N. Frei u.a. (Hrsg.): Der Antikommunismus in seiner Epoche

Cover
Titel
Der Antikommunismus in seiner Epoche. Weltanschauung und Politik in Deutschland, Europa und den USA


Herausgeber
Frei, Norbert
Reihe
Jena Center. Geschichte des 20. Jahrhunderts. Vorträge und Kolloquien 21
Erschienen
Göttingen 2017: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
267 S.
Preis
€ 15,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lukas Nyffenegger, Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Universität Zürich

Die Erforschung des Antikommunismus tritt langsam aus dem Schatten der ausgiebigen Beschäftigung mit dem Kommunismus heraus. Der vorliegende Sammelband reiht sich in die in den letzten Jahren stärker aufgekommene historiographische Auseinandersetzung mit dem Thema ein.[1] Entstanden ist er aus einem 2014 abgehaltenen Symposium des Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts und des Imre Kertész Kollegs[2], Herausgeber sind Norbert Frei und Dominik Rigoll. Dabei stehen, wie Frei im Vorwort betont, die bereits gut erforschten transnationalen antikommunistischen Netzwerke weniger im Fokus des Sammelbandes.[3] Im Zentrum stehen Fragen nach der Stabilität und die über Jahrzehnte entfaltete Wirkmächtigkeit des Antikommunismus wie auch nach den Gründen, die den Antikommunismus zum gemeinsamen politischen Nenner auch für zerstrittene politische Kräfte in Europa und den USA werden lassen konnten. Auch will der Sammelband erörtern, was den Antikommunismus anschlussfähig für unterschiedliche politische, soziale und kulturelle Grundfragen des 20. Jahrhunderts machte. Die insgesamt 14 teils sehr dichten Beiträge sind thematisch in drei Teile gegliedert: Antikommunismus im Entstehen, Antikommunismus als Weltanschauung, Antikommunismus an der Macht.

Anselm Doering-Manteuffel definiert in seinem Beitrag Antikommunismus als von mannigfaltigen Ängsten und Bedrohungsgefühlen geprägte weltanschauliche Haltung. Der Antikommunismus fungierte als gesellschaftliche und politische Integrationsideologie (S. 17), die besonders in Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheiten und Umbrüche virulent war: in der Zwischenkriegszeit und im frühen Kalten Krieg. Ausgehend von der Entwicklungsgeschichte in Deutschland entwickelt Doering-Manteuffel für die „Epoche des Antikommunismus“ ein Vier-Phasen-Modell, das mit der Weimarer Republik einsetzt und Ende der 1980er-Jahre mit dem Niedergang des Antikommunismus schließt. Dieses Phasenmodell mag zwar vor dem Hintergrund der gesetzten Definition von Antikommunismus als Integrationsideologie für den Fall Deutschland überzeugen, ist aber auf Entwicklungen in anderen europäischen Ländern nicht übertragbar. Allerdings wurde das Modell auch keineswegs mit diesem Anspruch entworfen. Dennoch wären gelegentliche Bezüge auf andere Länder wünschenswert gewesen, um das Modell transnational zu erweitern und zu testen. Wesentlich für die folgenden Beiträge ist die Hervorhebung von „Angst“ als vielfältig einsetzbare Ressource antikommunistischer Politik.

Die Beiträge des ersten Teils des Sammelbandes untersuchen in transnationaler Perspektive Entstehungsbedingungen des Antikommunismus. Dominik Rigolls Beitrag skizziert Frühformen des Antikommunismus in Deutschland und Frankreich vor dem 1. Weltkrieg. Damit regt Rigoll ein (erneutes) Nachdenken über die Genealogie des Antikommunismus an, das über die üblichen Entstehungsgeschichten des Antikommunismus, die meist mit der Oktoberrevolution 1917 einsetzen, hinausgeht. Robert Gerwarths Text bettet die Entwicklung des deutschen Antibolschewismus zu Beginn der Weimarer Republik in den europäischen Kontext ein. Er zeigt etwa, wie Gerüchte über den russischen Bürgerkrieg und die Furcht vor einer Ausbreitung des Bolschewismus in verschiedenen europäischen Ländern einen rassistisch und antisemitisch aufgeladenen Antibolschewismus evozierten. Ein solcher entstand etwa mit Ausbruch des polnisch-sowjetischen Krieges 1919 in Polen, wie Grzegorz Krzywiec erläutert. Die relevanten politischen Gruppen sahen durch den Bolschewismus den erst kürzlich entstandenen polnischen Nationalstaat und die christliche Gesellschaft bedroht. Antibolschewismus und Nationalismus verbanden sich so zur Staatsräson Polens. Das zwischen 1917 und 1923 produzierte „Bolschewistenbild“ wirkte die gesamte Zwischenkriegszeit hindurch und dauert, so der Autor, in gewissen gesellschaftlichen Kreisen bis heute an. Ebenso prägte ein antisemitisch aufgeladener Antikommunismus nach dem Sturz der Räterepublik 1919 die politische Kultur Ungarns, wie der Beitrag von Attila Pók zeigt. Auch er zieht Kontinuitätslinien antikommunistischen Denkens und Handelns bis zur gegenwärtigen Regierung Viktor Orbáns.

