Cover
Titel
Grubengold. Das Zeitalter der Kohle von 1750 bis heute


Autor(en)
Brüggemeier, Franz-Josef
Erschienen
München 2018: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
456 S., 24 Abb.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Welskopp, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Arbeitsbereich Geschichte moderner Gesellschaften, Universität Bielefeld

Im Herbst 2018 ist mit Schließung der letzten Schachtanlagen Prosper-Haniel in Bottrop und in Ibbenbüren im Tecklenburger Land der Steinkohlebergbau in Deutschland endgültig zu einem Ende gekommen. Was bleibt, sind die „Ewigkeitsaufgaben“ des sogenannten „Nachbergbaus“, der die ehemaligen Standortregionen, wie vor allem das Ruhrgebiet, vor den Nachfolgeschäden der fast zweihundertjährigen Steinkohleförderung schützen soll – etwa dergestalt, dass weite Teile des Ruhrreviers künftig nicht in einer Art Seenplatte versinken. Schon seit längerer Zeit ist umgekehrt proportional zum Zurückfahren der Förderung die Zunahme einer Bergbaufolklore zu beobachten, die wahrscheinlich gerade jetzt, im Moment des finalen Endes, ihren Höhepunkt erleben dürfte. Diese kommerzielle Form der Romantisierung hat sich offenbar zu einem Wirtschaftsfaktor von einem solchen Gewicht entwickelt, dass man sie schon als eine Art Folgeindustrie des Bergbaus bezeichnen muss.

Franz-Josef Brüggemeiers „Grubengold“ ist zwar pünktlich zur letzten Grubenfahrt des deutschen Steinkohlebergbaus erschienen, bietet aber ein beeindruckendes und überzeugendes Kontrastprogramm zu jener romantisierenden Folklore. Das bewundernswert handliche Buch enthält sich jeder Larmoyanz, Sentimentalität und Melancholie. In einer wie beiläufig daherkommenden lakonischen Sprache entfaltet Franz-Josef Brüggemeier vielmehr ein (trotz der gegenstandsgemäß schwärzlichen Tönung) farbiges Panorama der Ära des Steinkohlebergbaus (hauptsächlich) in Europa, das sich letztlich als aus der Perspektive der Steinkohle erzählte Gesellschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts lesen lässt. Das Bemerkenswerte an dieser Gesamtschau ist, dass sie das Ende von „King Coal“ von vornherein in ihren Deutungshorizont einbezieht, indem sie plausibel deutlich macht, dass die Energienachfrage in den Boomjahrzehnten nach 1945 auch den massivsten Versuchen zur Steigerung der Steinkohleförderung in Europa mittelfristig enteilte und die zunächst als Lückenbüßer eingesetzten Ressourcen Erdöl, Erdgas und später Atomenergie zu einer neuen, zukunftsträchtigen Energiebasis machte, während die Kohle zunehmend zum Zulieferer von Koks für den Hüttenprozess und die Stromgewinnung in letzten Endes umstrittenen Kohlekraftwerken degradiert wurde. Und dabei musste die teure heimische Steinkohle immer mehr mit preisgünstigerer Importkohle konkurrieren.

„Grubengold“ ist keine „Dinggeschichte“ oder Geschichte einer Produktlinie, wie sie heute in vielfacher Weise mit zum Teil sehr produktiven Ergebnissen und Einsichten praktiziert wird. Natürlich steht die Materialität der Kohle, stehen ihre physikalischen und chemischen Eigenschaften, ihre schwere Zugänglichkeit und eingeschränkte Transportierbarkeit immer wieder im Mittelpunkt der berichteten Zusammenhänge. Aber Brüggemeier nutzt die Kohle wie ein Panoptikum, das den Blick auf gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge eröffnet, die sich in jeder der betrachteten Entwicklungsphasen in äußerst widersprüchlicher Weise, komplex und extrem konfliktbehaftet um das Mineral entfalteten.

