Postwesen abhängig war und als postalisches Netzwerk unabhängig von den Zugangsbeschränkungen lokaler Vereine funktionierte. Erheblichen Anteil an der Standardisierung des Briefmarkensammelns hatte die zunehmende Verbreitung von Vordruckalben, die erstmals in den 1860er-Jahren in Frankreich auf den Markt kamen und einer Sammlung den strukturierten Rahmen verleihen sollten. Dabei ging es weniger um die Ästhetik der Briefmarke oder kreative Sammelstrategien, sondern vielmehr um eine gewisse Marktfähigkeit: „As albums imposed order in a collection, they also acted a tool to encourage consumption by highlighting the empty spaces. An empty space meant there was still a stamp left to buy“ (S. 40).

Im zweiten der insgesamt fünf Hauptkapitel beschreibt Brennan, wie Sammler die symbolisch kodierten Botschaften der Briefmarken zu lesen lernten und diese so den Status von bedeutungstragenden kulturellen Objekten annahmen. In der Folge erhielten die Postwertzeichen auch wachsende Aufmerksamkeit von Pädagogen, die das Potenzial der Marken erkannten, Geschichte und Politik sinnbildlich zu veranschaulichen. Diese Aufwertung verdeutlicht Brennan insbesondere am Beispiel von Briefmarkenausstellungen. Spätestens seit der International Philatelic Exhibition 1913 in New York wurde das Sammeln als demokratische Aktivität bewertet, die im Einklang mit amerikanischen Werten stehe – und überstand so auch die Depression ohne größere Popularitätseinbußen.

Das dritte Kapitel knüpft nun nicht chronologisch an das vorherige an, sondern beleuchtet in etwa für den gleichen Zeitraum die Rolle der staatlichen Behörden, besonders bei der Produktion von Gedenkmarken: „By issuing commemoratives, the government encouraged collectors and noncollectors to buy stamps for albums, not just as postage“ (S. 95). So wurden zwischen 1892 und 1919 insgesamt 47 verschiedene Gedenkmarken gedruckt, die vor allem die Bedeutung internationaler Handelsausstellungen hervorhoben und eben nicht mehr allein zum Frankieren gedacht waren. Die National Philatelic Collection, eine Art vollständiger Mustersammlung, war bereits 1886 initiiert worden. 1894 wurde das erste Museum gegründet, das die Errungenschaften des Postwesens publikumswirksam in den Fokus rückte; 1913 wurden dessen Bestände an das Smithsonian überführt, aus dessen Archiv auch das Gros der Abbildungen in Brennans Buch stammt. 1921 schließlich kam es zur Gründung der Philately Agency, die als zentraler Ansprechpartner für alle Sammler fungieren sollte.

Wie Briefmarken in den 1920er- und 1930er-Jahren zu einem Bestandteil der US-amerikanischen Gedenkkultur wurden, beschreibt Brennan im vierten Kapitel: „Stamps were small in size, but their availability made them more accessible than sites of national memory such as museums, archives, and monuments“ (S. 100). Vor diesem Hintergrund analysiert die Autorin eine Reihe von Gedenkmarken als „miniature memorials“ (ebd.) – und die Deutungsgefechte, die sich an ihnen entzündeten. Bis zu dieser Zeit stellt sich die Geschichte der USA auf Briefmarken im Wesentlichen als eine Geschichte weißer Männer dar. Das änderte sich (zumindest in Ansätzen) während der Präsidentschaft Franklin D. Roosevelts seit 1933. In ihrem letzten Kapitel zeigt Brennan, wie die Briefmarken während des New Deal nationale Einheit und Gleichberechtigung der Bevölkerung zum Ausdruck bringen sollten. Dies betraf damals vor allem die Repräsentation von Frauen und Afro-Amerikanern. Immer wieder verfolgt Brennan die Spuren, die Frauen in der Geschichte des Briefmarkensammelns hinterlassen haben. Obwohl die Allegorie der Briefmarkensammler eine weibliche Figur zeigt (S. 22ff.), waren Frauen in den Vereinen lange nicht willkommen und mussten ihrem Hobby überwiegend privat nachgehen. Doch selbst wenn Frauen nur in Ausnahmefällen maßgeblich in das Geschehen eingegriffen haben, kann Brennan aufzeigen, dass sie gleichwohl präsent waren. So weist sie nach, wie Frauen als Zielgruppe ausgemacht und das Briefmarkensammeln ausdrücklich als legitime weibliche Freizeitbeschäftigung etabliert wurde. Die erste Frau, die schließlich namentlich auf einer Briefmarke gewürdigt wurde, war 1936 die Frauenrechtlerin Susan B. Anthony. Vier Jahre später war der Bürgerrechtler Booker T. Washington der erste Schwarze, der auf diese Weise in das kollektive Gedächtnis der USA eingeschrieben wurde. Roosevelts Bemühungen, amerikanische Einheit in Zeiten der Depression zu symbolisieren, führten ebenso zu Abbildungen von Nationalparks oder zur Darstellung wissenschaftlicher Fortschritte – all dies mit dem politischen Ziel, Unterstützung für seine New Deal-Politik zu gewinnen.