Der zweite Teil des Sammelbandes beschäftigt sich mit Antikommunismus als Weltanschauung. Michael Wildt untersucht den Zusammenhang zwischen Nationalsozialismus und Antikommunismus und erläutert, wie der „jüdische Bolschewismus“ zu einem „zentralen Ideologem“ (S. 94) des Nationalsozialismus wurde. Dabei unterscheidet er den nationalsozialistischen Antibolschewismus sowohl vom sozialdemokratischen, als auch vom antimarxistisch geprägten Antibolschewismus des liberalen Bürgertums. Die bereits virulente, auch von liberaler und rechts-sozialdemokratischer Seite her geschürte Furcht vor „bolschewistische[m] Terror“ wurde 1919 durch die spartakistischen Aufstände in Berlin und die kommunistische Räterepublik in München „für viele Bürger zur unmittelbaren Gefahr“ (S. 96). Die rechte und bürgerliche Presse denunzierte die Räterevolutionäre als „jüdisch“. Zusammen mit der zeitgleich einsetzenden antisemitischen Propaganda gegen während des Krieges eingewanderte „Ostjuden“ ergab dies das Schreckgespenst des „jüdischen Bolschewismus“, das starken Einfluss auf die frühe NSDAP ausübte. Obwohl Bürgerliche den Terror der NSDAP teils ablehnten, diente der Antikommunismus als Klammer zwischen „faschistischen Bewegungen und reaktionärem Bürgertum“ (S. 100), was die rechtsstaatliche Verfasstheit der bürgerlichen Gesellschaft nachhaltig zerstörte. Siegfried Weichleins Beitrag widmet sich dem katholischen Antikommunismus in der frühen Bundesrepublik. Der katholische Antikommunismus musste, wollte er seine Bedeutung und Stellung in der ideologisch in den Westen integrierten Bundesrepublik beibehalten, sich seiner antiliberalen und faschistischen Herkunft entledigen und sich gegenüber zentralen westlichen Werten, wie sie etwa von den „Cold War liberals“ vertreten wurden, öffnen: Demokratie, Individualismus, Menschenrechte. Iris Schröder und Christian Methfessel spüren der Geschichte der konkurrierenden liberalen und kommunistischen Internationalismen im 19. und 20. Jahrhundert nach. Internationale Organisationen wurden immer wieder als Bühnen dezidiert antikommunistischer Politik und Rhetorik benutzt. Der Völkerbund etwa verfolgte bis in die 1930er-Jahre klar antibolschewistische Absichten. Die Vereinten Nationen dienten den USA zunächst als Plattform, gegen die Sowjetunion und zugleich für die eigene Vorstellung einer „gerechten internationalen Ordnung“ (S. 146) zu mobilisieren. Doch entwickelten internationale Organisationen immer auch eine Eigendynamik und verfolgten Ziele, die weniger mit nationalen Interessen deckungsgleich waren, sondern sich einer internationalen Agenda verpflichteten und Kooperationen „über den eisernen Vorhang“ hinweg anstrebten. Die in den 1960er-Jahren von den USA und der Sowjetunion gemeinsam geförderte Pockenimpfkampagne ist ein Beispiel einer technisch ausgerichteten Zusammenarbeit, welche sich einer „allumfassenden gedachten Logik des Kalten Krieges“ (S. 149) entzieht. Hier gilt es, mögliche Grenzen des Kalten Krieges weiter auszuloten.

Der dritte Teil fragt nach konkreten antikommunistischen Praktiken. Amedeo Osti Guerrazzi erklärt, wie die faschistische Herrschaft Italiens „Ängste“ vor der „bolschewistischen Revolution“ aufgriff und den Polizeiapparat antikommunistisch umfunktionierte und einsetzte. Stefanie Schüler-Springorum befasst sich mit dem Antikommunismus in Spanien, wobei sie von der These ausgeht, dass das antikommunistische Regime hinsichtlich der Bekämpfung eines „inneren Feindes“ nicht nur das „gewalttätigste und opferreichste“, sondern „gleichzeitig das erfolgreichste“ (S. 175) war. Sie interessiert sich weniger für die ideologische Dimension, sondern untersucht den „realpolitischen Kern“ des spanischen Antikommunismus: seinen „Klassen- und Kulturkonflikt“ und seine „soziale und politische Praxis“ (S. 176). Das antikommunistische Erbe, schließt Schüler-Springorum, belaste die spanische Demokratie bis heute, indem es etwa die historische Erinnerung an die Diktatur und die republikanische Tradition erschwere. Axel Schildt widmet sich in seinem Beitrag der Frage nach Kontinuitäten des Antikommunismus von der NS-Herrschaft bis zur Adenauer-Ära. Die Niederlage in Stalingrad 1943 führte im nationalsozialistischen Antikommunismus eine Zäsur herbei. In der NS-Propaganda wurde der Krieg im Osten nun als von „Deutschland angeführter Abwehrkampf des gesamten westlichen Abendlandes gegen den Bolschewismus“ dargestellt (S. 190). Diese Rede von der „Verteidigung des Abendlandes“ wurde in der Nachkriegszeit von konservativen Kräften zwar weitergeführt, doch unterschied sich ihr Antikommunismus durch die Überschreibung seiner antisemitischen Herkunft und durch seine dezidiert christliche Rahmung. Die beiden letzten Beiträge befassen sich mit dem US-amerikanischen Antikommunismus. Jörg Nagler zeichnet dessen Entwicklungsgeschichte von der ersten „Red Scare“ bis zur McCarthy-Ära nach, während Thomas A. Schwartz den Antikommunismus der Reagan-Ära als „hollow shell“ (S. 219) des McCarthyism beschreibt: ein Antikommunismus, der zwar laut und schrill war, sich letztlich aber weit weniger stark auf die US-amerikanische Politik auswirkte.