Niemand anders als Franz-Josef Brüggemeier ist berufen, eine solche Gesamtgeschichte des europäischen Steinkohlebergbaus so kompetent zu komponieren. Mit seiner Dissertation zu Arbeitsverhältnissen und Arbeitserfahrungen im Ruhrgebietsbergbau vor 1914 hat er sich einen einzigartigen Zugriff auf die damalige Arbeitswelt in den Zechen erarbeitet und diese Kenntnisse fließen in knappe, aber frappierend anschauliche Schilderungen der Arbeitsbedingungen unter Tage ein. Seine spätere Neigung zur Umweltgeschichte erleichtert es ihm – und dem Leser –, die komplexe Rolle der Kohle im ökologischen Chaos des 19. und 20. Jahrhunderts zu erhellen. Die technischen Bedingungen der Förderung von Steinkohle in den (in Europa üblichen) Tiefbauzechen – von der Schachtabteufung über die Erschließung der Abbaustätten, den Einfluss der Lagerung der Kohle auf die konkreten Arbeitsbeziehungen „vor Ort“ bis hin zur formal einfachen, betriebswirtschaftlich aber ewig schwierigen, Ökonomie der Kohlewirtschaft – werden von ihm so detailgerecht wie spielerisch leicht und verständlich für den Leser aufbereitet.

Die große Linie der Interpretation ist um die Figur organisiert, dass die Steinkohle der treibende Betriebsstoff der europäischen (und darüber hinaus erfolgenden) Industrialisierung im 19. Jahrhundert war. Kohle bildete das zentrale Element im Dreieck von Kohlezechen, Eisen- und Stahlindustrie und Eisenbahnen. Sie wurde zur Rohstoffgrundlage der Kohlechemie, die später im 19. Jahrhundert Ausgangsstoff für die Entwicklung synthetischer Farbstoffe und dann für Pharmazeutika war, neben vielen anderen Produkten. Hüttenindustrie, Eisenbahn, Schifffahrt, Kraftwerke, Gasproduktion, private Heizung – all das basierte viele Jahrzehnte auf dem „goldenen“ schwarzen Stoff. Die ungeheure Aufbauleistung, die in Europa und anderen Weltregionen allein auf der Rohstoffbasis der Steinkohle möglich war und von ihr mit unwiderstehlicher Wucht vorangetrieben wurde, hatte freilich ihre kaum weniger beträchtlichen Kosten. Das Gold hatte notwendigerweise seine rußige Schattenseite. So waren die Folgen des Bergbaus für die Umwelt und auch seine längerfristigen Belastungen für die Abbauregionen, aber auch für die Atmosphäre im Weltmaßstab, verheerend.

Zudem zeigt das soziale Panorama, das Franz-Josef Brüggemeier entfaltet, ein konfliktreiches Drama. Die Arbeitsverhältnisse und Arbeitsbedingungen in der Industrie waren immer umstritten und umkämpft. Die Fokussierung der Organisationsbestrebungen von Bergleuten auf die Strukturen „at the point of production“ war grenzübergreifend typisch und prägend auch für andere Industrien. Industrielle Beziehungen waren über weite Strecken nicht nur konflikthaft, sondern militant und explosiv bis an die Grenzen zum Bürgerkrieg. Streiks und Aussperrungen im Bergbau verliefen mit hundertprozentiger Voraussagbarkeit besonders konfrontativ und gewaltsam. Hohe Zahlen an Arbeitsunfällen und Toten nagten am Bild des Bergbaus in der Öffentlichkeit, wobei viele Gefährdungsherde auch hausgemacht waren, wenn zum Beispiel Ausbauarbeiten im Streb der Belegschaft im Gedingelohn nicht eingeschlossen waren und die Arbeiter notwendig unschlüssig sein mussten, wieviel Zeit sie der (unproduktiven) Sicherung ihrer Arbeitsstelle widmen sollten oder lieber der weiteren Förderungsleistung.

Auf der anderen Seite betont Franz-Josef Brüggemeier den pazifizierenden, demokratisierenden Effekt der Tatsache, dass der Steinkohlebergbau eine europäische Größe von einem solchen Gewicht war, dass er nach zwei Weltkriegen die europäische Einigung als eine Art „Carbon Democracy“ sachlich hinterlegt hätte. Das ist eine These, der mit Gewinn weiter nachzugehen wäre.

Ohne Zweifel ist dies ein geradezu geniales Schlüsselbuch über die Geschichte des europäischen Steinkohlebergbaus. Es ist nicht nur für Nichtspezialisten im Feld, sondern auch für Nichthistoriker und Nichthistorikerinnen uneingeschränkt zu empfehlen.