Brennan betrachtet die Briefmarke schlüssig als ein wirkungsvolles Instrument zur Formierung des amerikanischen kulturellen Gedächtnisses (ein „Bilderfahrzeug“ im Sinne Aby Warburgs, dessen Überlegungen Brennan jedoch nicht zu kennen scheint). Ihre Arbeit ist nach einem Peer-Review-Prozess in der Reihe „Digital Humanities“ als gedrucktes Buch erschienen, aber auch als Volltext im Open Access zugänglich. Während das Buch lediglich 35 Abbildungen in Schwarzweiß enthält, sind die Briefmarken online in guter Auflösung und in Farbe anzuschauen. Zudem gibt es weiteres Quellenmaterial zu sehen, mit dem sich Brennan auseinandersetzt – ein Blick in die digitale Version der Arbeit lohnt sich also.[6]

Vor allem an Philatelisten adressiert sind die reich bebilderten, hochwertig gedruckten Bücher des Berliner Publizisten und Sozialwissenschaftlers Heinz Wewer. Zwei Bände sind bisher erschienen: der erste (2017) über „postalische Zeugnisse zu Verfolgung und Terror im Nationalsozialismus“, der zweite (2018) über ähnliche Dokumente „zur deutschen Besatzungsherrschaft im Protektorat Böhmen und Mähren“.[7] Beide wurden in der Welt der Philatelie begeistert aufgenommen: Der Historiker Winfried Leist nennt den ersten Band in der Fach- und Vereinszeitschrift „Die Ganzsache“ „aus methodischen Gründen eine der wichtigsten philatelistischen Veröffentlichungen der letzten Jahre“. Der zweite Band, so die „Deutsche Briefmarken-Zeitung (DBZ)“ vom 27. April 2018, „zeigt auf, welche Möglichkeiten bestehen, Geschichte zu erzählen, wenn man über die Briefmarke selbst hinausblickt“.[8] Wewer folgt den Prinzipien der seit einigen Jahren immer populärer werdenden Social Philately, was er im ersten seiner Bände als „historisch orientierte Philatelie“ übersetzt (S. 11). Dabei stehen nicht Briefmarken im Fokus des Interesses, sondern Belege der sogenannten Bedarfspost: Es geht um Postkarten und Briefumschläge, Werbe- oder Absenderfreistempel, Postausweise und Klebezettel, allesamt materielle Spuren der postalischen Kommunikation zur Zeit des Nationalsozialismus, die der Autor als Zeugnisse der Alltagskultur historisiert und kontextualisiert, um „ihren Bezug zu Biographien oder historischen Sachverhalten“ (S. 13) zu veranschaulichen. Insofern sind seine Bücher Ausdruck des Material Turn in den Geisteswissenschaften. Die Ikonographie von Briefmarken, für die sich Warburg interessiert hatte und die Brennan als Ausgangspunkt ihrer historiographischen Überlegungen dient, spielt in diesem Kontext keine Rolle mehr. Nicht umsonst ist die Rede von der „Emanzipation der Philatelie von der Briefmarke“ (S. 11).

Wewer verfügt über reichhaltige postalische Zeugnisse, anhand derer sich die Geschichte der NS-Herrschaft mit ungewöhnlichen Akzentuierungen erzählen lässt. Was er über die Entwicklung des Antisemitismus und die Maßnahmen der Nationalsozialisten zur Vertreibung der Juden aus Wirtschaft und Gesellschaft zu sagen hat, zu dem Pogrom vom 9. November 1938 und seinen Folgen sowie den Mechanismen der Stigmatisierung der jüdischen Bevölkerung, aber auch zur Entwicklung in Böhmen und Mähren, ist im Wesentlichen nicht neu. Doch in seiner Auseinandersetzung mit den auf den ersten Blick trivial anmutenden Spuren aus Papier und Stempelfarbe gelingt es Wewer, einige zumeist vernachlässigte Aspekte des gesellschaftlichen Alltags in den Vordergrund zu rücken. Dies erinnert im Übrigen auch daran, dass die schriftliche Kommunikation per Post in jenen Jahren noch einen ganz anderen Stellenwert besaß als heute. Besonders eindrucksvoll ist in diesem Zusammenhang eine Reihe von Postkarten, die Gustavo Fritz (ehemals Fritz Lewin) 1942/43 in der italienischen Emigration von seinen Verwandten aus Berlin geschickt bekam – und die im ersten Band exzellent reproduziert sind (S. 186–190). Ein ums andere Mal erhielt Fritz Berichte darüber (aufgrund der Zensur in verklausulierten Worten), dass Freunde und Bekannte deportiert worden waren. Sie seien „fort“ oder auf „die große Reise“ gegangen, hieß es dann. Wewer nimmt die Geschichten dieses Mannes und anderer Menschen, deren Hinterlassenschaften er für seine Zwecke auswertet, auf originelle Weise in den Blick und macht die komplexen historischen Verhältnisse nachvollziehbar. Dass auf den in der oberen rechten Ecke platzierten Briefmarken stets das Konterfei Hitlers prangt, ist eine geradezu zynische Pointe, die Wewer aber nicht weiter kommentiert.