Was macht nun den Antikommunismus in seiner Epoche aus? Eine Synthese liefert auch dieser Sammelband nicht. Ein Beitrag, der zumindest den Versuch unternimmt, die Ergebnisse des Bandes zusammenzufassen, wäre wünschenswert gewesen. Hingegen fächern die differenzierten Beiträge die verschiedenen Ausformungen, Verbindungen und Praktiken des Antikommunismus auf. Berücksichtigt wird etwa die Rolle des bürgerlichen und sozialdemokratischen Antikommunismus während der Weimarer Republik. Damit geht der Sammelband auf offene Forschungsfragen ein, wie sie kürzlich etwa von Bernd Faulenbach gestellt wurden.[4] Dabei unterscheidet sich der Sammelband konzeptionell von bestehender Forschungsliteratur insbesondere durch den Einbezug von dezidiert transnational vergleichenden Beiträgen.[5] Eine weitere Stärke des Sammelbands ist, dass mehrere Beiträge dem antikommunistischen Erbe nachgehen, womit sie zum Nachdenken über eine Geschichte der Gegenwart anregen. Etwas überraschend hingegen wird auch hier größtenteils die Geschichte der „großen Männer“, Institutionen und Parteien rekonstruiert. Frauen sind bis auf den Beitrag von Anson Rabinbach, der sich mit dem Zusammenhang von Antitotalitarismus und Antikommunismus im Denken Hannah Arendts auseinandersetzt, praktisch abwesend.[6] Dennoch: Hier liegt ein Sammelband vor, der sowohl differenzierte Einzelbeiträge liefert als auch ganz grundlegend neue Impulse für die weitere Erforschung des Antikommunismus gibt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. etwa das Schwerpunktheft des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung 2011.
[2] Siehe hierzu den Tagungsbericht von Hanno Balz, Der Antikommunismus in seiner Epoche. Weltanschauung, Bewegung, regierende Partei, 13.11. – 15.11.2014, Jena, in: H-Soz-Kult, 08.01.2015, <https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5759> (30.07.2018).
[3] Vgl. etwa Luc Van Dongen / Stéphanie Roulin / Giles Scott-Smith (Hrsg.), Transnational Anti-Communism and the Cold War. Agents, Activities, and Networks, Basingstoke 2014.
[4] Bernd Faulenbach, Antikommunismus, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 03.05.2017, <http://docupedia.de/zg/Faulenbach_antikommunismus_v1_de_2017?oldid=128260> (30.07.2018).
[5] In der Forschung bisher vornehmlich nationalstaatliche Rahmung, vgl. hierzu für Deutschland: Stefan Creuzberger / Dierk Hoffmann (Hrsg.), „Geistige Gefahr“ und „Immunisierung der Gesellschaft“. Antikommunismus und politische Kultur in der frühen Bundesrepublik, München 2014. Für die Schweiz: Michel Caillat u.a. (Hrsg.), Histoire(s) de l‘anticommunisme en Suisse. Geschichte(n) des Antikommunismus in der Schweiz, Zürich 2009.
[6] Das ist umso erstaunlicher, hat doch einer der beiden Herausgeber in seiner Besprechung eines anderen Sammelbandes zu Antikommunismus gerade auf diesen Schwachpunkt hingewiesen; vgl. Dominik Rigoll, Rezension zu: Stefan Creuzberger / Dierk Hoffmann (Hrsg.), „Geistige Gefahr“ und „Immunisierung der Gesellschaft“. Antikommunismus und politische Kultur in der frühen Bundesrepublik, München 2014 / Landon R.Y. Storrs, The Second Red Scare and the Unmaking of the New Deal Left, Princeton 2013 / Vanessa Codaccioni, Punir les opposants. PCF et procès politiques 1947–1962, Paris 2013, in: H-Soz-Kult, 17.10.2014, <https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22243> (30.07.2018).