Der Autor formuliert deutlich, was er mit seiner Studie bezweckt („Abgereist“, S. 14): „Sie soll erstens prüfen, ob postalische Dokumente beitragen können, historische Sachverhalte anschaulich darzustellen und verstehbar zu machen. Sie soll zweitens helfen, bisher unbekannte lebensgeschichtliche und strukturelle Elemente zu identifizieren. Sie soll drittens in der Geschichtswissenschaft bisher wenig oder gar nicht beachtete Quellen und Fragestellungen ins Licht rücken. Sie soll viertens den Anhängern der traditionellen Philatelie methodische und inhaltliche Anregungen für die Erweiterung des Gesichtskreises und die Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung geben“. Mit seinen bisherigen Veröffentlichungen hat Heinz Wewer einen exemplarischen Teil dazu beigetragen. In welchem Maße Philatelie auf der einen und Geschichtswissenschaft auf der anderen Seite den Ball aufnehmen, bleibt abzuwarten. Doch angesichts der Tatsache, dass momentan ein neuerliches Interesse an der Geschichte der Briefmarke (und ihren je individuellen Geschichten) zu beobachten ist[9], stehen die Zeichen nicht schlecht.

Anmerkungen:
[1] Joseph Roth, Zur Psychologie der Briefmarke. Ein Besuch in der Briefmarkenbörse, in: Joseph Roth Werke I. Das journalistische Werk, 1915–1923, hrsg. von Klaus Westermann, Köln 1989, S. 96–98, hier S. 96.
[2] Walter Benjamin, Einbahnstraße, hrsg. von Detlev Schöttker unter Mitarbeit von Steffen Haug, Frankfurt am Main 2009 (Walter Benjamin, Werke und Nachlaß. Kritische Gesamtausgabe. Im Auftrag der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur hrsg. von Christoph Gödde und Henri Lonitz in Zusammenarbeit mit dem Walter Benjamin Archiv, Bd. 8), S. 62–65 (Text), S. 182–190 (Entwürfe, Fassungen).
[3] Das Buch erschien im Original auf Norwegisch: Björn Berge, Landene som forsvant. 1840–1970, Oslo 2016. Deutsche Ausgabe: ders., Atlas der verschwundenen Länder. Weltgeschichte in 50 Briefmarken. Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob und Frank Zuber, München 2018.
[4] Burkhard Müller, Verschollene Länder. Eine Weltgeschichte in Briefmarken, Lüneburg 1998; 2., erweiterte Aufl. Springe 2013.
[5] Benjamin, Einbahnstraße, S. 65.
[6] Vgl. http://dx.doi.org/10.3998/mpub.9847183 (14.01.2019).
[7] Ein weiterer Band (über postalische Zeugnisse zu Konzentrationslagern und Ghettos) ist angekündigt; siehe Wewer, „Abgereist“, S. 13.
[8] Vgl. die Sammlung von Pressestimmen auf der Verlagswebsite: https://www.hentrichhentrich.de/buch-abgereist-ohne-angabe-der-adresse.html und https://www.hentrichhentrich.de/buch-postalische-zeugnisse.html (14.01.2019).
[9] Siehe jetzt auch Bd. 1 der neuen Reihe „Post – Wert – Zeichen“: Pierre Smolarski / René Smolarski / Silke Vetter-Schultheiß (Hrsg.), Gezähnte Geschichte. Die Briefmarke als historische Quelle, Göttingen 2019; auch im Open Access verfügbar: https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/literatur-sprach-und-kulturwissenschaften/interdisziplinaere-geisteswissenschaft/49193/gezaehnte-geschichte?c=1747 (14.01.2019).